"Stalin"

Werke

Band 15

ANTWORTSCHREIBEN AN OBERST PROFESSOR
DR. RASIN AUF EINEN BRIEF VOM 30. JANUAR
über Clausewitz und über Fragen des
Krieges und der Kriegskunst

23. Februar 1946

Geehrter Genosse Rasin !

Ich habe Ihren Brief vom 30. Januar über Clausewitz sowie Ihre kurz gefassten Thesen über den Krieg und die Kriegskunst erhalten.

1. Sie fragen, ob der Standpunkt Lenin s in der Bewertung von Clausewitz nicht veraltet sei.

Meiner Meinung nach ist die Frage nicht richtig gestellt.

Bei einer solchen Fragestellung könnte man glauben, dass Lenin die kriegswissenschaftliche Lehre und die kriegswissenschaftlichen Werke von Clausewitz analysiert, sie vom militärischen Standpunkt bewertet und uns eine Reihe von Leitsätzen zu militärischen Fragen hinterlassen hat, die uns als Richtschnur dienen sollen. Diese Fragestellung ist falsch, da es tatsächlich keine solchen „Thesen“ von Lenin über die kriegswissenschaftliche Lehre von Clausewitz und seine Werke gibt.

Im Unterschied zu Engels hielt sich Lenin nicht für einen Fachmann auf militärischem Gebiet. Dafür hielt er sich weder früher, das heißt vor der Oktoberrevolution, noch später nach der Oktoberrevolution bis zur Beendigung des Bürgerkrieges.

Im Bürgerkrieg verpflichtete Lenin uns, die wir damals noch junge Genossen aus dem Zentralkomitee waren, „die Kriegskunst gründlich zu studieren“. Was ihn selbst betrifft, so erklärte er uns unumwunden, dass es für ihn bereits zu spät sei, die Kriegskunst zu erlernen. Damit ist letzten Endes zu erklären, dass Lenin in seinen Urteilen über Clausewitz und seinen Bemerkungen über das Buch von Clausewitz keine rein militärischen Fragen berührt wie etwa Fragen der militärischen Strategie und Taktik und ihres Verhältnisses zueinander, der Wechselbeziehung zwischen Vormarsch und Rückzug, Verteidigung und Gegenangriff und so weiter.

Was interessierte aber dann Lenin bei Clausewitz und wofür zollte er ihm Anerkennung?

Er zollte ihm vor allem dafür Anerkennung, dass Clausewitz, der kein Marxist war und der seinerzeit als eine Autorität auf dem Gebiet der militärischen Theorie galt, in seinen Werken die bekannte marxistische These bestätigte, dass zwischen Krieg und Politik eine direkte Verbindung besteht, dass die Politik den Krieg gebiert und dass der Krieg die Fortsetzung der Politik mit den Mitteln der Gewalt ist. Lenin brauchte hier die Bezugnahme auf Clausewitz, um Plechanow, Kautsky und andere ein übriges Mal des Sozialchauvinismus und des Sozialimperialismus zu überführen. Er zollte ferner Clausewitz dafür Anerkennung, dass dieser in seinen Werken die vom Standpunkt des Marxismus richtige These bestätigte, dass unter bestimmten ungünstigen Bedingungen der Rückzug eine ebenso berechtigte Kampfform ist wie der Angriff. Lenin braucht hier die Bezugnahme auf Clausewitz, um ein übriges Mal die „linken“ Kommunisten zu überführen, die den Rückzug als berechtigte Kampfform nicht anerkennen.

Folglich ging Lenin an die Werke von Clausewitz nicht als Militärfachmann, sondern als Politiker heran und interessierte sich für diejenigen Fragen in den Werken von Clausewitz, die den Zusammenhang zwischen Krieg und Politik zeigen.

Somit sind wir als Nachfolger Lenin s in der Kritik der militärischen Doktrin von Clausewitz durch keine Andeutungen Lenin s gebunden, die unsere freie Kritik beschränken könnten.

Aber daraus folgt, dass Ihr Urteil über den Artikel des Genossen Meschtscherjakow (siehe „Wojennaja Mysl“ Nr. 6/7, Jahrgang 1945), der an der militärischen Doktrin von Clausewitz Kritik übt und sie als „Revision“ von Lenin s Einschätzung bezeichnet, verfehlt ist.

2. Haben wir überhaupt Grund, die militärische Doktrin von Clausewitz zu kritisieren ? Ja, den haben wir. Das Interesse unserer Sache und der modernen Kriegswissenschaft verpflichtet uns, nicht nur Clausewitz, sondern auch Moltke, Schlieffen, Ludendorff, Keitel und die anderen Träger der militärischen Ideologie in Deutschland zu kritisieren. In den letzten dreißig Jahren hat Deutschland zweimal der Welt einen blutigen Krieg aufgezwungen und beide Male eine Niederlage erlitten. Ist das ein Zufall? Natürlich nicht. Bedeutet das nicht, dass nicht nur Deutschland im Ganzen genommen, sondern auch seine militärische Ideologie die Prüfung nicht bestanden hat? Zweifellos. Es ist allgemein bekannt, mit welcher Hochachtung die Militärs der ganzen Welt, auch unsere russischen, auf die militärischen Autoritäten Deutschlands sahen. Muss dieser unverdienten Hochachtung nicht ein Ende gesetzt werden? Unbedingt. Nun, und dazu bedarf es der Kritik, besonders von unserer Seite, von Seiten derer, die Deutschland besiegt haben.

Was insbesondere Clausewitz betrifft, so ist er als Autorität auf dem Gebiete der Kriegstheorie natürlich veraltet. Clausewitz war eigentlich ein Vertreter des Manufakturzeitalters des Krieges. Jetzt aber stehen wir im maschinellen Zeitalter des Krieges. Zweifellos braucht das maschinelle Zeitalter neue militärische Ideologen. Es wäre lächerlich, heute bei Clausewitz in die Schule zu gellen.

Man kann nicht Fortschritte machen und die Wissenschaft voranbringen, ohne die veralteten Thesen und Äußerungen bekannter Autoritäten einer kritischen Analyse zu unterziehen. Das bezieht sich nicht nur auf die Autoritäten der Kriegstheorie, sondern auch auf die Klassiker des Marxismus. Engels sagte einmal, dass von den russischen Feldherren aus dem Jahre 1812 der General Barcley de Tolley der einzige sei, der Beachtung verdiene. Engels hat sich natürlich geirrt, denn Kutusow überragte als Feldherr unbestreitbar Barcley de Tolley um ein gewaltiges. Aber es konnte doch in unserer Zeit Leute geben, die dieses falsche Urteil von Engels rabiat verteidigen.

In unserer Kritik dürfen wir uns nicht von einzelnen Thesen und Äußerungen der Klassiker leiten lassen, sondern müssen uns an den berühmten Hinweis halten, den Lenin seinerzeit gab:

„Wir betrachten die Theorie von Marx absolut nicht als etwas Abgeschlossenes und Unantastbares; wir sind im Gegenteil davon überzeugt, dass sie nur den Grundstein zu jener Wissenschaft gelegt hat, die die Sozialisten in allen Richtungen weiterentwickeln müssen, wenn sie nicht im Leben zurückbleiben wollen. Wir sind der Meinung, dass für die russischen Sozialisten die selbstfindige Ausarbeitung der Theorie von Marx besonders nötig ist, denn diese Theorie gibt nur allgemeine Richtlinien, die im einzelnen in England anders als in Frankreich, in Frankreich anders als in Deutschland und in Deutschland anders als in Rußland zur Anwendung gelangen.“ ( Lenin , Werke, Band 4, Moskau 1946, Seite 191-192 russisch)

Eine solche Einstellung ist für uns noch notwendiger in Bezug auf die Autoritäten der Kriegstheorie.

3. Was Ihre kurz gefassten Thesen über den Krieg und die Kriegskunst betrifft, so muss ich mich wegen ihres schematischen Charakters auf allgemeine Bemerkungen beschränken. Die Thesen enthalten zuviel Philosophie und abstrakte Feststellungen. Clausewitz entlehnte Terminologie, die von der Grammatik und Logik des Krieges spricht, verletzt das Ohr. Die Frage des Parteicharakters der Kriegswissenschaft ist zu primitiv gestellt. Das Ohr verletzen auch die Lobeshymnen auf Stalin - es ist einfach peinlich, sie zu lesen. Es fehlt der Abschnitt über die Gegenoffensive (nicht zu verwechseln mit dem Gegenangriff). Ich spreche von der Gegenoffensive nach einer erfolgreichen Offensive des Feindes, die jedoch keine Entscheidung gebracht hat, während der in der Verteidigung Befindliche Kräfte sammelt, zur Gegenoffensive übergeht und dem Gegner eine entscheidende Niederlage beibringt. Ich bin der Meinung, dass eine gut organisierte Gegenoffensive eine sehr interessante Art der Offensive ist. Sie als Historiker sollten sich dafür interessieren. Schon die alten Parther kannten eine solche Gegenoffensive, als sie den römischen Feldherrn Crassus und sein Heer ins Innere ihres Landes lockten, dann zur Gegenoffensive übergingen und ihn mit seinen Truppen vernichteten. Sehr gut wusste das auch unser genialer Feldherr Kutusow, der Napoleon und seine Armee durch eine gut vorbereitete Gegenoffensive vernichtete.

J. Stalin

„Neue Welt“, Heft 7
April 1947, Seite 23-23

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