"Stalin"

Werke

Band 14

ANTWORT AN GENOSSEN IWANOW IWAN FILIPPOWITSCH

„Teurer Genossen Stalin!

Ich bitte dringend, mir folgende Frage zu erklären: Bei uns an Ort und Stelle, ja und auch im Gebietskomitee des Komsomol besteht eine zweifache Auffassung über den endgültigen Sieg des Sozialismus in unserem Lande, d. h. man verwechselt die erste Gruppe der Widersprüche mit der zweiten. In Ihren Werken über das Schicksal des Sozialismus in der Sowjetunion ist von zwei Gruppen von Widersprüchen die Rede - von inneren und äußeren.

Von der ersten Gruppe der Widersprüche ist verständlich, dass wir sie gelöst haben - der Sozialismus hat innerhalb des Landes gesiegt.

Ich will eine Antwort über die zweite Gruppe der Widersprüche, d. h. zwischen dem Land des Sozialismus und des Kapitalismus, erhalten. Sie weisen darauf hin, dass der endgültige Sieg des Sozialismus die Lösung der äußeren Widersprüche bedeutet, die volle Garantie gegen die Intervention und folglich gegen die Restaurierung des Kapitalismus hat. Diese Gruppe der Widersprüche aber kann nur durch die Anstrengung der Arbeiter aller Länder gelöst werden.

Und auch Genosse Lenin lehrt uns: „Endgültig kann man nur im Weltmaßstab siegen, nur durch die gemeinsamen Anstrengungen der Arbeiter aller Länder.“

Auf dem Seminar der Propagandisten im Gebietskomitee des LKJVSU sagte ich, auf Ihre Werke gestützt, dass der endgültige Sieg des Sozialismus im Weltmaßstab möglich ist. Doch die Arbeiter des Gebietskomitees, Uroshenko (erster Sekretär des Gebietskomsomolkomitees) und Kaselkow (Instrukteur für Propaganda), qualifizieren meinen Auftritt als trotzkistischen Ausfall.

Ich begann, ihnen Zitate aus Ihren Werken zu dieser Frage vorzulesen, doch Uroshenko schlug mir vor, das dreibändige Sammelwerk zuzumachen, wobei er sagte: „Genosse Stalin sagte dies im Jahre 1926, wir aber haben schon 1938, damals hatten wir keinen endgültigen Sieg, jetzt aber haben wir ihn, und es ziemt sich für uns jetzt nicht, an Intervention und Restaurierung zu denken.“ Weiter sagte er, „haben wir jetzt den endgültigen Sieg des Sozialismus und die volle Garantie gegen die Intervention und die Restaurierung des Kapitalismus“. Und so rechnete man mich als einen Helfer des Trotzkismus an, enthob man mich der Propagandistenarbeit und stellte die Frage über mein Verbleiben im Komsomol.

Ich bitte Sie, Genosse Stalin, zu erklären - haben wir den endgültigen Sieg des Sozialismus oder haben wir ihn bis jetzt noch nicht? Vielleicht habe ich noch kein ergänzendes zeitgenössisches Material zu dieser Frage gefunden, in Verbindung mit der Veränderung der Gegenwart.

Ich erachte auch die Erklärung Uroshenkos als antibolschewistisch, dass die Werke des Genossen Stalin zu dieser Frage etwas veraltet seien. Und ob die Arbeiter des Gebietskomitees recht handelten, indem sie mich als Trotzkisten betrachteten. Das ist für mich sehr kränkend und beleidigend.

Ich bitte Sie, Genosse Stalin, entsagen Sie mir meine Bitte nicht und geben Sie Antwort nach der Adresse - Manturowsker Rayon, Kursker Gebiet, erster Sasemsker Dorfsowjet, Iwanow Iwan Filippowitsch.

 I. Iwanow.

 18. 1. 38

 Propagandist des LKJVSU des Manturowsker Rayons, Kursket Gebiet – Iwanow Iwan Filippowitsch.“

 

 

Sie haben natürlich Recht, Genosse Iwanow, Ihre ideologischen Gegner aber, d. h. die Genossen Uroshenko und Kaselkow, haben Unrecht. Und zwar deswegen:

Es ist zweifellos, dass die Frage über den Sieg des Sozialismus in einem Land, im gegebenen Fall in unserem Land, zwei verschiedene Seiten hat.

Die erste Seite der Frage über den Sieg des Sozialismus in unserem Lande umfasst das Problem der gegenseitigen Beziehungen der Klassen innerhalb unseres Landes. Das ist das Gebiet der inneren Beziehungen. Kann die Arbeiterklasse unseres Landes die Widersprüche mit unserer Bauernschaft überwinden und mit ihr ein Bündnis, Zusammenarbeit herstellen? Kann die Arbeiterklasse unseres Landes im Bunde mit unserer Bauernschaft die Bourgeoisie unseres Landes zerschlagen, ihr das Land, die Betriebe, Schächte usw. nehmen und mit eigenen Kräften die neue, klassenlose Gesellschaft, die vollständige sozialistische Gesellschaft aufbauen?

Das sind die Probleme, die mit der ersten Seite der Frage über den Sieg des Sozialismus in unserem Lande verbunden sind.

Der Lenin ismus antwortet auf diese Probleme bejahend. Lenin lehrt, dass „wir alles Notwendige zum Aufbau der vollständigen sozialistischen Gesellschaft haben“. Also können und müssen wir mit eigenen Kräften unsere Bourgeoisie überwinden und die sozialistische Gesellschaft aufbauen. Trotzki, Sinowjew, Kamenew und andere Herren, die dann zu Spionen und Agenten des Faschismus wurden, verneinten die Möglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in unserem Lande ohne den vorherigen Sieg der sozialistischen Revolution in den anderen Ländern, in den kapitalistischen Ländern. Diese Herren wollten dem Wesen der Sache nach unser Land zurückbringen auf den Weg der bourgeoisen Entwicklung, wobei sie ihren Rückzug durch falsche Berufungen auf den „Sieg der Revolution“ in anderen Ländern verdeckten. Und eben darum ging der Streit unserer Partei mit diesen Herren. Der weitere Verlauf der Entwicklung unseres Landes hat gezeigt, dass die Partei Recht hatte, Trotzki und Companie aber hatten Unrecht. Denn in dieser Zeit liquidierten wir schon unsere Bourgeoisie, stellten wir die brüderliche Zusammenarbeit mit unserer Bauernschaft her und bauten in den Grundzügen die sozialistische Gesellschaft auf, ungeachtet des Fehlens des Siegs der sozialistischen Revolution in anderen Ländern.

So verhält es sich mit der ersten Seite der Frage über den Sieg des Sozialismus in unserem Lande.

Ich glaube, Genosse Iwanow, dass Ihr Streit mit den Genossen Uroshenko und Kaselkow nicht diese Seite der Frage betrifft.

Die zweite Seite der Frage über den Sieg des Sozialismus in unserem Lande umfasst das Problem der Wechselbeziehungen zwischen unserem Lande und den anderen Ländern, den kapitalistischen Ländern, das Problem der Wechselbeziehungen zwischen der Arbeiterklasse unseres Landes und der Bourgeoisie der anderen Länder. Das ist das Gebiet der äußeren, der internationalen Beziehungen. Kann der siegreiche Sozialismus eines Landes, der sich in der Umkreisung einer Menge starker kapitalistischer Länder befindet, sich gegen die Gefahr eines militärischen Einfalls (Intervention) und somit gegen Versuche der Wiederherstellung des Kapitalismus in unserem Lande vollständig garantiert betrachten? Kann unsere Arbeiterklasse und unsere Bauernschaft mit eigenen Kräften, ohne ernste Hilfe der Arbeiterklasse der kapitalistischen Länder, die Bourgeoisie der anderen Länder ebenso überwinden, wie sie ihre Bourgeoisie überwunden haben? Anders gesagt: Kann man den Sieg des Sozialismus in unserem Lande als endgültig, d. h. von der Gefahr eines Kriegsüberfalls und Versuchen der Wiederherstellung des Kapitalismus frei erachten, unter der Bedingung, dass der Sieg des Sozialismus nur in einem Land vorhanden ist, die kapitalistische Umkreisung aber weiter besteht?

Das sind die Probleme, die mit der zweiten Seite der Frage über den Sieg des Sozialismus in unserem Lande verbunden sind. Der Lenin ismus antwortet auf diese Probleme verneinend. Der Lenin ismus lehrt, dass „der endgültige Sieg des Sozialismus im Sinne der vollen Garantie gegen die Restaurierung der bourgeoisen Beziehungen nur in internationalem Maßstab möglich ist“ (siehe die bekannte Resolution der XIV. Konferenz der KP(B)SU). Das bedeutet, dass die ernste Hilfe des internationalen Proletariats jene Kraft ist, ohne die die Aufgabe des endgültigen Sieges des Sozialismus in einem Lande nicht gelöst werden kann. Das bedeutet natürlich nicht, dass wir selber mit in den Schoß gelegten Händen in Erwartung der Hilfe von außen dasitzen müssen. Im Gegenteil, die Hilfe des internationalen Proletariats muss verbunden sein mit unserer Arbeit für die Stärkung der Verteidigung unseres Landes, für die Stärkung der Roten Armee und der Roten Flotte, für die Mobilisierung des ganzen Landes zum Kampf gegen einen kriegerischen Überfall und Versuche der Restaurierung der bürgerlichen Verhältnisse.

Folgendes sagt darüber Lenin :`

„Wir leben nicht nur in einem Staat, sondern in einem System von Staaten, und das Bestehen der Sowjetrepublik neben imperialistischen Staaten ist auf die Dauer undenkbar. Am Ende wird der eine oder der andere siegen. Und bis es zu diesem Ende kommt, ist eine Reihe furchtbarster Zusammenstöße zwischen der Sowjetrepublik und den bürgerlichen Staaten unvermeidlich. Das bedeutet, dass die herrschende Klasse, das Proletariat, wenn es nur herrschen will und herrschen wird, dies auch durch seine militärische Organisation beweisen muss.“ ( Lenin , AW, Bd. VIII, dt. Ausgabe, S. 35, 36).

Und ferner:

„Wir sind von Menschen, Klassen, Regierungen umgeben, die ihren Hass gegen uns offen zum Ausdruck bringen. Man muss daran denken, dass uns stets nur ein Haarbreit von jeglichem Überfall trennt.“ (Bd. XXVII, S. 117, russ.)

Das ist scharf und kräftig gesagt, aber ehrlich und wahrhaftig, ohne Beschönigung, wie Lenin zu sprechen verstand.

Auf Grundlage dieser Voraussetzungen wurde in Stalins „Probleme des Lenin ismus“ gesagt:

„Der endgültige Sieg des Sozialismus ist die volle Garantie gegen die Interventionsversuche und folglich auch gegen die Restaurierung; denn ein einigermaßen ernst zu nehmender Versuch der Restaurierung kann nur mit einer Unterstützung von außen, nur mit Unterstützung seitens des internationalen Kapitals stattfinden. Infolgedessen ist die Unterstützung unserer Revolution seitens der Arbeiter aller Länder, und noch mehr der Sieg dieser Arbeiter zumindest in einigen Ländern die unerlässliche Vorbedingung für die volle Sicherung des ersten siegreichen Landes gegen die Interventionsversuche und die Restaurierung, die unerlässliche Vorbedingung für den endgültigen Sieg des Sozialismus.“ („Probleme des Lenin ismus“, erste Folge 1932, dt. Ausgabe, S. 347).

In der Tat wäre es lächerlich und dumm, die Augen vor der Tatsache der kapitalistischen Umkreisung zu schließen und zu denken, dass unsere äußeren Feinde, z. B. die Faschisten, bei Gelegenheit nicht versuchen werden, einen Kriegsüberfall auf die UdSSR zu machen. So können nur blinde Prahler oder versteckte Feinde denken, die das Volk einschläfern wollen. Nicht weniger lächerlich wäre es zu verneinen, dass im Falle des geringsten Erfolges der Intervention die Interventen versuchen werden, in den von ihnen eingenommenen Rayons das Sowjetsystem zu zerstören und das bourgeoise System wiederherzustellen. Stellten etwa Denikin und Koltschak in den von ihnen besetzten Rayons nicht das bourgeoise System wieder her? Was sind die Faschisten besser als Denikin oder Koltschak? Die Gefahr der militärischen Intervention und der Restaurierungsversuche beim Bestehen der kapitalistischen Umkreisung können nur Tölpel oder versteckte Feinde verneinen, die durch Prahlerei ihre Feindseligkeit verdecken wollen und bestrebt sind, das Volk zu demobilisieren. Aber kann man etwa den Sieg des Sozialismus in einem Lande als endgültig betrachten, wenn dieses Land um sich die kapitalistische Umkreisung hat und wenn es nicht vollständig gegen die Gefahr der Intervention und der Restaurierung garantiert ist? Es ist klar, dass man das nicht kann.

So steht es mit der Frage über den Sieg des Sozialismus in einem Lande.

Es ergibt sich, dass diese Frage zwei verschiedene Probleme enthält: a) das Problem der inneren Beziehungen unseres Landes, d. h. das Problem der Überwindung unserer Bourgeoisie und des Aufbaus des vollständigen Sozialismus und b) das Problem der äußeren Beziehungen unseres Landes, d. h. das Problem der vollständigen Sicherung unseres Landes gegen die Gefahr der militärischen Intervention und der Restaurierung. Das erste Problem haben wir schon gelöst, da unsere Bourgeoisie schon liquidiert und der Sozialismus bereits im wesentlichen aufgebaut ist. Das nennt man bei uns den Sieg des Sozialismus, oder genauer, den Sieg des sozialistischen Aufbaus in einem Lande.

Wir könnten sagen, dass dieser Sieg ein endgültiger ist, wenn unser Land auf einer Insel liegen würde, und wenn es nicht von einer Menge anderer, kapitalistischer Länder umgeben wäre. Da wir aber nicht auf einer Insel, sondern „in einem System von Staaten“ leben, von denen ein bedeutender Teil dem Lande des Sozialismus gegenüber feindlich eingestellt ist, und die Gefahr der Intervention und Restaurierung schafft, so sagen wir offen und ehrlich, dass der Sieg des Sozialismus in unserem Lande noch kein endgültiger ist. Aber daraus folgt, dass das zweite Problem vorläufig noch nicht gelöst ist und noch gelöst werden muss. Mehr noch: Das zweite Problem kann man nicht auf die gleiche Weise lösen, auf die wir das erste Problem gelöst haben, d. h. lediglich durch die eigenen Anstrengungen unseres Landes. Das zweite Problem kann man lediglich lösen durch die Vereinigung der ernsten Anstrengungen des internationalen Proletariats mit den noch ernsteren Anstrengungen unseres ganzen Sowjetvolkes. Man muss die internationalen proletarischen Beziehungen der Arbeiterklasse der UdSSR mit der Arbeiterklasse der bourgeoisen Länder verstärken und festigen. Man muss die politische Hilfe der Arbeiterklasse der bourgeoisen Länder für die Arbeiterklasse unseres Landes für den Fall eines Kriegsüberfalls auf unser Land organisieren, desgleichen wie man jegliche Hilfe der Arbeiterklasse unseres Landes für die Arbeiterklasse der bourgeoisen Länder organisieren muss; man muss allseitig unsere Rote Armee, Rote Flotte, Rote Luftflotte, Ossoaviachim verstärken und festigen. Man muss unser ganzes Volk im Zustand der Mobilisationsbereitschaft angesichts der Gefahr eines Kriegsüberfalls halten, damit uns keinerlei „Zufälligkeit“ und keinerlei Kunststücke unserer äußeren Feinde überrumpeln können...

Aus Ihrem Brief ist zu ersehen, dass sich Genosse Uroshenko an andere, nicht ganz Lenin istische Anschauungen hält. Er behauptet, wie es sich herausstellt, dass „wir jetzt den endgültigen Sieg des Sozialismus und die volle Garantie gegen die Intervention und die Restaurierung des Kapitalismus haben“. Es kann keinen Zweifel geben, dass Genosse Uroshenko im Grunde Unrecht hat. Eine solche Behauptung des Genossen Uroschenko kann nur durch das Unverständnis der umgebenden Wirklichkeit und die Unkenntnis der elementaren Grundsätze des Lenin ismus oder aber durch leere Prahlerei eines überheblich gewordenen jungen Bürokraten erklärt werden. Wenn wir in der Tat „die volle Garantie gegen die Intervention und die Restaurierung des Kapitalismus haben“, brauchen wir denn danach eine starke Rote Armee, Rote Flotte, Rote Luftflotte, eine starke Ossoaviachim, die Verstärkung und Festigung der internationalen proletarischen Verbindungen? Wird es nicht besser sein, die Milliarden Rubel Geld, die für die Verstärkung der Roten Armee dienen, für andere Bedürfnisse zu verwenden, die Rote Armee aber bis aufs Minimum zu verringern oder sogar gänzlich auseinander zulassen? Solche Leute, wie Genosse Uroshenko, wenn sie sogar subjektiv unserer Sache ergeben sind, sind objektiv für unsere Sache gefährlich, denn sie schläfern durch ihre Prahlerei will- oder unwillkürlich (das ist ganz egal!) unser Volk ein, demobilisieren die Arbeiter und Bauern und helfen den Feinden, im Falle internationaler Komplikationen uns zu überrumpeln.

Was das anbetrifft, Genosse Iwanow, dass man Sie, wie es sich herausstellt, „der Propagandistenarbeit enthoben und die Frage über Ihr Verbleiben im Komsomol gestellt hat“, so brauchen Sie dies nicht zu befürchten. Wenn die Leute aus dem Gebietskomitee des LKJVSU wirklich dem Tschechowschen Unteroffizier Prischibejew ähnlich werden wollen, so braucht man nicht zu zweifeln, dass sie dabei verspielen werden. In unserem Lande liebt man die Prischibejews nicht.

Jetzt können Sie urteilen, ob die bekannte Stelle aus dem Buch „Probleme des Lenin ismus“ zur Frage über den Sieg des Sozialismus in einem Lande veraltet ist. Ich möchte es selber sehr, dass sie veralte, dass es auf der Welt weiter nicht mehr solch unangenehme Dinge gäbe wie die kapitalistische Umkreisung, die Gefahr eines Kriegsüberfalls, die Gefahr der Restaurierung des Kapitalismus usw. Leider aber fahren diese unangenehmen Dinge immer noch fort zu existieren.

J. Stalin

12. Februar 1938

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