"Stalin"

Werke

Band 15

DER MARXISMUS UND DIE FRAGEN DER SPRACHWISSENSCHAFT

ÜBER DEN MARXISMUS IN DER SPRACHWISSENSCHAFT

Eine Gruppe jüngerer Genossen hat sich an mich mit der Bitte gewandt, in der Presse meine Meinung über Fragen der Sprachwissenschaft zu äußern, insbesondere was den Marxismus in der Sprachwissenschaft betrifft. Ich bin kein Sprachforscher und kann die Genossen natürlich nicht völlig zufrieden stellen. Was freilich den Marxismus in der Sprachwissenschaft wie auch in anderen Gesellschaftswissenschaften betrifft, so habe ich damit direkt zu tun. Daher habe ich mich bereit erklärt, eine Reihe von Fragen, die von den Genossen gestellt wurden, zu beantworten.

Frage: Ist es richtig, dass die Sprache ein Überbau der Basis ist?

Antwort: Nein, das ist nicht richtig.

Die Basis ist die ökonomische Struktur der Gesellschaft in der gegebenen Etappe ihrer Entwicklung. Der Überbau - das sind die politischen, juristischen, religiösen, künstlerischen, philosophischen Anschauungen der Gesellschaft und die ihnen entsprechenden politischen, juristischen und anderen Institutionen.

Jede Basis hat ihren eigenen, ihr entsprechenden Überbau. Die Basis der Feudalordnung hat ihren Überbau, ihre politischen, juristischen und sonstigen Anschauungen und die ihnen entsprechenden Institutionen, die kapitalistische Basis hat ihren Überbau, die sozialistische den ihrigen. Ändert sich die Basis und wird sie beseitigt, so ändert sich anschließend ihr Überbau und wird beseitigt; entsteht eine neue Basis, so entsteht anschließend auch ein ihr entsprechender Überbau.

Die Sprache unterscheidet sich in dieser Hinsicht grundlegend vom Überbau. Man nehme zum Beispiel die russische Gesellschaft und die russische Sprache. Im Laufe der letzten 30 Jahre wurde in Rußland die alte, die kapitalistische Basis beseitigt und eine neue, die sozialistische Basis geschaffen. Dementsprechend wurde der Überbau der kapitalistischen Basis beseitigt und ein neuer, der sozialistischen Basis entsprechender Überbau errichtet. Die alten politischen, juristischen und sonstigen Institutionen sind folglich durch neue, sozialistische ersetzt worden. Aber dessen ungeachtet ist die russische Sprache im Wesentlichen die gleiche geblieben, die sie vor der Oktoberumwälzung war.

Was hat sich in dieser Periode in der russischen Sprache verändert? Verändert hat sich in einem bestimmten Maße der Wortbestand der russischen Sprache; er hat sich in dem Sinne verändert, dass er durch eine beträchtliche Anzahl neuer Wörter und Ausdrücke ergänzt wurde, die im Zusammenhang mit dem Aufkommen der neuen, sozialistischen Produktion, mit der Entstehung des neuen Staats, der neuen, sozialistischen Kultur, des neuen gesellschaftlichen Lebens, der neuen Moral und schließlich im Zusammenhang mit dem Wachstum der Technik und der Wissenschaft entstanden sind; verändert hat sich der Sinn einer Reihe von Wörtern und Ausdrücken, die eine neue Bedeutung erhalten haben; eine bestimmte Anzahl veralteter Wörter ist aus dem Wortbestand verschwunden. Was jedoch den grundlegenden Wortschatz und den grammatikalischen Bau der russischen Sprache betrifft, die die Grundlage der Sprache bilden, so wurden sie nach der Beseitigung der kapitalistischen Basis nicht nur nicht beseitigt und durch einen neuen grundlegenden Wortschatz und einen neuen grammatikalischen Sprachbau ersetzt, sondern sind im Gegenteil unversehrt erhalten geblieben und haben keine irgendwie ernstlichen Veränderungen erfahren - sie sind erhalten geblieben eben als Grundlage der gegenwärtigen russischen Sprache.

Ferner. Der Überbau wird von der Basis hervorgebracht, aber das bedeutet keineswegs, dass er die Basis lediglich widerspiegelt, dass er passiv, neutral, gleichgültig ist gegenüber dem Schicksal seiner Basis, dem Schicksal der Klassen, dem Charakter der Gesellschaftsordnung. Im Gegenteil, einmal auf die Welt gekommen, wird er zu einer gewaltigen aktiven Kraft, trägt er aktiv dazu bei, dass seine Basis ihre bestimmte Form annimmt und sich festigt, trifft er alle Maßnahmen, um der neuen Gesellschaftsordnung zu helfen, der alten Basis und den alten Klassen den Rest zu geben und sie zu beseitigen.

Anders kann es auch nicht sein. Der Überbau wird von der Basis ja gerade dazu geschaffen, um ihr zu dienen, um ihr aktiv zu helfen, ihre bestimmte Form anzunehmen und sich zu festigen, um aktiv für die Beseitigung der alten, überlebten Basis samt ihrem alten Überbau zu kämpfen. Der Überbau braucht nur diese seine dienende Rolle aufzugeben, der Überbau braucht nur von der Position der aktiven Verteidigung seiner Basis auf die Position einer gleichgültigen Einstellung zu ihr, auf die Position einer undifferenzierten Einstellung zu den Klassen überzugehen, und er büßt seine Eigenschaft ein und hört auf, Überbau zu sein.

Die Sprache unterscheidet sich in dieser Hinsicht grundlegend vom Überbau. Die Sprache ist nicht durch diese oder jene Basis, durch eine alte oder neue Basis, innerhalb einer gegebenen Gesellschaft, hervorgebracht worden, sondern durch den ganzen Gang der Geschichte der Gesellschaft und der Geschichte der Basen im Verlauf von Jahrhunderten. Sie ist nicht von irgendeiner Klasse allein geschaffen worden, sondern von der ganzen Gesellschaft, von allen Klassen der Gesellschaft, durch die Bemühungen Hunderter von Generationen. Sie ist geschaffen worden, um die Bedürfnisse nicht irgendeiner Klasse allein, sondern die Bedürfnisse der ganzen Gesellschaft, aller Klassen der Gesellschaft zu befriedigen. Eben darum ist sie als eine für die Gesellschaft einheitliche und allen Mitgliedern der Gesellschaft gemeinsame Sprache des gesamten Volkes geschaffen worden. Infolgedessen besteht die dienende Rolle der Sprache als eines Mittels des menschlichen Verkehrs nicht darin, dass sie einer Klasse zum Schaden anderer Klassen dient, sondern darin, dass sie der ganzen Gesellschaft, allen Klassen der Gesellschaft in gleicher Weise dient. Daraus erklärt sich denn auch, dass die Sprache sowohl einer alten, sterbenden Gesellschaftsordnung als auch einer neuen, aufsteigenden Gesellschaftsordnung, sowohl einer alten als auch einer neuen Basis, sowohl den Ausbeutern als auch den Ausgebeuteten in gleicher Weise dienen kann.

Für niemand ist die Tatsache ein Geheimnis, dass die russische Sprache vor der Oktoberumwälzung dem russischen Kapitalismus und der russischen bürgerlichen Kultur ebenso gut diente, wie sie heute der sozialistischen Ordnung und der sozialistischen Kultur der russischen Gesellschaft dient.

Dasselbe muss gesagt werden von der ukrainischen, bjelorussischen, usbekischen, kasachischen, georgischen, armenischen, estnischen, lettischen, litauischen, moldauischen, tatarischen, aserbaidshanischen, baschkirischen, turkmenischen Sprache und den anderen Sprachen der sowjetischen Nationen, die der alten, bürgerlichen Ordnung dieser Nationen ebenso gut dienten, wie sie der neuen, sozialistischen Ordnung dienen.

Anders kann es auch nicht sein. Die Sprache ist ja gerade dazu da, sie ist ja gerade dazu geschaffen, der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit als Werkzeug des menschlichen Verkehrs zu dienen, eine für die Mitglieder der Gesellschaft gemeinsame und für die Gesellschaft einheitliche Sprache zu sein, die den Mitgliedern der Gesellschaft, unabhängig von deren Klassenlage, in gleicher Weise dient. Die Sprache braucht nur von dieser Position, der Position einer Sprache des gesamten Volkes, abzugehen, die Sprache braucht nur die Position der Bevorzugung und Unterstützung irgendeiner sozialen Gruppe zum Schaden anderer sozialer Gruppen der Gesellschaft zu beziehen, und sie büßt ihre Eigenschaft ein, sie hört auf, ein Mittel des Verkehrs der Menschen in der Gesellschaft zu sein, sie wird zum Jargon irgendeiner sozialen Gruppe, sie degradiert und verurteilt sich zum Verschwinden.

In dieser Hinsicht unterscheidet sich die Sprache, die sich grundsätzlich vom Überbau unterscheidet, jedoch nicht von den Produktionsinstrumenten, sagen wir, von den Maschinen, die den Klassen gegenüber ebenso gleichgültig sind wie die Sprache und die sowohl der kapitalistischen als auch der sozialistischen Gesellschaftsordnung in gleicher Weise dienen können.

Weiter. Der Überbau ist das Produkt einer Epoche, in deren Verlauf die gegebene ökonomische Basis besteht und wirkt. Daher besteht der Überbau nicht lange, er wird beseitigt und verschwindet mit der Beseitigung und dem Verschwinden der gegebenen Basis.

Die Sprache dagegen ist das Produkt einer ganzen Reihe von Epochen, in deren Verlauf sie sich formt, bereichert, entwickelt, ihren Schliff erhält. Daher lebt die Sprache unvergleichlich länger als jede beliebige Basis und jeder beliebige Überbau. Daraus erklärt sich denn auch, dass die Entstehung und die Beseitigung nicht nur einer einzigen Basis und ihres Überbaus, sondern auch mehrerer Basen und der ihnen entsprechenden Überbauten in der Geschichte nicht zur Beseitigung der gegebenen Sprache, zur Beseitigung ihrer Struktur und zur Geburt einer neuen Sprache mit neuem Wortschatz und neuem grammatikalischem Bau führen.

Seit dem Tode Puschkins sind über hundert Jahre vergangen. In dieser Zeit wurden in Rußland die Feudalordnung sowie die kapitalistische Ordnung beseitigt, und es entstand eine dritte, die sozialistische. Ordnung. Folglich wurden zwei Basen mitsamt ihren Überbauten beseitigt, und es entstand eine neue, die sozialistische Basis mit ihrem neuen Überbau. Nimmt man aber zum Beispiel die russische Sprache, so hat sie in dieser langen Zeitspanne keine Umwälzung erfahren, und die heutige russische Sprache unterscheidet sich ihrer Struktur nach kaum von der Sprache Puschkins.

Was hat sich in dieser Zeit in der russischen Sprache verändert? In dieser Zeit hat sich der Wortbestand der russischen Sprache erheblich ergänzt; eine große Anzahl veralteter Wörter ist aus dem Wortbestand verschwunden; die Bedeutung einer beträchtlichen Anzahl von Wörtern hat sich verändert; der grammatikalische Bau der Sprache hat sich verbessert. Was die Struktur der Sprache Puschkins samt ihrem grammatikalischen Bau und ihrem grundlegenden Wortschatz betrifft, so ist sie als Grundlage der heutigen russischen Sprache in allem Wesentlichen erhalten geblieben.

Das ist auch durchaus begreiflich. In der Tat, wozu ist es nötig, dass nach jeder Umwälzung die bestehende Struktur der Sprache, ihr grammatikalischer Bau und grundlegender Wortschatz vernichtet und durch neue ersetzt werden, wie das gewöhnlich mit dem Überbau geschieht? Wem ist damit gedient, wenn „Wasser“, „Erde“, „Berg“, „Wald“, „Fisch“, „Mensch“, „gehen“, „tun“, „herstellen“, „kaufen“ usw. nicht Wasser, Erde, Berg usw. heißen, sondern irgendwie anders? Wem ist damit gedient, wenn die Beugung der Wörter in der Sprache und die Verbindung der Wörter im Satz nicht nach der vorhandenen, sondern nach einer ganz anderen Grammatik erfolgen? Welchen Nutzen hätte die Revolution von einer derartigen Umwälzung in der Sprache? Die Geschichte tut überhaupt nichts Wesentliches, ohne dass dafür eine besondere Notwendigkeit vorliegt. Es fragt sich, welche Notwendigkeit für eine solche sprachliche Umwälzung vorliegt, wenn erwiesen ist, dass die bestehende Sprache mit ihrer Struktur im wesentlichen durchaus geeignet ist, die Bedürfnisse der neuen Gesellschaftsordnung zu befriedigen. Man kann und muss im Laufe einiger Jahre den alten Überbau vernichten und ihn durch einen neuen ersetzen, um der Entwicklung der Produktivkräfte der Gesellschaft freie Bahn zu geben; wie aber könnte man die bestehende Sprache vernichten und im Laufe einiger Jahre an ihrer Stelle eine neue Sprache aufbauen, ohne in das gesellschaftliche Leben Anarchie hineinzutragen, ohne die Gefahr eines Zerfalls der Gesellschaft heraufzubeschwören? Wer außer einem Don Quichotte könnte sich eine solche Aufgabe stellen?

Schließlich besteht noch ein grundlegender Unterschied zwischen dem Überbau und der Sprache. Der Überbau ist nicht unmittelbar mit der Produktion, mit der Produktionstätigkeit des Menschen verbunden. Er ist mit der Produktion nur indirekt, vermittels der Ökonomik, vermittels der Basis verbunden. Daher spiegelt der Überbau die Veränderungen im Entwicklungsniveau der Produktivkräfte nicht sofort und nicht direkt wider, sondern nach den Veränderungen in der Basis, indem die Veränderungen in der Produktion ihre Reflexion in den Veränderungen in der Basis gefunden haben. Dies bedeutet, dass der Wirkungsbereich des Überbaus eng und begrenzt ist.

Die Sprache dagegen ist mit der Produktionstätigkeit des Menschen unmittelbar verbunden, und nicht nur mit der Produktionstätigkeit, sondern auch mit jeder anderen Tätigkeit des Menschen in allen Bereichen seiner Arbeit, von der Produktion bis zur Basis, von der Basis bis zum Überbau. Daher spiegelt die Sprache Veränderungen in der Produktion sofort und unmittelbar wider, ohne die Veränderungen in der Basis abzuwarten. Daher ist der Wirkungsbereich der Sprache, die alle Tätigkeitsgebiete des Menschen umfasst, viel weiter und vielseitiger als der Wirkungsbereich des Überbaus. Mehr noch, er ist nahezu unbegrenzt.

Hieraus erklärt sich vor allem auch, dass sich die Sprache, eigentlich ihr Wortbestand, im Zustand einer fast ununterbrochenen Veränderung befindet. Das ununterbrochene Wachstum der Industrie und Landwirtschaft, des Handels und Verkehrs, der Technik und Wissenschaft erfordert von der Sprache die Ergänzung ihres Wortbestandes durch neue Wörter und Ausdrücke, deren sie für ihr Wirken bedürfen. Und die Sprache, die diese Bedürfnisse unmittelbar widerspiegelt, ergänzt ihren Wortbestand durch neue Wörter und vervollkommnet ihren grammatikalischen Bau.

Also :

a) Ein Marxist kann die Sprache nicht als Überbau der Basis betrachten;

b) die Sprache mit dem Überbau verwechseln, heißt einen ernsten Fehler begehen.

Frage: Ist es richtig, dass die Sprache stets eine Klassensprache war und bleibt, dass es keine für die Gesellschaft gemeinsame und einheitliche, nicht klassengebundene Sprache des gesamten Volkes gibt?

Antwort: Nein, das ist nicht richtig.

Es ist nicht schwer zu begreifen, dass in einer Gesellschaft, in der es keine Klassen gibt, von einer Klassensprache nicht einmal die Rede sein kann. Die Gentilordnung der Urgemeinschaft kannte keine Klassen, folglich konnte es dort auch keine Klassensprache geben - die Sprache war dort gemeinsam und einheitlich für das ganze Kollektiv. Der Einwand, dass unter Klasse jedes Kollektiv von Menschen, darunter auch das Kollektiv der Urgemeinschaft, zu verstehen sei, ist kein Einwand, sondern ein Spiel mit Worten, das keiner Widerlegung bedarf.

Was die weitere Entwicklung von den Gentilsprachen zu den Stammessprachen, von den Stammessprachen zu den Sprachen der Völkerschaften und von den Sprachen der Völkerschaften zu den Nationalsprachen betrifft, so war die Sprache als Mittel des Verkehrs der Menschen in der Gesellschaft überall, in allen Entwicklungsetappen, eine für die Gesellschaft gemeinsame und einheitliche Sprache, die den Mitgliedern der Gesellschaft, unabhängig von ihrer sozialen Stellung, in gleicher Weise diente.

Ich habe hier nicht die Reiche aus der Periode der Sklaverei und des Mittelalters, sagen wir, das Reich des Cyrus oder Alexanders des Großen, das Reich Cäsars oder Karls des Großen, im Auge, die keine eigene ökonomische Basis besaßen und zeitweilige, nicht stabile militärisch-administrative Vereinigungen darstellten. Diese Reiche besaßen nicht nur keine für das Reich einheitliche und allen Angehörigen des Reichs verständliche Sprache, sondern konnten sie auch gar nicht besitzen. Sie stellten ein Konglomerat von Stämmen und Völkerschaften dar, die ihr Eigenleben führten und ihre eigenen Sprachen besaßen. Nicht diese und ähnliche Reiche habe ich also im Auge, sondern diejenigen Stämme und Völkerschaften, die zu einem Reiche gehörten, ihre eigene ökonomische Basis hatten und ihre von alters her herausgebildeten Sprachen besaßen. Die Geschichte zeigt, dass die Sprachen dieser Stämme und Völkerschaften keine Klassensprachen, sondern Sprachen des gesamten Volkes waren, gemeinsam für die Stämme und Völkerschaften und ihnen verständlich.

Natürlich gab es daneben Dialekte, lokale Mundarten, doch die einheitliche und gemeinsame Sprache des Stammes beziehungsweise der Völkerschaft war vorherrschend und ordnete sich diese unter.

Später, mit dem Aufkommen des Kapitalismus, mit der Beseitigung der feudalen Zersplitterung und mit der Bildung eines nationalen Marktes entwickelten sich die Völkerschaften zu Nationen und die Sprachen der Völkerschaften zu Nationalsprachen. Die Geschichte zeigt, dass die Nationalsprachen keine Klassensprachen, sondern Sprachen des gesamten Volkes sind, gemeinsam für die Angehörigen der Nationen und einheitlich für die Nation.

Oben wurde gesagt, dass die Sprache als Mittel des Verkehrs der Menschen in der Gesellschaft allen Klassen der Gesellschaft in gleicher Weise dient und in dieser Hinsicht den Klassen gewissermaßen gleichgültig gegenübersteht.

Aber die Menschen, die einzelnen sozialen Gruppen, die Klassen stehen der Sprache bei weitem nicht gleichgültig gegenüber. Sie sind bestrebt, die Sprache in ihrem Interesse auszunutzen und ihr ihren besonderen Wortschatz, ihre besonderen Termini, ihre besonderen Ausdrücke aufzuzwingen. In dieser Hinsicht zeichnen sich besonders die Oberschichten der besitzenden Klassen aus, die sich vom Volk losgelöst haben und das Volk hassen: die Adelsaristokratie, die Oberschichten der Bourgeoisie. Es werden „Klassen“dialekte, Jargons, Salon“sprachen“ geschaffen. In der Literatur werden diese Dialekte und Jargons nicht selten fälschlich als Sprachen qualifiziert: als „Adelssprache“, als „Bourgeoissprache“ im Gegensatz zur „Proletariersprache“, zur „Bauernsprache“. Auf dieser Grundlage sind einige unserer Genossen, so sonderbar das auch ist, zu dem Schluss gelangt, dass die Nationalsprache eine Fiktion sei, dass real nur Klassensprachen beständen.

Ich glaube, dass nichts fehlerhafter ist als ein solcher Schluss. Darf man diese Dialekte und Jargons für Sprachen halten? Auf keinen Fall. Erstens nicht, weil diese Dialekte und Jargons keinen eigenen grammatikalischen Bau und keinen eigenen grundlegenden Wortschatz haben - sie entlehnen beides der Nationalsprache. Zweitens nicht, weil die Dialekte und Jargons einen engen Anwendungsbereich unter den Angehörigen der Oberschicht dieser oder jener Klasse haben und für die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit als Mittel des Verkehrs der Menschen in der Gesellschaft völlig unbrauchbar sind. Was haben nun die Dialekte und Jargons? Sie haben eine Anzahl gewisser spezifischer Wörter, die die spezifischen Geschmacksrichtungen der Aristokratie oder der Oberschichten der Bourgeoisie widerspiegeln, eine gewisse Anzahl von Ausdrücken und Redewendungen, die sich durch Gesuchtheit, Galanterie auszeichnen und frei sind von den „groben“ Ausdrücken und Wendungen der Nationalsprache; sie haben schließlich eine gewisse Anzahl von Fremdwörtern. Alles Wesentliche aber, das heißt die überwältigende Mehrheit der Wörter und der grammatikalische Bau, ist der Sprache des gesamten Volkes, der Nationalsprache, entnommen. Folglich stellen die Dialekte und Jargons Abzweigungen von der Sprache des gesamten Volkes, der Nationalsprache, dar, die jeder sprachlichen Selbständigkeit entbehren und zum Dahinvegetieren verurteilt sind. Zu glauben, Dialekte und Jargons könnten sich zu selbständigen Sprachen entwickeln, die imstande wären, die Nationalsprache zu verdrängen und zu ersetzen, heißt, die historische Perspektive verlieren und die Position des Marxismus verlassen.

Man beruft sich auf Marx, man zitiert eine Stelle aus seiner Schrift „Sankt Max“, wo gesagt wird, dass der Bourgeois „seine Sprache“ besitzt, dass diese Sprache ein „Produkt der Bourgeoisie ist“, dass sie vom Geiste des Merkantilismus und des Schachers durchdrungen ist. Mit diesem Zitat wollen einige Genossen beweisen, dass Marx angeblich für den „Klassencharakter“ der Sprache gewesen sei, dass er die Existenz einer einheitlichen Nationalsprache in Abrede gestellt habe. Wären diese Genossen objektiv an die Frage herangegangen, so hätten sie auch ein anderes Zitat aus der gleichen Schrift „Sankt Max“ anführen müssen, wo Marx die Frage der Entstehungswege einer einheitlichen Nationalsprache berührt und von „auf ökonomischer und politischer Konzentration beruhender Konzentration der Dialekte innerhalb einer Nation zur Nationalsprache“ spricht.

Folglich erkannte Marx die Notwendigkeit einer einheitlichen Nationalsprache als einer höheren Form an, der die Dialekte als die niedrigeren Formen untergeordnet sind.

Was kann denn dann die Sprache des Bourgeois darstellen, die nach Marx ein „Produkt der Bourgeoisie ist“? Hielt Marx sie für eine ebensolche Sprache, wie es die Nationalsprache ist, für eine Sprache mit einer eigenen, besonderen Sprachstruktur? Konnte er sie für eine solche Sprache halten? Natürlich nicht! Marx wollte einfach sagen, dass die Bourgeois mit ihrem Krämerlexikon die einheitliche Nationalsprache verschandelt haben, dass also die Bourgeois ihren eigenen Krämerjargon haben.

Daraus ergibt sich, dass diese Genossen die Auffassung von Marx entstellt haben. Und sie haben sie entstellt, weil sie Marx nicht wie Marxisten, sondern wie Buchstabengelehrte zitierten, ohne in das Wesen der Sache einzudringen.

Man beruft sich auf Engels, man zitiert aus der Broschüre „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ die Worte von Engels, dass die englische „...arbeitende Klasse allmählich ein ganz anderes Volk geworden ist als die englische Bourgeoisie“, „die Arbeiter sprechen andre Dialekte, haben andre Ideen und Vorstellungen, andre Sitten und Sittenprinzipien, andre Religion und Politik als die Bourgeoisie“. Ausgehend von diesem Zitat ziehen einige Genossen den Schluss, dass Engels die Notwendigkeit einer Sprache des gesamten Volkes, einer Nationalsprache in Abrede gestellt habe, dass er also für den „Klassencharakter“ der Sprache eingetreten sei. Engels spricht hier zwar nicht von der Sprache, sondern vom Dialekt, da er sich durchaus darüber im Klaren ist, dass der Dialekt als Abzweigung von der Nationalsprache die Nationalsprache nicht ersetzen kann. Aber diese Genossen haben offenbar für das Bestehen eines Unterschiedes zwischen Sprache und Dialekt nicht viel übrig...

Offensichtlich ist das angeführte Zitat fehl am Platz, da Engels hier nicht von „Klassensprachen“ spricht, sondern hauptsächlich von klassenbedingten Ideen, Vorstellungen, Sitten, Sittenprinzipien, Religion und Politik. Es ist vollkommen richtig, dass die Ideen, Vorstellungen, Sitten und Sittenprinzipien, die Religion und Politik der Bourgeois und der Proletarier einander direkt entgegengesetzt sind. Was hat das aber mit der Nationalsprache oder dem „Klassencharakter“ der Sprache zu tun? Kann etwa das Vorhandensein von Klassengegensätzen in der Gesellschaft als ein Argument zugunsten des „Klassencharakters“ der Sprache oder gegen die Notwendigkeit einer einheitlichen Nationalsprache dienen? Der Marxismus besagt, dass die Gemeinschaft der Sprache eines der wichtigsten Merkmale der Nation ist, wobei er sehr gut weiß, dass innerhalb der Nation Klassengegensätze bestehen. Erkennen die erwähnten Genossen diese marxistische These an?

Man beruft sich auf Lafargue und weist darauf hin, dass Lafargue in seiner Broschüre „Die französische Sprache vor und nach der Revolution“ den „Klassencharakter“ der Sprache anerkenne und angeblich die Notwendigkeit einer Sprache des gesamten Volkes, einer Nationalsprache leugne. Das ist falsch. Lafargue spricht tatsächlich von einer „Adelssprache“ oder „Sprache der Aristokratie“ und von „Jargons“ verschiedener Gesellschaftsschichten. Diese Genossen vergessen jedoch, dass Lafargue, der sich für die Frage des Unterschiedes zwischen Sprache und Jargon nicht interessierte und der die Dialekte bald als „gekünstelte Sprache“, bald als „Jargon“ bezeichnete, in seiner Broschüre mit Bestimmtheit erklärt: „Die gekünstelte Sprache, die den Aristokraten kennzeichnete ... wurde abgeleitet aus der Volkssprache, die Bourgeois und Handwerker, Stadt und Land sprachen.“

Lafargue erkennt also das Bestehen und die Notwendigkeit einer Sprache des gesamten Volkes an, da er sich über den untergeordneten Charakter und die Abhängigkeit der „Sprache der Aristokratie“ sowie der anderen Dialekte und Jargons von der Sprache des gesamten Volkes durchaus im Klaren ist.

Die Berufung auf Lafargue trifft also daneben.

Man beruft sich darauf, dass einst in England die englischen Feudalherren „jahrhundertelang“ französisch sprachen, während das englische Volk englisch sprach, und dass dieser Umstand angeblich ein Argument zugunsten des „Klassencharakters“ der Sprache und gegen die Notwendigkeit einer Sprache des gesamten Volkes sei. Das ist jedoch kein Argument, sondern geradezu ein Witz. Erstens sprachen damals nicht alle Feudalherren französisch, sondern nur eine unbedeutende Oberschicht der englischen Feudalherren am königlichen Hof und in den Grafschaften. Zweitens sprachen sie nicht irgendeine „Klassensprache“, sondern die gewöhnliche, vom ganzen französischen Volk gesprochene Sprache. Drittens ist bekanntlich die Manier, französisch zu sprechen, dann spurlos verschwunden und hat der vom ganzen Volk gesprochenen englischen Sprache Platz gemacht. Glauben diese Genossen denn, die englischen Feudalherren hätten sich mit dem englischen Volk „jahrhundertelang“ nur durch Dolmetscher verständigt, die englischen Feudalherren hätten sich nicht der englischen Sprache bedient, es habe damals keine Sprache des gesamten englischen Volkes gegeben, die französische Sprache sei damals in England mehr gewesen als eine ausschließlich im engen Kreis der Oberschicht der englischen Aristokratie gebräuchliche Salonsprache? Wie kann man auf Grund solcher anekdotenhafter „Argumente" das Vorhandensein und die Notwendigkeit einer Sprache des gesamten Volkes in Abrede stellen?

Auch die russischen Aristokraten hatten eine Zeitlang am Zarenhof und in den Salons die Manier, französisch zu sprechen. Sie taten sich etwas darauf zugute, beim Russischsprechen zu französeln und Russisch nur mit französischem Akzent sprechen zu können. Bedeutet dies, dass es in Rußland damals keine vom ganzen Volk gesprochene russische Sprache gegeben hätte, dass die Sprache des gesamten Volkes damals eine Fiktion, die „Klassensprachen“ aber eine Realität gewesen wären?

Unsere Genossen begehen hierbei zumindest zwei Fehler.

Der erste Fehler besteht darin, dass sie die Sprache mit dem Überbau verwechseln. Sie glauben, wenn der Überbau einen Klassencharakter hat, müsse auch die Sprache keine Sprache des gesamten Volkes, sondern eine Klassensprache sein. Ich sagte aber bereits oben, dass Sprache und Überbau zwei verschiedene Begriffe sind, dass ein Marxist ihre Verwechslung nicht zulassen kann.

Der zweite Fehler besteht darin, dass diese Genossen die Gegensätzlichkeit der Interessen der Bourgeoisie und des Proletariats, ihren erbitterten Klassenkampf als einen Zerfall der Gesellschaft, als einen Abbruch jedweder Beziehungen zwischen den feindlichen Klassen auffassen. Sie sind der Ansicht, da die Gesellschaft nun einmal zerfallen sei und es keine einheitliche Gesellschaft mehr gebe, sondern nur Klassen, sei auch keine einheitliche Sprache der Gesellschaft, keine Nationalsprache nötig. Was bleibt aber, wenn die Gesellschaft zerfallen ist und wenn es keine Sprache des gesamten Volkes, keine Nationalsprache mehr gibt? Es bleiben Klassen und „Klassensprachen“. Es versteht sich, dass jede „Klassensprache“ ihre eigene „Klassen“grammatik haben wird, ihre „proletarische“ Grammatik oder ihre „bürgerliche“ Grammatik. Allerdings gibt es solche Grammatiken in Wirklichkeit nicht, aber das stört diese Genossen nicht: sie glauben, dass solche Grammatiken entstehen werden.

Es gab bei uns einmal „Marxisten“, die behaupteten, die in unserem Lande nach der Oktoberumwälzung verbliebenen Eisenbahnen seien bürgerliche Eisenbahnen, es stehe uns Marxisten nicht an, sie zu benutzen, man müsse sie abtragen und neue, „proletarische“ Bahnen bauen. Sie erhielten dafür den Spitznamen „Troglodyten“...

Es versteht sich, dass diese primitiv anarchistische Auffassung von der Gesellschaft, den Klassen und der Sprache mit Marxismus nichts zu tun hat. Zweifellos aber besteht und lebt sie noch in den Hirnen einiger unserer Genossen, die sich verheddert haben.

Natürlich trifft es nicht zu, dass die Gesellschaft infolge des Bestehens des erbitterten Klassenkampfes in ökonomisch nicht mehr miteinander in einer Gesellschaft verbundene Klassen zerfallen sei. Im Gegenteil. Solange der Kapitalismus besteht, werden Bourgeois und Proletarier als Teile der einheitlichen kapitalistischen Gesellschaft durch alle Fäden der Wirtschaft miteinander verbunden sein. Die Bourgeois können nicht leben und sich bereichern, ohne Lohnarbeiter zu ihrer Verfügung zu haben, die Proletarier können nicht existieren, ohne sich den Kapitalisten zu verdingen. Der Abbruch jedweder wirtschaftlichen Beziehungen zwischen ihnen bedeutet die Einstellung jedweder Produktion, die Einstellung jedweder Produktion aber führt zum Untergang der Gesellschaft, zum Untergang der Klassen selbst. Es versteht sich, dass sich keine Klasse der Vernichtung aussetzen will. Daher kann der Klassenkampf, wie scharf er auch sein mag, nicht zum Zerfall der Gesellschaft führen. Nur Ignoranz in Fragen des Marxismus und völliges Verkennen der Natur der Sprache konnten einige unserer Genossen auf das Märchen vom Zerfall der Gesellschaft, von „Klassen“sprachen, von „Klassen“grammatiken bringen.

Man beruft sich ferner auf Lenin und erinnert daran, dass Lenin das Vorhandensein zweier Kulturen im Kapitalismus, der bürgerlichen und der proletarischen, anerkannt hat und dass die Losung der nationalen Kultur im Kapitalismus eine nationalistische Lösung ist. All das ist richtig, und Lenin hat hier absolut Recht. Was hat das aber mit dem „Klassencharakter“ der Sprache zu tun? Mit dem Hinweis auf Lenin s Worte von den zwei Kulturen im Kapitalismus wollen diese Genossen dem Leser offenbar einreden, das Vorhandensein zweier Kulturen in der Gesellschaft, der bürgerlichen und der proletarischen, bedeute, dass es auch zwei Sprachen geben müsse, da die Sprache mit der Kultur zusammenhängt, dass Lenin folglich die Notwendigkeit einer einheitlichen Nationalsprache in Abrede stelle, dass Lenin folglich für „Klassen“sprachen sei. Der Fehler dieser Genossen besteht hier darin, dass sie Sprache und Kultur identifizieren und miteinander verwechseln. Indessen sind Kultur und Sprache zwei verschiedene Dinge. Die Kultur kann sowohl eine bürgerliche als auch eine sozialistische Kultur sein, die Sprache aber als Mittel des Verkehrs ist stets Sprache des gesamten Volkes und kann sowohl der bürgerlichen als auch der sozialistischen Kultur dienen. Ist es denn nicht Tatsache, dass die russische, die ukrainische, die usbekische Sprache heute der sozialistischen Kultur dieser Nationen ebenso gut dienen, wie sie vor der Oktoberumwälzung ihren bürgerlichen Kulturen gedient haben? Diese Genossen irren sich also gründlich, wenn sie behaupten, das Vorhandensein zweier verschiedener Kulturen führe zur Bildung zweier verschiedener Sprachen und zur Verneinung der Notwendigkeit einer einheitlichen Sprache.

Als Lenin von den zwei Kulturen sprach, ging er gerade von der These aus, dass das Vorhandensein zweier Kulturen nicht zur Verneinung einer einheitlichen Sprache und zur Bildung zweier Sprachen führen kann, dass die Sprache einheitlich sein muss. Als die Bundisten Lenin beschuldigten, er verneine die Notwendigkeit einer Nationalsprache und behandle die Kultur als „nichtnational“, protestierte Lenin bekanntlich scharf dagegen und erklärte, er kämpfe gegen die bürgerliche Kultur, nicht aber gegen die Nationalsprache, deren Notwendigkeit er für unbestreitbar halte. Es ist sonderbar, dass einige unserer Genossen in den Fußtapfen der Bundisten wandeln.

Was die einheitliche Sprache betrifft, deren Notwendigkeit Lenin angeblich verneint, so sollte man sich folgende Worte Lenin s anhören:

„Die Sprache ist das wichtigste Mittel des menschlichen Verkehrs; die Einheit der Sprache und ihre ungehinderte Entwicklung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen wahrhaft freien und umfassenden, dem modernen Kapitalismus entsprechenden Handelsverkehr, für eine freie und umfassende Gruppierung der Bevölkerung nach all den einzelnen Klassen.“

Es ergibt sich, dass die verehrten Genossen die Anschauungen Lenin s entstellt haben.

Man beruft sich schließlich auf Stalin. Man führt ein Zitat aus Stalin an, wonach „die Bourgeoisie und ihre nationalistischen Parteien in dieser Periode die leitende Hauptkraft dieser Nationen waren und bleiben“. Das alles ist richtig. Die Bourgeoisie und ihre nationalistische Partei leiten tatsächlich die bürgerliche Kultur, genau wie das Proletariat und seine internationalistische Partei die proletarische Kultur leiten. Was hat das aber mit dem „Klassencharakter“ der Sprache zu tun? Ist diesen Genossen denn nicht bekannt, dass die Nationalsprache die Form der nationalen Kultur ist, dass die Nationalsprache sowohl der bürgerlichen als auch der sozialistischen Kultur dienen kann? Kennen unsere Genossen wirklich nicht die bekannte Formel der Marxisten, dass die heutige russische, ukrainische, bjelorussische Kultur und andere Kulturen dem Inhalt nach sozialistisch und der Form, das heißt der Sprache nach national sind? Sind sie mit dieser marxistischen Formel einverstanden?

Der Fehler unserer Genossen besteht hier darin, dass sie den Unterschied zwischen Kultur und Sprache nicht sehen und nicht verstehen, dass sich die Kultur ihrem Inhalt nach mit jeder neuen Entwicklungsperiode der Gesellschaft verändert, während die Sprache mehrere Perioden lang im wesentlichen die gleiche Sprache bleibt und sowohl der neuen als auch der alten Kultur in gleicher Weise dient.

Also :

a) Die Sprache als Mittel des Verkehrs war und bleibt stets eine für die Gesellschaft einheitliche und für ihre Mitglieder gemeinsame Sprache;

b) das Vorhandensein von Dialekten und Jargons ist keine Verneinung, sondern eine Bestätigung des Vorhandenseins einer Sprache des gesamten Volkes, deren Abzweigungen sie darstellen und der sie untergeordnet sind;

c) die Formel vom „Klassencharakter“ der Sprache ist eine fehlerhafte, unmarxistische Formel.

Frage: Welches sind die charakteristischen Merkmale der Sprache?

Antwort: Die Sprache gehört zu den gesellschaftlichen Erscheinungen, die während der ganzen Zeit des Bestehens der Gesellschaft wirksam sind. Sie entsteht und entwickelt sich mit dem Entstehen und der Entwicklung der Gesellschaft. Sie stirbt mit dem Zeitpunkt des Todes der Gesellschaft. Außerhalb der Gesellschaft gibt es keine Sprache. Daher kann man die Sprache und ihre Entwicklungsgesetze nur dann verstehen, wenn man sie in unlösbarem Zusammenhang mit der Geschichte der Gesellschaft, mit der Geschichte des Volkes studiert, dem die zu studierende Sprache gehört und das der Schöpfer und Träger dieser Sprache ist.

Die Sprache ist ein Mittel, ein Werkzeug, mit dessen Hilfe die Menschen miteinander verkehren, ihre Gedanken austauschen und eine gegenseitige Verständigung anstreben. Mit dem Denken unmittelbar verbunden, registriert und fixiert die Sprache in Wörtern und in der Verbindung von Wörtern zu Sätzen die Ergebnisse der Denktätigkeit, die Erfolge der Erkenntnistätigkeit des Menschen und ermöglicht somit den Gedankenaustausch in der menschlichen Gesellschaft.

Der Gedankenaustausch ist eine ständige und lebenswichtige Notwendigkeit, da es ohne ihn nicht möglich ist, ein gemeinsames Handeln der Menschen im Kampf gegen die Naturkräfte, im Kampf für die Erzeugung der notwendigen materiellen Güter zustande zu bringen, da es ohne ihn nicht möglich ist, Erfolge in der Produktionstätigkeit der Gesellschaft zu erzielen, und folglich das Bestehen einer gesellschaftlichen Produktion selbst nicht möglich ist. Ohne eine der Gesellschaft verständliche und ihren Mitgliedern gemeinsame Sprache stellt die Gesellschaft folglich die Produktion ein, zerfällt und hört auf, als Gesellschaft zu bestehen. In diesem Sinne ist die Sprache als Werkzeug des Verkehrs gleichzeitig ein Werkzeug des Kampfes und der Entwicklung der Gesellschaft.

Bekanntlich bilden alle Wörter, die es in einer Sprache gibt, zusammen den so genannten Wortbestand der Sprache. Das Wichtigste im Wortbestand der Sprache ist der grundlegende Wortschatz, dessen Kern alle Wurzelwörter bilden. Er ist von viel geringerem Umfang als der Wortbestand der Sprache, aber er lebt sehr lange, jahrhundertelang und liefert der Sprache die Grundlage für die Bildung neuer Wörter. Der Wortbestand spiegelt den Zustand der Sprache wider: je reicher und vielseitiger der Wortbestand ist, desto reicher und entwickelter ist die Sprache.

Aber der Wortbestand an sich macht noch nicht die Sprache aus - er ist vielmehr nur das Baumaterial für die Sprache. Ähnlich wie im Bauwesen das Baumaterial noch kein Gebäude ausmacht, obgleich es unmöglich ist, ohne Baumaterial ein Gebäude zu errichten, genauso macht der Wortbestand der Sprache noch nicht die Sprache selbst aus, obgleich ohne ihn keine Sprache denkbar ist. Der Wortbestand der Sprache gewinnt jedoch größte Bedeutung, wenn er der Grammatik der Sprache zugeführt wird, die die Regeln für die Beugung der Wörter, die Regeln für die Verbindung der Wörter zum Satz bestimmt und auf diese Weise der Sprache einen harmonischen, sinnvollen Charakter verleiht. Die Grammatik (Morphologie, Syntax) ist eine Sammlung von Regeln für die Beugung der Wörter und für die Verbindung der Wörter zum Satz. Folglich erhält die Sprache eben gerade durch die Grammatik die Möglichkeit, die menschlichen Gedanken in eine materielle sprachliche Hülle zu kleiden.

Die charakteristische Besonderheit der Grammatik besteht darin, dass sie die Regeln für die Beugung der Wörter gibt, wobei sie nicht konkrete Wörter, sondern die Wörter überhaupt, ohne jede Konkretheit im Auge hat, sie gibt die Regeln für die Bildung von Sätzen, wobei sie nicht irgendwelche konkreten Sätze, sagen wir ein konkretes Subjekt, ein konkretes Prädikat und dergleichen, im Auge hat, sondern überhaupt alle beliebigen Sätze, unabhängig von der konkreten Form dieses oder jenes Satzes. Folglich nimmt die Grammatik, die sowohl bei den Wörtern als auch bei den Sätzen vom Besonderen und Konkreten abstrahiert, das Allgemeine, das den Beugungen der 'Wörter und der Verbindung der Wörter zu Sätzen zugrunde liegt, und leitet daraus grammatikalische Regeln, grammatikalische Gesetze ab. Die Grammatik ist das Ergebnis einer langen, abstrahierenden Arbeit des menschlichen Denkens, ein Gradmesser für die gewaltigen Erfolge des Denkens.

In dieser Hinsicht erinnert die Grammatik an die Geometrie, die eigene Gesetze aufstellt, indem sie von den konkreten Gegenständen abstrahiert, die Gegenstände als Körper betrachtet, die von allem Konkreten losgelöst sind, und die Beziehungen zwischen ihnen nicht als konkrete Beziehungen zwischen den und den konkreten Gegenständen definiert, sondern als Beziehungen zwischen den Körpern schlechthin, die von allem Konkreten losgelöst sind.

Zum Unterschied vom Überbau, der mit der Produktion nicht direkt, sondern vermittels der Ökonomik verbunden ist, ist die Sprache unmittelbar mit der Produktionstätigkeit des Menschen ebenso wie mit jeder anderen Tätigkeit in ausnahmslos allen Bereichen seiner Arbeit verbunden.

Deswegen befindet sich der Wortbestand der Sprache, da er für Veränderungen am empfänglichsten ist, im Zustand einer fast ununterbrochenen Veränderung; dabei braucht die Sprache zum Unterschied vom Überbau nicht die Beseitigung der Basis abzuwarten, sie nimmt vor der Beseitigung der Basis und unabhängig vom Zustand der Basis Veränderungen an ihrem Wortbestand vor.

Der Wortbestand der Sprache verändert sich jedoch nicht wie der Überbau, nicht durch die Beseitigung des Alten und den Aufbau des Neuen, sondern durch die Ergänzung des bestehenden Wortbestandes durch neue Wörter, die im Zusammenhang mit den Veränderungen der sozialen Ordnung, mit der Entwicklung der Produktion, mit der Entwicklung der Kultur, der Wissenschaft usw. entstanden sind. Hierbei kommt, obgleich gewöhnlich eine gewisse Anzahl veralteter Wörter aus dem Wortbestand der Sprache verschwindet, eine viel größere Anzahl neuer Wörter hinzu. Was aber den grundlegenden Wortschatz betrifft, so bleibt er in allem Wesentlichen erhalten und wird als Grundlage des Wortbestandes der Sprache benutzt.

Das ist auch verständlich. Es besteht keinerlei Notwendigkeit, den grundlegenden Wortschatz zu vernichten, wenn er während einer Reihe von historischen Perioden mit Erfolg benutzt werden kann, ganz zu schweigen davon, dass die Vernichtung des im Laufe von Jahrhunderten angesammelten grundlegenden Wortschatzes angesichts der Unmöglichkeit, innerhalb einer kurzen Zeit einen neuen grundlegenden Wortschatz zu schaffen, zur Lähmung der Sprache, zur völligen Zerrüttung des Verkehrs der Menschen untereinander führen würde.

Der grammatikalische Bau der Sprache verändert sich noch langsamer als ihr grundlegender Wortschatz. Der im Laufe der Epochen herausgearbeitete und der Sprache in Fleisch und Blut übergegangene grammatikalische Bau verändert sich noch langsamer als der grundlegende Wortschatz. Er erfährt natürlich mit der Zeit Veränderungen, er vervollkommnet sich, er verbessert und präzisiert seine Regeln und bereichert sich durch neue Regeln, aber die Grundlagen des grammatikalischen Baus bleiben über eine sehr lange Zeit hin erhalten, da sie, wie die Geschichte zeigt, der Gesellschaft während einer Reihe von Epochen mit Erfolg zu dienen vermögen.

Somit bilden der grammatikalische Bau der Sprache und ihr grundlegender Wortschatz die Grundlage der Sprache, ihr spezifisches Wesen.

Die Geschichte zeigt eine große Stabilität und kolossale Widerstandsfähigkeit der Sprache gegen gewaltsame Assimilation. Statt diese Erscheinung zu erklären, beschränken sich manche Historiker darauf, sich darüber zu wundern. Zur Verwunderung liegt hier jedoch kein Grund vor. Die Stabilität der Sprache erklärt sich aus der Stabilität ihres grammatikalischen Baus und ihres grundlegenden Wortschatzes. Jahrhundertelang bemühten sich die türkischen Assimilatoren, die Sprachen der Balkanvölker zu verstümmeln, zu zerstören und zu vernichten. In dieser Periode erfuhr der Wortbestand der Balkansprachen bedeutsame Veränderungen, es wurden nicht wenige türkische Wörter und Ausdrücke entlehnt, es gab sowohl „Verbindungen“ als auch „Trennungen“, aber die Balkansprachen hielten stand und blieben am Leben. Warum?

Weil der grammatikalische Bau und der grundlegende Wortschatz dieser Sprachen im wesentlichen erhalten blieben.

Aus alledem folgt, dass man die Sprache und ihre Struktur nicht als Produkt irgendeiner Epoche allein betrachten darf. Die Struktur der Sprache, ihr grammatikalischer Bau und ihr grundlegender Wortschatz sind das Produkt einer Reihe von Epochen.

Es ist anzunehmen, dass die Elemente der modernen Sprache schon im grauesten Altertum, vor der Epoche der Sklaverei, gebildet wurden. Das war eine unkomplizierte Sprache mit einem sehr dürftigen Wortschatz, aber mit einem eigenen grammatikalischen Bau, der zwar primitiv, aber doch ein grammatikalischer Bau war.

Die weitere Entwicklung der Produktion, das Aufkommen von Klassen, das Aufkommen der Schrift, die Entstehung des Staates, der für die Verwaltung einen mehr oder minder geregelten Schriftverkehr brauchte, die Entwicklung des Handels, der einen geregelten Schriftverkehr noch mehr brauchte, das Aufkommen der Druckerpresse, die Entwicklung der Literatur - all das führte in der Entwicklung der Sprache zu großen Veränderungen. Während dieser Zeit haben sich die Stämme und Völkerschaften zersplittert und voneinander geschieden, vermischt und gekreuzt, und in der Folgezeit kamen Nationalsprachen und Nationalstaaten auf, vollzogen sich revolutionäre Umwälzungen, wurden alte Gesellschaftsordnungen durch neue abgelöst. All das führte zu noch größeren Veränderungen in der Sprache und in ihrer Entwicklung.

Es wäre jedoch grundfalsch, wollte man annehmen, dass die Entwicklung der Sprache ebenso vor sich gegangen sei wie die Entwicklung des Überbaus: durch die Vernichtung des Bestehenden und den Aufbau des Neuen. In Wirklichkeit vollzog sich die Entwicklung der Sprache nicht durch die Vernichtung der bestehenden und durch den Aufbau einer neuen Sprache, sondern durch die Entfaltung und Vervollkommnung der Grundelemente der bestehenden Sprache. Hierbei vollzog sich der Übergang von einer Qualität der Sprache zu einer anderen Qualität nicht durch eine Explosion, nicht durch die schlagartige Vernichtung des Alten und den Aufbau des Neuen, sondern durch allmähliche und lang währende Ansammlung von Elementen einer neuen Qualität, einer neuen Sprachstruktur, durch das allmähliche Absterben der Elemente der alten Qualität.

Man sagt, die Theorie der stadialen Entwicklung der Sprache sei eine marxistische Theorie, da sie die Notwendigkeit plötzlicher Explosionen als Voraussetzung für den Übergang der Sprache von einer alten zu einer neuen Qualität anerkennt. Das ist natürlich falsch, denn in dieser Theorie wird man schwerlich etwas Marxistisches finden. Und wenn die Theorie der Stadialität wirklich plötzliche Explosionen in der Entwicklungsgeschichte der Sprache anerkennt - umso schlimmer für sie. Der Marxismus anerkennt keine plötzlichen Explosionen in der Entwicklung der Sprache, keinen plötzlichen Tod einer bestehenden Sprache und keinen plötzlichen Aufbau einer neuen Sprache. Lafargue hatte Unrecht, als er von einer „plötzlichen Sprachrevolution zwischen 1789 und 1794“ in Frankreich sprach (siehe die Broschüre von Lafargue „Die französische Sprache vor und nach der Revolution“). Es gab damals in Frankreich keinerlei Sprachrevolution, geschweige denn eine plötzliche. Freilich ergänzte sich in dieser Periode der Wortbestand der französischen Sprache mit neuen Wörtern und Ausdrücken, eine gewisse Anzahl veralteter Wörter kam in Fortfall, die Bedeutung gewisser Wörter veränderte sich – aber das war auch alles. Solche Veränderungen entscheiden jedoch in keiner Weise das Schicksal einer Sprache. Das Wichtigste in der Sprache sind ihr grammatikalischer Bau und ihr grundlegender Wortschatz. Der grammatikalische Bau und der grundlegende Wortschatz der französischen Sprache aber sind in der Periode der französischen bürgerlichen Revolution nicht nur nicht verschwunden, sondern sind ohne wesentliche Veränderungen erhalten geblieben, und sie sind nicht nur erhalten geblieben, sondern sie leben bis auf den heutigen Tag in der modernen französischen Sprache fort. Ich spreche schon gar nicht davon, dass für die Beseitigung einer bestehenden Sprache und für den Aufbau einer neuen Nationalsprache („plötzliche Sprachrevolution“!) fünf bis sechs Jahre eine lächerlich geringe Zeitspanne sind - dazu sind Jahrhunderte nötig.

Der Marxismus ist der Auffassung, dass der Übergang der Sprache von einer alten zu einer neuen Qualität nicht durch eine Explosion, nicht durch eine Vernichtung der bestehenden und die Schaffung einer neuen Sprache erfolgt, sondern durch eine allmähliche Ansammlung von Elementen der neuen Qualität, folglich durch ein allmähliches Absterben der Elemente der alten Qualität.

Zur Kenntnis der Genossen, die für Explosionen begeistert sind, muss überhaupt gesagt werden, dass das Gesetz des Übergangs von einer alten zu einer neuen Qualität vermittels einer Explosion nicht allein auf die Entwicklungsgeschichte der Sprache unanwendbar ist - es ist auch auf andere gesellschaftliche Erscheinungen, die die Basis oder den Überbau betreffen, nicht immer anwendbar. Es ist unbedingt gültig für eine in feindliche Klassen gespaltene Gesellschaft. Aber es ist gar nicht unbedingt gültig für eine Gesellschaft, in der es keine feindlichen Klassen gibt. Im Laufe von 8 bis 10 Jahren haben wir in der Landwirtschaft unseres Landes den Übergang von der bürgerlichen, auf Einzelbauern wirtschaften beruhenden Ordnung zur sozialistischen Kollektivwirtschaftsordnung vollzogen. Das war eine Revolution, die die alte bürgerliche Wirtschaftsordnung auf dem Lande liquidierte und eine neue, die sozialistische Ordnung schuf. Diese Umwälzung vollzog sich jedoch nicht durch eine Explosion, das heißt nicht durch den Sturz der bestehenden Macht und die Schaffung einer neuen Macht, sondern durch den allmählichen Übergang von der alten, bürgerlichen Ordnung auf dem Lande zu einer neuen Ordnung. Das aber konnte vollzogen werden, weil es eine Revolution von oben war, weil die Umwälzung auf Initiative der bestehenden Macht mit Unterstützung der Hauptmassen der Bauernschaft durchgeführt wurde.

Man sagt, die zahlreichen Fälle von Sprachkreuzungen, die in der Geschichte erfolgt sind, gäben Grund zu der Annahme, dass es bei der Kreuzung zur Bildung einer neuen Sprache komme, und zwar durch eine Explosion, durch den plötzlichen Übergang von einer alten Qualität zu einer neuen Qualität. Das ist völlig falsch.

Die Kreuzung von Sprachen darf nicht als einmaliger Akt eines entscheidenden Schlages betrachtet werden, der innerhalb einiger Jahre seine Ergebnisse zeitigt. Die Kreuzung von Sprachen ist ein langwieriger Prozess, der Jahrhunderte währt. Daher kann hier von keinerlei Explosionen die Rede sein.

Ferner. Es wäre völlig falsch, wollte man glauben, dass infolge einer Kreuzung beispielsweise zweier Sprachen eine neue, dritte Sprache entstehe, die keiner der gekreuzten Sprachen ähnlich sei und sich von jeder dieser Sprachen qualitativ unterscheide. In Wirklichkeit geht bei der Kreuzung gewöhnlich die eine der Sprachen als Sieger hervor, bewahrt ihren grammatikalischen Bau, bewahrt ihren grundlegenden Wortschatz und entwickelt sich nach den ihr innewohnenden Entwicklungsgesetzen weiter, während die andere Sprache allmählich ihre Eigenschaft einbüßt und allmählich abstirbt.

Folglich ergibt die Kreuzung keine neue, dritte Sprache, sondern sie läßt eine der Sprachen bestehen, sie läßt deren grammatikalischen Bau und grundlegenden Wortschatz bestehen und gibt ihr die Möglichkeit, sich nach den ihr innewohnenden Entwicklungsgesetzen zu entwickeln.

Hierbei erfolgt allerdings eine gewisse Bereicherung des Wortbestandes der siegreichen Sprache auf Kosten der besiegten Sprache, aber dadurch wird sie nicht geschwächt, sondern im Gegenteil gestärkt.

So war es zum Beispiel mit der russischen Sprache, mit der sich im Laufe der historischen Entwicklung die Sprachen einer Reihe anderer Völker kreuzten und die stets als Sieger hervorging.

Natürlich ergänzte sich hierbei der Wortbestand der russischen Sprache auf Kosten des Wortbestandes anderer Sprachen, aber die russische Sprache wurde dadurch nicht nur nicht geschwächt, sondern im Gegenteil bereichert und gestärkt.

Was die nationale Eigenart der russischen Sprache betrifft, so hat sie nicht den geringsten Schaden erlitten, denn da die russische Sprache ihren grammatikalischen Bau und ihren grundlegenden Wortschatz bewahrt hat, hat sie sich weiter nach den ihr innewohnenden Entwicklungsgesetzen entwickelt und vervollkommnet.

Es kann keinen Zweifel darüber geben, dass die Kreuzungstheorie der sowjetischen Sprachwissenschaft nichts Wesentliches zu vermitteln vermag. Wenn es zutrifft, dass es die Hauptaufgabe der Sprachwissenschaft ist, die der Sprache innewohnenden Entwicklungsgesetze zu erforschen, so muss man zugeben, dass die Kreuzungstheorie diese Aufgabe nicht nur nicht löst, sondern sie nicht einmal stellt - sie bemerkt diese Aufgabe einfach nicht oder versteht sie nicht.

Frage: Hat die „Prawda“ richtig gehandelt, als sie eine freie Diskussion über Probleme der Sprachwissenschaft eröffnete?

Antwort: Sie hat richtig gehandelt.

In welcher Richtung die Probleme der Sprachwissenschaft gelöst werden, wird am Ende der Diskussion klar werden. Schon jetzt aber kann man sagen, dass die Diskussion großen Nutzen gebracht hat.

Die Diskussion hat vor allem klargestellt, dass in den sprachwissenschaftlichen Organen sowohl im Zentrum als auch in den Republiken ein Regime herrschte, das weder der Wissenschaft noch Wissenschaftlern ansteht. Die leiseste Kritik am Stand der Dinge in der sowjetischen Sprachwissenschaft, selbst die zaghaftesten Versuche einer Kritik an der so genannten „neuen Lehre“ in der Sprachwissenschaft wurden von den führenden Kreisen der Sprachwissenschaft verfolgt und unterbunden. Wegen kritischer Einstellung zum Erbe N. J. Marrs, wegen der geringsten Missbilligung der Lehre N. J. Marrs wurden wertvolle Fachkräfte und Forscher auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft ihrer Posten enthoben oder auf niedrigere Posten versetzt. Die Sprachwissenschaftler wurden nicht nach ihrer fachlichen Eignung, sondern auf Grund der vorbehaltlosen Anerkennung der Lehre N. J. Marrs auf verantwortliche Posten befördert.

Es ist allgemein anerkannt, dass keine Wissenschaft ohne Kampf der Meinungen, ohne Freiheit der Kritik sich entwickeln und gedeihen kann. Aber diese allgemein anerkannte Regel wurde in unverfrorenster Weise ignoriert und mit Füßen getreten. Es bildete sich eine abgekapselte Gruppe unfehlbarer leitender Persönlichkeiten heraus, die, nachdem sie sich gegen jede Möglichkeit einer Kritik gesichert hatte, eigenmächtig zu wirtschaften und ihr Unwesen zu treiben begann.

Ein Beispiel: Der so genannte „Bakuer Lehrgang“ (Vorlesungen N. J. Marrs, gehalten in Baku), den der Verfasser dieses Buches selber verworfen und dessen Neuauflage er verboten hatte, wurde jedoch auf Anordnung der Kaste leitender Persönlichkeiten (Genosse Meschtschaninow nennt sie „Schüler“ N. J. Marrs) neu aufgelegt und unter anderen Lehrbüchern den Studenten ohne jeden Vorbehalt empfohlen. Das bedeutet, dass man die Studenten betrogen hat, indem man ihnen gegenüber den unbrauchbar befundenen „Lehrgang“ als vollwertiges Lehrbuch ausgab. Wäre ich nicht von der Ehrlichkeit des Genossen Meschtschaninow und der anderen Sprachwissenschaftler überzeugt, so würde ich sagen, dass ein derartiges Verhalten einer Schädlingsarbeit gleichkommt.

Wie konnte das geschehen? Es konnte geschehen, weil das in der Sprachwissenschaft errichtete Araktschejew-Regime Verantwortungslosigkeit kultiviert und einem derartigen Schalten und Walten Vorschub leistet?

(Araktschejew-Regime - nach dem Grafen Araktschejew, einem reaktionären russischen Staatsmann des ersten Viertels des 19. Jahrhunderts. Mit dem Namen Araktschejews ist eine ganze Epoche hemmungslosen Polizeidespotismus und grober Militärwillkür verbunden. Der Übers.)

Die Diskussion hat sich vor allem deshalb als sehr nützlich erwiesen, weil sie dieses Araktschejew-Regime ans Licht gebracht und in Trümmer geschlagen hat.

Aber damit erschöpft sich der Nutzen der Diskussion nicht. Die Diskussion hat nicht nur das alte Regime in der Sprachwissenschaft zerschlagen, sondern hat auch noch jene unglaubliche Verworrenheit der Anschauungen in den wichtigsten Problemen der Sprachforschung aufgedeckt, die in den führenden Kreisen dieses Wissenschaftszweiges herrscht. Bis zum Beginn der Diskussion hatten die „Schüler“ N. J. Marrs geschwiegen und die Missstände in der Sprachwissenschaft verhehlt. Nach Beginn der Diskussion aber wurde es unmöglich, weiter zu schweigen - sie sahen sich gezwungen, in der Presse Stellung zu nehmen. Und was geschah? Es zeigte sich, dass die Lehre N. J. Marrs eine ganze Reihe von Mängeln, Fehlern, nicht präzisierten Problemen, nicht ausgearbeiteten Thesen aufweist. Es fragt sich, warum haben die „Schüler“ N. J. Marrs erst jetzt, nach Eröffnung der Diskussion, davon zu reden begonnen? Warum haben sie sich nicht früher darum gekümmert? Warum haben sie seinerzeit nicht offen und ehrlich darüber gesprochen, wie es Wissenschaftlern geziemt?

Es zeigt sich, dass die „Schüler“ N. J. Marrs, nachdem sie „gewisse“ Fehler N. J. Marrs zugegeben haben, nun glauben, dass die sowjetische Sprachwissenschaft nur auf der Grundlage der „präzisierten“ Theorie N. J. Marrs weiterentwickelt werden könne, die sie für marxistisch halten. O nein, man verschone uns mit dem „Marxismus“ N. J. Marrs. N. J. Marr wollte wirklich Marxist sein und bemühte sich darum, aber er vermochte es nicht, Marxist zu werden. Er hat den Marxismus lediglich verflacht und vulgarisiert ähnlich wie die „Proletkultanhänger“ oder die „RAPP-Leute“

(RAPP - „Russische Assoziation Proletarischer Schriftsteller“ - eine sektiererisch eingestellte Schriftstellerorganisation, die den Marxismus vulgarisierte. Durch ihre der Parteilinie widersprechende Praxis spaltete sie die Reihen der Sowjetschriftsteller und hemmte die Entwicklung der Sowjetliteratur. Auf Beschluss des ZK der KPdSU(B) vom 23. April 1932 wurden diese und ähnliche Schriftstellerorganisationen aufgelöst und ein einheitlicher Verband Sowjetischer Schriftsteller geschaffen. Der Übers.)

N. J. Marr trug in die Sprachwissenschaft die falsche, unmarxistische Formel von der Sprache als Überbau hinein und verhedderte sich selbst, brachte die Sprachwissenschaft in Verwirrung. Es ist nicht möglich, die sowjetische Sprachwissenschaft auf der Grundlage einer falschen Formel zu entwickeln.

N. J. Marr trug in die Sprachwissenschaft noch die andere, ebenfalls falsche und unmarxistische Formel von dem „Klassencharakter` der Sprache hinein und verhedderte sich selbst, brachte die Sprachwissenschaft in Verwirrung. Es ist nicht möglich, die sowjetische Sprachwissenschaft auf der Grundlage einer falschen Formel zu entwickeln, die dem gesamten Ablauf der Geschichte der Völker und Sprachen widerspricht.

N. J. Marr trug in die Sprachwissenschaft einen dem Marxismus fremden unbescheidenen, großtuerischen, hochmütigen Ton hinein, der zu einer nackten und leichtfertigen Verneinung alles dessen führte, was in der Sprachwissenschaft vor N. J. Marr vorhanden war.

N. J. Marr diffamiert mit großem Lärm die historisch-vergleichende Methode als „idealistisch“. Man muss indessen sagen, dass die historisch-vergleichende Methode trotz ihrer ernstlichen Mängel immer noch besser ist als N. J. Marrs tatsächlich idealistische Vierelementeanalyse, denn die erstere spornt zur Arbeit, zum Studium der Sprachen an, während die letztere nur dazu anspornt, hinter dem Ofen zu sitzen und aus dem Kaffeesatz über die berüchtigten vier Elemente zu orakeln.

N. J. Marr verunglimpft hochmütig jeden Versuch, die Gruppen (Familien) von Sprachen zu erforschen, als eine Erscheinungsform der Theorie von der „Ursprache“. Es läßt sich indessen nicht leugnen, dass die sprachliche Verwandtschaft solcher Nationen, wie zum Beispiel der slawischen, keinem Zweifel unterliegt, dass die Erforschung der sprachlichen Verwandtschaft dieser Nationen der Sprachwissenschaft bei der Erforschung der Entwicklungsgesetze der Sprache großen Nutzen bringen könnte. Ich spreche schon gar nicht davon, dass die Theorie der „Ursprache“ damit nichts zu tun hat.

Hört man N. J. Marr, besonders aber seine „Schüler“, so könnte man meinen, vor N. J. Marr habe es überhaupt keine Sprachwissenschaft gegeben, die Sprachwissenschaft habe erst mit dem Aufkommen der „neuen Lehre“ N. J. Marrs begonnen. Marx und Engels waren viel bescheidener: sie waren der Ansicht, dass ihr dialektischer Materialismus ein Produkt der Entwicklung der Wissenschaften, darunter der Philosophie, in der vorhergegangenen Periode ist.

Somit hat die Diskussion der Sache auch in der Hinsicht gedient, als sie die ideologischen Mängel in der sowjetischen Sprachwissenschaft aufgedeckt hat.

Ich glaube, je schneller sich unsere Sprachwissenschaft von den Fehlern N. J. Marrs frei macht, desto schneller kann man sie aus der Krise herausbringen, die sie heute durchmacht.

Beseitigung des Araktschejew-Regimes in der Sprachwissenschaft, Abkehr von den Fehlern N. J. Marrs, Verankerung des Marxismus in der Sprachwissenschaft - das ist meiner Ansicht nach der Weg, auf dem man die sowjetische Sprachwissenschaft einer Gesundung entgegenführen könnte.

„Prawda“,
20. Juni 1950.

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