"Stalin"

Werke

Band 15

ANTWORTEN AUF DIE AM 23. OKTOBER 1946
VOM PRÄSIDENTEN DER AMERIKANISCHEN NACHRICHTENAGENTUR
UNITED PRESS, ILHUG BAILLIE,
GESTELLTEN FRAGEN

29. Oktober 1946

1. Frage: Stimmen Sie der Meinung des Staatssekretärs Byrnes über die zunehmende Spannung zwischen der UdSSR und den Vereinigten Staaten zu, die er in seiner Rundfunkrede am vorigen Freitag zum Ausdruck brachte?

Antwort: Nein.

2. Frage: Könnten Sie vielleicht, falls eine zunehmende Spannung besteht, die Ursache oder die Ursachen einer solchen angeben, und welche sind die Hauptmittel zu ihrer Beseitigung?

Antwort: Diese Frage fällt weg angesichts der Antwort auf die vorhergehende Frage.

3. Frage: Glauben Sie, dass die bevorstehenden Verhandlungen zum Abschluss von Friedensverträgen führen werden, die herzliche Beziehungen zwischen den Völkern - den ehemaligen Verbündeten im Kriege gegen den Faschismus - herstellen und die Gefahr der Entfesselung eines Krieges seitens der ehemaligen Achsenländer beseitigen werden?

Antwort: Ich hoffe es.

4. Frage: Was sind andernfalls die Haupthindernisse, die der Herstellung solcher herzlicher gegenseitiger Beziehungen zwischen den Völkern, die im Großen Krieg Verbündete waren, im Wege stehen?

Antwort: Diese Frage fällt weg angesichts der Antwort. auf die vorhergehende Frage.

5. Frage: Wie verhält sich Rußland zum Entschluss Jugoslawiens, den Friedensvertrag mit Italien nicht zu unterzeichnen?

Antwort: Jugoslawien hat Grund, unzufrieden zu sein,

6. Frage: Was ist Ihres Erachtens gegenwärtig die ernstlichste Bedrohung für den Frieden in der ganzen Welt?

Antwort: Die Anstifter eines neuen Krieges, vor allein Churchill und seine Gesinnungsgenossen in England und den USA.

7. Frage: Welche Schritte müssen, falls eine solche Bedrohung entstehen sollte, von den Völkern der Welt unternommen werden, um einen neuen Krieg zu vermeiden?

Antwort: Man muss die Anstifter eines neuen Krieges entlarven und bändigen.

8. Frage: Ist die Organisation der Vereinten Nationen eine Garantie für die Unverletzlichkeit der kleinen Länder?

Antwort: Das ist einstweilen schwer zu sagen.

9. Frage: Glauben Sie, dass die vier Besatzungszonen in Deutschland in der nächsten Zeit hinsichtlich der Wirtschaftsverwaltung vereinigt werden müssen, um Deutschland als friedliche Wirtschaftseinheit wiederherzustellen und um den vier Mächten die Bürde der Besatzung zu erleichtern?

Antwort: Man muss nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die politische Einheit Deutschlands wiederherstellen.

10. Frage: Halten Sie es für möglich, jetzt eine gewisse Zentralverwaltung zu schaffen, welche in die Hände der Deutschen selbst gelegt werden soll, die jedoch unter alliierter Kontrolle steht und wodurch es dem Rat der Außenminister möglich gemacht wird, den Friedensvertrag für Deutschland auszuarbeiten?

Antwort: Ja, ich halte es für möglich!

11. Frage: Sind Sie, nach den in diesem Sommer und Herbst in den verschiedenen Zonen erfolgten Wahlen zu urteilen, dessen gewiss, dass Deutschland sich in politischer und demokratischer Richtung entwickelt, die zu Hoffnungen auf seine Zukunft als die Zukunft einer friedlichen Nation berechtigt?

Antwort: Dessen bin ich einstweilen nicht gewiss.

12. Frage: Glauben Sie, dass, wie es von einigen Kreisen vorgeschlagen wurde, das Deutschland gestattete Industrieniveau über das vereinbarte Niveau hinausgehoben werden sollte, damit Deutschland in vollem Maße versorgt wäre?

Antwort: Ja, das glaube ich.

13. Frage: Was muss außer dem bestehenden Programm der vier Besatzungsmächte getan werden, um zu verhüten, dass Deutschland wieder zu einer militärischen Bedrohung für den Frieden wird?

Antwort: Man muss tatsächlich die Überbleibsel des Faschismus in Deutschland ausrotten und Deutschland restlos demokratisieren.

14. Frage: Soll man dem deutschen Volk erlauben, seine Industrie und seinen Handel wiederherzustellen, damit es sich selbst versorgen kann?

Antwort: Ja, das soll man.

15. Frage: Werden Ihres Erachtens die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz erfüllt? Falls nicht, was ist dann erforderlich, um die Potsdamer Deklaration zu einem wirksamen Instrument zu machen?

Antwort: Sie werden nicht immer erfüllt, besonders auf dem Gebiet der Demokratisierung Deutschlands.

16. Frage: Glauben Sie, dass während der Verhandlungen zwischen den vier Außenministern und bei den Zusammenkünften des Rates der UN das Vetorecht missbraucht wurde?

Antwort: Nein, das glaube ich nicht.

17. Frage: Wie weit sollten nach Ansicht des Kreml die verbündeten Mächte bei der Fahndung nach zweitrangigen Kriegsverbrechern in Deutschland und deren gerichtlicher Belangung gehen? Ist man der Meinung, dass die Nürnberger Entscheidungen eine hinreichend feste Basis für solche Schritte ergeben haben?

Antwort: Je weiter man gehen wird, desto besser.

18. Frage: Hält Rußland die Westgrenzen Polens für beständig?

Antwort: Jawohl.

19. Frage: Wie beurteilt die UdSSR die Anwesenheit britischer Truppen in Griechenland? Glaubt sie, dass England der heutigen Regierung Griechenlands mehr Waffen liefern sollte?

Antwort: Als unnötig.

20. Frage: Wie groß sind die russischen Truppenkontingente in Polen, Ungarn, Bulgarien, Jugoslawien und Österreich, und auf welche Dauer müssen Ihres Erachtens diese Kontingente im Interesse der Sicherung des Friedens beibehalten werden?

Antwort: Im Westen, das heißt in Deutschland, Österreich, Ungarn, Bulgarien, Rumänien und Polen, hat hie Sowjetunion zurzeit insgesamt 60 Divisionen (Schützen- und Panzerdivisionen zusammen), die meisten von ihnen in nicht komplettem Bestand. In Jugoslawien befinden sich keine Sowjettruppen. Nach zwei Monaten, wenn der Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets vom 22. Oktober dieses Jahres über die letzte Demobilisierungsfolge durchgeführt sein wird, werden in den genannten Ländern 40 sowjetische Divisionen bleiben.

21. Frage: Wie verhält sich die Regierung der UdSSR zur Anwesenheit amerikanischer Kriegsschiffe im Mittelmeer?

Antwort: Indifferent.

22. Frage: Wie sind zurzeit die Aussichten hinsichtlich eines Handelsabkommens zwischen Rußland und Norwegen?

Antwort: Das ist einstweilen schwer zu sagen.

23. Frage: Besteht für Finnland die Möglichkeit, wieder zu einer selbst versorgten Nation zu werden, nachdem die Reparationen ausgezahlt sein werden, und besteht irgendeine Meinung betreffs einer Revision des Reparationsprogramms, damit das Wiedererstehen Finnlands beschleunigt werde?

Antwort: Die Frage ist nicht richtig gestellt Finnland war und bleibt eine vollauf selbstversorgte Nation.

24. Frage: Was werden die Handelsabkommen mit Schweden und anderen Ländern für die Sache der Rekonstruktion der UdSSR bedeuten? Welche auswärtige Hilfe halten Sie für erwünscht für die Ausführung dieser großen Aufgabe?

Antwort: Das Abkommen mit Schweden ist ein Beitrag zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit der Nationen.

25. Frage: Ist Rußland immer noch daran interessiert, von den Vereinigten Staaten eine Anleihe zu erhalten? Antwort: Es ist daran interessiert.

26. Frage: Hat Rußland schon seine Atombombe oder irgendeine ähnliche Waffe?

Antwort: Nein.

27. Frage: Welcher Meinung sind Sie über die Atombombe oder eine ähnliche Waffe als Kriegsinstrument?

Antwort: Meine Meinung über die Atombombe habe ich bereits in der bekannten Antwort an Herrn Werth ausgesprochen.

28. Frage: Wie könnte man Ihres Erachtens die Atomenergie am besten kontrollieren? Soll diese Kontrolle auf internationaler Grundlage geschaffen werden, und in welchem Maße sollen die Mächte ihre Souveränität im Interesse der Herstellung einer wirksamen Kontrolle opfern?

Antwort: Strenge internationale Kontrolle ist erforderlich.

29. Frage: Wie viel Zeit ist für die Wiederherstellung der verwüsteten Gebiete Westrußlands erforderlich?

Antwort: Sechs bis sieben Jahre, wenn nicht mehr.

30. Frage: Wird Rußland den Betrieb von Handelsfluglinien über dem Gebiet der Sowjetunion gestatten? Hat Rußland die Absicht, seine Fluglinien auf andere Kontinente auf der Grundlage der Gegenseitigkeit auszudehnen?

Antwort: Unter gewissen Bedingungen ist das nicht ausgeschlossen.

31. Frage: Wie beurteilt Ihre Regierung die Okkupation Japans? Halten Sie diese auf der bestehenden Grundlage für erfolgreich?

Antwort: Erfolge sind vorhanden doch könnte man bessere Erfolge erzielen.

„Tägliche Rundschau“,
Nr. 254, 10. Oktober 1946

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