"Stalin"

Werke

Band 14

REDE IM KREMLPALAST VOR DEN ABSOLVENTEN
DER AKADEMIEN DER ROTEN ARMEE

am 4. Mai 1935

Genossen! Es läßt sich nicht leugnen, dass wir in letzter Zeit große Erfolge sowohl auf dem Gebiete des Aufbaus als auch auf dem Gebiete der Verwaltung erzielt haben. Im Zusammenhang damit spricht man bei uns allzu viel von den Verdiensten der Leiter, von den Verdiensten der Führer. Ihnen schreibt man alle, fast alle unsere Errungenschaften zu. Das ist natürlich unzutreffend und unrichtig. Es kommt nicht nur auf die Führer an. Doch nicht darüber möchte ich heute sprechen. Ich möchte einige Worte über die Kader sagen, über unsere Kader im Allgemeinen und über die Kader unserer Roten Armee im Besonderen.

Ihr wisst, dass wir als Erbe der alten Zeit ein technisch rückständiges und fast bettelarmes, verheertes Land erhalten hatten. Verheert durch vier Jahre imperialistischen Krieg, nochmals verheert durch drei Jahre Bürgerkrieg, ein Land mit halbanalphabetischer Bevölkerung, mit tief stehender Technik, mit vereinzelten Industrie-Oasen, die in einem Meer von winzigen Bauernwirtschaften versanken, - das war das Land, das wir von der Vergangenheit als Erbe erhalten hatten. Die Aufgabe bestand darin, dieses Land von den Bahnen des Mittelalters und der Unwissenheit auf das Gleis der modernen Industrie und der mechanisierten Landwirtschaft hinüberzuleiten. Wie ihr seht, eine große und schwierige Aufgabe. Die Frage stand so: Entweder lösen wir diese Aufgabe in kürzester Frist und festigen den Sozialismus in unserem Land, oder wir lösen sie nicht, und dann verliert unser Land, das technisch schwach und kulturell rück-ständig ist, seine Unabhängigkeit und wird zum Spielball der imperialistischen Mächte.

Unser Land machte damals eine Periode des schlimmsten Mangels auf dem Gebiete der Technik durch. Es mangelte an Maschinen für die Industrie. Es gab keine Maschinen für die Landwirtschaft. Es gab keine Maschinen für das Verkehrswesen. Es fehlte jene elementare technische Basis, ohne die die industrielle Umgestaltung des Landes undenkbar ist. Es gab nur einzelne Voraussetzungen für die Schaffung dieser Basis. Es musste eine erstklassige Industrie geschaffen werden. Diese Industrie musste darauf eingestellt werden, dass sie fähig sei, nicht nur die Industrie, sondern auch die Landwirtschaft und auch unser Eisenbahnwesen technisch zu reorganisieren. Dafür aber musste man Opfer bringen und in allem strengste Sparsamkeit walten lassen, musste man sowohl an der Ernährung wie an Schulen und an Manufakturwaren sparen, um die notwendigen Mittel zur Schaffung einer Industrie zu akkumulieren. Einen anderen Weg zur Überwindung des Mangels auf dem Gebiete der Technik gab es nicht. Das lehrte uns Lenin , und wir sind hierbei den Fußtapfen Lenin s gefolgt.

Es ist klar, dass man in einer so großen und schwierigen Sache nicht lauter Erfolge und dazu rasche Erfolge erwarten konnte. In einer solchen Sache können sich Erfolge erst nach einigen Jahren einstellen. Daher musste man sich mit starken Nerven, mit bolschewistischer Ausdauer und zäher Geduld wappnen, um die ersten Misserfolge zu überwinden und unbeirrt dem großen Ziel zuzuschreiten, ohne Schwankungen und Kleinmut in den eigenen Reihen zu dulden.

Ihr wisst, dass wir diese Sache in ebendieser Weise betrieben haben. Aber nicht alle unsere Genossen hatten genügend starke Nerven, genügend Geduld und Ausdauer. Unter unseren Genossen fanden sich Leute, die schon nach den ersten Schwierigkeiten zum Rückzug zu blasen begannen. Das Sprichwort sagt: „Wer Altes aufrührt, ist ein schlechter Geselle“. Das ist natürlich richtig. Doch hat der Mensch ein Gedächtnis, und unwillkürlich erinnert man sich der Vergangenheit, wenn man die Ergebnisse unserer Arbeit zusammenfasst. (Heiterkeit im Saal). So gab es bei uns Genossen, die vor den Schwierigkeiten zurückschreckten und die Partei zum Rückzug aufzurufen begannen. Sie sagten: „Was soll uns eure Industrialisierung und Kollektivierung, was sollen uns eure Maschinen, eure Eisenhüttenindustrie, eure Traktoren, Mähdreschmaschinen, Automobile? Ihr tätet besser daran, mehr Manufakturwaren zu liefern, mehr Rohstoffe für die Produktion von Massenbedarfsartikeln zu kaufen und der Bevölkerung mehr von all den Kleinigkeiten zu geben, die das Leben des Menschen verschönern. Die Schaffung einer Industrie bei unserer Rückständigkeit, und noch dazu einer erstklassigen Industrie - das ist ein gefährlicher Traum.“

Gewiss, wir hätten die 3 Milliarden Rubel Valuta, die wir durch strengste Sparsamkeit aufgebracht und für die Schaffung unserer Industrie ausgegeben haben - wir hätten sie für die Einfuhr von Rohstoffen und Erhöhung der Produktion von Massenbedarfsartikeln verwenden können. Das ist auch eine Art „Plan“. Doch hätten wir bei einem solchen „Plan“ weder eine Hüttenindustrie noch einen Maschinenbau, weder Traktoren und Automobile noch Flugzeuge und Tanks. Wir würden den äußeren Feinden wehrlos gegenüberstehen. Wir hätten die Grundlagen des Sozialismus in unserem Lande untergraben. Wir wären Gefangene der Bourgeoisie geworden, der inneren wie der äußeren.

Offenbar musste man zwischen zwei Plänen wählen: zwischen dem Plan des Rückzugs, der zur Niederlage des Sozialismus geführt hätte und führen musste, und dem Plan des Angriffs, der zum Siege des Sozialismus in unserem Lande führte und, wie ihr wisst, bereits geführt hat.

Wir haben den Plan des Angriffs gewählt und sind auf dem Lenin schen Wege vorwärts geschritten, wobei wir diese Genossen beiseite schoben als Leute, die nur das vor der Nase Liegende halbwegs sahen, dagegen vor der nächsten Zukunft unseres Landes, vor der Zukunft des Sozialismus in unserem Lande, die Augen verschlossen.

Doch beschränkten sich diese Genossen nicht immer auf Kritik und passiven Widerstand. Sie drohten uns mit der Entfachung eines Aufstandes in der Partei gegen das Zentralkomitee. Mehr noch: Sie bedrohten manchen von uns mit Kugeln. Offensichtlich rechneten sie darauf, uns einzuschüchtern und uns zu zwingen, von dem Lenin schen Wege abzuschwenken. Diese Leute hatten offenbar vergessen, dass wir Bolschewiki Menschen von besonderem Schlage sind. Sie hatten vergessen, dass sich die Bolschewiki weder durch Schwierigkeiten noch durch Drohungen einschüchtern lassen. Sie hatten vergessen, dass uns der große Lenin , unser Führer, unser Lehrer, unser Vater, geschmiedet hat, der keine Furcht im Kampfe kannte und sie auch nicht gelten ließ. Sie hatten vergessen, dass die Bolschewiki, je stärker die Feinde toben und je mehr die Gegner im Innern der Partei in Hysterie verfallen, um so mehr für neue Kämpfe entbrennen und um so ungestümer vorwärts streben.

Es versteht sich von selbst, dass wir gar nicht daran dachten, von dem Lenin schen Wege abzuschwenken. Mehr noch, nachdem wir endgültig diesen Weg eingeschlagen hatten, eilten wir noch ungestümer vorwärts, alle und jede Hindernisse aus dem Wege räumend. Freilich mussten wir dabei unterwegs manchem dieser Genossen Rippenstöße versetzen. Aber da ist nun einmal nichts zu machen. Ich muss gestehen, dass auch ich hierbei mit Hand angelegt habe. (Stürmischer Beifall, Hurrarufe).

Jawohl, Genossen, wir sind sicher und zielbewusst den Weg der Industrialisierung und Kollektivierung unseres Landes gegangen. Und jetzt kann man sagen, dass wir diesen Weg bereits zurückgelegt haben.

Jetzt erkennen bereits alle an, dass wir auf diesem Wege gewaltige Erfolge errungen haben. Jetzt erkennen alle an, dass wir nunmehr eine mächtige und erstklassige Industrie haben, eine mächtige und mechanisierte Landwirtschaft, ein in Entwicklung und im Aufstieg begriffenes Verkehrswesen, eine organisierte und technisch prächtig ausgerüstete Rote Armee.

Das bedeutet, dass wir die Periode des Mangels auf dem Gebiete der Technik im Wesentlichen bereits überwunden haben.

Aber nach Überwindung der Periode des Mangels auf dem Gebiete der Technik sind wir in eine neue Periode eingetreten, in eine Periode, möchte ich sagen, des Mangels auf dem Gebiete der Menschen, auf dem Gebiete der Kader, auf dem Gebiete der Arbeitskräfte, die es verstehen, die Technik zu meistern und vorwärts zu bringen. Es handelt sich darum, dass wir Fabriken, Werke, Kollektivwirtschaften, Sowjetwirtschaften, ein Verkehrswesen, eine Armee haben, dass die Technik für all dies vorhanden ist, dass es aber an Leuten mit ausreichender Erfahrung fehlt, die notwendig ist, um aus der Technik das Höchstmaß dessen herauszuholen, was aus ihr herausgeholt werden kann. Früher sagten wir: „Die Technik entscheidet alles.“ Diese Losung hat uns in der Beziehung geholfen, dass wir dem Mangel auf dem Gebiet der Technik ein Ende bereitet und in allen Tätigkeitszweigen die breiteste technische Basis für die Ausrüstung unserer Arbeiter mit erstklassiger Technik geschaffen haben. Das ist sehr gut. Aber das ist noch lange, lange nicht genug. Um die Technik in Bewegung zu setzen und sie restlos auszunutzen, braucht man Menschen, die diese Technik meistern, braucht man Kader, die fähig sind, sich diese Technik anzueignen und sie nach allen Regeln der Kunst auszunutzen.

Eine Technik ohne Menschen, die sie gemeistert haben, ist tot. Eine Technik mit Menschen an der Spitze, die die Technik gemeistert haben, kann und muss Wunder vollbringen. Hätten wir in unseren erstklassigen Werken und Fabriken, in unseren Sowjet- und Kollektivwirtschaften, in unserem Verkehrswesen, in unserer Roten Armee die genügende Anzahl von Kadern, die fähig sind, diese Technik zu bewältigen, so würde unser Land dreimal und viermal so große Leistungen erzielen wie heute. Das ist der Grund, warum jetzt das Schwergewicht auf die Menschen, auf die Kader, auf die Funktionäre gelegt werden muss, die die Technik meistern. Das ist der Grund, warum die alte Losung, „Die Technik entscheidet alles“ , durch die eine bereits hinter uns liegende Periode, die Periode des Mangels auf dem Gebiete der Technik, gekennzeichnet ist, jetzt durch eine neue Losung ersetzt werden muss, durch die Losung: „Die Kader entscheiden alles“. Das ist jetzt die Hauptsache.

Kann man sagen, dass man bei uns die große Bedeutung dieser neuen Losung begriffen und voll erfasst hat? Ich möchte das nicht sagen. Sonst hätten wir kein so unerhörtes Verhalten zu den Menschen, den Kadern, den Arbeitskräften, wie wir es nicht selten in unserer Praxis beobachten. Die Losung „Die Kader entscheiden alles“ erfordert, dass unsere Leiter das sorgsamste Verhalten zu unseren Arbeitskräften, den „kleinen“ und „großen“, auf welchem Gebiete sie auch arbeiten mögen, an den Tag legen, sie sorgsam hegen und pflegen, ihnen helfen, wenn sie der Unterstützung bedürfen, sie ermuntern, wenn sie die ersten Erfolge aufzuweisen haben, sie aufrücken lassen usw. Indes sehen wir in der Praxis eine ganze Reihe von Fällen herzlos bürokratischen und geradezu unerhörten Verhaltens zu den Arbeitskräften. Das erklärt ja auch im Grunde, dass man mit den Menschen, anstatt sie kennen zu lernen und sie erst, nachdem man sie kennen gelernt hat, auf ihre Posten zu stellen, nicht selten wie mit Schachfiguren umspringt. Die Maschinen zu schätzen und darüber zu berichten, wie es um die technische Ausrüstung der Werke und Fabriken bestellt ist, das hat man gelernt. Aber ich kenne keinen einzigen Fall, wo man mit der gleichen Lust darüber berichtet hätte, wie viel Menschen wir in einer bestimmten Periode herangebildet und wie wir ihnen geholfen haben, sich zu entwickeln und sich in der Arbeit zu stählen. Wodurch ist das zu erklären? Das ist dadurch zu erklären, dass man bei uns noch nicht gelernt hat, die Menschen zu schätzen, die Arbeitskräfte zu schätzen, die Kader zu schätzen.

Ich erinnere mich eines Falles in Sibirien, wo ich eine Zeitlang in der Verbannung lebte. Es war im Frühjahr, zur Zeit des Hochwassers. Dreißig Mann waren zum Fluss gegangen, um Holz herauszufischen, das von dem tobenden, gewaltigen Strom weggeschwemmt worden war. Am Abend kamen sie ins Dorf zurück, ein Kamerad aber fehlte. Auf die Frage, wo denn der dreißigste Mann sei, antworteten sie gleichgültig, dass der dreißigste „dort geblieben“ sei. Auf meine Frage: „Wieso denn dort geblieben?“ antworteten sie mit derselben Gleichgültigkeit: „Was gibt’s denn da noch zu fragen, er ist eben ertrunken.“ Und in demselben Augenblick eilte einer von ihnen irgendwohin und sagte: „Die Stute muss getränkt werden.“ Auf meinen Vorwurf, dass ihnen am Vieh mehr liege als an den Menschen, antwortete einer unter allgemeiner Zustimmung der anderen: „Was liegt uns schon an ihnen, an den Menschen? Menschen können wir immer machen. Aber eine Stute ... versuche mal. eine Stute zu machen.“ (Allgemeine Bewegung im Saal). Da habt ihr einen vielleicht wenig bedeutsamen, aber sehr charakteristischen Zug. Mir scheint, dass das gleichgültige Verhalten mancher unserer Leiter zu den Menschen, zu den Kadern, und das Unvermögen, die Menschen zu schätzen, ein Überbleibsel jenes sonderbaren Verhaltens der Menschen zu Menschen ist, das in der eben erzählten Episode aus dem fernen Sibirien zum Ausdruck kam.

Darum, Genossen, müssen wir, wenn wir den Mangel an Menschen überwinden und es erreichen wollen, dass unser Land Kader in genügender Anzahl hat, die fähig sind, die Technik vorwärts zu bringen und in Bewegung zu setzen, vor allen Dingen lernen, die Menschen zu schätzen, die Kader zu schätzen, jede Arbeitskraft zu schätzen, die fähig ist, unserer gemeinsamen Sache Nutzen zu bringen. Man muss endlich begreifen, dass von allen wertvollen Kapitalien, die es in der Welt gibt, das wertvollste und entscheidendste Kapital die Menschen, die Kader sind. Man muss begreifen, dass unter unseren heutigen Verhältnissen „die Kader alles entscheiden“. Haben wir gute und zahlreiche Kader in der Industrie, in der Landwirtschaft, im Verkehrswesen, in der Armee, so wird unser Land unbesiegbar sein. Haben wir solche Kader nicht, so werden wir auf beiden Beinen hinken.

Zum Schluss meiner Rede gestattet mir, einen Toast auszubringen auf das Wohl und das Gedeihen unserer Absolventen der Akademie der Roten Armee! Ich wünsche ihnen Erfolg bei der Organisierung und Leitung der Verteidigung unseres Landes!

Genossen! Ihr habt die Hochschule beendet und dort die erste Stählung erhalten. Doch ist die Schule nur eine Vorstufe. Die wirkliche Stählung der Kader erfolgt in der lebendigen Arbeit, außerhalb der Schule, im Kampf mit Schwierigkeiten, bei der Überwindung von Schwierigkeiten. Denkt daran, Genossen, dass nur diejenigen Kader gut sind, die keine Schwierigkeiten fürchten, die sich nicht vor den Schwierigkeiten verstecken, sondern im Gegenteil den Schwierigkeiten entgegentreten, um sie zu überwinden und zu beseitigen. Nur im Kampfe mit Schwierigkeiten werden richtige Kader geschmiedet. Und wenn unsere Armee in genügender Menge wirklich gestählte Kader haben wird, dann wird sie unbesiegbar sein.

Auf euer Wohl, Genossen! (Stürmischer Beifall im ganzen Saal. Alle erheben sich und jubeln Genossen Stalin mit lauten Hurrarufen zu).

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