"Stalin"

Werke

Band 14

REDE IN DER WÄHLERVERSAMMLUNG
DES STALIN WAHLBEZIRKS
DER STADT MOSKAU

11. Dezember 1937 im Großen Theater

Genossen!

Offen gestanden hatte ich nicht die Absicht, das Wort zu ergreifen. Aber unser verehrter Nikita Sergejewitsch hat mich, man kann sagen, mit Gewalt hierher, in die Versammlung geschleppt: „Halte“, sagte er, „eine gute Rede.“ Worüber sprechen, was für eine Rede? Alles, was vor den Wahlen zu sagen war, ist bereits in den Reden unserer führenden Genossen, der Genossen Kalinin, Molotow, Woroschilow, Kaganowitsch und vieler anderer verantwortlicher Genossen gesagt und abermals gesagt worden. Was kann man diesen Reden noch hinzufügen?

Einige Fragen der Wahlkampagne, so wird gesagt, bedürfen noch der Erläuterung. Was für Erläuterungen, zu welchen Fragen? Alles, was zu erläutern war, ist bereits erläutert und abermals erläutert worden in den bekannten Aufrufen der Partei der Bolschewiki, des Kommunistischen Jugendverbandes, des Zentralrates der Gewerkschaften der Sowjetunion, des Ossoaviachim[3], des Komitees für Körperkultur. Was kann man diesen Erläuterungen noch hinzufügen?

Man könnte natürlich so eine Art Wald- und Wiesenrede halten, über alles und nichts. (Heiterkeit). Es ist möglich, dass eine solche Rede die Zuhörer amüsieren würde. Man sagt, es gebe Meister in solchen Reden nicht nur drüben in den kapitalistischen Ländern, sondern auch bei uns, im Sowjetlande. (Heiterkeit, Beifall). Aber erstens bin ich kein Meister in solchen Reden. Zweitens, lohnt es sich für uns, jetzt, wo wir Bolschewiki alle, wie man so sagt, „bis über die Ohren in der Arbeit stecken“, uns mit amüsanten Dingen zu befassen? Ich glaube, nein.

Es ist klar, dass man unter solchen Umständen schwerlich eine gute Rede halten kann.

Immerhin aber, da ich nun schon auf die Tribüne gekommen bin, muss ich natürlich, so oder anders, sei es auch nur etwas sagen. (Lebhafter Beifall).

Vor allem möchte ich den Wählern danken (Beifall) für das Vertrauen, das sie mir erwiesen haben. (Beifall).

Man hat mich als Deputierten-Kandidaten aufgestellt, und die Wahlkommission des Stalin-Wahlbezirks der Sowjethauptstadt hat mich als Deputierten-Kandidaten registriert. Das ist, Genossen, ein großes Vertrauen. Gestattet mir, euch meinen tief gefühlten bolschewistischen Dank auszusprechen für das Vertrauen, das ihr der Partei der Bolschewiki, deren Mitglied ich bin, und mir persönlich, als Vertreter dieser Partei, erwiesen habt. (Lebhafter Beifall).

Ich weiß, was Vertrauen heißt. Es erlegt mir natürlich neue, zusätzliche Verpflichtungen auf und folglich neue, zusätzliche Verantwortung. Nun denn, bei uns Bolschewiki ist es nicht üblich, sich der Verantwortung zu entziehen. Ich nehme sie gern auf mich. (Stürmischer, anhaltender Beifall).

Meinerseits, Genossen, möchte ich euch versichern, dass ihr euch getrost auf Genossen Stalin verlassen könnt. (Stürmische, lange nicht enden wollende Ovation, Zuruf aus dem Saal: „Und wir alle stehen hinter Genossen Stalin!“). Ihr könnt darauf zählen, dass Genosse Stalin es verstehen wird, seine Pflicht zu erfüllen vor dem Volke (Beifall), vor der Arbeiterklasse (Beifall), vor der Bauernschaft (Beifall), vor der Intelligenz. (Beifall).

Weiter möchte ich euch, Genossen, beglückwünschen zu dem kommenden Fest des ganzen Volkes, dem Tag der Wahlen zum Obersten Sowjet der Sowjetunion. (Lebhafter Beifall). Die bevorstehenden Wahlen sind nicht einfach Wahlen, Genossen. Das ist wirklich ein allgemeines Volksfest unserer Arbeiter, unserer Bauern, unserer Intelligenz. (Stürmischer Beifall). Niemals noch in der Welt hat es solche wirklich freien und wirklich demokratischen Wahlen gegeben, niemals! Die Geschichte kennt kein zweites derartiges Beispiel. (Beifall). Es handelt sich nicht darum, dass die Wahlen bei uns allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlen sein werden, obwohl schon das an und für sich große Bedeutung hat. Es handelt sich darum, dass die allgemeinen Wahlen bei uns vor sich gehen werden als die allerfreiesten und allerdemokratischsten Wahlen, verglichen mit den Wahlen in einem beliebigen anderen Lande der Welt.

Allgemeine Wahlen gibt es und kennt man auch in manchen kapitalistischen Ländern, in den so genannten demokratischen Ländern. Aber unter was für Verhältnissen gehen dort die Wahlen vor sich? Unter den Verhältnissen der Klassenzusammenstöße, unter den Verhältnissen der Klassenfeindschaft, unter den Verhältnissen des Drucks der Kapitalisten, Gutsbesitzer, Bankiers und sonstigen Haifische des Kapitalismus auf die Wähler. Solche Wahlen kann man, selbst wenn sie allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlen sind, keine völlig freien und völlig demokratischen Wahlen nennen.

Im Gegensatz dazu gehen bei uns, in unserem Lande, die Wahlen unter ganz anderen Verhältnissen vor sich. Bei uns gibt es keine Kapitalisten, keine Gutsbesitzer, folglich auch keinen Druck der besitzenden auf die besitzlosen Klassen. Bei uns gehen die Wahlen vor sich unter den Verhältnissen der Zusammenarbeit der Arbeiter, der Bauern, der Intelligenz, unter den Verhältnissen ihres gegenseitigen Vertrauens, unter den Verhältnissen, ich möchte sagen, ihrer gegenseitigen Freundschaft, weil es bei uns keine Kapitalisten, keine Gutsbesitzer, keine Ausbeutung gibt, und weil es ja eigentlich niemanden gibt, der einen Druck auf das Volk ausüben könnte, um seinen Willen zu verfälschen.

Eben darum sind unsere Wahlen die einzigen wirklich freien und wirklich demokratischen Wahlen in der ganzen Welt. (Lebhafter Beifall).

Zu solchen freien und wirklich demokratischen Wahlen konnte es nur kommen auf dem Boden des Sieges der sozialistischen Ordnung, nur aufgrund der Tatsache, dass der Sozialismus bei uns nicht einfach aufgebaut wird, sondern bereits in das Dasein, in den Alltag des Volkes eingegangen ist. Vor etwa zehn Jahren hätte man noch darüber diskutieren können, ob man bei uns den Sozialismus aufbauen kann oder nicht.

Heute ist das schon keine Diskussionsfrage mehr. Heute ist das eine Frage der Tatsachen, eine Frage des lebendigen Lebens, eine Frage des Alltags, die das ganze Leben des Volkes durchdringt. In unseren Fabriken und Werken wird ohne Kapitalisten gearbeitet. Geleitet wird die Arbeit von Menschen aus dem Volk. Eben das heißt bei uns Sozialismus in der Praxis. Auf unseren Feldern arbeiten die Werktätigen des Dorfes ohne Gutsbesitzer, ohne Kulaken. Geleitet wird die Arbeit von Menschen aus dem Volk. Eben das heißt bei uns Sozialismus im Alltag, eben das heißt bei uns freies, sozialistisches Leben.

Auf dieser Grundlage entstanden denn auch bei uns neue, wirklich freie und wirklich demokratische Wahlen, Wahlen, die in der Geschichte der Menschheit ihresgleichen nicht kennen.

Wie sollte man euch nach alledem zu dem Triumphtag des ganzen Volkes nicht beglückwünschen, dem Tag der Wahlen zum Obersten Sowjet der Sowjetunion! (Stürmische Ovation im ganzen Saal).

Weiter möchte ich euch, Genossen, einen Rat geben, den Rat eines Deputierten-Kandidaten an seine Wähler. Nimmt man die kapitalistischen Länder, so bestehen dort zwischen Deputierten und Wählern gewisse eigenartige, ich möchte sagen, ziemlich sonderbare Beziehungen. Solange die Wahlen im Gange sind, liebäugeln die Deputierten mit den Wählern, scharwenzeln vor ihnen, schwören ihnen Treue, geben einen Haufen aller möglichen Versprechungen. Es scheint, als sei die Abhängigkeit der Deputierten von den Wählern vollständig. Sobald aber die Wahlen stattgefunden und die Kandidaten sich in Deputierte verwandelt haben, ändern sich die Beziehungen von Grund aus. Statt der Abhängigkeit der Deputierten von den Wählern erweist es sich, dass sie völlig unabhängig sind. Für die Dauer von vier oder fünf Jahren, d. h. unmittelbar bis zu den neuen Wahlen, fühlt sich der Deputierte völlig frei, unabhängig vom Volke, von seinen Wählern. Er kann von einem Lager ins andere hinüberwechseln, er kann vom richtigen Wege auf einen falschen abgleiten, er kann sich sogar in gewisse Machinationen nicht ganz sauberen Charakters verstricken, er kann Purzelbäume schlagen wie es ihm beliebt - er ist unabhängig.

Kann man solche Beziehungen als normal betrachten? In keinem Fall, Genossen. Diesen Umstand hat unsere Verfassung berücksichtigt und hat ein Gesetz festgelegt, nach dem die Wähler das Recht haben, ihre Deputierten vor Ablauf der Frist abzuberufen, wenn sie Flausen zu machen beginnen , wenn sie vom Wege abweichen, wenn sie ihre Abhängigkeit vom Volk, von der Wählern, vergessen.

Das ist ein ausgezeichnetes Gesetz, Genossen. Der Deputierte muss wissen, dass er Diener des Volkes, sein Abgesandter im Obersten Sowjet ist, und er muss die Linie befolgen, die ihm durch den Auftrag des Volkes gegeben wurde. Weicht er vom Wege ab, so haben die Wähler das Recht, die Ansetzung neuer Wahlen zu fordern, und es ist ihr Recht, dem vom Wege abgewichenen Deputierten schleunigst den Laufpass zu geben. (Heiterkeit, Beifall). Das ist ein ausgezeichnetes Gesetz. Mein Rat, der Rat eines Deputierten-Kandidaten an seine Wähler ist, dieses Recht der Wähler nicht zu vergessen - das Recht, die Deputierten vor Ablauf der Frist abzuberufen, die Tätigkeit ihrer Deputierten zu verfolgen, sie zu kontrollieren und sie, sollte es ihnen einfallen, vom richtigen Wege abzuweichen, abzuschütteln und die Ansetzung neuer Wahlen zu fordern. Die Regierung ist verpflichtet, neue Wahlen anzusetzen. Mein Rat ist, dieses Gesetz nicht zu vergessen und davon gelegentlich Gebrauch zu machen.

Schließlich noch einen Rat eines Deputierten-Kandidaten an seine Wähler. Was soll man überhaupt von seinen Deputierten fordern, wenn man aus allen möglichen Forderungen nur die allerelementarsten Forderungen herausgreift?

Die Wähler, das Volk, müssen von ihren Deputierten fordern, dass sie auf der Höhe ihrer Aufgaben bleiben; dass sie in ihrer Arbeit nicht auf das Niveau politischer Spießer hinabsinken; dass sie auf dem Posten von Politikern Lenin schen Typus bleiben; dass sie Politiker von ebensolcher Klarheit und Bestimmtheit seien, wie Lenin es war (Beifall); dass sie ebenso furchtlos im Kampfe und ebenso schonungslos gegen die Feinde des Volkes seien, wie Lenin es war (Beifall); dass sie frei von jeder Panik seien, von jeder Spur einer Panik, wenn die Lage sich kompliziert und am Horizont sich irgendeine Gefahr abzeichnet, dass sie ebenso frei von jeder Spur einer Panik seien, wie Lenin davon frei war (Beifall); dass sie bei der Entscheidung komplizierter Fragen, wo allseitige Orientierung und allseitige Erwägung jedes Für und Wider nötig ist, ebenso weise und bedachtsam seien, wie Lenin es war (Beifall); dass sie ebenso wahrhaft und ehrlich seien, wie Lenin es war (Beifall); dass sie ihr Volk ebenso lieben, wie Lenin es liebte. (Beifall).

Können wir sagen, dass alle Deputierten-Kandidaten Funktionäre eben dieser Art sind? Ich möchte das nicht sagen. Es gibt die verschiedensten Menschen auf der Welt, es gibt die verschiedensten Politiker auf der Welt. Es gibt Menschen, von denen man nicht sagen kann, wer sie sind, ob sie gut oder schlecht, ob sie tapfer oder feige, ob sie bis zum letzten für das Volk oder ob sie für die Feinde des Volkes sind. Es gibt solche Menschen, und es gibt solche Funktionäre. Es gibt sie auch bei uns, unter den Bolschewiki. Ihr wisst selbst, Genossen: keine Familie ohne Missratenen. (Heiterkeit, Beifall). Über solche Menschen von unbestimmtem Typus, über Menschen, die eher an politische Spießer erinnern als an politische Funktionäre, über Menschen von solchem unbestimmten, verschwommenen Typus hat der große russische Schriftsteller Gogol recht treffend gesagt: „Leute sind’s“, sagte er, „ganz unbestimmt, weder dies noch das, du weißt nicht, was es für Leute sind, weder sind sie in der Stadt Bogdan noch im Dorf Selifan.“ (Heiterkeit, Beifall). Von solchen unbestimmten Menschen und Funktionären sagt bei uns ebenfalls ziemlich treffend der Volksmund: „Der Mensch ist so, so, weder Fisch noch Fleisch“, (allgemeine Heiterkeit, Beifall), „dem Herrgott keine Kerze und dem Teufel kein Schüreisen.“ (Allgemeine Heiterkeit, Beifall).

Ich kann nicht mit voller Überzeugung sagen, dass es unter den Deputierten-Kandidaten (ich bitte sie natürlich sehr um Verzeihung) und unter unseren Funktionären nicht Leute gibt, die am ehesten an politische Spießer erinnern, die ihrem Charakter nach, ihrer ganzen Physiognomie nach an Menschen des Typus erinnern, von denen eben das Volk sagt: „Dem Herrgott keine Kerze und dem Teufel kein Schüreisen.“ (Heiterkeit, Beifall).

Ich möchte, Genossen, dass ihr eure Deputierten systematisch beeinflusst, dass ihr ihnen einschärft, das große Vorbild des großen Lenin stets vor Augen zu haben und Lenin in allem nachzueifern. (Beifall).

Die Funktionen der Wähler enden nicht mit den Wahlen. Sie erstrecken sich über die ganze Periode des Bestehens des Obersten Sowjets einer gegebenen Legislaturperiode. Ich habe schon über das Gesetz gesprochen, das den Wählern das Recht gibt, ihre Deputierten vor Ablauf der Frist abzuberufen, wenn sie vom richtigen Weg abweichen. Pflicht und Recht der Wähler bestehen folglich darin, dass sie ihre Deputierten während der ganzen Zeit unter Kontrolle halten und ihnen einschärfen, in keinem Fall auf das Niveau politischer Spießer hinab zu sinken, dass die Wähler ihren Deputierten einschärfen, so zu sein, wie der große Lenin war. (Beifall).

Das, Genossen, ist mein zweiter Rat an euch, der Rat eines Deputierten-Kandidaten an seine Wähler. (Stürmischer, lange nicht enden wollender Beifall, der in eine Ovation übergeht. Alle erheben sich von den Plätzen und wenden ihre Blicke der Regierungsloge zu, in die sich Genosse Stalin begibt. Rufe: „Dem großen Stalin ein Hurra!“, „Dem Genossen Stalin ein Hurra!“, „Es lebe Genosse Stalin, hurra!“, „Es lebe der erste Lenin ist - der Deputierten-Kandidat zum Sowjet der Union - Genosse Stalin! Hurra! „) .

„Prawda“, Nr. 340,
12. Dezember 1937.

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