"Stalin"

Werke

Band 13

HERR CAMPBELL SCHNEIDET AUF

In Amerika erschien kürzlich in englischer Sprache ein Buch unter dem Titel „Rußland - Markt oder Bedrohung?“, geschrieben von einem bekannten Landwirtschaftsfachmann, Herrn Campbell, der die UdSSR besucht hatte. In diesem Buch schildert Herr Campbell unter anderem ein „Interview“ mit Stalin, das im Januar 1929 in Moskau stattgefunden hat. Dieses „Interview“ ist deshalb bemerkenswert, weil in ihm jeder Satz eine Lüge oder eine auf Sensation berechnete Fälschung enthält, die für das Buch und seinen Verfasser Reklame machen sollen.

Zur Entlarvung dieser Lügen halte ich es für nicht überflüssig, einige Worte zu sagen.

Herr Campbell phantasiert ganz offensichtlich, wenn er behauptet, dass die Unterredung mit Stalin, die um ein Uhr mittags begann, „bis lange nach Anbruch der Nacht, bis zum Morgengrauen gedauert hat“. In Wirklichkeit hat die Unterredung nicht länger als zwei Stunden gedauert. Herr Campbell hat eine wahrhaft amerikanische Phantasie.

Herr Campbell schneidet auf, wenn er behauptet, dass Stalin „mit beiden Händen die meine ergriff und sagte: Wir können Freunde werden“. In Wirklichkeit ist nichts dergleichen geschehen und konnte auch nicht geschehen. Herr Campbell muss wissen, dass Stalin solche „Freunde“ wie Campbell nicht braucht.

Herr Campbell schneidet wiederum auf, wenn er behauptet, ich hätte, als ich ihm die Niederschrift der Unterredung zuschickte, folgende Worte hinzugefügt: „Heben Sie sich diese Aufzeichnungen auf, sie werden einmal ein wichtiges historisches Dokument werden.“ In Wirklichkeit hat der Dolmetscher Jarozki die Niederschrift Herrn Campbell ohne jeglichen Zusatz zugeschickt. Der Wunsch, mit dem Namen Stalins zu spekulieren, führt Herrn Campbell offensichtlich auf Abwege.

Herr Campbell schneidet ein übriges Mal auf, wenn er Stalin die Worte unterschiebt, dass „man zur Zeit Trotzkis wirklich bemüht war, den Kommunismus in der ganzen Welt zu verbreiten, dass dies der Hauptgrund war, der zum Bruch zwischen Trotzki und ihm (das heißt Stalin) geführt hat, dass Trotzki an den Weltkommunismus glaubte, während er, Stalin, seine Tätigkeit auf das eigene Land beschränken wollte“. An diese ungereimte Lügengeschichte, die die Tatsachen völlig auf den Kopf stellt, können nur Überläufer glauben, die im Lager der Kautsky und Wels gelandet sind. In Wirklichkeit stand die Unterredung mit Campbell in keinerlei Beziehung zur Frage Trotzki, und der Name Trotzkis wurde während der Unterredung überhaupt nicht erwähnt.

Und so weiter in der gleichen Weise...

Herr Campbell erwähnt in seinem Buch die Niederschrift der Unterredung mit Stalin, aber er hielt es nicht für notwendig, sie in seinem Buch zu veröffentlichen. Weshalb? Nicht vielleicht deshalb, weil die Veröffentlichung der Niederschrift den Plan des Herrn Campbell durchkreuzen und seine auf Sensation berechneten Lügengeschichten über das „Interview“ mit Stalin entlarven würde, die bei den amerikanischen Spießern Reklame für das Buch Campbells machen sollen?

Ich glaube, die beste Strafe für Herrn Campbell, der so faustdick lügt, dürfte sein, wenn man den Wortlaut der Niederschrift der Unterredung zwischen Herrn Campbell und Stalin veröffentlicht. Das dürfte das wirksamste Mittel sein, um die Lügen zu entlarven und die Tatsachen wiederherzustellen.

J. Stalin

23. November 1932.

NIEDERSCHRIFT
DER UNTERREDUNG MIT HERRN CAMPBELL

28. Januar 1929

Nachdem einige einleitende Wort gewechselt worden waren, erklärte Herr Campbell, warum er den Wunsch gehabt habe, Genossen Stalin zu besuchen; er wies darauf hin, dass er, obwohl er als Privatperson in der UdSSR weile, vor seiner Abreise aus den USA mit Coolidge sowie mit dem neu gewählten Präsidenten Hoover gesprochen und zu seiner Reise nach Rußland ihre völlige Zustimmung erhalten habe. Sein hiesiger Aufenthalt habe ihm die erstaunliche Aktivität der Nation vor Augen geführt, die für die ganze Welt ein Rätsel sei. Besonders hätten ihm die Pläne des Aufbaus der Landwirtschaft gefallen. Es sei ihm bekannt, dass es über Rußland viele falsche Vorstellungen gebe, aber er selbst sei beispielsweise im Kreml gewesen und habe gesehen, welche Arbeit auf dem Gebiet des Denkmalschutzes und überhaupt für die Hebung des kulturellen Lebensniveaus geleistet wird. Besonders überrascht sei er über die Sorge, die den Arbeitern und Arbeiterinnen zuteil wird. Als ein interessantes Zusammentreffen erscheine ihm die Tatsache, dass er vor seiner Abreise aus den USA zum Präsidenten eingeladen worden sei und eine Begegnung mit dem Sohn und der Frau von Coolidge gehabt habe, während er gestern beim Präsidenten der UdSSR, Kalinin, zu Gast gewesen sei, der auf ihn einen gewaltigen Eindruck gemacht habe.

Genosse Stalin. Was die Pläne des landwirtschaftlichen und industriellen Aufbaus sowie unsere Sorge um die Entwicklung des kulturellen Lebens betrifft, so stehen wir noch ganz am Anfang unserer Arbeit. Auf dem Gebiet des Aufbaus der Industrie haben wir noch sehr wenig getan. Noch weniger wurde auf dem Gebiet der Realisierung der Pläne zur Umgestaltung der Landwirtschaft getan. Wir dürfen nicht vergessen, dass unser Land außerordentlich rückständig war und dass diese Rückständigkeit bis zum heutigen Tag ein großes Hindernis darstellt.

Der Unterschied zwischen den früheren und den heutigen Politikern in Rußland besteht unter anderem darin, dass die alten Politiker diese Rückständigkeit als eine positive Eigenschaft des Landes betrachteten und darin eine „nationale Besonderheit“, den „Nationalstolz“ erblickten, während die neuen Menschen, die Sowjetmenschen, gegen sie, gegen diese Rückständigkeit, kämpfen als gegen ein Übel, das man ausmerzen muss. Darin liegt das Unterpfand unseres Erfolges.

Wir wissen, dass wir nicht frei von Fehlern sind. Aber wir fürchten die Kritik nicht, wir fürchten uns nicht, den Schwierigkeiten direkt ins Gesicht zu sehen und unsere Fehler anzuerkennen. Eine richtige Kritik nehmen wir an und begrüßen sie. Wir verfolgen die Entwicklung in den USA, denn dieses Land ist ein in wissenschaftlicher und technischer Hinsicht hoch stehendes Land. Wir wünschten, dass die Wissenschaftler und Techniker in Amerika auf dem Gebiet der Technik unsere Lehrmeister und wir ihre Schüler wären.

Eine jede Periode in der nationalen Entwicklung hat ihr eigenes Pathos. In Rußland haben wir jetzt ein Pathos des Aufbaus. Das ist jetzt der bei uns vorherrschende Wesenszug. Daraus erklärt sich der jetzt bei uns vor sich gehende stürmische Aufbau. Das erinnert an die Periode nach dem Bürgerkrieg[36] in den USA. Das bietet eine Grundlage und Möglichkeit für eine Zusammenarbeit mit den USA auf technisch-industriellem Gebiet sowie auf dem Gebiet des Handels. Ich weiß nicht, was noch getan werden müsste, um einen Kontakt mit der amerikanischen Industrie herzustellen. Können Sie nicht erklären, was einer solchen Annäherung jetzt im Wege steht, wenn feststeht, dass ein solcher Kontakt sowohl für die UdSSR als auch für die USA von Vorteil wäre?

Herr Campbell. Ich bin davon überzeugt, dass zwischen den USA und Rußland eine auffallende Ähnlichkeit besteht hinsichtlich ihrer Größe, ihrer Ressourcen und ihrer Unabhängigkeit. Der Hinweis des Herrn Stalin auf die Periode des Bürgerkriegs ist richtig. Nach dem Bürgerkrieg war eine außerordentliche Entwicklung zu verzeichnen. Das Volk in den USA interessiert sich für Rußland. Ich bin davon überzeugt, dass Rußland ein so gewaltiges Land ist, dass es zwangsläufig einen gewaltigen Faktor in den internationalen Beziehungen darstellt. Die Männer, die an der Spitze der russischen Regierung stehen, verfügen über die größten Möglichkeiten, um große Taten zu vollbringen. Notwendig hierzu ist einzig und allein - sich eine klare Urteilskraft zu bewahren und immer gerecht zu sein.

Ich bin mir darüber im Klaren, wie vorteilhaft normale geschäftliche Verbindungen sind, und ich unterhalte enge Beziehungen zur Regierung, obgleich ich eine Privatperson bin. Ich spreche als Privatperson. Wenn man mich schon einmal fragt, was einem Kontakt zwischen den USA und Rußland im Wege steht, so will ich ganz offen und mutig antworten, mit der gebührenden Achtung vor Herrn Stalin, ohne verletzend zu sein. Herr Stalin ist ein Mann, der sehr objektiv urteilt, und das erlaubt mir, um des Wohles beider Länder willen wie ein Mann zum anderen und ganz vertraulich zu reden. Wenn wir die offizielle Anerkennung hätten, dann würde es einen jeden hierher drängen, um auf der Grundlage von Kredit oder auf anderen Grundlagen Geschäfte zu tätigen, so, wie überall Geschäfte getätigt werden. Der Grund, weshalb sich die amerikanischen Firmen nicht dazu entschließen können, Geschäfte zu tätigen und einen langfristigen Kredit zu gewähren, liegt darin, dass Ihre Regierung durch unsere Washingtoner Regierung nicht anerkannt worden ist.

Der Hauptgrund hierfür ist jedoch nicht einfach der Misserfolg in der Frage der Anerkennung. Der Hauptgrund, glauben wir (und das wird er wohl auch sein), ist der, dass die Vertreter Ihrer Regierung in unserem Lande dauernd versuchen, Unzufriedenheit zu stiften und die Ideen der Sowjetmacht zu verbreiten.

Wir haben in unserem Lande die so genannte „Monroedoktrin“, die besagt, dass wir uns nicht in die Angelegenheiten irgendeines Landes der Welt einmischen wollen, dass wir uns ausschließlich mit unseren eigenen Angelegenheiten beschäftigen. Darum wollen wir nicht, dass sich irgendein Land, welches es auch sei - England, Frankreich, Deutschland, Rußland oder ein anderes -, in unsere persönlichen Angelegenheiten einmischt.

Rußland ist ein so riesiges Land, dass es alles, was sein ganzes Volk beschließt, selbständig verwirklichen kann. Rußland hat eigene Ressourcen jeder Art und, obwohl das mehr Zeit in Anspruch nehmen wird, können die Russen ihre Ressourcen letzten Endes selbständig erschließen.

Es ist für uns ein angenehmes Gefühl, zu wissen, dass wir für das russische Volk in vieler Hinsicht ein Ideal sind, und ich denke, wir können ihm sehr nützlich sein, insbesondere, was die Zeitersparnis betrifft. Da wir viele wirtschaftliche Probleme gelöst haben und unsere Methoden von vielen Ländern, abgesehen von Rußland, übernommen werden, bedeuten derartige Unternehmungen, wie der Aufbau von Sowjetwirtschaften, eine Verstärkung der Handelsbeziehungen, und den Handelsbeziehungen wird schließlich auch die diplomatische Anerkennung auf irgendeiner gerechten Grundlage folgen. Der einzige Weg für die Nationen sowohl wie für einzelne Personen ist, sich offen, ohne verletzend zu sein, auszusprechen, und dann wird sehr schnell die Zeit für irgendwelche Übereinkünfte kommen. Je gebildeter wir werden, um so mehr überzeugen wir uns davon, dass wir mit Vernunft mehr erreichen können als mit anderen Mitteln. Große Völker können verschiedener Meinung sein, ohne dass sich die gegenseitigen Beziehungen zuspitzen, und große Männer gelangen in wichtigen Fragen zu einer Einigung. Sie beenden die Verhandlungen gewöhnlich mit einem bestimmten Elbereinkommen, indem sie einander entgegenkommen bis etwa zur Mitte des Weges - wie weit ihre Standpunkte, von denen sie ausgingen, anfangs auch voneinander entfernt gewesen sein mochten.

Genosse Stalin. Ich verstehe, dass die diplomatische Anerkennung den USA im gegenwärtigen Augenblick Schwierigkeiten bereitet. Die Vertreter der Sowjetregierung wurden in der Presse Amerikas so viel und so oft geschmäht, dass eine jähe Wendung schwierig ist. Ich persönlich halte die diplomatische Anerkennung im gegenwärtigen Augenblick nicht für entscheidend. Wichtig ist die Entwicklung von Handelsbeziehungen auf der Grundlage beiderseitiger Vorteile. Die Handelsbeziehungen bedürfen der Normalisierung, und wenn eine bestimmte juridische Basis hierfür geschaffen sein wird, so wäre das der erste und wichtigste Schritt auf dem Wege zur diplomatischen Anerkennung. Die Frage der diplomatischen Anerkennung wird sich von selbst lösen, sobald beide Seiten erkennen, dass diplomatische Beziehungen von Vorteil sind. Die wichtigste Grundlage sind die Handelsbeziehungen und ihre Normalisierung, die zur Schaffung bestimmter Rechtsnormen führt.

Gewiss, die Bodenschätze unseres Landes sind reich und mannigfaltig. Sie sind mannigfaltiger und reicher, als das offiziell bekannt ist, und unsere Forschungsexpeditionen finden ständig neue Ressourcen in unserem weiten Lande. Aber das ist nur die eine Seite unserer Möglichkeiten. Die andere Seite besteht darin, dass unsere Bauern und Arbeiter jetzt von dem früheren Joch der Gutsbesitzer und Kapitalisten befreit sind. Die Gutsbesitzer und Kapitalisten haben früher unproduktiv vergeudet, was heute im Lande verbleibt und die Kaufkraft innerhalb des Landes erhöht. Die Nachfrage steigt derart, dass unsere Industrie trotz ihrer raschen Entwicklung hinter der Nachfrage zurückbleibt. Die Nachfrage ist gewaltig, sowohl was den persönlichen Bedarf als auch was den Bedarf der Produktion anbetrifft. Das ist die zweite Seite unserer unbegrenzten Möglichkeiten.

Sowohl das eine als auch das andere bietet eine ernstliche Grundlage, um sowohl mit den USA als auch mit anderen entwickelten Ländern auf dem Gebiet des Handels und der Industrie Kontakt herzustellen.

Um die Frage, welcher Staat für diese Ressourcen und Möglichkeiten unseres Landes Kräfte aufwenden wird, um diese Frage führen die Staaten untereinander einen komplizierten Kampf. Leider halten sich die USA von diesem Kampf noch immer fern.

Die Deutschen schreien allerorts, dass die Lage der Sowjetmacht nicht stabil sei und dass man den sowjetischen Wirtschaftsorganisationen deshalb keine ernsthaften Kredite eröffnen dürfe. Gleichzeitig versuchen sie, die Handelsbeziehungen mit der UdSSR zu ihrem Monopol zu machen, indem sie der UdSSR Kredite eröffnen.

Eine Gruppe englischer Geschäftsleute führt bekanntlich ebenfalls eine wütende antisowjetische Kampagne. Zur gleichen Zeit unternimmt die gleiche Gruppe sowie die Gruppe McKenna den Versuch, Kredite für die UdSSR zu organisieren. Aus der Presse ist bereits bekannt, dass im Februar eine Delegation englischer Industrieller und Bankiers in die UdSSR kommen wird. Sie beabsichtigen, der Sowjetregierung ein umfassendes Projekt für Handelsbeziehungen und eine Anleihe vorzuschlagen.

Wie ist dieser Widerspruch in der Haltung der deutschen und englischen Geschäftsleute zu erklären? Er erklärt sich daraus, dass sie die Handelsbeziehungen mit der UdSSR zu einem Monopol in ihren Händen machen wollen, indem sie die USA abschrecken und beiseite schieben.

Indes ist für mich klar, dass die USA mehr Voraussetzungen haben, ausgedehnte geschäftliche Verbindungen mit der UdSSR anzuknüpfen, als irgendein anderes Land. Und das nicht nur darum, weil die USA an Technik und Kapitalien reich sind, sondern auch darum, weil unsere Wirtschaftler in keinem Land so herzlich und gastfreundlich aufgenommen werden wie in den USA.

Was die Propaganda betrifft, so muss ich ganz kategorisch erklären, dass kein Vertreter der Sowjetregierung das Recht hat, sich in die inneren Angelegenheiten des Landes, in dem er sich aufhält, einzumischen, weder direkt noch indirekt. In dieser Beziehung wurden unserem gesamten Angestelltenpersonal in den sowjetischen Institutionen in den USA die striktesten und strengsten Anweisungen gegeben. Ich bin davon überzeugt, dass Bron und seine Mitarbeiter nicht das geringste mit Propaganda, gleich welcher Art, zu tun haben. Hätte irgendeiner unserer Angestellten gegen die strikten Direktiven hinsichtlich der Nichteinmischung verstoßen, so wäre er sofort abberufen und bestraft worden. Wir können natürlich nicht die Verantwortung tragen für die Handlungen unbekannter und uns nicht unterstehender Personen. Aber wir können die Verantwortung übernehmen und ein Maximum von Garantien geben in Bezug auf die Nichteinmischung der Personen, die in unseren Institutionen im Auslande arbeiten.

Herr Campbell. Kann ich das Herrn Hoover mitteilen?

Genosse Stalin. Natürlich.

Herr Campbell. Wir wissen nicht, wer die Leute sind, die Unzufriedenheit stiften. Aber sie sind da. Die Polizei spürt sie und ihre Literatur auf. Ich kenne Bron, und ich bin davon überzeugt, dass er ein ehrlicher, aufrichtiger Herr ist, der ehrlich seines Amtes waltet. Aber irgendjemand ist da.

Genosse Stalin. Es ist möglich, dass in den USA von den Mitgliedern der amerikanischen Kommunistischen Partei Propaganda für die Sowjets betrieben wird. Aber diese Partei ist in den USA legal, sie beteiligt sich legal an den Präsidentschaftswahlen, stellt ihre eigenen Präsidentschaftskandidaten auf, und es ist völlig klar, dass wir uns auch in diesem Falle nicht in Ihre inneren Angelegenheiten einmischen können.

Herr Campbell. Ich habe keine weiteren Fragen. Übrigens, doch. Wenn ich in die USA zurückkehre, werden mich die Geschäftsleute fragen, ob man mit der UdSSR ohne Gefahr Geschäfte tätigen kann. Besonders die Maschinenbaugesellschaften werden sich für die Frage interessieren, welche Möglichkeiten für die Gewährung langfristiger Kredite bestehen. Kann ich eine positive Antwort geben? Kann ich Auskunft erhalten über die Maßnahmen, die von der Sowjetregierung gegenwärtig getroffen werden, um eine Garantie für Kreditabkommen zu schaffen, gibt es für diesen Zweck eine spezielle Steuer oder eine andere bestimmte Quelle?

Genosse Stalin. Ich wollte mein Land nicht loben. Da aber die Frage nun einmal gestellt worden ist, muss ich folgendes sagen. Es hat keinen einzigen Fall gegeben, da die Sowjetregierung oder die sowjetischen Wirtschaftsinstitutionen die Zahlungen für Kredite, gleich ob kurz- oder langfristige, nicht korrekt und fristgemäß geleistet hätten. Man könnte in Deutschland Erkundigungen darüber einziehen, wie wir die Zahlungen an die Deutschen für den 300-Millionen-Kredit leisten. Woher nehmen wir die Mittel für diese Zahlungen? Herr Campbell weiß, dass Geld nicht vom Himmel fällt. Unsere Landwirtschaft, Industrie, unser Handel, Holz, Erdöl, Gold, Platin usw. - das ist die Quelle für die Zahlungen. Das ist auch die Garantie für die Zahlungen. Ich will nicht, dass Herr Campbell mir aufs Wort glaubt. Er kann meine Behauptungen ja in Deutschland überprüfen. Er wird feststellen, dass es nicht ein einziges Mal eine Verzögerung in den Zahlungen gegeben hat, obwohl wir bisweilen tatsächlich so unerhörte Zinsen wie 15-20 Prozent zahlen mussten.

Was aber spezielle Garantien anbelangt, so bin ich der Meinung, dass es sich in Bezug auf die UdSSR erübrigt, ernsthaft darüber zu sprechen.

Herr Campbell. Natürlich, das erübrigt sich.

Genosse Stalin. Vielleicht wäre es nicht überflüssig, wenn ich Sie, streng vertraulich, von der Anleihe - nicht Kredit, sondern Anleihe - in Kenntnis setzte, die uns eine Gruppe englischer Bankiers, die Gruppe Balfour, Kingsley, angeboten hat.

Herr Campbell. Kann ich das Hoover mitteilen?

Genosse Stalin. Natürlich, jedoch nicht in der Presse veröffentlichen. Diese Gruppe von Bankiers schlägt folgendes vor:

Unsere Schulden an England berechnen sie mit zirka 400 Millionen Pfund Sterling.

Sie schlagen vor, diese Schulden auf 25 Prozent zu konsolidieren. Das heißt, statt 400 Millionen Pfund Sterling - 100 Millionen Pfund Sterling.

Gleichzeitig bieten sie uns eine Anleihe von 100 Millionen Pfund Sterling an.

Demnach werden sich unsere Schulden auf 200 Millionen Pfund Sterling belaufen, wobei die Zahlungen im Verlauf von einigen Jahrzehnten in Raten zu entrichten sind. Als Gegenleistung sollen wir dem britischen Maschinenbau den Vorzug geben. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Aufträge nur an England vergeben dürfen, aber wir sollen ihm den Vorzug geben.

Herr Campbell. Bedankt sich für das Interview und sagt, Genosse Stalin habe auf ihn den Eindruck eines gerechten, gut informierten, offenen Menschen gemacht. Er habe sich sehr gefreut, Gelegenheit gehabt zu haben, mit Genossen Stalin zu sprechen, und halte dieses Interview für historisch.

Genosse Stalin. Dankt Herrn Campbell für die Unterhaltung.

„Bolschewik“ Nr. 22,
30. November 1932.

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