"Stalin"

Werke

Band 13

REDE AUF DEM ERSTEN
UNIONSKONGRESS DER STOSSARBEITER
DER KOLLEKTIVWIRTSCHAFTEN[65]

19. Februar 1933

Genossen Kollektivbauern und Kollektivbäuerinnen! Ich hatte nicht die Absicht, auf Ihrem Kongress zu sprechen. Ich hatte diese Absicht nicht, weil in den Reden der Genossen, die vor mir gesprochen haben, schon alles gesagt worden ist, was zu sagen war, und zwar gut und treffend gesagt worden ist. Lohnt es sich hiernach noch zu sprechen? Da Sie aber darauf bestehen und die Macht dazu haben (anhaltender Beifall), muss ich mich fügen.

Ich will einige Worte zu den einzelnen Fragen sagen.

I
DER WEG DER KOLLEKTIVWIRTSCHAFTEN
IST DER EINZIG RICHTIGE WEG

Erste Frage. Ist der Weg richtig, den die Kollektivbauernschaft beschritten hat, ist der kollektivwirtschaftliche Weg richtig?

Das ist keine müßige Frage. Sie, Stoßarbeiter der Kollektivwirtschaften, zweifeln wohl nicht daran, dass sich die Kollektivwirtschaften auf dem richtigen Wege befinden. Es ist daher möglich, dass Ihnen diese Frage überflüssig erscheinen wird. Nicht alle Bauern aber denken so wie Sie. Unter den Bauern, auch unter den Kollektivbauern, gibt es immer noch Leute in nicht geringer Zahl, die an der Richtigkeit des kollektivwirtschaftlichen Weges zweifeln. Und daran ist nichts Erstaunliches.

In der Tat, Jahrhunderte hindurch lebten die Menschen in althergebrachter Weise, gingen den alten Weg, beugten ihren Nacken vor dem Kulaken und Gutsbesitzer, vor dem Wucherer und Spekulanten. Man kann nicht sagen, dass dieser alte, der kapitalistische Weg die Billigung der Bauern gefunden hätte. Doch war dieser alte Weg der ausgetretene, gewohnte Weg, und noch niemand hatte durch die Tat bewiesen, dass man irgendwie anders, besser leben kann. Um so mehr, als in allen bürgerlichen Ländern die Menschen immer noch in althergebrachter Weise leben... Und plötzlich brechen in dieses alte sumpfige Leben die Bolschewiki herein, brechen wie der Sturmwind herein und sagen: Es ist an der Zeit, den alten Weg aufzugeben, es ist an der Zeit, mit einem Leben auf neue, auf kollektivwirtschaftliche Art zu beginnen, es ist an der Zeit, nicht so zu leben, wie alle in den bürgerlichen Ländern leben, sondern auf neue Art, auf Artelweise. Aber was das für ein neues Leben ist - wer weiß das? Wenn es nur nicht schlimmer wird als das alte Leben. Auf jeden Fall ist der neue Weg nicht der gewohnte, nicht der ausgetretene, ist er ein noch nicht ganz erkundeter Weg. Ist es nicht besser, auf dem alten Weg zu bleiben? Ist es nicht besser, mit dem Übergang auf den neuen, den kollektivwirtschaftlichen Weg zu warten? Lohnt es sich, das Risiko einzugehen?

Das sind die Zweifel, die jetzt einen Teil der werktätigen Bauernschaft beunruhigen.

Müssen wir diese Zweifel zerstreuen? Müssen wir sie, eben diese Zweifel, an das Tageslicht bringen und zeigen, was sie wert sind? Es ist klar, dass wir das tun müssen.

Folglich kann die vorhin aufgeworfene Frage keine müßige Frage genannt werden.

Ist also der Weg richtig, den die Kollektivbauernschaft betreten hat?

Manche Genossen glauben, dass der Übergang auf den neuen Weg, auf den Weg der Kollektivwirtschaften, bei uns vor drei Jahren begonnen habe. Das ist nur zum Teil richtig. Gewiss, der Massenaufbau von Kollektivwirtschaften hat bei uns vor drei Jahren begonnen. Dieser Übergang war bekanntlich dadurch gekennzeichnet, dass das Kulakentum zerschmettert wurde und die Millionenmassen der Dorfarmut und der Mittelbauern sich den Kollektivwirtschaften zuwandten. Das alles ist richtig. Um jedoch diesen Massenübergang zu den Kollektivwirtschaften zu beginnen, musste man über gewisse Voraussetzungen verfügen, ohne die eine kollektivwirtschaftliche Massenbewegung überhaupt undenkbar ist.

Man musste vor allem die Sowjetmacht haben, die den Bauern half und weiter hilft, den Weg der Kollektivwirtschaften zu betreten.

Man musste zweitens die Gutsbesitzer und Kapitalisten davonjagen, ihnen die Fabriken und den Boden nehmen und diese zum Eigentum des Volkes erklären.

Man musste drittens das Kulakentum bändigen und ihm die Maschinen und Traktoren wegnehmen.

Man musste viertens erklären, dass Maschinen und Traktoren nur von den in Kollektivwirtschaften vereinigten armen und Mittelbauern benutzt werden können.

Man musste schließlich das Land industrialisieren, eine neue Industrie, die Traktorenindustrie, schaffen, neue Werke für den Bau landwirtschaftlicher Maschinen errichten, um die Kollektivbauernschaft reichlich mit Traktoren und Maschinen zu versorgen.

Ohne diese Vorbedingungen war an einen Massenübergang auf den Weg der Kollektivwirtschaften, wie er vor drei Jahren einsetzte, gar nicht zu denken.

Um also auf den Weg der Kollektivwirtschaften überzugehen, musste man vor allem die Oktoberrevolution vollbringen, die Kapitalisten und Gutsbesitzer stürzen, ihnen das Land und die Fabriken nehmen und eine neue Industrie ins Leben rufen.

Mit der Oktoberrevolution begann denn auch der Übergang auf den neuen Weg, auf den Weg der Kollektivwirtschaften. Mit neuer Kraft entfaltete er sich erst vor etwa drei Jahren, weil sich die wirtschaftlichen Ergebnisse der Oktoberrevolution erst zu dieser Zeit in ihrem ganzen Umfang auswirkten, weil es erst zu dieser Zeit gelang, die Industrialisierung des Landes voranzubringen.

Die Geschichte der Völker kennt nicht wenige Revolutionen. Sie unterscheiden sich von der Oktoberrevolution dadurch, dass sie alle einseitige Revolutionen waren. Eine Form der Ausbeutung der Werktätigen wurde durch eine andere Form der Ausbeutung abgelöst, aber die Ausbeutung selbst blieb. Die einen Ausbeuter und Unterdrücker wurden durch andere Ausbeuter und Unterdrücker abgelöst, aber die Ausbeuter und Unterdrücker selbst blieben. Erst die Oktoberrevolution hat es sich zum Ziel gesetzt, jegliche Ausbeutung abzuschaffen und alle und jegliche Ausbeuter und Unterdrücker zu beseitigen.

Die Revolution der Sklaven beseitigte die Sklavenhalter und hob die Sklaverei als Form der Ausbeutung der Werktätigen auf. An die Stelle der Sklavenhalter setzte sie aber Feudalherren und die Leibeigenschaft als Form der Ausbeutung der Werktätigen. Die einen Ausbeuter wurden durch andere Ausbeuter abgelöst. Zur Zeit der Sklaverei gestattete das „Gesetz“ den Sklavenhaltern, Sklaven zu töten. Zur Zeit der Leibeigenschaft gestattete das „Gesetz“ den Feudalherren „nur“, Leibeigene zu verkaufen.

Die Revolution der leibeigenen Bauern beseitigte die Feudalherren und hob die Leibeigenschaft als Form der Ausbeutung auf. Sie setzte jedoch an ihre Stelle Kapitalisten und Gutsbesitzer, die kapitalistische und gutsherrliche Form der Ausbeutung der Werktätigen. Die einen Ausbeuter wurden durch andere Ausbeuter abgelöst. Unter der Leibeigenschaft gestattete das „Gesetz“, Leibeigene zu verkaufen. Unter dem Kapitalismus gestattet das „Gesetz“ „nur“, die Werktätigen zu Arbeitslosigkeit und Verelendung, zu Ruin und Hungertod zu verdammen.

Einzig und allein unsere Sowjetrevolution, unsere Oktoberrevolution, hat die Frage so gestellt, dass nicht die einen Ausbeuter gegen andere eingetauscht werden, dass nicht eine Form der Ausbeutung gegen eine andere eingetauscht wird, sondern dass jegliche Ausbeutung ausgerottet wird, dass alle und jegliche Ausbeuter, alle und jegliche Reichen und Unterdrücker, sowohl die alten wie auch die neuen, ausgerottet werden. (Anhaltender Beifall.)

Das ist der Grund, warum die Oktoberrevolution die Vorbedingung und die unerlässliche Voraussetzung für den Übergang der Bauern auf den neuen, den kollektivwirtschaftlichen Weg ist.

Haben die Bauern recht daran getan, dass sie die Oktoberrevolution unterstützten? Ja, sie haben recht daran getan. Sie haben recht daran getan, weil ihnen die Oktoberrevolution geholfen hat, die Gutsbesitzer und Kapitalisten, die Wucherer und Kulaken, die Händler und Spekulanten abzuschütteln.

Das ist aber nur die eine Seite der Frage. Die Unterdrücker verjagen, die Gutsbesitzer und Kapitalisten verjagen, die Kulaken und Spekulanten bändigen - das ist sehr gut. Aber das ist zuwenig. Um sich endgültig von den alten Fesseln zu befreien, genügt die Zerschmetterung der Ausbeuter allein nicht. Man muss auch ein neues Leben aufbauen, ein Leben, das dem werktätigen Bauern die Möglichkeit geben würde, seine materielle und kulturelle Lage zu verbessern und von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr weiter voranzukommen. Dazu muss man eine neue Ordnung im Dorfe, die kollektivwirtschaftliche Ordnung, errichten. Das ist die andere Seite der Frage.

Wodurch unterscheidet sich die alte Ordnung von der neuen, der kollektivwirtschaftlichen Ordnung?

Unter der alten Ordnung arbeiteten die Bauern jeder für sich, sie arbeiteten in altväterlicher Weise, mit alten Arbeitsgeräten, arbeiteten für die Gutsbesitzer und Kapitalisten, für die Kulaken und Spekulanten, arbeiteten, um andere zu bereichern, und fristeten selbst ein Hungerdasein. Unter der neuen, der kollektivwirtschaftlichen Ordnung arbeiten die Bauern gemeinsam, artelweise, mit neuen Geräten, Traktoren und landwirtschaftlichen Maschinen, sie arbeiten für sich und für ihre Kollektivwirtschaften, leben ohne Kapitalisten und Gutsbesitzer, ohne Kulaken und Spekulanten, sie arbeiten, um ihre materielle und kulturelle Lage von Tag zu Tag zu verbessern. Dort, unter der alten Ordnung, ist die Regierung eine bürgerliche und unterstützt die Reichen gegen die werktätigen Bauern. Hier, unter der neuen, der kollektivwirtschaftlichen Ordnung, ist die Regierung eine Arbeiter- und Bauernregierung und unterstützt die Arbeiter und Bauern gegen alle und jegliche Reichen. Die alte Ordnung führt zum Kapitalismus. Die neue Ordnung führt zum Sozialismus.

Hier haben Sie die zwei Wege, den kapitalistischen und den sozialistischen Weg, den Weg vorwärts, zum Sozialismus, und den Weg zurück, zum Kapitalismus.

Es gibt Leute, die glauben, man könne irgendeinen dritten Weg einschlagen. Besonders ereifern sich für diesen, niemandem bekannten dritten Weg gewisse schwankende Genossen, die von der Richtigkeit des kollektivwirtschaftlichen Weges noch nicht ganz überzeugt sind. Sie wollen, dass wir zu der alten Ordnung, zu der Einzelwirtschaft zurückkehren, jedoch zu einer Einzelwirtschaft ohne Kapitalisten und Gutsbesitzer. Sie wollen hierbei, dass wir „nur“ die Kulaken und anderen kleinen Kapitalisten als gesetzmäßige Erscheinung unseres Wirtschaftssystems gelten lassen. In Wirklichkeit ist das kein dritter Weg, sondern der zweite, der Weg zum Kapitalismus. Denn was heißt Rückkehr zur Einzelwirtschaft und Wiederherstellung des Kulakentums? Das heißt das Kulakenjoch, die Ausbeutung der Bauernschaft durch das Kulakentum wiederherstellen und die Macht an den Kulaken ausliefern. Kann man aber das Kulakentum wiederherstellen und gleichzeitig die Sowjetmacht aufrechterhalten? Nein, das kann man nicht. Die Wiederherstellung des Kulakentums muss zur Schaffung einer Kulakenmacht und zur Liquidierung der Sowjetmacht führen, sie muss folglich zur Bildung einer bürgerlichen Regierung führen. Die Bildung einer bürgerlichen Regierung aber muss ihrerseits zur Wiedereinsetzung der Gutsbesitzer und Kapitalisten, zur Wiederherstellung des Kapitalismus führen. Der so genannte dritte Weg ist in der Tat der zweite, der Weg der Rückkehr zum Kapitalismus. Fragen Sie einmal die Bauern, ob sie das Kulakenjoch wiederherstellen, zum Kapitalismus zurückkehren, die Sowjetmacht liquidieren und die Macht der Gutsbesitzer und Kapitalisten wiederherstellen wollen. Fragen Sie sie einmal, und Sie werden erfahren, welchen Weg die Mehrzahl der werktätigen Bauern für den einzig richtigen Weg hält.

Folglich gibt es nur zwei Wege: entweder vorwärts, hinauf - zur neuen, zur kollektivwirtschaftlichen Ordnung, oder zurück, hinab - zur alten, zur kulakisch-kapitalistischen Ordnung.

Einen dritten Weg gibt es nicht.

Die werktätige Bauernschaft hat recht daran getan, dass sie den kapitalistischen Weg abgelehnt und den Weg des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus beschritten hat.

Man sagt, dass der Weg der Kollektivwirtschaften richtig, aber schwierig sei. Das ist nur zum Teil richtig. Natürlich gibt es auf diesem Wege Schwierigkeiten. Ein gutes Leben kommt nicht von selbst. Aber die Sache ist die, dass die Hauptschwierigkeiten schon überwunden sind, die Schwierigkeiten aber, die vor Ihnen stehen, sind nicht einmal wert, dass man ernstlich von ihnen spricht. Auf jeden Fall erscheinen Ihre heutigen Schwierigkeiten, Genossen Kollektivbauern, im Vergleich mit den Schwierigkeiten, die die Arbeiter vor 10-15 Jahren zu überstehen hatten, als Kinderspiel. Ihre Redner sind hier aufgetreten und haben die Arbeiter Lenin grads, Moskaus, Charkows, des Donezbeckens gelobt. Sie sagten, dass sie, die Arbeiter, Errungenschaften aufzuweisen haben, Sie aber, die Kollektivbauern, hätten bedeutend weniger Errungenschaften aufzuweisen. Mir scheint, dass in den Ausführungen Ihrer Redner sogar ein gewisser kameradschaftlicher Neid durchschimmerte: wie gut wäre es doch, wenn wir, die Kollektivbauern, ebensolche Errungenschaften hätten wie ihr, die Arbeiter Lenin grads, Moskaus, des Donezbeckens, Charkows...

Das ist alles schön und gut. Wissen Sie aber, was diese Errungenschaften die Lenin grader und Moskauer Arbeiter gekostet haben, welche Entbehrungen sie auf sich genommen haben, um schließlich diese Errungenschaften zu erzielen? Ich könnte Ihnen manche Tatsachen aus dem Leben der Arbeiter im Jahre 1918 erzählen, als den Arbeitern ganze Wochen hindurch kein Stück Brot ausgefolgt wurde, von Fleisch und anderen Nahrungsmitteln gar nicht zu reden. Als beste Zeiten galten damals die Tage, an denen es gelang, den Lenin grader und Moskauer Arbeitern ein achtel Pfund Schwarzbrot auszufolgen, und das bestand zur Hälfte aus minderwertigen Beimischungen. Und das dauerte nicht einen Monat und nicht ein halbes Jahr, sondern volle zwei Jahre. Die Arbeiter aber harrten aus und verzagten nicht, denn sie wussten, dass bessere Zeiten kommen, dass sie entscheidende Erfolge erringen werden. Und Sie sehen, dass sich die Arbeiter nicht geirrt haben. Vergleichen Sie mal Ihre Schwierigkeiten und Entbehrungen mit den Schwierigkeiten und Entbehrungen, die die Arbeiter durchgemacht haben, und Sie werden sehen, dass es nicht einmal lohnt, ernstlich darüber zu sprechen.

Was ist erforderlich, um die kollektivwirtschaftliche Bewegung weiter voranzubringen und den kollektivwirtschaftlichen Aufbau voll zu entfalten?

Dazu ist vor allem erforderlich, dass die Kollektivwirtschaften Boden haben, dessen Nutzung ihnen völlig gesichert und der zur Bestellung geeignet ist. Haben Sie diesen Boden? Ja, Sie haben ihn. Bekanntlich sind alle guten Ländereien den Kollektivwirtschaften übergeben und ihnen fest zuerkannt worden. Folglich können die Kollektivbauern diesen Boden nach Herzenslust bearbeiten und verbessern, ohne befürchten zu müssen, dass er in fremde Hände übergehen wird.

Dazu ist zweitens erforderlich, dass die Kollektivbauern Traktoren und Maschinen benutzen können. Haben Sie diese? Ja, Sie haben sie. Es ist jedermann bekannt, dass unsere Traktorenwerke und unsere Werke für landwirtschaftliche Maschinen vor allem und hauptsächlich für die Kollektivwirtschaften arbeiten, sie mit allen modernen Gerätschaften versorgen.

Dazu ist schließlich erforderlich, dass die Regierung die Kollektivbauern sowohl mit Menschen als auch mit Finanzmitteln in jeder Weise unterstützt und es nicht zulässt, dass die Überreste feindlicher Klassen die Kollektivwirtschaften zersetzen. Haben Sie eine solche Regierung? Ja, Sie haben sie. Sie heißt Sowjetregierung der Arbeiter und Bauern. Nennen Sie mir ein Land, wo die Regierung nicht die Kapitalisten und Gutsbesitzer, nicht die Kulaken und die anderen Reichen, sondern die werktätigen Bauern unterstützt. Ein solches Land gibt es in der Welt nicht und hat es niemals gegeben. Nur bei uns, im Sowjetland, existiert eine Regierung, die sich rückhaltlos für die Arbeiter und Kollektivbauern, für alle Werktätigen in Stadt und Land gegen alle Reichen und Ausbeuter einsetzt. (Anhaltender Beifall.)

Sie haben also alles, was notwendig ist, um den kollektivwirtschaftlichen Aufbau zu entfalten und die volle Befreiung von den alten Fesseln zu erreichen.

Von Ihnen wird nur eins verlangt: ehrlich zu arbeiten, die Einkünfte der Kollektivwirtschaften nach der Arbeitsleistung zu verteilen, sorgsam mit dem Hab und Gut der Kollektivwirtschaften umzugehen, sorgsam mit den Traktoren und Maschinen umzugehen, für eine gute Wartung der Pferde zu sorgen, die Aufgaben zu erfüllen, die Ihnen Ihr Arbeiter- und Bauernstaat stellt, die Kollektivwirtschaften zu festigen und die Kulaken und ihre Handlanger, die sich in die Kollektivwirtschaften eingeschlichen haben, aus diesen hinauszuwerfen.

Sie werden wohl mit mir einverstanden sein, dass es nicht gar so schwer ist, diese Schwierigkeiten zu überwinden, das heißt ehrlich zu arbeiten und sorgsam mit dem Hab und Gut der Kollektivwirtschaften umzugehen. Dies um so mehr, als Sie jetzt nicht für die Reichen und nicht für die Ausbeuter, sondern für sich selbst, für Ihre eigenen Kollektivwirtschaften arbeiten.

Sie sehen, dass der kollektivwirtschaftliche Weg, der Weg des Sozialismus, für die werktätigen Bauern der einzig richtige Weg ist.

II
UNSERE NÄCHSTE AUFGABE -
ALLE KOLLEKTIVBAUERN WOHLHABEND ZU MACHEN

Zweite Frage. Was haben wir auf dem neuen Wege, auf unserem kollektivwirtschaftlichen Wege erreicht, und was gedenken wir in den nächsten zwei bis drei Jahren zu erreichen?

Der Sozialismus ist eine gute Sache. Ein glückliches sozialistisches Leben ist zweifellos eine gute Sache. Doch ist das alles eine Sache der Zukunft. Die Hauptfrage ist jetzt nicht, was wir in Zukunft erreichen werden. Die Hauptfrage ist, was wir in der Gegenwart schon erreicht haben. Die Bauernschaft hat den kollektivwirtschaftlichen Weg eingeschlagen. Das ist sehr gut. Was aber hat sie auf diesem Wege erreicht? Welches sind die greifbaren Ergebnisse, die wir auf dem kollektivwirtschaftlichen Wege erreicht haben?

Wir haben erreicht, dass wir den Millionenmassen der armen Bauern geholfen haben, in die Kollektivwirtschaften einzutreten. Wir haben erreicht, dass die Millionenmassen der armen Bauern, die in die Kollektivwirtschaften eingetreten sind und dort den besten Boden und die besten Produktionsinstrumente benutzen, auf das Niveau von Mittelbauern aufgestiegen sind. Wir haben erreicht, dass die Millionenmassen der armen Bauern, die früher ein Hungerdasein fristeten, jetzt in den Kollektivwirtschaften zu Mittelbauern, zu Leuten mit gesicherter Existenz geworden sind. Wir haben erreicht, dass wir der Differenzierung der Bauern in arme Bauern und Kulaken Einhalt geboten, die Kulaken geschlagen und den armen Bauern geholfen haben, innerhalb der Kollektivwirtschaften Herren ihrer Arbeit zu werden, Mittelbauern zu werden.

Wie lagen die Dinge vor der Entfaltung des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus, vor etwa vier Jahren? Die sich bereicherten und mit denen es bergauf ging, das waren die Kulaken. Die armen Bauern aber verelendeten, verfielen dem Ruin und gerieten in die Knechtschaft der Kulaken. Die Mittelbauern versuchten zur Stellung von Kulaken hinaufzugelangen, stürzten aber immer wieder ab und füllten die Reihen der armen Bauern, zum Ergötzen der Kulaken. Es ist nicht schwer zu erraten, dass bei diesem ganzen Durcheinander nur die Kulaken gewannen und vielleicht hin und wieder ein wohlhabender Bauer. Auf je 100 Höfe konnte man im Dorfe 4-5 Kulakenhöfe, 8-10 Höfe wohlhabender Bauern, 45-50 Höfe von Mittelbauern und an die 35 Höfe armer Bauern zählen. Folglich waren von allen Bauernhöfen zumindest 35 Prozent Höfe von armen Bauern, die gezwungen waren, das Kulakenjoch zu tragen. Ich spreche schon gar nicht von den wirtschaftlich schwachen Schichten der Mittelbauern, die mehr als die Hälfte der Mittelbauernschaft ausmachten, sich ihrer Lage nach nur wenig von den armen Bauern unterschieden und sich in direkter Abhängigkeit von den Kulaken befanden.

Durch die Entfaltung des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus haben wir erreicht, dass wir diesem Durcheinander und dieser Ungerechtigkeit ein Ende gemacht, das Kulakenjoch zertrümmert, diese ganze Masse der armen Bauern in Kollektivwirtschaften einbezogen, ihnen dort eine gesicherte Existenz geboten und sie auf das Niveau von Mittelbauern gehoben haben, die den kollektivwirtschaftlichen Grund und Boden, die Vergünstigungen für die Kollektivwirtschaften, Traktoren und landwirtschaftliche Maschinen benutzen können.

Was bedeutet das aber? Das bedeutet, dass wir nicht weniger als 20 Millionen bäuerlicher Bevölkerung, nicht weniger als 20 Millionen armer Bauern von Elend und Ruin, vom Kulakenjoch erlöst und sie dank den Kollektivwirtschaften zu Menschen mit gesicherter Existenz gemacht haben.

Das ist eine große Errungenschaft, Genossen. Das ist eine Errungenschaft, wie sie die Welt niemals gekannt und wie sie noch kein Staat in der Welt erzielt hat.

Das sind die praktischen, greifbaren Ergebnisse des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus, die Ergebnisse dessen, dass die Bauernschaft den Weg der Kollektivwirtschaften eingeschlagen hat.

Doch ist das nur unser erster Schritt, unsere erste Errungenschaft auf dem Wege des kollektivwirtschaftlichen Aufbaus.

Es wäre falsch zu glauben, dass wir bei diesem ersten Schritt, bei dieser ersten Errungenschaft haltmachen sollen. Nein, Genossen, wir können nicht bei dieser Errungenschaft haltmachen. Um weiter vorwärts zu schreiten und die Kollektivwirtschaften endgültig zu festigen, müssen wir einen zweiten Schritt tun, müssen wir eine neue Errungenschaft erzielen. Worin besteht dieser zweite Schritt? Er besteht darin, die Kollektivbauern, sowohl die früheren armen Bauern als auch die früheren Mittelbauern, auf ein noch höheres Niveau zu heben. Er besteht darin, alle Kollektivbauern wohlhabend zu machen. Ja, Genossen, wohlhabend zu machen. (Anhaltender Beifall.)

Wir haben erreicht, dass wir die armen Bauern dank den Kollektivwirtschaften auf das Niveau von Mittelbauern gehoben haben. Das ist sehr gut. Aber das ist zuwenig. Wir müssen jetzt erreichen, dass wir noch einen Schritt vorwärts gehen und allen Kollektivbauern helfen, sowohl den früheren armen Bauern als auch den früheren Mittelbauern, auf das Niveau von Wohlhabenden zu gelangen. Das kann man erreichen, und das müssen wir um jeden Preis erreichen. (Anhaltender Beifall.)

Wir haben jetzt alles, was nötig ist, um dieses unser Ziel zu erreichen. Unsere Maschinen und Traktoren werden aber jetzt schlecht ausgenutzt. Unser Grund und Boden wird nicht besonders gut bearbeitet. Man braucht nur die Ausnutzung der Maschinen und Traktoren zu verbessern, man braucht nur die Bodenbearbeitung zu verbessern, und wir werden erreichen, dass wir die Menge der Produkte verdoppeln, verdreifachen. Das aber genügt vollständig, um alle Kollektivbauern zu wohlhabenden Arbeitsleuten der kollektivwirtschaftlichen Felder zu machen.

Wie stand es früher mit den Wohlhabenden? Um wohlhabend zu werden, musste man seine Nachbarn übervorteilen, musste man sie ausbeuten, musste man ihnen möglichst teuer verkaufen und möglichst billig von ihnen kaufen, musste man etliche Knechte dingen, sie gründlich ausbeuten, ein kleines Kapital anhäufen und dann, sobald man fest auf den Füßen stand, Kulak werden. Hierdurch erklärt es sich ja eigentlich auch, dass die Wohlhabenden früher, zur Zeit der Einzelwirtschaft, sich das Misstrauen und den Hass der armen und der Mittelbauern zuzogen. Jetzt ist es anders. Jetzt sind auch die Bedingungen andere. Um als Kollektivbauer wohlhabend zu werden, ist es jetzt durchaus nicht erforderlich, seine Nachbarn zu übervorteilen oder sie auszubeuten. Und es ist jetzt auch gar nicht leicht, jemand auszubeuten, da es ein Privateigentum an Grund und Boden oder eine Pacht bei uns nicht mehr gibt und die Maschinen und Traktoren dem Staate gehören, Leute aber, die Kapital besitzen, jetzt in den Kollektivwirtschaften aus der Mode sind. Es gab eine solche Mode, aber sie ist für alle Ewigkeit dahingeschwunden. Damit die Kollektivbauern wohlhabend werden, dazu ist jetzt nur eins erforderlich - in der Kollektivwirtschaft ehrlich zu arbeiten, die Traktoren und Maschinen richtig auszunutzen, das Arbeitsvieh richtig auszunutzen, den Boden richtig zu bearbeiten, mit dem Eigentum der Kollektivwirtschaften sorgsam umzugehen.

Manchmal sagt man: Wenn wir den Sozialismus haben - wozu dann noch arbeiten? Wir haben früher gearbeitet, arbeiten jetzt - ist es nicht an der Zeit, mit dem Arbeiten aufzuhören? Solche Reden sind grundfalsch, Genossen. Das ist die Philosophie von Faulenzern, nicht aber von ehrlichen Arbeitsleuten. Der Sozialismus verneint durchaus nicht die Arbeit. Im Gegenteil, der Sozialismus ist auf Arbeit begründet. Sozialismus und Arbeit sind voneinander untrennbar.

Lenin , unser großer Lehrer, sagte: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Was heißt das, gegen wen sind Lenin s Worte gerichtet? Gegen die Ausbeuter, gegen diejenigen, die selbst nicht arbeiten, aber andere zum Arbeiten zwingen und sich auf Kosten anderer bereichern. Und gegen wen noch? Gegen diejenigen, die selber faulenzen und auf Kosten anderer Vorteile ergattern wollen. Der Sozialismus erfordert nicht Faulenzerei, sondern ehrliche Arbeit von allen Leuten, Arbeit nicht für andere, nicht für Reiche und Ausbeuter, sondern Arbeit für sich, für die Gesellschaft. Und wenn wir ehrlich arbeiten, für uns, für unsere Kollektivwirtschaften - dann werden wir erreichen, dass wir in zwei, drei Jahren alle Kollektivbauern, sowohl die früheren armen Bauern als auch die früheren Mittelbauern, auf das Niveau von Wohlhabenden, auf das Niveau von Leuten heben, die Produkte in Fülle haben und ein kulturvolles Leben führen.

Das ist jetzt unsere nächste Aufgabe. Das können wir erreichen, und das müssen wir um jeden Preis erreichen. (Anhaltender Beifall.)

III
EINZELNE BEMERKUNGEN

Gestatten Sie mir jetzt, zu einigen einzelnen Bemerkungen überzugehen.

Vor allem über unsere Parteigenossen auf dem Lande. Unter Ihnen gibt es Parteimitglieder, aber noch mehr Parteilose. Es ist sehr gut, dass auf diesem Kongress mehr Parteilose als Parteimitglieder zusammengekommen sind, weil es vor allem notwendig ist, gerade die Parteilosen zu unserem Werk heranzuziehen. Es gibt Kommunisten, die an die parteilosen Kollektivbauern auf bolschewistische Art herangehen. Es gibt aber auch solche, die sich mit ihrer Parteizugehörigkeit brüsten und Parteilose nicht an sich heranlassen. Das ist schlecht und schädlich. Die Stärke der Bolschewiki, die Stärke der Kommunisten besteht darin, dass sie es verstehen, unsere Partei mit einem Aktiv von Millionen Parteilosen zu umgeben. Wir Bolschewiki würden nicht die Erfolge haben, die wir jetzt haben, wenn wir es nicht verstanden hätten, das Vertrauen von Millionen parteiloser Arbeiter und Bauern für die Partei zu gewinnen. Was ist aber dazu erforderlich? Dazu ist erforderlich, dass die Parteimitglieder sich nicht von den Parteilosen abgrenzen, dass die Parteimitglieder sich nicht in ihrem Parteigehäuse abkapseln, dass sie sich nicht mit ihrer Parteizugehörigkeit brüsten, sondern auf die Stimme der Parteilosen hören, dass sie die Parteilosen nicht nur belehren, sondern auch von ihnen lernen.

Man darf nicht vergessen, dass Parteimitglieder nicht vom Himmel fallen. Man muss dessen eingedenk sein, dass alle Parteimitglieder selber einmal parteilos waren. Heute ist einer parteilos, morgen aber wird er Parteimitglied. Womit kann man sich da eigentlich brüsten? Unter uns alten Bolschewiki gibt es nicht wenige Leute, die 20-30 Jahre in der Partei arbeiten. Und wir waren doch selber einmal auch Parteilose. Was wäre aus uns geworden, wenn vor 20-30 Jahren die damaligen Parteimitglieder uns von oben herab behandelt und uns nicht an die Partei heran gelassen hätten? Möglicherweise wären wir dann auf eine Reihe von Jahren von der Partei abgestoßen worden. Wir alten Bolschewiki aber sind doch nicht gerade die Letzten, Genossen. (Heiterkeit, anhaltender Beifall.)

Aus diesem Grunde müssen unsere Parteimitglieder, die heutigen jungen Parteimitglieder, die manchmal gegenüber den Parteilosen die Nase hoch tragen, all dessen eingedenk sein, besonders dessen, dass nicht Überheblichkeit, sondern Bescheidenheit den Bolschewik ziert.

Jetzt einige Worte über die Frauen, über die Kollektivbäuerinnen. Die Frauenfrage in den Kollektivwirtschaften ist eine sehr wichtige Frage, Genossen. Ich weiß, dass viele von Ihnen die Frauen unterschätzen und sich sogar über sie lustig machen. Aber das ist ein Fehler, Genossen, ein großer Fehler. Es handelt sich hier nicht nur darum, dass die Frauen die Hälfte der Bevölkerung bilden. Es handelt sich vor allem darum, dass die kollektivwirtschaftliche Bewegung eine ganze Reihe von ausgezeichneten und fähigen Frauen auf führende Posten gestellt hat. Sehen Sie sich diesen Kongress, seine Zusammensetzung an, und Sie werden erkennen, dass die Frauen schon längst aus Rückständigen zu Fortgeschrittenen aufgerückt sind. Die Frauen in den Kollektivwirtschaften sind eine große Kraft. Diese Kraft ungenutzt lassen heißt ein Verbrechen begehen. Unsere Pflicht besteht darin, die Frauen in den Kollektivwirtschaften aufrücken zu lassen und diese Kraft auszuwerten.

Gewiss, es hat zwischen der Sowjetmacht und den Kollektivbäuerinnen vor nicht langer Zeit ein kleines Missverständnis gegeben. Es handelte sich um die Kuh. Jetzt aber ist die Sache mit der Kuh geregelt und das Missverständnis beseitigt. (Anhaltender Beifall.) Wir haben erreicht, dass die meisten Kollektivbauern bereits ihre Kuh im Stalle haben. Noch ein, zwei Jahre werden vergehen, und Sie werden keinen Kollektivbauern finden, der nicht seine eigene Kuh hätte. Wir Bolschewiki werden schon dafür sorgen, dass jeder Kollektivbauer bei uns eine Kuh hat. (Anhaltender Beifall.)

Was die Kollektivbäuerinnen selbst anbelangt, so müssen sie der Kraft der Kollektivwirtschaften und der Bedeutung eingedenk sein, die diese für die Frauen haben; sie müssen dessen eingedenk sein, dass sie nur in der Kollektivwirtschaft die Möglichkeit haben, gleichberechtigt neben den Männern zu stehen. Ohne Kollektivwirtschaften - Ungleichheit, in den Kollektivwirtschaften - Gleichheit der Rechte. Mögen die Genossinnen Kollektivbäuerinnen dessen eingedenk sein, und mögen sie die kollektivwirtschaftliche Ordnung wie ihren Augapfel hüten. (Anhaltender Beifall.)

Ein paar Worte über die Komsomolzen und Komsomolzinnen in den Kollektivwirtschaften. Die Jugend ist unsere Zukunft, unsere Hoffnung, Genossen. Die Jugend muss uns, die Alten, ablösen. Sie muss unser Banner siegreich zum Ziel tragen. Unter den Bauern gibt es nicht wenige alte Leute, die mit altem Ballast beschwert, mit Gewohnheiten und Erinnerungen an das alte Leben beladen sind. Es ist klar, dass es ihnen nicht immer gelingt, mit der Partei, mit der Sowjetmacht Schritt zu halten. Anders steht es um unsere Jugend. Sie ist dieser alten Last ledig, und sie eignet sich Lenin s Vermächtnis am leichtesten an. Und gerade weil die Jugend sich Lenin s Vermächtnis am leichtesten aneignet, gerade deshalb ist sie berufen, die Zurückbleibenden und Schwankenden vorwärts zu führen. Wohl mangelt es ihr an Kenntnissen. Kenntnisse aber sind etwas, was sich erwerben läßt. Sind sie heute nicht vorhanden, so werden sie morgen da sein. Deshalb besteht die Aufgabe darin, den Lenin ismus zu studieren und immer wieder zu studieren. Genossen Komsomolzen und Komsomolzinnen! Studiert den Bolschewismus und führt die Schwankenden vorwärts! Redet weniger, arbeitet mehr - und euer Werk wird bestimmt von Erfolg gekrönt sein. (Beifall.)

Einige Worte über die Einzelbauern. Von den Einzelbauern hat man hier wenig gesprochen. Das heißt aber noch nicht, dass es sie nicht mehr gibt. Nein, das heißt es nicht. Die Einzelbauern sind da, und man darf sie nicht aus der Rechnung streichen, denn sie sind unsere Kollektivbauern von morgen. Ich weiß, dass ein Teil der Einzelbauern endgültig korrumpiert ist und unter die Spekulanten gegangen ist. Das dürfte wohl die Erklärung dafür sein, dass unsere Kollektivbauern bei der Aufnahme von Einzelbauern in die Kollektivwirtschaften sehr wählerisch sind, sie manchmal auch überhaupt nicht aufnehmen. Das ist natürlich richtig, und dagegen läßt sich nichts einwenden. Es gibt aber einen anderen, größeren Teil der Einzelbauern, solche, die nicht unter die Spekulanten gegangen sind, sondern sich mit ehrlicher Arbeit ihr Brot verdienen. Diese Einzelbauern wären vielleicht nicht abgeneigt, in die Kollektivwirtschaften einzutreten. Daran aber hindern sie einerseits ihre Schwankungen in Bezug auf die Richtigkeit des kollektivwirtschaftlichen Weges und anderseits die Erbitterung, die jetzt unter den Kollektivbauern gegen die Einzelbauern herrscht.

Natürlich muss man die Kollektivbauern verstehen und sich in ihre Lage versetzen können. Während der verflossenen Jahre haben sie nicht wenig Kränkungen und Schmähungen von Seiten der Einzelbauern erdulden müssen. Kränkungen und Schmähungen dürfen aber hier nicht von ausschlaggebender Bedeutung sein. Das ist ein schlechter Leiter, der es nicht versteht, Kränkungen zu vergessen, und der seine Gefühle höher stellt als die Interessen der Kollektivwirtschaften. Wenn Sie Leiter sein wollen, müssen Sie es verstehen, Kränkungen zu vergessen, die Ihnen manche Einzelbauern zugefügt haben. Vor zwei Jahren erhielt ich aus dem Wolgagebiet einen Brief von einer Bäuerin, einer Witwe. Sie beklagte sich, man wolle sie nicht in die Kollektivwirtschaft aufnehmen, und verlangte von mir Unterstützung. Ich fragte bei der Kollektivwirtschaft an. Aus der Kollektivwirtschaft antwortete man mir, dass man sie nicht in die Kollektivwirtschaft aufnehmen könne, weil sie die Versammlung der Kollektivbauern beleidigt habe. Was war da los? Es stellte sich heraus, dass diese Witwe in der Bauernversammlung, in der die Kollektivbauern die Einzelbauern aufforderten, der Kollektivwirtschaft beizutreten, als Antwort auf die Aufforderung ihren Rock hochgehoben und gesagt hatte: „Da habt ihr die Kollektivwirtschaft.“ (Heiterkeit, Lachen.) Zweifellos hat sie nicht richtig gehandelt und die Versammlung beleidigt. Kann man ihr aber die Aufnahme in die Kollektivwirtschaft verweigern, wenn sie nach einem Jahr ihre Handlungsweise aufrichtig bereut und ihren Fehler zugegeben hat? Ich glaube, dass man sie ihr nicht verweigern kann. Das habe ich auch an die Kollektivwirtschaft geschrieben. Die Witwe wurde in die Kollektivwirtschaft aufgenommen. Und was weiter? Es stellte sich heraus, dass sie jetzt in der Kollektivwirtschaft nicht in den letzten, sondern in den ersten Reihen arbeitet. (Beifall.)

Hier haben Sie wieder ein Beispiel dafür, dass die Leiter, wollen sie wirkliche Leiter bleiben, es verstehen müssen, Kränkungen zu vergessen, wenn das die Interessen der Sache erfordern.

Das gleiche gilt für die Einzelbauern überhaupt. Ich bin nicht dagegen, dass man bei der Aufnahme in die Kollektivwirtschaften wählerisch vorgeht. Aber ich bin dagegen, dass man wahllos allen Einzelbauern den Weg in die Kollektivwirtschaft versperrt. Das ist nicht unsere, nicht die bolschewistische Politik. Die Kollektivbauern dürfen nicht vergessen, dass sie selbst noch vor kurzem Einzelbauern waren.

Schließlich einige Worte über den Brief der Besentschuker Kollektivbauern.[66] Dieser Brief wurde veröffentlicht, und Sie haben ihn wohl gelesen. Gewiss ein guter Brief. Er zeugt davon, dass es unter unseren Kollektivbauern nicht wenige erfahrene und zielbewusste Organisatoren und Agitatoren der kollektivwirtschaftlichen Sache gibt, die der Stolz unseres Landes sind. In dem Brief ist aber eine unrichtige Stelle, der man keinesfalls zustimmen kann. Es handelt sich darum, dass die Besentschuker Genossen ihre Arbeit in der Kollektivwirtschaft als eine bescheidene und fast unbedeutende Arbeit, die Arbeit der Redner und Führer aber, die manchmal drei Ellen lange Reden schwingen, als große und schöpferische Arbeit hinstellen. Kann man dem zustimmen? Nein, Genossen, dem kann man keinesfalls zustimmen. Den Besentschuker Genossen ist hier ein Fehler unterlaufen. Möglicherweise ist ihnen dieser Fehler aus Bescheidenheit unterlaufen. Aber dadurch hört der Fehler nicht auf, ein Fehler zu sein. Die Zeiten sind vorbei, in denen die Führer als die einzigen galten, die Geschichte machen, die Arbeiter und Bauern aber nicht mitgerechnet wurden. Die Geschicke der Völker und Staaten werden jetzt nicht nur von den Führern, sondern vor allem und hauptsächlich von den Millionenmassen der Werktätigen entschieden. Die Arbeiter und Bauern, die ohne viel Lärm und Getue Werke und Fabriken, Bergwerke und Eisenbahnen, Kollektiv- und Sowjetwirtschaften bauen, alle Güter des Lebens schaffen, die ganze Welt ernähren und kleiden - das sind die wahren Helden und Schöpfer des neuen Lebens. Das haben offenbar unsere Besentschuker Genossen vergessen. Es ist nicht gut, wenn Menschen ihre Kräfte überschätzen und sich mit ihren Verdiensten zu brüsten beginnen. Das führt zu Prahlerei, Prahlerei aber ist keine gute Sache. Noch schlimmer ist es jedoch, wenn Leute beginnen, ihre Kräfte zu unterschätzen, und nicht sehen, dass ihre „bescheidene“ und „unmerkliche“ Arbeit in Wirklichkeit eine große und schöpferische Arbeit ist, die die Geschicke der Geschichte entscheidet.

Ich möchte, dass die Besentschuker Genossen diese meine kleine Berichtigung zu ihrem Briefe gutheißen.

Wollen wir hiermit schließen, Genossen.

(Nicht enden wollender Beifall, der in eine Ovation übergeht. Alle erheben sich von den Plätzen und jubeln genossen Stalin zu. Hurrarufe. Es ertönen .Rufe: „Es lebe Genosse Stalin, hurra! Es leben die fortgeschrittenen Kollektivbauern! Es lebe unser Führer, Genosse Stalin!“)

„Prawda“ Nr. 53,
23. Februar 1933.

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