"Stalin"

Werke

Band 13

UNTERREDUNG MIT OBERST ROBINS

13. Mai 1933

(Kurze Niederschrift)

Stalin. Womit kann ich Ihnen dienen?

Robins. Ich betrachte es als eine große Ehre für mich, dass ich die Möglichkeit habe, Sie zu besuchen.

Stalin. Das ist nichts Besonderes. Sie übertreiben.

Robins (lächelt). Das Interessanteste für mich ist, dass ich in ganz Rußland die Namen Lenin -Stalin, Lenin -Stalin, Lenin -Stalin überall zusammen angetroffen habe.

Stalin. Das ist ebenfalls. eine Übertreibung. Wie könnte ich mich mit Lenin vergleichen.

Robins (lächelt). Ist es etwa auch eine Übertreibung, zu sagen, dass in diesem ganzen Zeitraum die älteste Regierung der Welt die Regierung Sowjetrußlands, der Rat der Volkskommissare, ist?

Stalin. Das ist wohl keine Übertreibung.

Robins. Interessant und wichtig ist, dass diese Regierung in ihrer Arbeit nicht eine reaktionäre Richtung eingeschlagen hat und dass sich diese Regierung, die Lenin bildete, als stark erwiesen hat. Sie widersteht allen feindlichen Richtungen.

Stalin. Das ist richtig.

Robins. Welche Entwicklung Rußland während der 15 Jahre durchgemacht hat, konnte ich besonders klar und deutlich bei der Demonstration am 1. Mai sehen, denn ich wohnte der Demonstration am 1. Mai im Jahre 1918 und jetzt, im Jahre 1933, bei.

Stalin. In der letzten Zeit haben wir einiges erreicht. Aber 15 Jahre - das ist eine lange Zeit.

Robins. Für das Leben eines Staates ist es dennoch eine kurze Zeit, gemessen an dem großen Fortschritt, den Sowjetrussland während dieser Zeit gemacht hat.

Stalin. Wir hätten mehr erreichen können, haben es aber nicht vermocht.

Robins. Es ist interessant, die Leitmotive, die Hauptlinien der beiden Demonstrationen zu vergleichen. Die Demonstration im Jahre 1918 wandte sich nach außen, an das Proletariat der ganzen Welt, an das internationale Proletariat mit dem Aufruf zur Revolution. Heute ist das Leitmotiv ein anderes. Heute sind die Männer, Frauen und die Jugendlichen zur Demonstration gegangen, um zum Ausdruck zu bringen: Dies ist das Land, das wir aufbauen, dies ist das Land, das wir mit allen unseren Kräften verteidigen werden.

Stalin. Damals hatte die Demonstration Agitationscharakter, heute aber zeigt sie, was wir erreicht haben.

Robins. Sie wissen wahrscheinlich, dass ich mich 15 Jahre lang für die Herstellung vernünftiger Beziehungen zwischen den beiden Ländern einsetzte und bestrebt war, dem derzeitigen feindlichen Verhalten der herrschenden Kreise Amerikas ein Ende zu machen.

Stalin. Ich erfuhr davon 1918 aus den Worten Lenin s und später auf Grund von Tatsachen. Ich weiß das.

Robins. Ich bin ausschließlich als Privatperson hergekommen und spreche in meinem eigenen Namen. Der Hauptzweck meiner Reise ist, festzustellen, wie die Aussichten für gegenseitige Beziehungen sind, wirkliche Tatsachen festzustellen, wie es um die Arbeitsfertigkeiten der russischen Arbeiter und um ihre Fähigkeiten zu schöpferischer Erfindertätigkeit bestellt ist. Die sowjetfeindliche Propaganda behauptet, der russische Arbeiter sei faul, der russische Arbeiter könne nicht arbeiten, die Maschinen verkämen in seinen Händen, ein solches Land habe keine Zukunft. Gegen diese Propaganda möchte ich nicht nur mit Worten, sondern mit Tatsachenmaterial in der Hand kämpfen.

Die zweite Frage, die mich in diesem Zusammenhang interessiert, das ist die Lage in der Landwirtschaft. Es wird behauptet, die Industrialisierung richte die Landwirtschaft zugrunde, die Bauern säten nicht mehr, sie brächten das Getreide nicht mehr ein. Jedes Jahr wird behauptet, Rußland werde in diesem Jahr ganz bestimmt Hungers sterben. Ich möchte Tatsachen aus dem Gebiet der Landwirtschaft kennen lernen, um diese Behauptungen widerlegen zu können. Ich hoffe Felder zu sehen, auf denen in diesem Jahr erstmalig neue Kulturen angebaut werden. Besonders interessiert mich die Entwicklung der Hauptgetreidearten der Sowjetunion.

Die dritte mich interessierende Frage ist die Frage der Volksbildung, die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen, ihre Erziehung. Wie ist es um die Entwicklung der Volksbildung auf dem Gebiet der Kunst und Literatur bestellt, um das, was man schöpferisches Genie, was man Erfindergeist nennt. In Amerika kann man zwei Arten der schöpferischen Tätigkeit beobachten, eine, die sich in der Studierstube abkapselt, und eine andere, die mit dem Leben eng verbunden ist und bei der sich der schöpferische Geist im Leben offenbart. Mich interessiert, wie sich die Kinder entwickeln, wie sich die Jugend entwickelt. Ich hoffe in der Praxis sehen zu können, wie sie lernen, wie sie erzogen werden und sich entwickeln.

Zur ersten und zur dritten Frage habe ich bereits einige wertvolle Beobachtungen gemacht und hoffe auch im Weiteren zusätzliche Angaben zu bekommen. Zur zweiten Frage, die die Entwicklung der Landwirtschaft betrifft, hoffe ich während meiner Reise nach Magnitogorsk und von da nach Rostow, Charkow und zurück die wirkliche Sachlage studieren zu können. Ich hoffe Kollektivwirtschaften zu besichtigen und zu sehen, wie die archaische Gemengelage beseitigt wird und die landwirtschaftliche Großwirtschaft sich entwickelt.

Stalin. Sie wollen meine Meinung hören?

Robins. Ja, ich möchte Ihre Meinung erfahren.

Stalin. Die Bemerkung, der sowjetische Arbeiter sei nicht fähig, mit Maschinen umzugehen, und er beschädige sie, ist völlig falsch.

Ich muss dazu sagen, dass es bei uns eine solche Erscheinung nicht gibt, wie sie in Westeuropa und in Amerika zu verzeichnen war, wo die Arbeiter bewusst Maschinen zertrümmerten, da ihnen die Maschinen das Stück Brot nahmen. Bei uns gehen die Arbeiter nicht so mit den Maschinen um, weil bei uns die massenweise Anwendung von Maschinen unter Verhältnissen stattfindet, da es keine Arbeitslosigkeit gibt, weil die Maschinen den Arbeitern nicht, wie bei Ihnen, das Brot nehmen, sondern ihnen die Arbeit erleichtern.

Was die mangelnden Arbeitsfertigkeiten, die ungenügende Vorbildung der Arbeiter betrifft, so stimmt es, dass es bei uns wenige vorgebildete Arbeiter gibt, und sie werden nicht so leicht mit den Maschinen fertig wie die Arbeiter in Europa oder in Amerika. Aber das ist bei uns eine vorübergehende Erscheinung. Wenn man zum Beispiel die Frage prüft, wo die Arbeiter im Laufe der Geschichte die neue Technik schneller meistern lernten - in Europa, in Amerika oder in diesen fünf Jahren in Rußland -, so denke ich, dass die Arbeiter in Rußland dies trotz ihrer geringen Vorbildung schneller gelernt haben. Im Westen bedurfte es mehrerer Jahre, bis die Produktion von Rädertraktoren gemeistert war, obwohl dort natürlich die Technik entwickelt war. Bei uns hat man das schneller geschafft. Zum Beispiel wurde in Stalingrad und in Charkow die Produktion von Traktoren in knapp 12-14Monaten gemeistert. Gegenwärtig erfüllt das Stalingrader Traktorenwerk den Plan nicht nur entsprechend der projektierten Kapazität, es liefert nicht nur 144 Traktoren täglich, sondern es liefert manchmal 160 Traktoren, das heißt, es arbeitet über die projektierte Kapazität hinaus. Das führe ich als Beispiel an. Unsere Traktorenindustrie ist eine neue Industrie, früher hatten wir keine. Auch in der Flugzeugindustrie, die neu und kompliziert ist, wurde die Technik ebenfalls schnell gemeistert. In der Automobilindustrie verhält es sich mit der schnellen Meisterung der Technik genauso. Das gleiche gilt für den Werkzeugmaschinenbau.

Meiner Meinung nach erklärt sich die schnelle Meisterung der Produktion von Maschinen nicht aus besonderen Fähigkeiten der russischen Arbeiter, sondern daraus, dass die Produktion von, sagen wir, Flugzeugen, Flugzeugmotoren, Traktoren, Automobilen, Werkbänken bei uns nicht als private Angelegenheit des Menschen gilt, sondern als Angelegenheit des Staates. Dort, im Westen, produzieren die Arbeiter, um Arbeitslohn zu erhalten, und alles andere kümmert sie nicht. Bei uns gilt die Produktion als Angelegenheit der Gesellschaft, als Angelegenheit des Staates, gilt als Sache der Ehre. Das ist es, warum bei uns die neue Technik so schnell gemeistert wird.

Ich bin überhaupt der Meinung, dass man die Frage nicht so stellen darf, als wären die Arbeiter irgendeiner Nation unfähig, die moderne Technik zu meistern. Vom Rassenstandpunkt aus gelten zum Beispiel in Amerika die Neger als „minderwertig“, jedoch meistern sie die Technik nicht schlechter als die Weißen. Die Frage, wie die Arbeiter dieser oder jener Nation die Technik meistern, ist keine biologische Frage, keine Frage der Erbanlagen, sondern eine Frage der Zeit: hat man sie heute nicht gemeistert, so wird man sie morgen erlernen und meistern. Die Technik kann jeder meistern, auch der Buschmann, wenn man ihm hilft.

Robins. Es bedarf auch des Bestrebens, des Wunsches, sie zu meistern.

Stalin. Selbstverständlich. Der Wunsch und das Bestreben sind bei den russischen Arbeitern mehr als genug vorhanden. Sie halten die Meisterung der neuen Technik für eine Sache der Ehre.

Robins. Das habe ich bereits in Ihren Fabriken bemerkt, wo ich sah, dass der sozialistische Wettbewerb einen neuen Elan, ein neues Streben hervorbringt, was durch Geld niemals erkauft werden kann, denn die Arbeiter erwarten von dieser ihrer Arbeit etwas Besseres und Größeres, als man mit Geld erlangen kann.

Stalin. Das stimmt. Das ist eine Sache der Ehre.

Robins. Ich nehme nach Amerika Diagramme mit über die Entwicklung des Arbeitererfindungswesens und der von Arbeitern gemachten schöpferischen Vorschläge, die die Produktion verbessern und bedeutende Ersparnisse für die Produktion ergeben. Ich habe die Bilder einer ganzen Reihe von Arbeitererfindern gesehen, die der Sowjetunion, was die Verbesserung der Produktion, was Ersparnisse betrifft, sehr viel gegeben haben.

Stalin. Solche Arbeiter gibt es jetzt bei uns verhältnismäßig viel - das sind sehr fähige Leute.

Robins. Ich war in all Ihren großen Werken in Moskau - im Autowerk AMO, im Kugellagerwerk, im Fräsmaschinenwerk und in anderen-, und überall fand ich eine Organisation zur Förderung des Arbeitererfindungswesens vor. Einen besonderen Eindruck machte auf mich die Werkzeugabteilung in einer Reihe dieser Werke. Weil diese Werkzeugabteilungen ihren Werken wertvollste Werkzeuge liefern, arbeiten die Arbeiter in diesen Abteilungen mit Anspannung all ihrer Kräfte, entwickeln sie ihre ganze schöpferische Initiative und erreichen erstaunliche Resultate.

Stalin. Dessen ungeachtet gibt es bei uns auch viele Mängel. Wir haben wenige qualifizierte Arbeiter. Und wir brauchen deren sehr viel. Auch Techniker haben wir wenig. Mit jedem Jahr wächst ihre Zahl, aber trotzdem haben wir weniger, als wir brauchen. Die Amerikaner haben uns viel geholfen. Das muss man anerkennen. Sie haben besser und kühner als andere geholfen. Dafür sei ihnen gedankt.

Robins. Ich habe in Ihren Betrieben einen solchen Internationalismus angetroffen, dass ich davon sehr stark beeindruckt bin. Die Leitungen Ihrer Werke sind bereit, die technischen Errungenschaften eines beliebigen Landes - Frankreichs, Amerikas, Englands oder Deutschlands - ohne jedes Vorurteil gegen diese Länder zu übernehmen. Und mir scheint, dass gerade dieser Internationalismus es ermöglichen wird, in einer Maschine alle Vorzüge der Maschinen anderer Länder zu vereinen und vollkommenere Maschinen zu schaffen.

Stalin. Dazu wird es kommen.

Zur zweiten Frage, nämlich, dass die Industrialisierung die Landwirtwirtschaft zugrunde richte. Das ist ebenfalls eine falsche Vorstellung. Die Industrialisierung richtet unsere Landwirtschaft nicht zugrunde, sondern rettet sie, rettet den Bauern. Vor einigen Jahren war bei uns die bäuerliche Wirtschaft in hohem Grade in Klein- und Zwergwirtschaften zersplittert. Durch die zunehmende Zersplitterung der bäuerlichen Parzellen wurden sie derart klein, dass nicht einmal so viel Raum blieb, um ein Huhn auslaufen lassen zu können. Bedenken Sie dann noch die primitive landwirtschaftliche Ausrüstung wie den Hakenpflug und den heruntergekommenen Klepper, mit denen man nicht einmal gewöhnlichen Boden, es sei denn, dass er ganz weich war, bearbeiten, geschweige denn Neuland unter den Pflug nehmen konnte, und Sie erhalten ein Bild des Verfalls der Landwirtschaft. Vor 3-4 Jahren hatten wir in der UdSSR etwa 7 Millionen Hakenpflüge. Was blieb den Bauern übrig: entweder sich zum Sterben hinzulegen oder zu neuen Formen der Bodennutzung und zur maschinellen Bearbeitung des Bodens überzugehen. Daraus erklärt sich denn auch, dass der damals erlassene Aufruf der Sowjetmacht an die Bauern, ihre kleinen Parzellen zu großen Landflächen zu vereinen und sich von der Regierung Traktoren, Ernte- und Dreschmaschinen zur Bearbeitung dieser Flächen, zur Ernte und zum Drusch geben zu lassen, lebhaftesten Widerhall unter den Bauern fand. Es ist verständlich, dass die Bauern diesen Vorschlag der Sowjetregierung aufgriffen, ihre Parzellen zu großen Feldern vereinten, sich Traktoren und andere Maschinen geben ließen und so die breite Straße des landwirtschaftlichen Großbetriebs, die neue Straße der grundlegenden Verbesserung der Landwirtschaft beschritten.

Somit hat die Industrialisierung, durch die die Bauern Traktoren und andere Maschinen erhalten, die Bauern gerettet, die Landwirtschaft gerettet.

Den Prozess der dorfweisen Vereinigung der bäuerlichen Kleinwirtschaften zu Großwirtschaften nennen wir Kollektivierung und die vereinigten Großwirtschaften - Kollektivwirtschaften. Die Kollektivierung wird dadurch bedeutend erleichtert, dass es bei uns kein Privateigentum an Grund und Boden gibt, dass der Grund und Boden bei uns nationalisiert ist. Der Boden ist den Kollektivwirtschaften zur ewigen Nutzung übergeben worden, und da es bei uns kein Privateigentum an Grund und Boden gibt, gibt es auch keinen Kauf und Verkauf von Boden, und das alles erleichtert in bedeutendem Maße die Bildung und Entwicklung von Kollektivwirtschaften.

Ich will damit nicht sagen, dass dies alles, das heißt die Kollektivierung und anderes mehr, bei uns reibungslos vor sich geht. Es gibt natürlich Schwierigkeiten, und nicht wenig. Die Kollektivierung hat, wie jedes große neue Werk, nicht nur Freunde, sondern auch Feinde. Ungeachtet dessen ist die überwiegende Mehrheit der Bauern für die Kollektivierung, die Zahl ihrer Gegner aber wird immer kleiner.

Robins. Jede Vorwärtsbewegung ist mit gewissen Unkosten verbunden, das beachten wir und ziehen es in Rechnung.

Stalin. Aber ungeachtet dieser Schwierigkeiten ist eins klar - und an dieser Tatsache zweifle ich nicht im Geringsten: 95% der Bauernschaft geben zu und die Mehrheit der Bauern erkennt mit großer Freude an, dass die Kollektivierung der Landwirtschaft eine Tatsache geworden ist, von der es kein Zurück gibt. Das ist schon erreicht. Die vorherrschende Form der Landwirtschaft ist bei uns jetzt die kollektive Wirtschaft. Wenn man die Zahlen der Aussaat oder der Ernte nimmt, die Zahlen der Getreideproduktion, so liefern gegenwärtig die individuellen Bauern nicht mehr als 10-15 Prozent der gesamten Getreideerträge. Alles andere liefern die Kollektivwirtschaften.

Robins. Mich interessiert, ob es stimmt, dass die Einbringung der Ernte im vorigen Jahr unbefriedigend verlief, dass jetzt die Saatkampagne einen befriedigenden Verlauf nimmt, während die Einbringung im vorigen Jahr unbefriedigend verlief.

Stalin. Im vorigen Jahr verlief die Ernteeinbringung weniger befriedigend als im Jahre davor.

Robins. Ich habe Ihre Ausführungen gelesen und, davon ausgehend, glaube ich, dass in diesem Jahr eine erfolgreichere Ernteeinbringung gewährleistet werden wird.

Stalin. Sie wird aller Wahrscheinlichkeit nach um vieles besser verlaufen.

Robins. Ich glaube, dass Sie die großartige Errungenschaft nicht geringer bewerten als ich, die darin besteht, dass Sie die Landwirtschaft zu industrialisieren vermochten, während kein anderes Land imstande war, dies zu tun. Die Landwirtschaft aller kapitalistischen Länder macht eine tiefe Krise durch und bedarf der Industrialisierung. Die kapitalistischen Länder kommen mit der Industrieproduktion noch irgendwie zurecht, aber keins von ihnen kommt mit der Landwirtschaft zurecht. Eine große Errungenschaft der Sowjetunion ist es, dass sie an die Lösung dieser Aufgabe gegangen ist und diese Aufgabe erfolgreich bewältigt.

Stalin. Ja, das ist eine Tatsache.

Das sind unsere Errungenschaften und Mängel auf dem Gebiet der Landwirtschaft.

Jetzt die dritte Frage - bezüglich der Erziehung der Kinder und der Jugend überhaupt. Wir haben eine tüchtige, eine lebensfrohe Jugend. Unser Staat unterscheidet sich von allen anderen Staaten dadurch, dass er keine Mittel scheut, um den Kindern eine gute Pflege und der Jugend eine gute Erziehung zuteil werden zu lassen.

Robins. In Amerika ist man der Meinung, dass bei Ihnen die Entwicklung des Kindes durch bestimmte feste Grenzen eingeengt wird und dass diese Grenzen keine Freiheit für die Entwicklung des schöpferischen Geistes lassen, dass sie keine Freiheit des Geistes zulassen. Meinen Sie nicht, dass Freiheit für die Entwicklung des schöpferischen Geistes, die Freiheit, das auszudrücken, was den Geist bewegt - von außerordentlich großer Bedeutung ist?

Stalin. Das erste - betreffs der Einengung - stimmt nicht. Das zweite stimmt. Ohne Zweifel kann das Kind bei einem Regime der Abgeschlossenheit und engen Reglementierung, ohne die notwendige Freiheit und Förderung der Initiative seine Fähigkeiten nicht entwickeln. Was die Jugend anbetrifft, so stehen ihr bei uns alle Wege offen, und sie kann alle ihre Fähigkeiten frei entwickeln.

Bei uns wird das Kind nicht geschlagen, sehr selten wird es bestraft, man gibt ihm die Möglichkeit, selbst zu wählen, was ihm gefällt, man gibt ihm die Möglichkeit, den Weg zu gehen, den es sich selbst erwählt. Ich glaube, dass nirgends für das Kind, für seine Erziehung und Entwicklung so gut gesorgt wird wie bei uns, in der Sowjetunion.

Robins. Kann man in Anbetracht der Tatsache, dass die Menschen der neuen Generation sich vom Druck der Not, von den entsetzlichen wirtschaftlichen Bedingungen befreit haben, annehmen, dass diese Befreiung zu einer neuen Entfaltung der schöpferischen Energien, zum Aufblühen einer neuen Kunst, zu einem neuen Aufschwung von Kultur und Kunst führen wird, die früher durch alle diese Fesseln gehemmt wurden?

Stalin. Das ist unbedingt der Fall.

Robins. Ich bin kein Kommunist und verstehe nicht besonders viel von Kommunismus, aber ich möchte, dass Amerika an dieser Entwicklung, die hier in Sowjetrußland vor sich geht, teilnimmt, dass es die Möglichkeit erhält, dieser Entwicklung teilhaftig zu werden, dass die Amerikaner diese Möglichkeit erhalten durch Anerkennung der Sowjetunion, durch Gewährung von Krediten, durch Herstellung normaler Beziehungen zwischen den beiden Ländern, zum Beispiel im Fernen Osten, damit das gewaltige und kühne Unterfangen, an dem man bei Ihnen arbeitet, gesichert wird und erfolgreich vollendet werden kann.

Stalin (lächelt). Ich danke Ihnen für die guten Wünsche.

Robins. Zu meinen nächsten Freunden zählt der Senator Borah, der unter den Führern des amerikanischen Staates der unerschütterlichste Freund der Sowjetunion und ein Kämpfer für ihre Anerkennung war.

Stalin. Das stimmt, er bemüht sich sehr darum, dass zwischen unsern Ländern normale Beziehungen hergestellt werden. Aber leider hat er bis jetzt keinen Erfolg.

Robins. Ich bin davon überzeugt, dass alle realen Faktoren zugunsten der Herstellung normaler Beziehungen zwischen beiden Ländern jetzt bedeutend stärker wirken, als sie jemals in den letzten 15Jahren gewirkt haben.

Stalin. Das stimmt. Aber es gibt einen Faktor, der dabei hinderlich ist: England sucht das meines Erachtens zu verhindern (lächelt).

Robins. Das ist zweifellos der Fall. Aber trotzdem zwingt uns die Lage, in erster Linie von unseren eigenen Interessen auszugehen, und der Konflikt zwischen unsern eigenen Interessen und dem, wozu uns andere Länder drängen, drängt Amerika heute stärker denn je zur Herstellung solcher Beziehungen. Wir sind an der Entwicklung des amerikanischen Exports interessiert. Der einzige große Markt mit großen Möglichkeiten, die bis jetzt niemand richtig ausgenutzt hat - das ist der russische Markt. Die amerikanischen Geschäftsleute könnten, wenn sie wollten, langfristige Kredite geben. Sie sind daran interessiert, dass es im Fernen Osten ruhig ist, wozu nichts so sehr beitragen würde wie die Herstellung normaler Beziehungen zur Sowjetunion. In dieser Hinsicht ist die Erklärung des Herrn Litwinow in Genf zu der Frage, welches Land als Aggressor zu bestimmen ist, ganz und gar im Sinne des Briand-Kellogg-Paktes, der bei der Frage des Friedens eine große Rolle gespielt hat. Amerika ist an der Stabilisierung der wirtschaftlichen Beziehungen in der ganzen Welt interessiert, und wir begreifen sehr gut, dass man so lange keine normalen Wirtschaftsbeziehungen erreichen wird, wie die UdSSR abseits von dem allgemeinen Wirtschaftssystem steht.

Stalin. Das alles stimmt.

Robins. Ich war und bleibe ein unverbesserlicher Optimist. Schon früher, vor 15 Jahren, glaubte ich an die Führer der bolschewistischen Revolution. Man stellte sie damals als Agenten des deutschen Imperialismus hin, besonders Lenin hielt man für einen deutschen Agenten. Aber ich hielt und halte Lenin für den größten Menschen, für den größten Führer in der ganzen Weltgeschichte.

Ich hoffe, dass die Information, die ich aus erster Quelle erhalten habe, vielleicht dazu beitragen wird, den Plan der Annäherung und Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern zu verwirklichen, von dem ich gesprochen habe.

Stalin (lachend). Gebe Gott.

Robins (lacht). Hätten Sie sich amerikanisch ausgedrückt, würden Sie gesagt haben: „Gebe er uns stärkere Ellbogen!“ Der Amerikaner ist nicht überzeugt, dass seine Ellbogen noch recht stark sind.

Stalin. Nehmen wir an, es ist so.

Robins. Ich glaube, dass es nichts Höheres und Großartigeres gibt, als bei der Schaffung einer neuen Welt mitzuwirken, mitzuwirken bei dem, womit wir uns jetzt beschäftigen. Die Teilnahme an der Schaffung und Errichtung einer neuen Welt ist ein Faktor, der nicht nur heute, sondern auch für Jahrtausende von größter Bedeutung ist.

Stalin. Immerhin bereitet dieses Werk große Schwierigkeiten (lächelt).

Robins (lächelt). Ich danke Ihnen sehr, dass Sie mir Ihre Aufmerksamkeit gewidmet haben.

Stalin. Ich danke Ihnen, dass Sie sich nach 15 Jahren der UdSSR erinnert und ihr einen Besuch abgestattet haben.

(Beide lächeln. Robins verabschiedet sich.)

Zum ersten Mal veröffentlicht.

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