"Stalin"

Werke

Band 15

ANTWORTEN AUF DIE FRAGEN
DES MOSKAUER KORRESPONDENTEN
DER „SUNDAY TIMES“,
MR. ALEXANDER WERTH;
in einem Schreiben
vom 17. September 1946

24. September 1946

Frage: Glauben Sie an eine wirkliche Gefahr eines „neuen Krieges“, um die jetzt in der ganzen Welt so unverantwortlich viel geredet wird? Welche Schritte sollten unternommen werden, um den Krieg abzuwenden, wenn eine solche Gefahr besteht?

Antwort: Ich glaube nicht an eine tatsächliche Gefahr eines „neuen Krieges“. Das Geschrei um einen „neuen Krieg“ kommt jetzt hauptsächlich von militärisch-politischen Geheimdienstagenten und ihren wenigen Hintermännern in den Kreisen der zivilen Amtspersonen. Sie brauchen diesen Lärm, wenn auch nur für den Zweck, um in den Kreisen ihrer Gegenspieler

a) gewisse naive Politiker mit dem Gespenst des Krieges zu schrecken und ihren Regierungen dadurch zu helfen, bei ihren Gegenspielern so viele Konzessionen wir nur irgend möglich herauszupressen;

b) für eine gewisse Zeit eine Verminderung der Militärbudgets in ihren Ländern zu verhindern;

c) der Demobilisierung ihrer Truppen einen Damm entgegenzustellen und dadurch ein rasches Ansteigen der Arbeitslosenziffer in ihren Ländern zu verhüten.

Man muss streng zwischen dem jetzt vollführten Lärm und Geschrei um den „neuen Krieg“ und der wirklichen Gefahr eines „neuen Krieges“ unterscheiden, die gegenwärtig nicht vorhanden ist.

Frage: Glauben Sie, dass Großbritannien und die Vereinigten Staaten von Amerika bewusst eine „kapitalistische Einkreisung“ der Sowjetunion betreiben?

Antwort: Ich bin nicht der Ansicht, dass die an der Regierung befindlichen Kreise Großbritanniens und der Vereinigten Staaten von Amerika eine „kapitalistische Einkreisung“ der Sowjetunion herbeiführen könnten, selbst wenn sie einen solchen Wunsch hätten, was ich jedoch nicht behaupten kann.

Frage: Um mit den Worten zu sprechen, die Mr. Wallace in seiner letzten Rede gebrauchte, können England, Westeuropa und die Vereinigten Staaten sicher sein, dass die sowjetische Politik in Deutschland sich nicht in ein Instrument russischer, gegen Westeuropa gerichteter Ambitionen verwandeln wird?

Antwort: Ich glaube, dass eine Zunutzmachung Deutschlands durch die Sowjetunion gegen Westeuropa und die Vereinigten Staaten ausgeschlossen ist. Ich glaube, dass es nicht nur deshalb ausgeschlossen ist, weil die Sowjetunion an Großbritannien und Frankreich durch den gegenseitigen Unterstützungsvertrag gegen eine deutsche Aggression und durch die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz der drei Großmächte an die Vereinigten Staaten von Amerika gebunden ist, sondern auch deshalb, weil eine Politik der Zunutzemachung Deutschlands gegen Westeuropa und die Vereinigten Staaten von Amerika eine Abkehr der Sowjetunion von ihren grundlegenden nationalen Interessen bedeuten würde. Kurz gesagt, die Politik der Sowjetunion in Bezug auf das deutsche Problem beschränkt sich von selbst auf die Entmilitarisierung und Demokratisierung Deutschlands. Ich glaube, dass die Entmilitarisierung und Demokratisierung Deutschlands eine der bedeutendsten Garantien für die Errichtung eines stabilen und dauerhaften Friedens bildet.

Frage: Was ist Ihre Meinung über die Beschuldigungen, dass die Politik der kommunistischen Parteien in Westeuropa, „von Moskau diktiert wird“?

Antwort: Ich betrachte diese Beschuldigung als eine Absurdität, die man sich aus dem bankrotten Arsenal Hitlers und Goebbels geliehen hat.

Frage: Glauben Sie an die Möglichkeit einer freundschaftlichen und dauerhaften Zusammenarbeit zwischen der Sowjetunion und den westlichen Demokratien trotz des Vorhandenseins ideologischer Unterschiede und an einen „freundschaftlichen Wettbewerb“ zwischen den beiden Systemen, wie ihn Wallace in seiner Rede erwähnt hat?

Antwort: Ich glaube vollkommen daran.

Frage: Während des Aufenthalts der Abordnung der Labour-Partei in der Sowjetunion haben Sie, soweit ich unterrichtet bin, Ihre Gewissheit bezüglich der Möglichkeit freundschaftlicher Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Großbritannien zum Ausdruck gebracht. Was könnte zur Herstellung dieser von den großen Massen des englischen Volkes so heiß herbeigesehnten Beziehungen beitragen?

Antwort: Ich bin wirklich der Möglichkeit freundschaftlicher Beziehungen zwischen der Sowjetunion und Großbritannien gewiss. Die Stärkung der politischen, handelsmäßigen und kulturellen Bindungen zwischen diesen Ländern würde in beträchtlichem Ausmaß zur Herstellung solcher Beziehungen beitragen.

Frage: Glauben Sie, dass das frühestmögliche Zurückziehen aller amerikanischen Truppen aus China für den zukünftigen Frieden von allerhöchster Bedeutung ist?

Antwort: Ja, das glaube ich.

Frage: Glauben Sie, dass das tatsächliche Monopol der Vereinigten Staaten in Bezug auf die Atombombe eine der hauptsächlichen Bedrohungen des Friedens darstellt?

Antwort: Ich glaube nicht, dass die Atombombe eine so schwerwiegende Macht ist, wie gewisse Politiker sie hinzustellen geneigt sind. Die Atombomben sind zur Einschüchterung von Leuten mit schwachen Nerven bestimmt, sie können aber nicht über die Geschicke eines Krieges entscheiden, da sie für diesen Zweck keineswegs genügen. Gewiss schafft ein monopolistischer Besitz des Geheimnisses der Atombombe eine Bedrohung, aber dagegen gibt es zumindest zwei Mittel:

a) der monopolistische Besitz der Atombomben kann nicht lange dauern;

b) die Anwendung der Atombombe wird verboten werden.

Frage: Glauben Sie, dass mit dem weiteren Fortschreiten der Sowjetunion auf den Keil Kommunismus die Möglichkeiten friedlicher Zusammenarbeit mit der Außenwelt, soweit es die Sowjetunion betrifft, nicht geringer werden? Ist „der Kommunismus in einem Lande“ möglich?

Antwort: Ich zweifle nicht daran, dass die Möglichkeiten friedlicher Zusammenarbeit weit davon entfernt sind, geringer zu werden, sondern sich sogar noch vergrößern können. „Der Kommunismus in einem Lande“ ist durchaus möglich, besonders in einem Land wie die Sowjetunion.

Neue Welt,
Heft 10 / September 1946,
Seite 3-5

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