"Stalin"

Werke

Band 15

UNTERREDUNG MIT DEM AMERIKANISCHEN REPUBLIKANISCHEN PRÄSIDENTSCHAFTSKANDIDATEN HARALD STASSEN

Protokoll der Unterredung

9. April 1947

Stassen erklärt, er sei Stalin für den Empfang dankbar. Er, Stassen, hätte um den Empfang gebeten, um Stalin als dem Staatsoberhaupt seine Achtung zu bezeigen. Er, Stassen, hätte eine interessante Reise durch die europäischen Länder unternommen und sich während dieser Reise besonders für die Wirtschaftslage der verschiedenen Länder nach dem Kriege interessiert. Nach seiner Ansicht ist der Lebensstandard der Völker von großer Bedeutung für ihr Gedeihen. Die Beziehungen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten seien während des Krieges von großer Bedeutung gewesen und würden auch weiterhin von großer Bedeutung sein. Er sei sich dessen bewusst, dass die Wirtschaftssysteme der UdSSR und der USA verschieden sind. Die Wirtschaft der UdSSR ist auf den Grundsätzen der Planung, auf sozialistischen Grundsätzen aufgebaut und ihre Entwicklung leitet die Kommunistische Partei. In den Vereinigten Staaten besteht eine freie Wirtschaft mit Privatkapital. Es wäre ihm interessant zu wissen, ob Stalin der Meinung sei, dass diese zwei Wirtschaftssysteme in ein und derselben Welt nebeneinander leben und nach dem Kriege miteinander zusammenarbeiten können.

Stalin antwortet, dass selbstverständlich beide Systeme miteinander zusammenarbeiten könnten. Die Unterschiede zwischen ihnen hätten keine wesentliche Bedeutung, soweit es sich um ihre Zusammenarbeit handelt. Die Wirtschaftssysteme in Deutschland und in den USA seien die gleichen, nichtsdestoweniger sei es zwischen ihnen zu einem Krieg gekommen. Die Wirtschaftssysteme der USA und der UdSSR seien verschieden, doch hätten sie keinen Krieg miteinander geführt, sondern während des Krieges zusammengearbeitet. Wenn zwei verschiedene Systeme während des Krieges zusammenarbeiten konnten, warum sollten sie dann nicht in Friedenszeiten zusammenarbeiten können? Natürlich sei dabei gemeint, eine Zusammenarbeit bei verschiedenen Wirtschaftssystemen sei durchaus möglich, wenn der Wunsch nach Zusammenarbeit bestehe. Wenn aber der Wunsch nach Zusammenarbeit nicht vorhanden sei, dann könnten Staaten und Menschen auch bei gleichartigen Wirtschaftssystemen aneinander geraten.

Stassen erklärt, dass der Wunsch nach Zusammenarbeit natürlich von großer Bedeutung sei. Jedoch seien früher, vor dem Kriege, in beiden Ländern verschiedene Erklärungen über die Unmöglichkeit der Zusammenarbeit abgegeben worden. Vor dem Kriege hätte auch Stalin selbst dies erklärt. Er, Stassen, würde aber gern wissen, ob Stalin der Meinung sei, dass die Ereignisse des Krieges, die Niederlage der faschistischen Achse, d. h. Deutschlands und Japans, die Situation verändert hätten und man jetzt, falls der Wunsch hierzu bestehe, auf eine Zusammenarbeit zwischen der UdSSR und den USA hoffen könne.

Stalin antwortet, er könne auf keinen Fall gesagt haben, dass die beiden verschiedenen Systeme nicht zusammenarbeiten könnten. Zum ersten Mal hätte Lenin den Gedanken der Zusammenarbeit der zwei Systeme geäußert. „ Lenin ist unser Lehrer“, sagt Stalin, „und wir Sowjetmenschen sind Lenin s Schüler. Von Lenin s Weisungen sind wir niemals abgewichen und werden wir niemals abweichen.“ Es sei möglich, er, Stalin, habe gesagt, dass ein System, z. B. das kapitalistische, nicht gewillt sei, zusammenzuarbeiten, doch hätte sich das auf den Wunsch, nicht aber auf die Möglichkeiten der Zusammenarbeit bezogen. Was aber die Möglichkeit der Zusammenarbeit betreffe, so stehe er, Stalin, auf dem Standpunkt Lenin s, dass Zusammenarbeit zwischen den zwei Wirtschaftssystemen möglich und wünschenswert sei. Auch was den Wunsch des Volkes und der Kommunistischen Partei in der UdSSR nach Zusammenarbeit anbetreffe, so hätten sie diesen Wunsch. Eine solche Zusammenarbeit würde für beide Länder nur nützlich sein.

Stassen antwortet, das sei klar. Die Erklärungen, an die er erinnert hätte, habe Stalin auf dem 18. Parteitag und auf der Plenarsitzung im Jahre 1937 abgegeben. In diesen Erklärungen sei von „kapitalistischer Umwelt“ und von „monopolistischer und imperialistischer Entwicklung“ die Rede gewesen. Aus der heutigen Erklärung Stalins ziehe er, Stassen, den Schluss, dass jetzt, nach der Niederlage Japans und Deutschlands, die Situation sich geändert habe.

Sta1in erklärt, dass er auf keinem Parteitag und keiner Plenarsitzung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei von einer Unmöglichkeit der Zusammenarbeit der zwei Systeme gesprochen habe oder sprechen konnte. Er, Stalin, hätte gesagt, dass eine kapitalistische Umwelt und die Gefahr eines Überfalls auf die UdSSR bestehe. Wenn der eine Teil nicht zusammenarbeiten wolle, so bedeute dies, dass die Gefahr eines Überfalls bestehe. Und in der Tat, Deutschland, das mit der UdSSR nicht zusammenarbeiten wollte, hätte die UdSSR überfallen. Hätte die UdSSR mit Deutschland zusammenarbeiten können? Jawohl, die UdSSR hätte mit Deutschland zusammenarbeiten können, doch die Deutschen hätten es nicht gewollt. Andernfalls hätte die UdSSR mit Deutschland ebenso wie mit jedem anderen Lande zusammengearbeitet. „Wie Sie sehen, bezieht sich das auf den Wunsch, nicht aber die Möglichkeit der Zusammenarbeit.

Man muss einen Unterschied machen zwischen der Möglichkeit der Zusammenarbeit und dem Wunsch nach Zusammenarbeit. Die Möglichkeit zur Zusammenarbeit besteht immer, doch nicht immer besteht der Wunsch nach Zusammenarbeit. Wenn der eine Teil eine Zusammenarbeit nicht will, so ist das Resultat ein Konflikt, ein Krieg.“

Stassen erklärt, der Wunsch müsse auf beiden Seiten bestehen.

Stalin erwidert, er müsse die Tatsache bezeugen, dass die Russen den Wunsch nach Zusammenarbeit hätten.

Stassen sagt, er freue sich, dies zu hören, und er möchte auf die Erklärung Stalins über die Gleichheit der Wirtschaftssysteme der USA und Deutschlands eingehen. Er müsse sagen, dass die Wirtschaftssysteme der USA und Deutschlands verschieden voneinander gewesen seien, als Deutschland den Krieg begann.

Stalin ist damit nicht einverstanden und erklärt, es hätte ein Unterschied in dem Regime in den USA und in Deutschland bestanden, aber kein Unterschied zwischen den Wirtschaftssystemen. Das Regime sei ein vorübergehender, ein politischer Faktor.

Stassen sagt, es würde viel darüber geschrieben, dass das kapitalistische System das Übel der Monopole, den Imperialismus und die Unterdrückung der Arbeiter hervorbrächte. Nach seiner, Stassens, Meinung sei es in den USA gelungen, die Entwicklung der monopolistischen und imperialistischen Tendenzen des Kapitalismus zu verhüten; dabei hätten die Arbeiter in den USA das Stimmrecht in viel größerem Maße, als Marx und Engels hätten denken können. Darin läge der Unterschied zwischen dem Wirtschaftssystem in den USA und dem Wirtschaftssystem, das in Hitlerdeutschland bestanden hätte.

Sta1in sagt, man dürfe sich nicht dazu hinreißen lassen, das System des anderen zu kritisieren. Jedes Volk halte an dem System fest, an dem es festhalten wolle und könne. Welches System das bessere sei, würde die Geschichte zeigen. Man müsse die Systeme achten, die vom Volk erwählt und gebilligt worden seien. Ob das System in den USA schlecht oder gut ist, sei Sache des amerikanischen Volkes. Für die Zusammenarbeit sei es nicht erforderlich, dass die Völker das gleiche System hätten. Man müsse die vom Volk gebilligten Systeme achten. Nur unter dieser Bedingung sei eine Zusammenarbeit möglich.

Was Marx und Engels angehe, so konnten sie natürlich nicht vorausahnen, was 40 Jahre nach ihrem Tode geschehen würde.

Das Sowjetsystem würde ein totalitäres oder diktatorisches System genannt, aber die Sowjetmenschen nennten das amerikanische System monopolistischen Kapitalismus. Wenn beide Seiten begännen, einander Monopolisten oder Totalitaristen zu schimpfen, so würde es zu keiner Zusammenarbeit kommen. Man müsse von der geschichtlichen Tatsache ausgehen, dass zwei vom Volk gebilligte Systeme bestünden. Nur auf dieser Basis sei eine Zusammenarbeit möglich.

Was die Leidenschaft für die Kritik an den Monopolen und am Totalitarismus anbetrifft, so sei das Propaganda, er aber, Stalin, sei kein Propagandist, sondern ein Mann der Tat. Wir dürfen nicht Sektierer sein, sagt Stalin. Wenn das Volk den Wunsch hätte, das System zu ändern, so würde es das tun. Als er, Stalin, mit Roosevelt zusammengetroffen sei und militärische Fragen mit ihm besprochen habe, hätten er und Roosevelt einander nicht Monopolisten und Totalitaristen geschimpft. Das hätte wesentlich dazu beigetragen, dass er und Roosevelt die Zusammenarbeit miteinander hergestellt und den Sieg über den Feind errungen hätten.

Stassen sagt, diese Art von Kritik auf beiden Seiten seit Beendigung des Krieges sei eine der Ursachen gewesen, die Missverständnisse hervorgerufen hätten. Er, Stassen, hätte gerne gewusst, ob Stalin in Zukunft in erhöhtem Maße auf einen Austausch von Ideen, Studenten, Lehrern, Schauspielern und Touristen hoffe, wenn eine Zusammenarbeit zwischen der UdSSR und den USA hergestellt wäre.

Stalin antwortet, dies sei unausbleiblich, wenn eine Zusammenarbeit hergestellt würde. Der Austausch von Waren führe zum Austausch von Menschen.

Stassen sagt, in der Vergangenheit seien zwischen der UdSSR und den USA dadurch Missverständnisse entstanden, dass auf sowjetischer Seite nicht der Wunsch bestanden hätte, Ideen auszutauschen, was in der Einführung einer Zensur über die Meldungen der ausländischen Berichterstatter aus Moskau zum Ausdruck gekommen sei. So sei z. B. der Umstand, dass der Zeitung „New York Herald Tribune“ die Genehmigung verweigert worden sei, einen eigenen Berichterstatter in Moskau zu haben, eine der Ursachen für das Fehlen des gegenseitigen Verständnisses zwischen den Völkern der UdSSR und der USA gewesen.

Stalin antwortet, dass der Fall der Verweigerung eines Visums für den Korrespondenten der „New York Herald Tribune“ tatsächlich vorgekommen sei. Dies sei jedoch ein Missverständnis, eine zufällige Erscheinung und stünde in keinem Zusammenhang mit der Politik der Sowjetregierung. Er, Stalin, wisse, dass die „New York Herald Tribune“ eine solide Zeitung sei. Von Bedeutung sei auch die Tatsache, dass ein Teil der amerikanischen Korrespondenten der UdSSR ungünstig gesinnt sei.

Stassen antwortet, dass es solche Berichterstatter tatsächlich gäbe. Dem Berichterstatter der „New York Herald Tribune“ sei die Genehmigung für den Aufenthalt in Moskau erteilt worden, jedoch nur für die Dauer der Tagung des Rates der Außenminister. Jetzt werfe diese Zeitung die Frage der Entsendung eines ständigen Berichterstatters nach Moskau auf. Die „New York Herald Tribune“ sei ein führendes Organ der Republikaner, das jetzt noch mehr an Bedeutung gewinne, nachdem die Republikaner die Mehrheit im Kongress erlangt hätten.

Stalin erwidert: „Das ist ganz egal, da wir keinen großen Unterschied zwischen Republikanern und Demokraten sehen.“ Was die Frage der Berichterstattung anbelange, so erinnere er, Stalin, sich an einen Vorfall. In Teheran hätten die drei Mächte eine Konferenz abgehalten, auf der sie in freundschaftlicher Atmosphäre tüchtige Arbeit geleistet hätten. Ein amerikanischer Berichterstatter, an dessen Namen er, Stalin, sich im Augenblick nicht erinnere, hätte eine Meldung abgesandt, dass auf der Teheraner Konferenz Marschall Timoschenko anwesend gewesen wäre, obwohl er in Wirklichkeit nicht dort gewesen sei, und dass er, Stalin, während des Diners sich an Timoschenko tätlich vergriffen habe. Aber das sei eine grobe und verleumderische Lüge. Nun und? Solle man einen solchen Berichterstatter loben? Bei dem Diner, auf dem die Teilnehmer der Teheraner Konferenz den 69. Geburtstag Churchills feierten, seien Churchill, Brook, Leahy und andere anwesend gewesen, im ganzen etwa 30 Personen, die bezeugen könnten, dass nichts Derartiges sich zugetragen hätte. Nichtsdestoweniger hätte dieser Berichterstatter der Zeitung seine erlogene Meldung gesandt, und sie sei in der Presse der USA veröffentlicht worden. „Kann man einem solchen Berichterstatter vertrauen? Wir“, sagt Stalin, „sind nicht der Meinung, dass hieran die USA oder ihre Politik schuld ist. Solche Zwischenfälle kommen aber vor. Das ruft bei den Sowjetmenschen schlechte Stimmung hervor.“

Stassen sagt, Fälle verantwortungslosen Verhaltens von Berichterstattern, die Falschmeldungen schickten, kämen natürlich vor. Doch andere Berichterstatter berichtigten die Fehler der ersteren, und mit der Zeit wüssten die Menschen, welchen Berichterstattern man vertrauen könne und welchen nicht, und im Endeffekt sähe man, dass die Menschen sich auskennen und sich um der großen Kriegsanstrengungen willen vereinen.

Stalin antwortet, das sei richtig.

Stassen sagt, dass jedes Mal, wenn ein Berichterstatter offenbar vorsätzlich vollkommen falsche Meldungen gäbe, sein Blatt ihn abberufen würde, und somit würden unsere Zeitungen sich einen Stamm fähiger und ehrlicher Berichterstatter schaffen.

Stalin sagt, diese Berichterstatter schrieben zuerst Sensationsnachrichten, die Zeitungen veröffentlichten sie und verdienten Geld daran, und dann entließen sie diese Berichterstatter.

Stassen sagt, Presse, Handel und Kulturaustausch seien die Sphären, in denen die zwei Systeme Mittel und Wege finden müssten, gute Beziehungen miteinander herzustellen.

Stalin sagt, das sei richtig.

Stassen erklärt, er glaube, wenn die Meldungen der Berichterstatter keiner Zensur unterlägen, so wäre das eine bessere Basis für die Zusammenarbeit und das gegenseitige Verständnis zwischen unseren Völkern als jede andere.

Sta1in sagt, in der UdSSR würde es schwer sein, ohne Zensur auszukommen. Molotow habe es mehrmals versucht, doch sei nichts dabei herausgekommen. Jedes Mal, wenn die Sowjetregierung- die Zensur aufgehoben hätte, hätte sie es bereuen und sie wieder einführen müssen. Im Herbst des vorvorigen Jahres sei die Zensur in der UdSSR aufgehoben worden. Er, Stalin, sei auf Urlaub gewesen, und die Berichterstatter hätten zu schreiben begonnen, dass Molotow Stalin gezwungen hätte, auf Urlaub zu gehen, und dann hätten sie geschrieben, dass er, Stalin, zurückkommen und Molotow verjagen würde. Somit hätten diese Berichterstatter die Sowjetregierung gewissermaßen als eine Art Raubtierhaus hingestellt. Natürlich seien die Sowjetmenschen empört gewesen und hätten die Zensur von neuem einführen müssen.

Stassen sagt, wie er es jetzt verstände, hielte Stalin eine Zusammenarbeit für möglich, wenn der Wille und der Wunsch zur Zusammenarbeit vorhanden wären.

Stalin antwortet, das sei vollkommen richtig.

Stassen sagt, für die Erhöhung des Lebensstandards sei die Mechanisierung und Elektrifizierung von großer Bedeutung, und die Verwendung der Atomenergie in der Industrie sei von großer Bedeutung für alle Völker, auch für die Völker der UdSSR und der USA. Er, Stassen, sei der Meinung, dass die Schaffung eines Systems der Inspizierung und Kontrolle, das die Benutzung der Atomenergie für militärische Zwecke für ungesetzlich erklärt, von großer Bedeutung für alle Völker der Welt sei. Ob Stalin der Meinung sei, es bestünden Aussichten, dass in Zukunft ein Übereinkommen über die Kontrolle und Regelung der Erzeugung von Atomenergie und über ihre friedliche Verwendung ausgearbeitet würde?

Sta1in antwortet, er hoffe es. Zwischen der UdSSR und den USA bestünden in dieser Frage große Meinungsverschiedenheiten, doch letzten Endes würden, wie er, Stalin, hoffe, beide Seiten einander verstehen. Nach seiner, Stalins, Ansicht würde eine internationale Kontrolle und Inspizierung geschaffen werden, und das würde von großer Bedeutung sein. Die Verwendung der Atomenergie zu friedlichen Zwecken würde eine große Umwälzung in den Produktionsvorgängen hervorrufen. Was die Verwendung der Atomenergie zu militärischen Zwecken anbetrifft, so würde sie aller Wahrscheinlichkeit nach verboten werden. Das forderten der Wunsch und das Gewissen der Völker.

Stassen antwortet, das sei eines der wichtigsten Probleme. Wenn es gelöst würde, so würde die Atomenergie zum größten Segen für die Völker der ganzen Welt werden, wenn aber nicht, zum größten Fluch.

Stalin sagt, er glaube, es würde gelingen, eine internationale Inspektion und Kontrolle zu errichten. Die Entwicklung ginge dahin.

Stassen dankt Stalin für die Unterredung.

Stalin antwortet, dass er Stassen zur Verfügung stünde und dass die Russen ihre Gäste achteten.

Stassen sagt, dass er während der Konferenz in San Franzisko eine inoffizielle Unterredung mit Molotow gehabt hätte. Im Verlauf dieser Unterredung sei er eingeladen worden, Rußland zu besuchen.

Stalin sagt, dass die Lage in Europa, wie er glaube, jetzt wohl sehr schlecht sei. Wie denke Herr Stassen darüber?

Stassen antwortet, dass dies im allgemeinen richtig sei, doch gäbe es einige Länder, die durch den Krieg nicht gelitten hätten und die sich nicht in einer so schlechten Lage befänden, z. B. die Schweiz und die Tschechoslowakei.

Stalin sagt, die Schweiz und die Tschechoslowakei seien kleine Länder.

Stassen antwortet, die großen Länder befänden sich in einer sehr schlechten Lage. Die Wirtschaftsprobleme. denen sie gegenüberstünden, seien Finanz-, Rohstoff- und Ernährungsprobleme.

Stalin erklärt, Europa sei ein Weltteil, in dem es viele Fabriken und Werke gäbe, wo sich aber ein Mangel an Rohstoffen und Lebensmitteln fühlbar mache. Das sei das Tragische.

Stassen meint, der niedrige Stand der Kohlenförderung im Ruhrgebiet habe den Kohlenmangel in Europa herbeigeführt.

Stalin sagt, dass sich auch in England Kohlenmangel fühlbar mache und dass das äußerst sonderbar sei.

Stassen erklärt, dass die Kohlenförderung in den USA glücklicherweise auf einem hohen Niveau stehe. In den USA würden täglich zwei Millionen Tonnen bituminöser Kohle gefördert. Infolgedessen seien die USA imstande gewesen, große Kohlenmengen nach Europa zu schicken.

Stalin erklärt, dass die Lage in den USA nicht schlecht sei. Amerika sei durch zwei Ozeane geschützt. Im Norden grenzten die USA an das schwache Land Kanada, im Süden an das schwache Land Mexiko. Die Vereinigten Staaten brauchten sie nicht zu fürchten. Nach dem Unabhängigkeitskrieg hätten die USA sechzig Jahre lang keinen Krieg geführt und sich des Friedens erfreut. All das hätte zur raschen Entwicklung der USA beigetragen. Außerdem bestehe die Bevölkerung der USA aus Menschen, die sich schon vor langer Zeit vom Joch der Könige und der Landaristokratie befreit hätten. Auch dieser Umstand hätte die rapide Entwicklung der USA begünstigt.

Stassen erklärt, sein Urgroßvater wäre vor dem Imperialismus aus der Tschechoslowakei geflüchtet. Natürlich sei die geographische Lage der USA eine große Hilfe für sie gewesen, „Wir hatten Glück“, sagte Stassen, „dem Gegner wurde die Niederlage fern von unseren Küsten beigebracht. Die USA waren imstande, die Umstellung durchzuführen und nach Beendigung des Krieges die Produktion in großem Umfang wieder aufzunehmen. Jetzt besteht die Aufgabe darin, Depressionen und eine Wirtschaftskrise zu vermeiden.“

Stalin fragt, ob in den USA eine Wirtschaftskrise erwartet würde.

Stassen antwortet, dass er keine Wirtschaftskrise erwarte. Er glaube daran, dass es möglich sei, den Kapitalismus in den USA zu regulieren, den Beschäftigungsgrad auf einem hohen Niveau zu stabilisieren und jede ernste Krise zu vermeiden. Die Hauptaufgabe bestehe jedoch darin, eine Krise im Wirtschaftssystem der USA zu vermeiden. Wenn aber die Regierung eine kluge Politik führe und wenn man den Lehren der Jahre 1929 30 Rechnung trage, so würde in den USA ein regulierter, nicht aber ein monopolistischer Kapitalismus herrschen, was erlauben würde, eine Krise zu vermeiden.

Stalin sagt, dazu sei eine sehr starke, von großer Entschlossenheit beseelte Regierung erforderlich.

Stassen sagt, das sei richtig, außerdem müsse das Volk die Maßnahmen verstehen, die auf die Stabilisierung und Aufrechterhaltung des Wirtschaftssystems abzielten. Das sei eine neue Aufgabe, da es in den Wirtschaftssystemen der Welt keine Parallele hierzu gäbe.

Stalin erklärt, es gäbe einen für die USA günstigen Umstand, nämlich den, dass zwei Konkurrenten der USA auf den Weltmärkten - Japan und Deutschland - beseitigt seien. Infolgedessen stiege die Nachfrage nach amerikanischen Waren, und das schaffe günstige Voraussetzungen für die Entwicklung der USA. Den USA stünden solche Märkte wie Europa, China und Japan offen. Das würde den USA helfen. Solche Voraussetzungen hätte es noch niemals gegeben.

Stassen sagt, andererseits seien auf diesen Märkten keine Zahlungsmittel vorhanden, so dass sie eine Last, nicht aber ein einträgliches Geschäft für die USA seien. Aber natürlich sei die Beseitigung Deutschlands und Japans, zweier Träger der imperialistischen Gefahr, ein großer Segen für die USA und für die anderen Länder vom Gesichtspunkt des Friedens. Früher sei der Welthandel natürlich kein Faktor von großer Bedeutung für die USA gewesen. Die Märkte der USA hätten sich auf den Bereich der USA oder der westlichen Hemisphäre beschränkt.

Stalin sagt, vor dem Krieg seien etwa 10 Prozent der amerikanischen Erzeugung nach anderen Ländern exportiert worden. Was die Kaufkraft anbelange, so glaube er, Stalin, die Kaufleute würden Geldmittel finden, amerikanische Waren dafür kaufen und diese an die Bauern in ihren Ländern weiterverkaufen. Die Kaufleute in China, Japan, Europa und Südamerika hätten Geld angesammelt. Jetzt würde sich der Export der USA vielleicht auf 20 Prozent erhöhen. Ob das nicht richtig sei?

Stassen sagt, er glaube das nicht.

Stalin fragt: „Im Ernst?“

Stassen antwortet bejahend und sagt, wenn der Export der USA auf 15 Prozent steige, so hätten nach seiner Ansicht die Vereinigten Staaten Glück gehabt. Die meisten Kaufleute hätten Geld in der Währung ihres Landes angesammelt, die meistens blockiert und für den Transfer nicht geeignet sei. Somit würde der Export der USA nach seiner, Stassens, Meinung nicht über 15 Prozent hinausgehen.

Sta1in meint, wenn man die Höhe der Produktion in den USA in Betracht ziehe, wären 15 Prozent keine kleine Ziffer.

Stassen stimmt dem zu.

Stalin erklärt, dass die amerikanische Industrie, wie man sage, jetzt viele Lieferungsaufträge hätte. Ob das richtig sei? Man sage, dass die Werke in den USA nicht imstande seien, mit der Ausführung dieser Aufträge nachzukommen, und dass alle Werke zu 100 Prozent beschäftigt seien. Ob das richtig sei?

Stassen antwortet, das sei richtig, es handle sich aber um inländische Lieferungsaufträge.

Stalin bemerkt, das sei sehr wichtig.

Stassen sagt, es gelänge, den Bedarf an Lebensmitteln, Frauenkleidung und Schuhwerk zu befriedigen, die Erzeugung von Werkzeugmaschinen, Kraftwagen und Lokomotiven bliebe jedoch zurück.

Stalin sagt, in der amerikanischen Presse seien Meldungen erschienen, nach denen bald eine Wirtschaftskrise eintreten würde.

Stassen sagt, in der Presse hätte es Meldungen gegeben, wonach die Zahl der Arbeitslosen in den USA im November v. J. acht Millionen erreichen sollte. Diese Meldungen hätten sich jedoch als falsch erwiesen. Die Aufgabe bestehe darin, den hohen Produktionsstand zu nivellieren und eine Stabilisierung zu erreichen, um so eine Wirtschaftskrise zu vermeiden.

Stalin bemerkt, dass Stassen offenbar eine Regulierung der Produktion im Auge hätte.

Stassen antwortet, das sei richtig, und erklärt, dass es in Amerika Leute gäbe, die behaupten, es käme eine Depression. Er, Stassen, sei aber optimistischer gestimmt und behaupte, die Amerikaner könnten eine Depression vermeiden, denn er, Stassen, könne bei den Leuten jetzt tieferes Verständnis für eine Regulierung feststellen als früher.

Stalin fragt: „Und die Geschäftsleute? Werden sie damit einverstanden sein, sieh regulieren zu lassen und Beschränkungen zu unterliegen?“

Stassen sagt, dass die Geschäftsleute sich in der Regel dem widersetzen.

Stalin bemerkt, sie würden sich natürlich widersetzen.

Stassen meint, sie hätten jedoch begriffen, dass die Depression von 1929 sich nicht wiederholen dürfe, und sähen die Notwendigkeit einer Regulierung jetzt besser ein. Natürlich seien eine weitgehende Regulierung, viele Beschlüsse und danach ein vernünftiges Vorgehen der Regierung erforderlich.

Stalin bemerkt, das sei richtig.

Stassen erklärt, das sei bei allen Systemen und Regierungsformen nötig. Bei jeder Regierungsform sei es schlecht für das Volk, wenn Fehler gemacht würden.

Stalin stimmt dem zu.

Stassen sagt, Japan und Deutschland hätten das bewiesen.

Stalin sagt, in diesen Ländern hätte die Wirtschaft unter der Leitung von Militärs gestanden, die nichts von der Wirtschaft verstanden. So sei z. B. in Japan die Wirtschaft von Tojo geleitet worden, der nur wusste, wie man Krieg führt.

Stassen sagt, das sei richtig. Er sei Stalin dankbar, dass er ihm die Möglichkeit gegeben hätte, mit ihm zu sprechen, und für die Zeit, die Stalin ihm gewidmet habe.

Stalin fragt, wie lange Stassen in der UdSSR zu bleiben gedenke.

Stassen antwortet, er wolle morgen nach Kiew reisen. Danach wolle er den heldenmütigen Verteidigern von Stalingrad seine Verehrung bezeigen, und darauf gedenke er über Lenin grad aus der UdSSR abzureisen. Während der Verteidigung von Stalingrad sei er bei der amerikanischen Flotte im Pazifik gewesen, wo er mit gespannter Aufmerksamkeit die Stalingrader Epopée verfolgt hätte.

Sta1in sagt, dass Admiral Niemetz offenbar ein sehr bedeutender Marinebefehlshaber sei. Stalin fragt, ob Stassen in Lenin grad gewesen sei.

Stassen sagt, dass er noch nicht in Lenin grad gewesen sei und die Absicht habe, über Lenin grad aus der UdSSR abzureisen.

Stalin sagt, die Unterhaltung mit Stassen habe ihm viel gegeben.

Stassen sagt, dass auch ihm die Unterredung mit Stalin viel Nützliches für seine Arbeit beim Studium der Wirtschaftsprobleme gegeben habe.

Sta1in sagt, dass auch er sich vor dem Kriege viel mit Wirtschafsproblemen beschäftigt hätte und nur durch den Zwang der Notwendigkeit Militärfachmann geworden sei.

Stassen fragt, ob er das von Pawlow geführte Protokoll der Unterredung erhalten könne und ob er die Erlaubnis hätte, über die Unterredung mit den Berichterstattern zu sprechen, wenn er mit ihnen zusammenkäme.

Stalin sagt, dass Stassen natürlich das Protokoll der Unterredung erhalten und mit den Berichterstattern über die Unterredung sprechen könne, da daran nichts zu verheimlichen sei.

„Neue Welt“,
Heft 9 / Mai 1947,
Seite 3-9

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