"Stalin"

Werke

Band 13

ANTWORT AN OLECHNOWITSCH UND ARISTOW

Anlässlich des Briefes an die Redaktion der Zeitschrift
„Proletarskaja Rewoluzija“:
„Über einige Fragen der Geschichte des Bolschewismus“

An Genossen Olechnowitsch

Ihren Brief habe ich erhalten. Infolge Arbeitsüberlastung antworte ich mit Verspätung.

Ich kann mich mit Ihnen, Genosse Olechnowitsch, keineswegs einverstanden erklären. Und zwar aus folgenden Gründen:

1. Es ist nicht wahr, dass „der Trotzkismus niemals eine Fraktion des Kommunismus war“. Insofern als die Trotzkisten mit dem Menschewismus - wenn auch nur vorübergehend - organisatorisch gebrochen hatten, mit ihren antibolschewistischen Anschauungen - wenn auch nur vorübergehend - nicht hervortraten, in die KPdSU(B) und in die Komintern aufgenommen worden waren und sich deren Beschlüssen fügten, war der Trotzkismus zweifellos ein Teil, eine Fraktion des Kommunismus.

Der Trotzkismus war eine Fraktion des Kommunismus sowohl im weiten Sinne des Wortes, das heißt als Teil der internationalen kommunistischen Bewegung, der seine gruppenmäßige Besonderheit bewahrte, als auch im engen Sinne des Wortes, das heißt als eine mehr oder minder organisierte Traktion innerhalb der KPdSU(B), die um den Einfluss in der Partei kämpfte. Es wäre lächerlich, die allen bekannten Tatsachen über die Trotzkisten als eine Fraktion in der KPdSU(B) zu leugnen, Tatsachen, die in den Resolutionen der Parteitage und Konferenzen der KPdSU(B) festgehalten sind.

Stimmt es, dass die KPdSU(B) keine Fraktionen duldet und auf deren Legalisierung nicht eingehen kann? Ja, das stimmt, sie duldet sie nicht und kann auf ihre Legalisierung nicht eingehen. Das bedeutet aber noch nicht, dass die Trotzkisten in der Tat keine Fraktion bildeten. Gerade weil die Trotzkisten in der Tat eine eigene Fraktion bildeten, für deren Legalisierung sie kämpften - gerade deshalb, unter anderem deshalb, wurden sie später aus der Partei hinausgeworfen.

Sie versuchen, Ihre Positionen dadurch zu retten, dass Sie bestrebt sind, den Trotzkismus von den Trotzkisten zu trennen, in der Meinung, dass das, was für den Trotzkismus gilt, nicht für die Trotzkisten gelten könne. Mit anderen Worten, Sie wollen sagen, dass der Trotzkismus niemals eine Fraktion des Kommunismus gewesen sei, Trotzki aber und die Trotzkisten seien eine Fraktion des Kommunismus gewesen. Das ist Scholastik und Selbstbetrug, Genosse Olechnowitsch! Es kann keinen Trotzkismus geben ohne Träger des Trotzkismus, das heißt ohne Trotzkisten, ebenso wie es auch keine Trotzkisten geben kann ohne den Trotzkismus - sei es auch ein verschleierter und verhüllter, aber immerhin Trotzkismus -, andernfalls würden sie aufhören, Trotzkisten zu sein.

Worin bestand der charakteristische Zug der Trotzkisten, als sie eine Fraktion des Kommunismus bildeten? Er bestand darin, dass die Trotzkisten „permanent“ schwankten zwischen dem Bolschewismus und dem Menschewismus, wobei diese Schwankungen bei jeder Wendung der Partei, und der Komintern einen Höhepunkt erreichten und in einen Fraktionskampf gegen die Partei umschlugen. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass die Trotzkisten keine wirklichen Bolschewiki waren, auch wenn sie der Partei angehörten und sich deren Beschlüssen fügten, dass man sie aber auch nicht als wirkliebe Menschewiki bezeichnen konnte, obwohl sie oft nach der Seite des Menschewismus hin schwankten. Eben diese Schwankungen bildeten die Grundlage des innerparteilichen Kampfes zwischen Lenin isten und Trotzkisten in der Periode, als die Trotzkisten unserer Partei angehörten (1917-1927). Den Schwankungen der Trotzkisten selbst aber lag die Tatsache zugrunde, dass die Trotzkisten, die mit ihren antibolschewistischen Anschauungen zwar nicht hervortraten und so in die Partei gekommen waren, sich von diesen Anschauungen dennoch nicht lossagten, so dass sich diese Anschauungen bei jeder Wendung der Partei und der Komintern besonders nachdrücklich geltend machten.

Sie sind mit einer solchen Erläuterung der Frage des Trotzkismus offenbar nicht einverstanden. Dann müssen Sie aber zu einer von zwei falschen Schlussfolgerungen gelangen. Entweder müssen Sie zu der Schlussfolgerung gelangen, dass Trotzki und die Trotzkisten sich nach ihrem Eintritt in die Partei von ihren Anschauungen völlig losgesagt haben und wirkliche Bolschewiki geworden sind; das aber ist falsch, denn bei einer solchen Annahme wäre der ununterbrochene innerparteiliche Kampf, den die Trotzkisten gegen die Partei führten und der die ganze Periode der Zugehörigkeit der Trotzkisten zu unserer Partei ausfüllt, unbegreiflich und unerklärlich. Oder Sie müssen zu der Schlussfolgerung gelangen, dass der Trotzkismus (die Trotzkisten) „immer eine Fraktion des Menschewismus war“, was ebenfalls falsch ist, denn Lenin und die Lenin sche Partei hätten einen grundsätzlichen Fehler begangen, wenn sie Menschewiki, und sei es auch nur für eine Minute, in die Kommunistische Partei aufgenommen hätten.

2. Es ist nicht wahr, dass der Trotzkismus „immer eine Fraktion des Menschewismus, eine der Abarten der bürgerlichen Agentur in der Arbeiterbewegung war“, ebenso wie es auch falsch ist, wenn Sie versuchen, „die Stellung der Partei zum Trotzkismus, als Theorie und Praxis einer bürgerlichen Agentur in der Arbeiterbewegung“, von „der Stellung der Partei zu Trotzki und den Trotzkisten in einem bestimmten historischen Zeitabschnitt“ zu trennen.

Erstens begehen Sie, wie ich bereits gesagt habe, einen Fehler, einen scholastischen Fehler, wenn Sie den Trotzkismus von den Trotzkisten und umgekehrt die Trotzkisten vom Trotzkismus künstlich trennen. Die Geschichte unserer Partei lehrt, dass eine solche Trennung, soweit sie von dem einen oder dem anderen Teil unserer Partei vorgenommen wurde, stets und ausschließlich dem Trotzkismus zum Nutzen gereichte, da sie es ihm erleichterte, bei seinen Ausfällen gegen die Partei die Spuren zu verwischen. Ich kann Ihnen im Vertrauen sagen, dass Sie Trotzki und den trotzkistischen Schmugglern den größten Dienst erweisen, wenn Sie die Methode der künstlichen Trennung der Frage des Trotzkismus von der Frage der Trotzkisten in unsere politische Praxis einführen.

Zweitens haben Sie nach diesem Fehler einen zweiten Fehler begangen, der sich zwangsläufig aus dem ersten ergibt, indem Sie nämlich annehmen, dass die Partei „in einem bestimmten historischen Zeitabschnitt“ Trotzki und die Trotzkisten als wirkliche Bolschewiki betrachtet habe. Eine solche Annahme ist aber völlig falsch und absolut unvereinbar mit den Tatsachen aus der Geschichte des innerparteilichen Kampfes zwischen Trotzkisten und Lenin isten. Wie wäre dann der ununterbrochene Kampf zwischen der Partei und den Trotzkisten zu erklären, der während der ganzen Periode der Zugehörigkeit der Trotzkisten zur Partei geführt wurde? Glauben Sie etwa, das sei Zänkerei gewesen und nicht ein prinzipieller Kampf?

Sie sehen, dass Ihre „Berichtigung“ zu meinem „Brief an die Redaktion der ‚Proletarskaja Rewoluzija’“ zu einer Absurdität führt.

In Wirklichkeit war der Trotzkismus eine Fraktion des Menschewismus bis zum Eintritt der Trotzkisten in unsere Partei, er wurde vorübergehend zu einer Fraktion des Kommunismus nach dem Eintritt der Trotzkisten in unsere Partei, er ist von neuem zu einer Fraktion des Menschewismus geworden nach der Vertreibung der Trotzkisten aus unserer Partei. „Der Hund ist zu seinem Auswurf zurückgekehrt.“

Folglich:

a) kann man nicht behaupten, dass die Partei Trotzki und die Trotzkisten „in einem bestimmten historischen Zeitabschnitt“ als wirkliche Bolschewiki betrachtet habe, denn eine solche Annahme widerspricht völlig den Tatsachen aus der Geschichte unserer Partei während der Periode 1917-1927;

b) kann man nicht der Ansicht sein, dass der Trotzkismus (die Trotzkisten) „immer- eine Fraktion des Menschewismus war“, denn eine solche Annahme würde zu der Schlussfolgerung führen, dass unsere Partei in der Periode 1917-1927 eine Partei des Blocks zwischen Bolschewiki und Menschewiki gewesen wäre und nicht eine aus einem Guss geformte bolschewistische Partei, was absolut falsch und unvereinbar ist mit den Grundlagen des Bolschewismus;

c) kann man die Frage des Trotzkismus nicht künstlich von der Frage der Trotzkisten trennen, ohne Gefahr zu laufen, unwillkürlich zu einem Werkzeug der trotzkistischen Machenschaften zu werden.

Was für ein Ausweg bleibt nun? Es bleibt nur das eine übrig: beizupflichten, dass der Trotzkismus „in einem bestimmten historischen Zeitabschnitt“ eine Fraktion des Kommunismus darstellte - eine Fraktion, die zwischen Bolschewismus und Menschewismus schwankte.

J. Stalin

15. Januar 1932.

 

An Genossen Aristow

Ihrerseits liegt ein Missverständnis vor, Genosse Aristow.

Es gibt keinen Widerspruch zwischen dem Artikel „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten“[31] (1924) und dem „Brief an die Redaktion der ‚Proletarskaja Rewoluzija’“ (1931). Diese zwei Dokumente behandeln verschiedene Seiten der Frage, und das erschien Ihnen als „Widerspruch“. Einen „Widerspruch“ gibt es hier aber nicht.

Im Artikel „Die Oktoberrevolution“ wird davon gesprochen, dass im Jahre 1905 nicht Rosa Luxemburg, sondern Parvus und Trotzki für die Theorie der „permanenten“ Revolution gegen Lenin zu Felde zogen. Das entspricht voll und ganz der historischen Wirklichkeit. Gerade Parvus, der im Jahre 1905 nach Rußland kam und als Redakteur einer speziellen Zeitung tätig war, in der er aktiv die „permanente“ Revolution gegen die Lenin sche „Konzeption“ verfocht, gerade Parvus und dann, nach Parvus und zusammen mit ihm, Trotzki - gerade dieses Zweigespann bombardierte damals das Lenin sche Revolutionsschema und stellte ihm die Theorie der „permanenten“ Revolution entgegen. Was Rosa Luxemburg anbelangt, so blieb sie damals hinter den Kulissen, hielt sich vom aktiven Kampf gegen Lenin in dieser Frage zurück und zog es offenbar vor, sich zunächst nicht in den Kampf einzumischen.

In der Polemik gegen Radek im Artikel „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten“ spitzte ich die Frage deshalb auf Parvus zu, weil Radek, als er über das Jahr 1905 und die „permanente“ Revolution sprach, Parvus geflissentlich mit Stillschweigen überging. Und er überging Parvus deshalb mit Stillschweigen, weil Parvus nach 1905 zu einer anrüchigen Figur wurde, Millionär, ein direkter Agent der deutschen Imperialisten wurde, Radek aber die Theorie der „permanenten“ Revolution nicht mit dem anrüchigen Namen Parvus in Verbindung bringen und so die Geschichte umgehen wollte. Nun, ich stellte die historische Wahrheit wieder her, gab Parvus, was ihm gebührt, und durchkreuzte und vereitelte somit Radeks Manöver.

So verhält es sich mit dem Artikel „Die Oktoberrevolution und die Taktik der russischen Kommunisten“.

Was den „Brief an die Redaktion der ‚Proletarskaja Rewoluzija’“ anbelangt, so wird dort bereits von einer anderen Seite der Frage gesprochen, nämlich, dass die Theorie der „permanenten“ Revolution von Rosa Luxemburg und Parvus ersonnen wurde. Und das entspricht gleichfalls der historischen Wirklichkeit. Nicht Trotzki, sondern Rosa Luxemburg und Parvus haben die Theorie der „permanenten“ Revolution ersonnen. Nicht Rosa Luxemburg, sondern Parvus und Trotzki sind im Jahre 1905 für die Theorie der „permanenten“ Revolution gegen Lenin zu Felde gezogen und haben aktiv für sie gekämpft.

Später begann Rosa Luxemburg gleichfalls, aktiv gegen das Lenin sche Revolutionsschema zu kämpfen. Das war aber bereits nach 1905.

J. Stalin

25. Januar 1932.

„Bolschewik“ Nr. 16,
30. August 1932.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis