"Stalin"

Werke

Band 15

INTERVIEW MIT DEM KORRESPONDENTEN
DER „PRAWDA“
anlässlich der Rede Churchills
in Fulton (USA)

März 1946

Frage: Wie schätzen Sie die letzte Rede Churchills ein, die er in den Vereinigten Staaten von Amerika hielt?

Antwort: Ich schätze sie als einen gefährlichen Akt ein, der zum Ziele hat, Zwietracht zwischen den verbündeten Staaten zu stiften und ihre Zusammenarbeit zu erschweren.

Frage: Muss man damit rechnen, dass die Rede Churchills der Sache des Friedens und der Sicherheit Schaden zufügt?

Antwort: Ja, unbedingt. Im Grunde genommen nimmt Churchill jetzt die Stellung der Kriegsbrandstifter ein, und Churchill steht hierbei nicht allein - er hat nicht nur in England, sondern auch in den Vereinigten Staaten von Amerika Freunde.

Man muss bemerken, dass Churchill und seine Freunde in dieser Beziehung auffallend an Hitler und seine Freunde erinnern. Hitler begann die Entfesselung des Krieges damit, dass er die Rassentheorie verkündete, indem er erklärte, dass nur Leute, die deutsch sprechen, eine vollwertige Nation darstellen. Auch Churchill beginnt die Entfesselung des Krieges mit einer Rassentheorie, indem er behauptet, dass nur Nationen, die englisch sprechen, als vollwertige Nationen anzusehen seien, die dazu berufen sind, über das Schicksal der ganzen Welt zu entscheiden. Die deutsche Rassentheorie führte Hitler und seine Freunde zu der Schlussfolgerung, dass die Deutschen als einzige vollwertige Nation über die übrigen Nationen der Welt herrschen müssten. Die englische Rassentheorie bringt Churchill und seine Freunde zu der Schlussfolgerung, dass die Nationen, die englisch sprechen, als einzige vollwertige über die übrigen Nationen der Welt herrschen müssen.

Im Grunde genommen stellen Churchill und seine Freunde in England und den USA den Nationen, die nicht englisch sprechen, eine Art von Ultimatum: Erkennen Sie unsere Herrschaft freiwillig an, dann wird alles in Ordnung sein, im entgegengesetzten Falle ist der Krieg unvermeidlich.

Aber die Nationen haben im Laufe von fünf Jahren eines harten Krieges ihr Blut für die Freiheit und Unabhängigkeit ihrer Länder vergossen und nicht dafür, um die Herrschaft der Hitlers durch die Herrschaft der Churchills zu ersetzen. Es ist deshalb durchaus wahrscheinlich, dass die Nationen, die nicht englisch sprechen und dabei die erdrückende Mehrheit der Bevölkerung der Welt darstellen, mit einer neuen Sklaverei nicht einverstanden sein werden.

Die Tragödie Churchills besteht darin, dass er als eingefleischter Tory diese einfache und augenscheinliche Wahrheit nicht versteht.

Es ist unbezweifelbar, dass die Einstellung Churchills eine Einstellung für den Krieg ist, ein Aufruf zu einem Krieg gegen die UdSSR. Es ist ebenfalls klar, dass eine solche Einstellung Churdrills nicht mit dem bestehenden Bündnisvertrag zwischen England und der UdSSR in Einklang steht. Zwar erklärt Churchill beiläufig, um den Leser zu verwirren, dass die Dauer des sowjetisch-englischen Vertrages über gegenseitige Hilfe und Zusammenarbeit ohne weiteres bis zu fünfzig Jahre verlängert werden könnte. Wie soll man aber eine solche Erklärung Churchills mit seiner Einstellung zu einem Kriege mit der UdSSR, mit seiner Predigt zum Kriege gegen die UdSSR in Einklang bringen? Es ist klar, dass man beides auf keine Weise vereinen kann. Und wenn Churchill, der zu einem Kriege mit der Sowjetunion aufruft, es gleichzeitig für möglich hält, die Dauer des englisch-sowjetischen Vertrages bis zu fünfzig Jahren zu verlängern, so bedeutet das, dass er diesen Vertrag für einen einfachen Papierfetzen hält, den er lediglich dazu braucht, um sich zu decken und seine antisowjetische Einstellung zu tarnen. Deshalb darf man die lügnerischen Erklärungen der Freunde Churchills in England über die Verlängerung der Dauer des sowjetisch-englischen Vertrages bis zu fünfzig Jahren und mehr nicht ernst nehmen. Die Verlängerung der Vertragsdauer hat keinen Sinn, wenn eine der Parteien den Vertrag verletzt und ihn in einen einfachen Papierfetzen verwandelt.

Frage: Wie beurteilen Sie den Teil der Rede Churchills, in dem er über das demokratische Regime unserer europäischen Nachbarstaaten herfällt und das gute nachbarliche Einvernehmen kritisiert, welches zwischen diesen Staaten und der Sowjetunion besteht?

Antwort: Dieser Teil der Rede Churchills stellt eine Mischung von Elementen der Verleumdung mit Elementen der Grobheit und Taktlosigkeit dar.

Herr Churchill behauptet, dass „Warschau, Berlin, Prag, Wien, Budapest, Belgrad, Bukarest, Sofia, alle diese berühmten Städte und die Bevölkerung in diesen Gebieten, sich in der Sowjetsphäre befinden und in der einen oder anderen Form nicht nur dem sowjetischen Einfluss unterliegen, sondern in hohem Maße auch einer sich vergrößernden Kontrolle Moskaus“. Churchill qualifiziert dies alles als grenzenlose „expansionistische Tendenzen“ der Sowjetunion.

Es ist nicht schwer, zu zeigen, dass hierin Churchill grob und unverschämt sowohl Moskau als auch die oben erwähnten Nachbarstaaten der UdSSR verleumdet.

Erstens ist es völlig absurd, über eine ausschließliche Kontrolle von Seiten der UdSSR in Wien und Berlin zu sprechen, wo es alliierte Kontrollräte aus Vertretern der vier Staaten gibt und wo die UdSSR nur ein Viertel der Stimmen besitzt. Es kommt vor, dass manche Menschen das Verleumden nicht unterlassen können, aber man muss immerhin Maß halten.

Zweitens darf man folgenden Umstand nicht vergessen: Die Deutschen unternahmen eine Invasion in die UdSSR durch Finnland, Polen, Rumänien, Bulgarien, Ungarn. Die Deutschen vermochten die Invasion durch diese Länder durchzuführen, weil damals in diesen Ländern Regierungen bestanden, die der Sowjetunion feindlich gesinnt waren. Als Resultat dieser deutschen Invasion hat die Sowjetunion in den Kämpfen mit den Deutschen und durch die deutsche Besetzung sowie Verschleppung von Sowjetmenschen in die deutsche Zwangsarbeit unwiederbringlich etwa sieben Millionen Menschen verloren. Mit anderen Worten hat die Sowjetunion an Menschen um ein Vielfaches mehr als England und die Vereinigten Staaten von Amerika zusammen verloren. Es ist möglich, dass man hier und da geneigt ist, diese kolossalen Opfer des Sowjetvolkes, die die Befreiung Europas vom Hitlerjoch sicherten, der Vergessenheit zu überliefern. Die Sowjetunion kann sie aber nicht vergessen. Es fragt sich: Ist es verwunderlich, dass die Sowjetunion in dem Wunsche, sich für die Zukunft zu sichern, danach strebt, dass in diesen Ländern Regierungen bestehen, die zur Sowjetunion loyal eingestellt sind? Wie kann man, ohne wahnsinnig zu sein, diese friedlichen Bestrebungen der Sowjetunion als Expansionstendenzen unseres Staates darstellen?

Churchill behauptet ferner, dass „die polnische Regierung, die sich unter der Herrschaft der Russen befindet, zu gewaltigen und ungerechten Ansprüchen gegenüber Deutschland angestiftet wird“.

Hier ist jedes Wort eine grobe und beleidigende Verleumdung. Das demokratische Polen von heute wird von hervorragenden Menschen geleitet. Sie haben durch die Tat bewiesen, dass sie die Interessen und die Würde ihres Vaterlandes auf solche Art zu verteidigen wissen, wie es ihre Vorgänger nicht gewusst haben. Welchen Grund hat Churchill, zu behaupten, dass die Leiter des heutigen Polen in ihrem Lande die „Herrschaft“ der Vertreter irgendwelcher ausländischen Staaten zulassen können? Verleumdet hier Churchill die Russen nicht etwa darum, weil er die Absicht hat, den Samen der Zwietracht in die Beziehungen zwischen Polen und der Sowjetunion zu säen?

Churchill ist nicht zufrieden, dass Polen in seiner Politik eine Schwenkung auf die Seite der Freundschaft und des Bündnisses mit der UdSSR gemacht hat. Es gab eine Zeit, als in den gegenseitigen Beziehungen zwischen Polen und der UdSSR die Elemente von Konflikten und Gegensätzen vorherrschten. Dieser Umstand bot den Staatsmännern in der Art eines Churchills die Möglichkeit, diese Gegensätze auszuspielen und Polen unter dem Vorwand des Schutzes vor den Russen sich untertan zu machen und Rußland durch das Gespenst des Krieges mit Polen einzuschüchtern und für sich die Stellung eines Schiedsrichters zu bewahren. Aber diese Zeit gehört der Vergangenheit an, weil die Feindschaft zwischen Polen und Rußland der Freundschaft zwischen ihnen Platz gemacht hat, während Polen, das demokratische Polen von heute, nicht mehr der Spielball in den Händen der Ausländer zu sein wünscht. Mir scheint, dass gerade dieser Umstand Herrn Churchill reizt und ihn zu den groben und taktlosen Ausfällen gegen Polen verleitet. Es ist ja schließlich kein Spaß: Man läßt ihn nicht auf fremde Kosten spielen!

Was die Angriffe Churchills auf die Sowjetunion im Zusammenhang mit der Ausweitung der westlichen Grenzen Polens auf Kosten der in der Vergangenheit von den Deutschen eroberten polnischen Territorien anbetrifft, so schlägt er hier, wie es mir scheint, offenbar mit den Karten eine Volte. Bekanntlich wurde der Beschluss über die westlichen Grenzen Polens auf der Berliner Konferenz der Drei Mächte auf der Grundlage der polnischen Forderungen gefasst. Die Sowjetunion hat mehr als einmal erklärt, dass sie die Forderungen Polens für richtig und gerecht hält. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass Churchill mit diesem Beschluss nicht zufrieden ist, aber warum verschweigt Churchill, der mit Pfeilen gegen die Stellung der Russen in dieser Frage nicht schont, vor seinen Lesern die Tatsache, dass der Beschluss auf der Berliner Konferenz einstimmig angenommen wurde, dass für den Beschluss nicht allein die Russen, sondern auch die Engländer und Amerikaner stimmten? Warum wollte Churchill die Menschen irreführen?

Churchill behauptet ferner, dass „die kommunistischen Parteien, die in allen diesen östlichen Staaten Europas sehr unbedeutend waren, eine außerordentliche Macht erreicht haben, die ihre Zahlenstärke um ein Vielfaches übersteigt, und bestrebt sind, überall eine totalitäre Kontrolle zu errichten. Polizeiregierungen überwiegen fast in allen diesen Ländern, und bis zum heutigen Tage besteht in keinem von diesen, mit Ausnahme der Tschechoslowakei, eine wahre Demokratie“.

Bekanntlich regiert gegenwärtig in England eine Partei, die Labourpartei, den Staat, wobei die Oppositionsparteien des Rechtes beraubt sind, an der englischen Regierung teilzunehmen, Das heißt bei Churchill wahre Demokratie. In Polen, Rumänien, Jugoslawien und Ungarn regiert je ein Block von mehreren - von vier bis sechs - Parteien, wobei dort der Opposition, wenn sie mehr oder minder loyal ist, das Recht der Teilnahme an der Regierung gewährleistet ist. Das heißt bei Churchill Totalitarismus, Tyrannei, Polizeiherrschaft. Warum und mit welchem Grund - darauf brauchen Sie von Churchill keine Antwort zu erwarten. Churchill begreift nicht, in welche lächerliche Lage er sich selbst durch seine marktschreierischen Reden über Totalitarismus, Tyrannei und Polizeiherrschaft gebracht hat.

Für Churchill wäre es wünschenswert, dass Polen von Sosnkowski und Anders, Jugoslawien von Mihailovic und Pavelic, Rumänien von den Fürsten Stirbei und Radescu, Ungarn und Österreich von irgendeinem König aus dem Hause der Habsburger usw. regiert sein würden. Churchill will uns glauben machen, dass diese Herren aus dem faschistischen Hinterhof die „wahre Demokratie“ gewährleisten können. Das ist die „Demokratie“ von Churchill.

Churchill nähert sich der Wahrheit, wenn er über den wachsenden Einfluss der kommunistischen Parteien in Osteuropa spricht. Man muss jedoch bemerken, dass er nicht ganz genau ist. Der Einfluss der kommunistischen Parteien wuchs nicht allein in Osteuropa, sondern fast in allen europäischen Ländern, wo früher der Faschismus geherrscht hatte (Italien, Deutschland. Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Finnland) oder wo es eine deutsche, italienische oder ungarische Besetzung gegeben hat (Frankreich, Belgien, Holland, Norwegen, Dänemark, Polen, Tschechoslowakei, Jugoslawien, Griechenland, Sowjetunion usw.).

Den wachsenden Einfluss der Kommunisten kann man nicht für einen Zufall halten. Er stellt eine durchaus gesetzmäßige Erscheinung dar. Der Einfluss der Kommunisten ist gewachsen, weil in den schweren Jahren der faschistischen Herrschaft in Europa die Kommunisten sich als zuverlässige, kühne und opferbereite Kampfer gegen das faschistische Regime für die Freiheit der Völker erwiesen haben. Churchill erinnert sich manchmal in seinen Reden an die „einfachen Menschen aus den kleinen Häusern“, klopft ihnen jovial gönnerhaft auf die Schulter und markiert ihren Freund. Aber diese Menschen sind nicht so einfach, wie das auf den ersten Blick scheinen könnte. Sie, „die einfachen Menschen“, haben ihre Ansichten, ihre Politik, und sie können sich auch durchsetzen. Das waren sie, Millionen dieser „einfachen Menschen“, die in England Churchill und seine Partei bei den Wahlen abgelehnt haben, indem sie ihre Stimmen der Labour-Partei gaben. Das waren sie, Millionen dieser „einfachen Menschen“, die in Europa die Reaktionäre, die Anhänger der Zusammenarbeit mit dem Faschismus, isoliert und die linken demokratischen Parteien vorgezogen haben. Das waren sie, Millionen dieser „einfachen Menschen“, die, nachdem sie die Kommunisten im Feuer des Kampfes und des Widerstandes gegen den Faschismus erprobt hatten, entschieden haben, dass die Kommunisten das Vertrauen des Volkes voll und ganz verdienen. So wuchs der Einfluss der Kommunisten in Europa. Das ist das Gesetz der historischen Entwicklung.

Natürlich gefällt Churchill eine solche Entwicklung der Ereignisse nicht, er schlägt Alarm und appelliert an die Gewalt. Aber ihm gefiel auch nicht das Erscheinen des Sowjetregimes in Rußland nach dem ersten Weltkrieg. Er schlug auch damals Alarm und organisierte einen militärischen Feldzug der „vierzehn Staaten“ gegen Rußland, indem er sich das Ziel setzte, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Aber die Geschichte erwies sich stärker als die Churchill-Intervention, und die Don-Quichotte-Manieren Churchills haben dazu geführt, dass er damals eine völlige Niederlage erlitten hatte. Ich weiß nicht, ob es Churchill und seinen Freunden gelingen wird, nach dem zweiten Weltkrieg einen neuen militärischen Feldzug gegen das „östliche Europa“ zu organisieren, aber wenn ihnen dieses gelingen sollte, was wenig wahrscheinlich ist, weil Millionen der „einfachen Menschen“ als Hüter des Friedens stehen, so kann man mit Gewissheit sagen, dass sie genau so geschlagen werden, wie sie in der Vergangenheit vor 26 Jahren geschlagen worden sind.

„Tägliche Rundschau“, Nr. 61
14. März 1946

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