"Stalin"

Werke

Band 15

DER MARXISMUS UND DIE FRAGEN DER SPRACHWISSENSCHAFT

ANTWORT AN GENOSSEN

An Genossen Sanshejew

Werter Genosse Sanshejew!

Ihren Brief beantworte ich mit großer Verspätung, da man mir erst gestern Ihren Brief aus dem Apparat des ZK zugestellt hat.

Sie legen meine Stellungnahme in der Frage der Dialekte unbedingt richtig aus.

Die „Klassen“dialekte, die man richtiger als Jargons bezeichnen sollte, dienen nicht den Volksmassen, sondern einer schmalen sozialen Oberschicht. Zudem haben sie keinen eigenen grammatikalischen Bau und keinen grundlegenden Wortschatz. Infolgedessen können sie sich keineswegs zu selbständigen Sprachen entwickeln.

Die lokalen („territorialen“) Dialekte dagegen dienen den Volksmassen und haben einen eigenen grammatikalischen Bau und einen eigenen grundlegenden Wortschatz. Infolgedessen können einige lokale Dialekte im Prozess der Bildung von Nationen zur Grundlage von Nationalsprachen werden und sich zu selbständigen Nationalsprachen entwickeln. So war es zum Beispiel in der russischen Sprache mit dem Kursker-Oreler Dialekt (der Kursker-Oreler „Sprache“), der zur Grundlage der russischen Nationalsprache wurde. Das gleiche muss man von dem Poltawaer-Kiewer Dialekt der ukrainischen Sprache sagen, der zur Grundlage der ukrainischen Nationalsprache wurde. Was die übrigen Dialekte solcher Sprachen betrifft, so verlieren sie ihre Selbständigkeit, gehen in diese Sprachen ein und verlieren sich in ihnen.

Es kommen auch umgekehrte Prozesse vor, wenn die einheitliche Sprache einer Völkerschaft, die infolge des Fehlens der notwendigen ökonomischen Entwicklungsbedingungen noch nicht zur Nation geworden ist, infolge des staatlichen Zerfalls dieser Völkerschaft zugrunde geht und lokale Dialekte, die noch nicht zu einer einheitlichen Sprache verarbeitet werden konnten, sich beleben und den Ausgangspunkt zur Bildung einzelner selbständiger Sprachen abgeben. Es ist möglich, dass die Dinge gerade so zum Beispiel bei der einheitlichen mongolischen Sprache lagen.

1950, 11. Juli.

„Prawda“,
2. August 1950.

 An die Genossen D. Belkin und S. Furer

Ihre Briefe habe ich erhalten.

Ihr Fehler besteht darin, dass Sie zwei verschiedene Dinge durcheinander gebracht und dem in meiner Antwort an Genossin Krascheninnikowa betrachteten Gegenstand einen anderen Gegenstand unterstellt haben.

1. Ich kritisiere in dieser Antwort N. J. Marr, der in seinen Ausführungen über die Sprache (Lautsprache) und über das Denken die Sprache vom Denken trennt und so in Idealismus verfällt. Es handelt sich also in meiner Antwort um normale Menschen, die der Sprache mächtig sind. Ich behaupte dabei, dass die Gedanken bei solchen Menschen nur auf der Grundlage des sprachlichen Materials entstehen können, dass es bloße Gedanken, die nicht mit dem sprachlichen Material verbunden sind, bei Menschen, die der Sprache mächtig sind, nicht gibt.

Anstatt diese These anzunehmen oder abzulehnen, unterstellen Sie anomale Menschen ohne Sprache, Taubstumme, die keine Sprache haben und deren Gedanken natürlich nicht auf der Grundlage des sprachlichen Materials entstehen können. Wie Sie sehen, ist dies ein vollkommen anderes Thema, das ich nicht berührt habe und nicht berühren konnte, da sich die Sprachwissenschaft mit normalen Menschen beschäftigt, die der Sprache mächtig sind, und nicht mit anomalen, taubstummen Menschen, die keine Sprache haben.

Sie haben dem erörterten Thema ein anderes Thema unterstellt, das nicht erörtert wurde.

2. Aus dem Brief des Genossen Belkin geht hervor, dass er die „Wortsprache“ (die Lautsprache) und die „Gebärdensprache“ (bei N. J. Marr „Hände“sprache) auf die gleiche Stufe stellt. Er glaubt offenbar, dass die Gebärdensprache und die Wortsprache gleichbedeutend sind, dass die menschliche Gesellschaft eine Zeitlang keine Wortsprache hatte und dass damals die „Hände“sprache die später aufgekommene Wortsprache ersetzte.

Wenn aber Genosse Belkin wirklich so denkt, dann begeht er einen ernsten Fehler. Die Lautsprache oder Wortsprache war stets die einzige Sprache der menschlichen Gesellschaft, die imstande war, als vollwertiges Mittel des menschlichen Verkehrs zu dienen. Die Geschichte kennt keine einzige menschliche Gesellschaft, und sei es auch die rückständigste, die nicht ihre Lautsprache gehabt hätte. Die Ethnographie kennt kein einziges rückständiges Völkchen und sei es ebenso urzeitlich oder noch urzeitlicher als, sagen wir, die Australier oder die Feuerländer des vorigen Jahrhunderts, das nicht eine eigene Lautsprache gehabt hätte. Die Lautsprache ist in der Geschichte der Menschheit eine jener Kräfte, die den Menschen halfen, sich aus dem Tierreich auszusondern, sich zu Gemeinschaften zu vereinigen, ihr Denken zu entwickeln, die gesellschaftliche Produktion zu organisieren, einen erfolgreichen Kampf mit den Naturkräften zu führen und zu dem Fortschritt zu gelangen, den wir gegenwärtig haben.

In dieser Hinsicht ist die Bedeutung der so genannten Gebärdensprache angesichts ihrer außerordentlichen Dürftigkeit und Begrenztheit nicht der Rede wert. Das ist eigentlich keine Sprache und sogar nicht einmal das Surrogat einer Sprache, das auf die eine oder andere Weise die Lautsprache ersetzen könnte, sondern ein Behelfsmittel mit äußerst begrenzten Mitteln, dessen sich der Mensch zuweilen bedient, um diese oder jene Momente in seiner Rede zu unterstreichen. Die Gebärdensprache kann man ebenso wenig der Lautsprache gleichsetzen, wie man nicht die urzeitliche hölzerne Hacke dem modernen Raupentraktor mit dem fünfscharigen Pflug und der Traktorendrillmaschine gleichsetzen kann.

3. Wie man sieht, interessieren Sie sich vor allem für Taubstumme und dann erst für Probleme der Sprachwissenschaft. Augenscheinlich hat Sie eben dieser Umstand veranlasst, sich mit einer Reihe von Fragen an mich zu wenden. Nun, wenn Sie darauf bestehen, bin ich nicht abgeneigt, Ihre Bitte zu erfüllen. Also, wie steht es mit den Taubstummen? Funktioniert bei ihnen das Denken, entstehen bei ihnen Gedanken? Ja, das Denken funktioniert bei ihnen, es entstehen Gedanken. Es ist klar, dass bei den Taubstummen, da sie ja der Sprache beraubt sind, die Gedanken nicht auf der Grundlage des sprachlichen Materials entstehen können. Bedeutet das nicht, dass die Gedanken der Taubstummen bloße, nicht mit den „Normen der Natur“ verbundene Gedanken sind (ein Ausdruck N. J. Marrs)? Nein, das bedeutet es nicht. Die Gedanken der Taubstummen können nur auf der Grundlage jener Bilder, Wahrnehmungen, Vorstellungen entstehen und existieren, die sich bei ihnen im täglichen Leben dank der Gesichts-, Tast-, Geschmacks- und Geruchsempfindungen über die Gegenstände der Außenwelt und über ihre Beziehungen untereinander herausbilden. Außerhalb dieser Bilder, Wahrnehmungen, Vorstellungen ist der Gedanke leer, jedweden Inhalts bar, das heißt, er existiert nicht.

22. Juli 1950.

„Prawda“,
2. August 1950.

An Genossen A. Cholopow

Ihren Brief habe ich erhalten.

Ich habe mich mit meiner Antwort infolge Arbeitsüberlastung etwas verspätet.

Ihr Brief geht stillschweigend von zwei Voraussetzungen aus: Von der Voraussetzung, dass es zulässig sei, die Werke dieses oder jenes Autors losgelöst von jener historischen Periode zu zitieren, auf die sich das Zitat bezieht, und zweitens von der Voraussetzung, dass diese oder jene Schlussfolgerungen und Formeln des Marxismus, die aus dem Studium einer der historischen Entwicklungsperioden gewonnen wurden, für alle Entwicklungsperioden richtig sind und daher unverändert bleiben müssen.

Ich muss sagen, dass diese beiden Voraussetzungen grundfalsch sind.

Einige Beispiele:

1. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als es noch keinen monopolistischen Kapitalismus gab, als der Kapitalismus sich mehr oder weniger stetig in aufsteigender Linie entwickelte und sich dabei auf neue, von ihm noch nicht besetzte Territorien ausdehnte, und das Gesetz von der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung noch nicht mit voller Kraft wirksam sein konnte, gelangten Marx und Engels zu der Schlussfolgerung, dass die sozialistische Revolution nicht in irgendeinem Lande allein siegen kann, dass sie nur im Ergebnis eines gemeinsamen Schlages in allen oder in der Mehrzahl der zivilisierten Länder siegen kann. Diese Schlussfolgerung wurde später zum Leitsatz für alle Marxisten.

Jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, besonders in der Periode des ersten Weltkriegs, als es allen klar wurde, dass der vormonopolistische Kapitalismus offensichtlich in den monopolistischen Kapitalismus hinüber gewachsen war, als sich der aufsteigende Kapitalismus in den sterbenden Kapitalismus verwandelt hatte, als der Krieg die unheilbaren Schwächen der imperialistischen Weltfront aufdeckte und das Gesetz von der Ungleichmäßigkeit der Entwicklung das nicht gleichzeitige Heranreifen der proletarischen Revolution in den verschiedenen Ländern vorausbestimmte, gelangte Lenin , von der marxistischen Theorie ausgehend, zu der Schlussfolgerung, dass unter den neuen Entwicklungsbedingungen die sozialistische Revolution durchaus in einem einzeln genommenen Lande siegen kann, dass der gleichzeitige Sieg der sozialistischen Revolution in allen Ländern oder in der Mehrzahl der zivilisierten Länder in Anbetracht der Ungleichmäßigkeit des Heranreifens der Revolution in diesen Ländern unmöglich ist, dass die alte Formel von Marx und Engels den neuen historischen Bedingungen schon nicht mehr entspricht.

Wie man sieht, haben wir hier zwei verschiedene Schlussfolgerungen zur Frage des Sieges des Sozialismus, die nicht nur einander widersprechen, sondern auch einander ausschließen.

Irgendwelche Buchstabengelehrten und Talmudisten, die, ohne in das Wesen der Sache einzudringen, formal, losgelöst von den historischen Bedingungen zitieren, können sagen, dass eine von diesen Schlussfolgerungen als unbedingt falsch verworfen werden und die andere Schlussfolgerung als unbedingt richtig auf alle Entwicklungsperioden ausgedehnt werden müsse. Aber Marxisten müssen selbstverständlich wissen, dass die Buchstabengelehrten und Talmudisten sich irren, müssen selbstverständlich wissen, dass beide Schlussfolgerungen richtig sind, aber nicht unbedingt, sondern jede für ihre Zeit: Die Schlussfolgerung von Marx und Engels für die Periode des vormonopolistischen Kapitalismus und die Schlussfolgerung von Lenin für die Periode des monopolistischen Kapitalismus.

2. Engels sagte in seinem „Anti-Dühring“, dass der Staat nach dem Siege der sozialistischen Revolution absterben muss. Auf dieser Grundlage begannen nach dem Siege der sozialistischen Revolution in unserem Lande Buchstabengelehrte und Talmudisten aus unserer Partei zu fordern, die Partei solle Maßnahmen treffen zum schnellsten Absterben unseres Staates, zur Auflösung der Staatsorgane, zum Verzicht auf ein stehendes Heer.

Doch die sowjetischen Marxisten gelangten auf Grund des Studiums der Weltlage unserer Zeit zu dem Schluss, dass beim Vorhandensein der kapitalistischen Umkreisung, wenn die sozialistische Revolution nur in einem Lande gesiegt hat, in allen anderen Ländern aber der Kapitalismus herrscht, das Land der siegreichen Revolution seinen Staat, die Staatsorgane, die Organe des Abwehrdienstes, die Armee nicht schwächen darf, sondern sie mit allen Mitteln stärken muss, wenn dieses Land nicht durch die kapitalistische Umkreisung zertrümmert werden will. Die russischen Marxisten gelangten zu der Schlussfolgerung, dass sich die Formel von Engels auf den Sieg des Sozialismus in allen Ländern oder in der Mehrzahl der Länder bezieht, dass sie nicht anwendbar ist auf den Fall, wenn der Sozialismus in einem einzeln genommenen Lande siegt, während in allen anderen Ländern der Kapitalismus herrscht.

Wie man sieht, haben wir hier zwei verschiedene Formeln zur Frage des Schicksals des sozialistischen Staates, die einander ausschließen.

Die Buchstabengelehrten und Talmudisten können sagen, dass dieser Umstand eine untragbare Lage schaffe, dass eine der Formeln als unbedingt falsch verworfen und die andere als unbedingt richtig auf alle Entwicklungsperioden des sozialistischen Staates ausgedehnt werden müsse. Aber Marxisten müssen selbstverständlich wissen, dass die Buchstabengelehrten und Talmudisten sich irren, denn beide Formeln sind richtig, aber nicht absolut, sondern jede für ihre Zeit: Die Formel der sowjetischen Marxisten für die Periode des Sieges des Sozialismus in einem Lande oder einigen Ländern und die Formel von Engels für jene Periode, in der der aufeinander folgende Sieg des Sozialismus in einzelnen Ländern zum Siege des Sozialismus in der Mehrzahl der Länder führt und auf diese Weise die notwendigen Bedingungen für die Anwendung der Formel von Engels geschaffen werden.

Die Zahl solcher Beispiele ließe sich vermehren.

Dasselbe muss man über die zwei verschiedenen Formeln zur Frage der Sprache sagen, die verschiedenen Werken Stalins entnommen sind und die Genosse Cholopow in seinem Brief anführt.

Genosse Cholopow beruft sich auf das Werk Stalins „Über den Marxismus in der Sprachwissenschaft“, wo die Schlussfolgerung gezogen wird, dass infolge der Kreuzung von, sagen wir, zwei Sprachen, die eine der Sprachen gewöhnlich als Sieger her vorgeht, während die andere abstirbt, dass folglich die Kreuzung nicht irgendeine neue, dritte Sprache ergibt, sondern eine der Sprachen bestehen läßt. Ferner beruft er sich auf eine andere Schlussfolgerung, die dem Referat Stalins auf dem XVI. Parteitag der KPdSU(B) entnommen ist, wo es heißt, dass in der Periode des Sieges des Sozialismus im Weltmaßstabe, wenn der Sozialismus erstarkt und in das Alltagsleben eingeht, die Nationalsprachen unvermeidlich zu einer einzigen gemeinsamen Sprache verschmelzen müssen, die natürlich weder die großrussische noch die deutsche Sprache, sondern irgend etwas Neues sein wird. Genosse Cholopow, der diese beiden Formeln vergleicht und sieht, dass sie nicht nur nicht miteinander übereinstimmen, sondern einander ausschließen, gerät in Verzweiflung. „Aus Ihrem Artikel“, schreibt er in dem Brief, „habe ich entnommen, dass sich aus der Kreuzung von Sprachen niemals irgendeine neue Sprache ergeben kann, aber vor dem Artikel war ich auf Grund Ihrer Rede auf dem XVI. Parteitag der KPdSU(B) fest davon überzeugt, dass im Kommunismus die Sprachen zu einer gemeinsamen Sprache verschmelzen werden.“

Es ist augenscheinlich, dass Genosse Cholopow, der einen Widerspruch zwischen diesen beiden Formeln entdeckt hat und zutiefst davon überzeugt ist, dass der Widerspruch beseitigt werden muss, es für notwendig hält, sich einer dieser Formeln als falsch zu entledigen und sich an die andere Formel als die für alle Zeiten und Länder richtige zu klammern; aber an welche Formel er sich eigentlich klammern soll, weiß er nicht. Es ergibt sich so etwas wie eine ausweglose Lage. Genosse Cholopow kommt gar nicht auf den Gedanken, dass beide Formeln richtig sein können, jede für ihre Zeit.

So ergeht es Buchstabengelehrten und Talmudisten immer, die stets in eine ausweglose Lage geraten, weil sie in das Wesen der Sache nicht eindringen und formal zitieren, ohne Beziehung zu den historischen Bedingungen, von denen die Zitate handeln.

Wenn man sich indessen über das Wesen der Frage klar wird, besteht kein Grund für eine ausweglose Lage. Die Sache ist die, dass die Broschüre Stalins „über den Marxismus in der Sprachwissenschaft“ und die Rede Stalins auf dem XVI. Parteitag auf zwei ganz verschiedene Epochen Bezug nehmen, dass sich infolgedessen auch verschiedene Formeln ergeben.

Stalins Formel bezieht sich in dem Teil der Broschüre, der die Kreuzung von Sprachen betrifft, auf die Epoche vor dem Siege des Sozialismus im Weltmaßstab, wenn die Ausbeuterklassen die herrschende Kraft in der Welt sind, wenn die nationale und koloniale Unterdrückung bestehen bleibt, wenn die nationale Absonderung und das gegenseitige Misstrauen der Nationen durch die staatlichen Unterschiede besiegelt sind, wenn es noch keine nationale Gleichberechtigung gibt, wenn sich die Kreuzung von Sprachen auf dem Wege des Kampfes um die Herrschaft einer der Sprachen vollzieht, wenn noch keine Bedingungen für die friedliche und freundschaftliche Zusammenarbeit der Nationen und Sprachen vorhanden sind, wenn nicht die Zusammenarbeit und gegenseitige Bereicherung der Sprachen, sondern die Assimilierung der einen und der Sieg der anderen Sprachen auf der Tagesordnung stehen. Es ist verständlich, dass es unter solchen Bedingungen nur siegreiche und besiegte Sprachen geben kann. Gerade auf diese Bedingungen bezieht sich die Formel Stalins, wenn sie besagt, dass die Kreuzung, sagen wir, von zwei Sprachen nicht die Bildung einer neuen Sprache, sondern den Sieg der einen und die Niederlage der anderen Sprache zur Folge hat.

Was nun die andere Formel Stalins betrifft, die der Rede auf dem XVI. Parteitag entnommen ist, dem Teil, der die Verschmelzung der Sprachen zu einer gemeinsamen Sprache betrifft, so ist hier eine andere Epoche gemeint, nämlich die Epoche nach dem Siege des Sozialismus im Weltmaßstab, wenn es einen Weltimperialismus schon nicht mehr gibt, die Ausbeuterklassen gestürzt sind, die nationale und koloniale Unterdrückung beseitigt ist, die nationale Absonderung und das gegenseitige Misstrauen der Nationen durch gegenseitiges Vertrauen und durch die Annäherung der Nationen ersetzt sind, die nationale Gleichberechtigung verwirklicht, die Politik der Unterdrückung und Assimilierung von Sprachen liquidiert, die Zusammenarbeit der Nationen hergestellt ist und die Nationalsprachen die Möglichkeit haben, auf dem Wege der Zusammenarbeit einander frei zu bereichern. Es ist verständlich, dass unter diesen Bedingungen keine Rede sein kann von der Unterdrückung und Niederlage der einen und dem Siege der anderen Sprachen. Hier werden wir es nicht mit zwei Sprachen zu tun haben, von denen die eine eine Niederlage erleidet, die andere aber als Sieger aus dem Kampfe hervorgeht, sondern mit Hunderten von Nationalsprachen, aus denen sich im Ergebnis einer langen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Zusammenarbeit der Nationen zunächst die am meisten bereicherten einheitlichen zonalen Sprachen herausheben und dann die zonalen Sprachen zu einer gemeinsamen internationalen Sprache verschmelzen werden, die natürlich weder die deutsche noch die russische, noch die englische, sondern eine neue Sprache sein wird, die die besten Elemente der nationalen und zonalen Sprachen in sich aufgenommen hat.

Folglich entsprechen die beiden verschiedenen Formeln zwei verschiedenen Entwicklungsepochen der Gesellschaft, und gerade, weil sie ihnen entsprechen, sind beide Formeln richtig, jede für ihre Epoche.

Zu fordern, dass diese Formeln nicht in Widerspruch zueinander stehen, dass sie einander nicht ausschließen, ist ebenso absurd, wie es absurd wäre, zu fordern, dass die Epoche der Herrschaft des Kapitalismus nicht in Widerspruch stehe zu der Epoche der Herrschaft des Sozialismus, dass Sozialismus und Kapitalismus einander nicht ausschließen.

Die Buchstabengelehrten und Talmudisten betrachten den Marxismus, die einzelnen Schlussfolgerungen und Formeln des Marxismus, als eine Sammlung von Dogmen, die sich trotz der Veränderungen der Entwicklungsbedingungen der Gesellschaft „niemals“ verändern. Sie glauben, wenn sie diese Schlussfolgerungen und Formeln auswendig lernen und sie hin und her zitieren, dass sie imstande seien, beliebige Fragen zu lösen, da sie damit rechnen, dass die auswendig gelernten Schlussfolgerungen und Formeln ihnen für alle Zeiten und Länder, für alle Fälle des Lebens zustatten kommen werden. Aber so können nur solche Leute denken, die den Buchstaben des Marxismus, nicht aber sein Wesen sehen, die den Wortlaut der Schlussfolgerungen und Formeln des Marxismus auswendig lernen, ihren Inhalt aber nicht begreifen.

Der Marxismus ist die Wissenschaft von den Entwicklungsgesetzen der Natur und der Gesellschaft, die Wissenschaft von der Revolution der unterdrückten und ausgebeuteten Massen, die Wissenschaft vom Siege des Sozialismus in allen Ländern, die Wissenschaft vom Aufbau der kommunistischen Gesellschaft. Der Marxismus als Wissenschaft kann nicht auf der Stelle stehen bleiben - er entwickelt und vervollkommnet sich. In seiner Entwicklung muss sich der Marxismus selbstverständlich mit neuen Erfahrungen und neuen Kenntnissen bereichern - folglich müssen sich selbstverständlich seine einzelnen Formeln und Schlussfolgerungen im Laufe der Zeit verändern, müssen durch neue Formeln und Schlussfolgerungen ersetzt werden, die den neuen historischen Aufgaben entsprechen. Der Marxismus erkennt keine unveränderlichen Schlussfolgerungen und Formeln an, die für alle Epochen und Perioden obligatorisch wären. Der Marxismus ist ein Feind jeglichen Dogmatismus.

28. Juli 1950.

„Prawda“,
2. August 1950.

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