"Stalin"

Werke

Band 15

INTERVIEW MIT ELLIOT ROOSEVELT

21. Dezember 1946

1. Frage: Glauben Sie, dass es in dieser Welt für eine Demokratie wie die Vereinigten Staaten möglich ist, mit soll einer kommunistischen Form der Staatsverwaltung, wie sie in der Sowjetunion besteht, friedlich Seite an Seite zu leben, ohne dass von der einen oder von der anderen Seite versucht wird sich in die innenpolitischen Angelegenheiten der andern Seite einzumischen?

Antwort: Ja, natürlich, das ist nicht nur möglich, das ist vernünftig und durchaus zu verwirklichen. In den angespanntesten Zeiten des Krieges haben die Unterschiede in der Regierungsform unsere beiden Länder nicht gehindert, sich zu vereinigen und unsere Feinde zu besiegen. In einem noch größeren Maße ist die Aufrechterhaltung dieser Beziehungen im Frieden möglich.

2. Frage: Glauben Sie, dass der Erfolg der Vereinten Nationen von einer Übereinkunft zwischen der Sowjetunion, England und den Vereinigten Staaten über die grundlegenden Fragen der Politik und über ihre Ziele abhängt?

Antwort: Ja, das glaube ich. In vieler Hinsicht hängt das Schicksal der Vereinten Nationen als Organisation von der Herbeiführung einer Harmonie unter diesen drei Mächten ab.

3. Frage: Glauben Sie, Generalissimus, dass die Herbeiführung eines großzügigen Wirtschaftsabkommens über den gegenseitigen Austausch von Industrieerzeugnissen und Rohstoffen zwischen unseren beiden Ländern ein wichtiger Schritt auf dem Wege zum allgemeinen Frieden sein würde?

Antwort: Ja, ich nehme an, dass es ein wichtiger Schritt auf dem Wege zur Herstellung des allgemeinen Friedens wäre. Selbstverständlich stimme ich dem zu. Eine Erweiterung des internationalen Handels würde die Entwicklung der guten Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern in mancherlei Hinsicht begünstigen.

4. Frage: Tritt die Sowjetunion dafür ein, dass der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen unverzüglich internationale Polizeikräfte unter Beteiligung der Streitkräfte aller Vereinten Nationen schafft, die überall, wo der Friede durch Kriegshandlungen bedroht wird, sofort einschreiten würden?

Antwort: Selbstverständlich.

5. Frage: Wenn Sie der Ansicht sind, dass die Vereinten Nationen die Atombombe kontrollieren sollen, müssen sie das nicht tun durch Inspektion und Errichtung einer Kontrolle über alle Forschungsinstitute und Industriebetriebe, die Waffen jeder Art herstellen, sowie über die friedliche Verwendung und Entwicklung der Atomenergie?

(An dieser Stelle schaltet Elliot Roosevelt eine Zwischenbemerkung ein und schreibt: Stalin fragte mich sofort. „Im allgemeinen?“ Ich sagte: „Ja. Ist aber besonders die Sowjetunion im Prinzip mit so einem Plan einverstanden?“)

Antwort: Natürlich. Auf Grund des Gleichheitsprinzips darf es für die Sowjetunion keinerlei Ausnahmen geben. Sie muss sich denselben Inspektions- und Kontrollregeln unterordnen wie alle anderen Länder.

(An dieser Stelle bemerkt Roosevelt: Seine Antwort erfolgte ohne Zögern, und die Frage eines Vorbehaltes des Vetorechts wurde nicht einmal erwähnt.)

6. Frage: Halten Sie die Einberufung einer neuen Zusammenkunft der Großen Drei zur Erörterung aller internationalen Probleme, die gegenwärtig den allgemeinen Frieden bedrohen, für nützlich?

Antwort: Ich bin der Ansicht, dass nicht eine Zusammenkunft, sondern mehrere stattfinden müssen. Wenn mehrere Zusammenkünfte stattfänden, würden sie einem sehr nützlichen Ziel dienen.

(Hier bemerkt Roosevelt: In diesem Augenblick fragte meine Frau, ob er meine, dass derartige Zusammenkünfte zur Herstellung eines engeren Kontaktes zwischen den niedrigeren Instanzen der Vertretungen der betreffenden Regierungen beitragen würden. Sie fragte auch, ob durch die Konferenzen der Kriegszeit so eine Lage erzielt wurde.

Stalin antwortete mit einem Lächeln, zu ihr gewandt: Daran besteht kein Zweifel. Die Beratungen der Kriegszeit und die erzielten Erfolge haben weitgehend dazu beigetragen, bei den niedrigeren Instanzen eine engere Zusammenarbeit herbeizuführen.)

7. Frage: Ich weiß, dass Sie viele politische und soziale Probleme studieren, die in anderen Ländern bestehen. Darum möchte ich Sie fragen, ob Sie der Ansicht sind, dass die Wahlen, die im November in den Vereinigten Staaten durchgeführt wurden, darauf schließen lassen, dass das Volk von dem Glauben an die Politik Roosevelts zugunsten der isolationistischen Politik seiner politischen Gegner abrückt?

Antwort: Mir ist das innere Leben des Volkes der Vereinigten Staaten nicht so gut bekannt; aber es scheint mir, dass die Wahlen darauf schließen lassen, die gegenwärtige Regierung vergeude das vom verstorbenen Präsidenten geschaffene moralische und politische Kapital und habe auf diese Weise den Republikanern den Sieg erleichtert.

(An dieser Stelle fügt Roosevelt hinzu: Auf meine nächste Frage antwortete der Generalissimus mit größtem Nachdruck.)

8. Frage: Worauf führen Sie die Lockerung der freundschaftlichen Beziehungen und des gegenseitigen Einvernehmens zwischen unseren beiden Ländern seit dem Tode Roosevelts zurück?

Antwort: Ich bin der Ansicht, dass, falls diese Frage die Beziehungen und das gegenseitige Einvernehmen zwischen dem amerikanischen und dem russischen Volk betrifft, überhaupt keine Verschlechterung eingetreten ist, sondern im Gegenteil, die Beziehungen haben sich gebessert. Was die Beziehungen der beiden Regierungen betrifft, so kam es zu Missverständnissen. Es entstand eine gewisse Verschlechterung, und dann wurde ein großes Geschrei erhoben, die Beziehungen würden sich in Zukunft weiter verschlechtern. Aber ich sehe hierin nichts Erschreckendes im Sinne einer Verletzung des Friedens oder im Sinne eines militärischen Konflikts. Keine einzige Großmacht könnte gegenwärtig, selbst wenn ihre Regierung es anstreben würde, eine große Armee zum Kampf gegen eine andere verbündete Macht, eine andere Großmacht aufstellen, weil gegenwärtig niemand ohne sein Volk Krieg führen kann, das Volk aber keinen Krieg führen will. Die Völker sind kriegsmüde, außerdem gibt es keinerlei einleuchtende Ziele, die einen neuen Krieg rechtfertigen würden. Niemand würde wissen, wofür er kämpfen muss, und darum sehe ich nichts Schreckliches darin, dass manche Vertreter der Regierung der Vereinigten Staaten von einer Verschlechterung unserer Beziehungen sprechen. Im Hinblick auf all diese Erwägungen halte ich die Gefahr eines neuen Krieges nicht für gegeben.

9. Frage: Treten Sie für einen großzügigen Austausch kultureller und wissenschaftlicher Informationen zwischen unseren beiden Ländern ein? Treten Sie auch für einen Austausch von Studenten, Künstlern, Wissenschaftlern und Professoren ein?

Antwort: Selbstverständlich.

10. Frage: Sollen die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion eine gemeinsame, für eine lange Frist berechnete Politik zur Unterstützung der Völker des Fernen Ostens ausarbeiten?

Antwort: Ich bin der Ansicht, dass es nützlich wäre, wenn es möglich wäre. Jedenfalls ist unsere Regierung bereit, mit den Vereinigten Staaten in den fernöstlichen Fragen eine gemeinsame Politik durchzuführen.

11. Frage: Falls zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion ein Abkommen über ein System von Anleihen und Krediten getroffen wird, werden solche Abkommen der Volkswirtschaft der Vereinigten Staaten lang anhaltende Vorteile bringen?

Antwort: Ein System derartiger Kredite ist ohne Zweifel von gegenseitigem Vorteil sowohl für die Vereinigten Staaten als auch für die Sowjetunion.

(Hier bemerkt Roosevelt: Danach stellte ich eine Frage, die in vielen Ländern Europas offenkundig Besorgnis hervorruft.)

12. Frage: Gibt die Tatsache, dass in der amerikanischen und englischen Besatzungszone Deutschlands das Programm der Entnazifizierung nicht durchgeführt wurde, der Sowjetregierung einen ernsten Anlass zur Besorgnis?

Antwort: Nein, das ist kein Anlass zu ernster Besorgnis, aber natürlich ist es der Sowjetunion unangenehm, dass dieser Teil unseres gemeinsamen Programms nicht durchgeführt wird.

„Neue Welt“,
Heft 31 / Februar 1947,
Seite 4-9

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