"Stalin"

Werke

Band 15

DER MARXISMUS UND DIE FRAGEN DER SPRACHWISSENSCHAFT

ZU EINIGEN FRAGEN DER SPRACHWISSENSCHAFT

Antwort an Genossin J. Krascheninnikowa

Genossin Krascheninnikowa!

Ich beantworte Ihre Fragen.

1. Frage: In Ihrem Artikel wird überzeugend nachgewiesen, dass die Sprache weder Basis noch Überbau ist. Wäre die Annahme berechtigt, dass die Sprache eine Erscheinung ist, die sowohl der Basis als auch dem Überbau eigen ist, oder wäre es richtiger, die Sprache für eine Zwischenerscheinung zu halten?

Antwort: Der Sprache als einer gesellschaftlichen Erscheinung ist natürlich jenes Gemeinsame eigen, was für alle gesellschaftlichen Erscheinungen, darunter für die Basis und den Überbau, kennzeichnend ist, nämlich sie dient der Gesellschaft ebenso, wie ihr alle anderen gesellschaftlichen Erscheinungen, darunter die Basis und der Überbau, dienen. Aber darin erschöpft sich eigentlich auch jenes Gemeinsame, was für alle gesellschaftlichen Erscheinungen kennzeichnend ist. Danach beginnen sehr wesentliche Unterschiede zwischen den gesellschaftlichen Erscheinungen.

Die Sache ist die, dass die gesellschaftlichen Erscheinungen außer diesem Gemeinsamen ihre spezifischen Besonderheiten haben, die sie voneinander unterscheiden und die für die Wissenschaft das Wichtigste sind. Die spezifischen Besonderheiten der Basis bestehen darin, dass sie der Gesellschaft ökonomisch dient. Die spezifischen Besonderheiten des Überbaus bestehen darin, dass er der Gesellschaft durch politische, juristische, ästhetische und andere Ideen dient und für die Gesellschaft die entsprechenden politischen, juristischen und anderen Institutionen schafft. Worin bestehen die spezifischen Besonderheiten der Sprache, die sie von den anderen gesellschaftlichen Erscheinungen unterscheiden? Sie bestehen darin, dass die Sprache der Gesellschaft als Mittel des menschlichen Verkehrs dient, als Mittel zum Austausch von Gedanken in der Gesellschaft, als Mittel, das den Menschen die Möglichkeit gibt, einander zu verstehen und die gemeinsame Arbeit in allen Bereichen der menschlichen Tätigkeit in Gang zu bringen, sowohl auf dem Gebiet der Produktion als auch auf dem Gebiet der ökonomischen Beziehungen, sowohl auf dem Gebiet der Politik als auch auf dem Gebiet der Kultur, sowohl im gesellschaftlichen als auch im täglichen Leben. Diese Besonderheiten sind nur der Sprache eigen, und eben weil sie nur der Sprache eigen sind, ist die Sprache das Forschungsobjekt einer selbständigen Wissenschaft, der Sprachwissenschaft. Ohne diese Besonderheiten der Sprache verlöre die Sprachwissenschaft das Recht auf selbständige Existenz.

Kurzum: Man kann die Sprache weder zur Kategorie der Basen noch zur Kategorie der Überbauten rechnen.

Man kann sie auch nicht zur Kategorie der „Zwischen“erscheinungen zwischen der Basis und dem Überbau rechnen, da es solche „Zwischen“erscheinungen nicht gibt.

Aber vielleicht könnte man die Sprache zur Kategorie der Produktivkräfte der Gesellschaft, zur Kategorie, sagen wir, der Produktionsinstrumente rechnen. In der Tat, zwischen der Sprache und den Produktionsinstrumenten besteht eine gewisse Analogie: Die Produktionsinstrumente stehen ebenso wie die Sprache den Klassen gewissermaßen gleichgültig gegenüber und können verschiedenen Klassen der Gesellschaft, sowohl den alten als auch den neuen, in gleicher Weise dienen. Gibt dieser Umstand Veranlassung dafür, die Sprache zur Kategorie der Produktionsinstrumente zu rechnen? Nein, das gibt er nicht.

Als N. J. Marr seinerzeit sah, dass seine Formel „Die Sprache ist ein Überbau über der Basis“ auf Einwände stieß, beschloss er, „sich umzustellen“, und erklärte, dass „die Sprache ein Produktionsinstrument ist“. Hatte N. J. Marr Recht, als er die Sprache zur Kategorie der Produktionsinstrumente rechnete? Nein, er hatte unbedingt Unrecht.

Die Sache ist die, dass sich die Ähnlichkeit zwischen der Sprache und den Produktionsinstrumenten in der Analogie, von der ich soeben sprach, erschöpft. Dafür aber besteht zwischen der Sprache und den Produktionsinstrumenten ein grundlegender Unterschied. Dieser Unterschied besteht darin, dass die Produktionsinstrumente materielle Güter erzeugen, während die Sprache nichts erzeugt, oder einzig und allein Worte „erzeugt“. Genauer gesagt, Menschen, die Produktionsinstrumente haben, können materielle Güter erzeugen, aber die gleichen Menschen, die wohl eine Sprache haben, aber keine Produktionsinstrumente, können keine materiellen Güter erzeugen. Es ist nicht schwer zu begreifen, dass, wenn die Sprache materielle Güter erzeugen könnte, die Schwätzer die reichsten Menschen in der Welt sein würden.

2. Frage: Marx und Engels definieren die Sprache als „unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens“, als „praktisches, ... tatsächliches Bewusstsein“. „Die Ideen“, sagt Marx, „existieren nicht losgelöst von der Sprache.“ Inwieweit muss sich die Sprachwissenschaft Ihrer Ansicht nach mit der den Sinn betreffenden Seite der Sprache, mit der Semantik und der historischen Semasiologie und Stilistik beschäftigen, oder soll nur die Form Gegenstand der Sprachwissenschaft sein?

Antwort: Die Semantik (Semasiologie) ist ein wichtiger Teil der Sprachwissenschaft. Die den Sinn betreffende Seite der Wörter und Ausdrücke ist für die Erforschung der Sprache von wesentlicher Bedeutung. Daher muss der Semantik (Semasiologie) der ihr gebührende Platz in der Sprachwissenschaft gesichert werden.

Wenn man die Probleme der Semantik bearbeitet und ihre Daten verwertet, darf man jedoch ihre Bedeutung in keiner Weise überschätzen, geschweige denn sie missbrauchen. Ich denke dabei an gewisse Sprachforscher, die in ihrer übermäßigen Begeisterung für die Semantik die Sprache als „unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens“, die mit dem Denken untrennbar verbunden ist, gering achten, das Denken von der Sprache trennen und behaupten, die Sprache überlebe sich, man könne auch ohne Sprache auskommen.

Beachten Sie folgende Worte N. J. Marrs:

„Die Sprache existiert nur, sofern sie sich in Lauten äußert; die Tätigkeit des Denkens geht auch ohne diese Äußerung vor sich ... Die Sprache (die Lautsprache) hat heute bereits begonnen, ihre Funktionen an die neuesten Erfindungen abzutreten, die den Raum unbeschränkt über-winden, das Denken aber gelangt durch die in der Vergangenheit angehäuften nicht ausgenutzten Errungenschaften und die neuen Erwerbungen zur Entfaltung und hat die Sprache vollständig zu verdrängen und zu ersetzen. Die Sprache der Zukunft ist ein Denken, das in einer von der natürlichen Materie freien Technik erwächst. Vor ihm wird keine Sprache standhalten, nicht einmal die Lautsprache, die immerhin mit den Normen der Natur verbunden ist.“ (Siehe „Ausgewählte Werke“ von N. J. Marr.)

Übersetzt man dieses Kauderwelsch über „Arbeitsmagie“ in eine einfache menschliche Sprache, so kann man zu dem Schluss gelangen, dass:

a) N. J. Marr das Denken von der Sprache trennt;

b) N. J. Marr die Ansicht vertritt, der Verkehr der Menschen könne auch ohne Sprache erfolgen, mit Hilfe des Denkens selbst, das frei ist von der „natürlichen Materie“ der Sprache, frei von den „Normen der Natur“;

c) N. J. Marr, indem er das Denken von der Sprache trennt und es von der sprachlichen „natürlichen Materie“ „befreit“, in den Sumpf des Idealismus gerät.

Man sagt, dass die Gedanken im Kopf des Menschen entstehen, bevor sie in der Rede ausgesprochen werden, dass sie ohne sprachliches Material, ohne sprachliche Hülle, sozusagen in nackter Gestalt entstehen. Aber das ist völlig falsch. Welche Gedanken im Kopf des Menschen auch immer entstehen mögen, sie können nur auf der Grundlage des sprachlichen Materials, auf der Grundlage der sprachlichen Termini und Sätze entstehen und existieren. Gedanken, frei vom sprachlichen Material, frei von der sprachlichen „natürlichen Materie“, gibt es nicht. „Die Sprache ist die unmittelbare Wirklichkeit des Gedankens“ (Marx). Die Realität des Gedankens offenbart sich in der Sprache. Nur Idealisten können von einem Denken, das mit der „natürlichen Materie“ der Sprache nicht verbunden ist, von einem Denken ohne Sprache sprechen.

Kurzum: Die Überschätzung der Semantik und ihr Missbrauch haben N. J. Marr zum Idealismus geführt.

Wenn man folglich die Semantik (Semasiologie) vor Übertreibungen und Missbräuchen, wie sie sich N. J. Marr und manche seiner „Schüler“ zuschulden kommen lassen, bewahrt, dann kann sie der Sprachwissenschaft großen Nutzen bringen.

3. Frage: Sie sagen ganz richtig, dass die Ideen, Vorstellungen, Sitten und Sittenprinzipien bei den Bourgeois und bei den Proletariern direkt entgegengesetzt sind. Der Klassencharakter dieser Erscheinungen hat sich unbedingt auf die semantische Seite der Sprache (und manchmal auch auf ihre Form, auf den Wortbestand, wie in Ihrem Artikel richtig bemerkt wird) ausgewirkt. Kann man, wenn man ein konkretes sprachliches Material und in erster Linie die den Sinn betreffende Seite einer Sprache analysiert, von einem Klassenwesen der durch sie ausgedrückten Begriffe sprechen, besonders in den Fällen, wo es sich um den sprachlichen Ausdruck nicht nur des Gedankens des Menschen, sondern auch seines Verhältnisses zur Wirklichkeit handelt, wo sich seine Klassenzugehörigkeit besonders deutlich offenbart?

Antwort: Kurz gesagt, Sie möchten wissen, ob die Klassen die Sprache beeinflussen, ob sie ihre spezifischen Wörter und Ausdrücke in die Sprache hineintragen, ob es Fälle gibt, dass die Menschen den gleichen Wörtern und Ausdrücken verschiedene Bedeutung, je nach ihrer Klassenzugehörigkeit, beimessen.

Ja, die Klassen beeinflussen die Sprache, sie tragen in die Sprache ihre spezifischen Wörter und Ausdrücke hinein, und zuweilen verstehen sie die gleichen Wörter und Ausdrücke verschieden. Das unterliegt keinem Zweifel.

Daraus folgt jedoch nicht, dass die spezifischen Wörter und Ausdrücke, ebenso wie die Verschiedenheit in der Semantik, ernsthafte Bedeutung für die Entwicklung einer einheitlichen Sprache des gesamten Volkes haben können, dass sie deren Bedeutung abzuschwächen oder ihren Charakter zu verändern vermögen.

Erstens sind solche spezifischen Wörter und Ausdrücke, wie auch die Fälle von Verschiedenheit in der Semantik, so selten in der Sprache, dass sie kaum ein Prozent des gesamten sprachlichen Materials ausmachen. Folglich ist die ganze übrige, überwältigende Masse der Wörter und Ausdrücke wie auch ihre Semantik für alle Klassen der Gesellschaft gemeinsam.

Zweitens werden die spezifischen Wörter und Ausdrücke, die eine klassenmäßige Nuancierung besitzen, in der Rede nicht nach den Regeln irgendeiner „Klassen“grammatik, die es in der Wirklichkeit nicht gibt, sondern nach den Regeln der Grammatik der bestehenden Sprache des gesamten Volkes verwendet.

Das Vorhandensein spezifischer Wörter und Ausdrücke und die Fälle von Verschiedenheit in der Semantik der Sprache widerlegen also nicht das Vorhandensein und die Notwendigkeit einer einheitlichen Sprache des gesamten Volkes, sondern bestätigen sie im Gegenteil.

4. Frage: In Ihrem Artikel schätzen Sie Marr ganz richtig als einen Vulgarisator des Marxismus ein. Bedeutet das, dass die Linguisten, darunter auch wir jungen Menschen, das ganze linguistische Erbe Marrs beiseite werfen sollen, der immerhin eine Reihe wertvoller sprachlicher Forschungen aufzuweisen hat (worüber sich in der Diskussion die Genossen Tschikobawa, Sanshejew und andere geäußert haben)? Können wir, wenn wir kritisch an Marr herangehen, nicht doch Nützliches und Wertvolles von ihm übernehmen?

Antwort: Natürlich bestehen die Werke N. J. Marrs nicht nur aus Fehlern. N. J. Marr beging gröbste Fehler, als er in die Sprachwissenschaft Elemente des Marxismus in entstellter Form hineintrug, als er versuchte, eine selbständige Sprachtheorie zu schaffen. Aber es gibt von N. J. Marr einzelne gute und talentvoll geschriebene Werke, in denen er seine theoretischen Ambitionen vergisst und einzelne Sprachen gewissenhaft und, man muss sagen, sachkundig untersucht. In diesen Werken ist nicht wenig Wertvolles und Lehrreiches zu finden. Es versteht sich, dass man dieses 'Wertvolle und Lehrreiche von N. J. Marr übernehmen und verwerten muss.

5. Frage: Viele Linguisten halten den Formalismus für eine der wesentlichsten Ursachen der Stagnation in der sowjetischen Sprachwissenschaft. Ich würde sehr gern Ihre Meinung darüber hören, worin der Formalismus in der Sprachwissenschaft besteht und wie er zu überwinden ist.

Antwort: N. J. Marr und seine „Schüler“ erheben die Beschuldigung des „Formalismus“ gegen alle Sprachforscher, die mit der „neuen Lehre“ N. J. Marrs nicht einverstanden sind. Das ist natürlich unernst und unklug.

N. J. Marr hielt die Grammatik für eine leere „Formalität“ und die Leute, die den grammatikalischen Bau für die Grundlage der Sprache halten, für Formalisten. Das ist schon ganz töricht.

Ich glaube, dass der „Formalismus“ von den Urhebern der „neuen Lehre“ zur Erleichterung des Kampfes mit ihren Gegnern in der Sprachwissenschaft ersonnen worden ist.

Die Ursache der Stagnation in der sowjetischen Sprachwissenschaft ist nicht der von N. J. Marr und seinen „Schülern“ erfundene „Formalismus“, sondern das Araktschejew-Regime und die theoretischen Mängel in der Sprachwissenschaft. Das Araktschejew-Regime haben die „Schüler“ N. J. Marrs geschaffen. Das theoretische Durcheinander haben N. J. Marr und seine nächsten Mitarbeiter in die Sprachwissenschaft hineingebracht. Damit die Stagnation aufhört, muss das eine wie das andere beseitigt werden. Die Beseitigung dieser Übelstände wird die sowjetische Sprachwissenschaft wieder gesund machen, wird ihr volle Entwicklungsmöglichkeiten sichern und ihr dazu verhelfen, in der Sprachwissenschaft der Welt die erste Stelle einzunehmen.

29. Juni 1950.

„Prawda“,
4. Juli 1950.

Zurück zum Inhaltsverzeichnis