"Stalin"

Werke

Band 14

ÜBER ENGELS’ ARTIKEL
„DIE AUSWÄRTIGE POLITIK
DES RUSSISCHEN ZARENTUMS“[1]

... Der Artikel von Engels weist ... ungeachtet seiner Vorzüge ... eine Reihe von Mängeln auf, die, wenn der Artikel ohne kritische Bemerkungen veröffentlicht wird, den Leser verwirren können…

Offenbar hat sich Engels in seinem Pamphlet gegen den russischen Zarismus (der Artikel von Engels ist ein gutes Kampfpamphlet) ein wenig hinreißen lassen und dabei auf kurze Zeit einige elementare, ihm gut bekannte Dinge vergessen.

2. Engels charakterisiert die Lage in Europa und legt die Ursachen und Perspektiven des herannahenden Weltkriegs dar; er schreibt:

„Die heutige europäische Lage wird beherrscht von drei Tatsachen: 1. der Annexion von Elsass-Lothringen an Deutschland, 2. dem Drang des zarischen Rußlands nach Konstantinopel, 3. dem in allen Ländern immer heißer entbrennenden Kampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie, dessen Thermometer die überall im Aufschwung begriffene sozialistische Bewegung ist.“

„Die ersten beiden bedingen die heutige Gruppierung Europas in zwei große Heerlager. Die deutsche Annexion macht Frankreich zum Bundesgenossen von Rußland gegen Deutschland, die zarische Bedrohung Konstantinopels macht Österreich, selbst Italien zu Bundesgenossen Deutschlands. Beide Lager rüsten für einen Entscheidungskampf, für einen Krieg, wie die Welt noch keinen gesehn, wo zehn bis fünfzehn Millionen Kämpfer einander in Waffen gegenüberstehen werden. Nur zwei Umstände haben bis heute den Ausbruch dieses furchtbaren Kriegs verhindert: erstens der unerhört rasche Fortschritt der Waffentechnik, der jedes neu erfundene Gewehrmodell durch neue Erfindungen überflügelt, ehe es nur bei einer Armee eingeführt werden kann, und zweitens die absolute Unberechenbarkeit der Chancen, die totale Ungewissheit, wer aus diesem Riesenkampf schließlich als Sieget hervorgehen wird.“

„Diese ganze Gefahr eines Weltkriegs verschwindet an dem Tag, wo eine Wendung der Dinge in Rußland dem russischen Volk erlaubt, durch die traditionelle Eroberungspolitik seiner Zaren einen dicken Strich zu machen und sich mit seinen eignen, aufs äußerste gefährdeten innern Lebensinteressen zu beschäftigen, statt mit Weltherrschaftsphantasien.“

"...eine russische Nationalversammlung, um nur die dringendsten inneren Schwierigkeiten zu überwinden, muss sehr bald allem Drängen nach neuen Eroberungen einen entschiedenen Riegel vorschieben.“

„Europa gleitet wie auf einer schiefen Ebene mit wachsender Geschwindigkeit abwärts dem Abgrund eines Weltkriegs von bisher unerhörter Ausdehnung und Heftigkeit entgegen. Nur eins kann hier Halt gebieten: ein Systemwechsel in Rußland. Dass er binnen weniger Jahre kommen muss, daran kann kein Zweifel sein.“

„An dem Tage, wo die Zarenherrschaft fällt, diese letzte starke Festung der gesamteuropäischen Reaktion - an dem Tage weht ein total anderer Wind in ganz Europa.“ (Siehe den genannten Artikel).

Man kann nicht umhin zu bemerken, dass in dieser Charakteristik der Lage Europas und in der Aufzählung der Ursachen, die zum Weltkrieg führen, ein wichtiges Moment außer acht gelassen wurde, das dann eine entscheidende Rolle gespielt hat, und zwar das Moment des imperialistischen Kampfes um Kolonien, um Absatzmärkte, um Rohstoffquellen, das schon damals von sehr ernster Bedeutung war; es wurde außer acht gelassen die Rolle Englands als eines Faktors des kommenden Weltkriegs, das Moment der Widersprüche zwischen Deutschland und England, der Widersprüche, die schon damals von ernster Bedeutung waren und dann eine fast bestimmende Rolle in der Entstehung und Entwicklung des Weltkriegs spielten.

Ich glaube, dass dieses Versäumnis den Hauptmangel des Engelsschen Artikels darstellt.

Aus diesem Mangel entspringen die übrigen Mängel, unter denen die folgenden hervorzuheben nötig wäre:

a) Die Überschätzung der Rolle des Dranges des zaristischen Rußlands nach Konstantinopel im Heranreifen des Weltkriegs. Wohl hat Engels als Kriegsfaktor anfangs die Annexion von Elsass-Lothringen an Deutschland an die erste Stelle gesetzt, aber dann schiebt er dieses Moment in den Hintergrund und die Eroberungsbestrebungen des russischen Zarismus in den Vordergrund, wobei er behauptet, dass die „ganze Gefahr eines Weltkriegs an dem Tag verschwindet, wo eine Wendung der Dinge in Rußland dem russischen Volk erlaubt, durch die traditionelle Eroberungspolitik seiner Zaren einen dicken Strich zu machen“.

Das ist natürlich eine Übertreibung.

b) Die Überschätzung der Rolle der bürgerlichen Revolution in Rußland, die Rolle der „russischen Nationalversammlung“ (bürgerliches Parlament) bei der Verhütung des herannahenden Weltkrieges. Engels behauptet, der Sturz des Zarismus sei das einzige Mittel zur Verhütung des Weltkriegs. Das ist eine offensichtliche Übertreibung. Eine neue, bürgerliche Ordnung in Rußland mit ihrer „Nationalversammlung“ hätte den Krieg schon deswegen nicht verhüten können, weil die Haupttriebfedern des Krieges in der Ebene des imperialistischen Kampfes zwischen den entscheidenden imperialistischen Mächten lagen. Es handelt sich darum, dass seit der Niederlage Rußlands in der Krim (in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts) [2] die selbständige Rolle des Zarismus auf dem Gebiet der Außenpolitik Europas bedeutend zu sinken begann, und kurz vor dem imperialistischen Weltkrieg spielte das zaristische Rußland im wesentlichen die Rolle einer Hilfsreserve für die Hauptmächte Europas.

c) Die Überschätzung der Rolle der zaristischen Macht als der „letzten starken Festung der gesamteuropäischen Reaktion“ (Engels’ Worte). Dass die zaristische Macht in Rußland eine starke Festung der gesamteuropäischen (und auch der asiatischen) Reaktion war - darüber kann es keinen Zweifel geben. Aber dass sie die letzte Festung dieser Reaktion war - das ist mit Verlaub zu bezweifeln.

Es ist notwendig festzustellen, dass diese Mängel des Engelsschen Artikels nicht nur „historischen Wert“ haben. Sie haben auch eine sehr wichtige praktische Bedeutung oder mussten sie haben. In der Tat: Wenn der imperialistische Kampf um Kolonien und Einflusssphären als Faktor des herannahenden Weltkriegs außer acht gelassen wird, wenn die imperialistischen Widersprüche zwischen England und Deutschland ebenfalls außer acht gelassen werden, wenn die Annexion Elsass-Lothringens an Deutschland als Kriegsfaktor in den Hintergrund, der Drang des russischen Zarismus nach Konstantinopel als der wichtigste und sogar bestimmendste Kriegsfaktor aber in den Vordergrund geschoben wird, wenn schließlich der russische Zarismus die letzte Stütze der gesamteuropäischen Reaktion ist - ist es dann nicht klar, dass ein Krieg - sagen wir - des bürgerlichen Deutschlands gegen das zaristische Rußland kein imperialistischer, kein räuberischer, kein volksfeindlicher Krieg, sondern ein Befreiungskrieg oder fast ein Befreiungskrieg ist?

Es ist kaum zu bezweifeln, dass ein analoger Gedankengang den Sündenfall der deutschen Sozialdemokratie am 4. August erleichtern musste, als sie beschloss, für die Kriegskredite zu stimmen und die Losung der Verteidigung des bürgerlichen Vaterlandes gegen das zaristische Rußland, gegen die „russische Barbarei“ usw. verkündete.

Es ist charakteristisch, dass Engels in seinen 1891 geschriebenen Briefen an Bebel (ein Jahr nach der Veröffentlichung seines Artikels), in denen er die Perspektiven des herannahenden Krieges behandelt, direkt sagt, dass „der Sieg Deutschlands also der Sieg der Revolution ist“ , dass er schreibt, „wenn Rußland Krieg anfängt, druff auf die Russen und ihre Bundesgenossen, wer sie auch seien“.

Es ist verständlich, dass bei einem solchen Gedankengang kein Raum ist für den revolutionären Defätismus, für die Lenin sche Politik der Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg.

So steht es mit den Mängeln des Engelsschen Artikels.

Offenbar war Engels von dem damals (1890/91) sich anbahnenden französisch-russischen Bündnis, das seine Spitze gegen die österreichisch-deutsche Koalition richtete, beunruhigt und steckte sich das Ziel, in seinem Artikel die Außenpolitik des russischen Zarismus zu attackieren und der öffentlichen Meinung Europas und vor allem Englands jedes Vertrauen zu ihr zu nehmen. Aber bei der Verfolgung dieses Ziels ließ er eine Reihe anderer wichtiger und sogar bestimmender Momente außer acht, was eine Einseitigkeit des Artikels zur Folge hatte.

Lohnt es sich nach all dem Gesagten, Engels’ Artikel in unserem Kampforgan, dem „Bolschewik“, als einen richtunggebenden oder jedenfalls höchst lehrreichen Artikel abzudrucken? Denn es ist doch klar, dass eine Veröffentlichung im „Bolschewik“ bedeuten würde, ihn stillschweigend gerade als solchen zu empfehlen.

Ich denke, es lohnt sich nicht.

19. Juli 1934

Erstveröffentlichung: „Bolschewik“,
Nr. 9, Mai 1941. Aus dem Russischen.
Aus: Marx, Engels, Lenin, Stalin zur
deutschen Geschichte, Bd. II, Das 19.
Jahrhundert, 2. Halbband, Verlag: Das
neue Wort, Stuttgart, 1954.

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