"Stalin"

Werke

Band 15

SCHREIBEN DES ZK DER KPDSU AN DAS ZK DER KPJ

27. MÄRZ 1948

Ihre Antworten vom 18. und 20. März haben wir erhalten. Wir betrachten Ihre Erklärungen als unfundiert und als völlig unbefriedigend.

1. Der Fall Gagarinow kann als nebensächlich betrachtet werden, obwohl wir der Meinung sind, dass dieser Genosse das Opfer von Verleumdungen gewesen ist.

Die Erklärung, die dem Genossen Krutikow unterschoben wird, wonach er gesagt hätte, die Sowjetunion würde für dieses Jahr auf Handelsvertrags-Besprechungen verzichten, ist eine Erfindung, denn der Genosse Krutikow stellt kategorisch in Abrede, etwas derartiges geäußert zu haben.

2. Was die Angelegenheit der Militärberater betrifft, so sind hier die Erklärungen des Armee-Ministeriums und die Mitteilungen der Berater selber die Quelle unserer Informationen. Bekanntlich wurden auf das wiederholte Verlangen der jugoslawischen Regierung hin sowjetische Militärberater nach Jugoslawien geschickt. Ihre Zahl liegt übrigens unter derjenigen, die angefordert wurde. Es ist daher klar, dass die Sowjetregierung nicht die Absicht hatte, ihre Berater Jugoslawien aufzudrängen.

Später aber erklärten die jugoslawischen militärischen Führer, vor allem Kotscha Popowitsch, die Zahl der sowjetischen Militärberater müsste unbedingt um 60% herabgesetzt werden. Diese Erklärung wurde auf verschiedene Weise begründet: Die einen sagten, die sowjetischen Militärberater kämen Jugoslawien zu teuer zu stehen; andere meinten, die jugoslawische Armee benötige die Erfahrung der Sowjetarmee nicht; wieder andere sagten, die Reglemente der Sowjetarmee und ihre Methoden seien erstarrt und ohne Wert für die jugoslawische Armee; und schließlich gab man uns schonungslos zu verstehen, die sowjetischen Militärberater würden ihr Gehalt umsonst bekommen, weil ihre Tätigkeit keinen Nutzen bringe.

Im Lichte dieser Tatsachen wird der Sinn der beleidigenden Äußerung des Herrn Djilas im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Jugoslawiens, dass die Sowjetoffiziere moralisch tiefer stünden als die britischen Offiziere, leicht verständlich. Es ist bekannt, dass diese antisowjetische Äußerung bei den anderen Mitgliedern des Zentralkomitees keinen Widerspruch hervorgerufen hat.

Statt sich mit der Sowjetregierung über die Frage der Militärberater zu verständigen, haben die jugoslawischen militärischen Führer also begonnen, die sowjetischen Militärberater zu demütigen und die Sowjetarmee zu diskreditieren.

Diese Lage der Dinge war natürlich dazu angetan, rings um die sowjetischen Militärberater eine feindliche Atmosphäre zu schaffen.

Es wäre lächerlich, anzunehmen, dass die Sowjetregierung sich unter diesen Umständen dazu hätte verstehen können, ihre Militärberater länger in Jugoslawien zu belassen.

Da die jugoslawische Regierung sich diesen Manövern, die den Zweck hatten, die Sowjetarmee zu diskreditieren, nicht entgegenstellte, ist sie für die entstandene Situation verantwortlich.

3. Unsere Informationen über die Angelegenheit der Rückberufung der sowjetischen Zivilspezialisten beziehen wir aus den Berichten des Sowjetgesandten in Belgrad, Lawrentjew, sowie aus den Aussagen der Spezialisten selber. Ihre Behauptung, Sergentitsch habe dem Handelsvertreter Lebedjew gesagt, die Sowjetfunktionäre müssten sich für Wirtschaftsauskünfte an das Zentralkomitee sowie an die jugoslawische Regierung wenden, entspricht keineswegs den Tatsachen. Nachstehend der Bericht Lawrentjews, datiert vom 9. März:

„Sergentitsch, der Adjunkt von Kidritsch im Wirtschaftsrat, hat dem Handelsvertreter Lebedjew gegenüber erklärt, ein Regierungsbeschluss untersage die Herausgabe von Auskünften wirtschaftlicher Natur, ganz gleich an wen. Aus diesem Grunde könne Sergentitsch entgegen den früheren Abmachungen die verlangten Auskünfte Lebedjew nicht geben. Die Organe der Staatspolizei hätten den Befehl, die Ausführung dieses Beschlusses zu überwachen. Sergentitsch sagte ferner, Kidritsch beabsichtige, mit Lebedjew hierüber zu sprechen.“

Aus diesem Bericht Lawrentjews geht hervor, dass Sergentitsch die Möglichkeit, wirtschaftliche Auskünfte beim Zentralkomitee und bei der jugoslawischen Regierung zu erhalten, nicht einmal erwähnt hat. Es wäre übrigens lächerlich, zu verlangen, dass jede Wirtschaftsauskunft beim Zentralkomitee oder bei der jugoslawischen Regierung eingeholt werden müsse. Für so etwas gibt es in Jugoslawien die normalen Wirtschaftsorgane, die bisher den Sowjetfunktionären alle nötigen Wirtschaftsauskünfte geliefert haben.

Aus dem Bericht Lawrentjews geht ferner genau das Gegenteil von dem hervor, was Sie schreiben, dass nämlich die Organe der jugoslawischen Staatspolizei die Sowjetvertreter kontrollieren und überwachen.

Es ist nicht unnötig, hier zu betonen, dass wir diese heimliche Überwachung der Sowjetvertreter in den bürgerlichen Ländern (und nicht einmal in allen bürgerlichen Ländern) finden.

Ferner muss gesagt werden, dass die jugoslawische Staatspolizei auch den Vertreter der KPdSU beim Kominform, den Genossen Judin, überwacht.

Es wäre lächerlich, zu denken, die Sowjetregierung könnte einwilligen, Zivilspezialisten, die einer solchen Behandlung unterworfen werden, in Jugoslawien zu belassen.

Wie man auch hier sieht, fällt die Verantwortung für die so entstandene Lage der jugoslawischen Regierung zu.

Das sind die Gründe, welche die Sowjetregierung gezwungen haben, ihre Militär- und Zivil-Spezialisten aus Jugoslawien zurückzuberufen.

4. In Ihrem Schreiben sprechen Sie ferner den Wunsch aus, auch die anderen Tatsachen zu erfahren, welche die Unzufriedenheit der USSR hervorrufen und zur Verschlechterung der Beziehungen zwischen ihr und Jugoslawien führen. Nachstehend nennen wir diese Tatsachen, die im Übrigen in keiner Beziehung zu der Abberufung der sowjetischen Militärberater und Zivilspezialisten stehen.

1. Wie Sie wissen, machen bei den jugoslawischen Führern antisowjetische Gerüchte die Runde: Die KPdSU sei in Entartung begriffen, in der USSR herrsche Großmacht-Chauvinismus, die USSR wolle das neue Jugoslawien wirtschaftlich unterjochen, das Kominform sei für die KPdSU ein Mittel, die anderen Parteien unter ihre Herrschaft zu bringen, usw. ... Diese antisowjetischen Äußerungen werden meistens unter linkslerischen Phrasen versteckt, wie: „Der Sozialismus hat in der USSR aufgehört, revolutionär zu sein,“ oder „einzig Jugoslawien ist der wahre Träger des revolutionären Sozialismus.“ Es ist recht angenehm, solche Urteile über die KPdSU von zweifelhaften Marxisten wie Djilas, Vukmanowitsch, Kidritsch und Rankowitsch zu hören. Schwerer wiegt jedoch der Umstand, dass diese Gerüchte schon seit langem unter den hohen jugoslawischen Funktionären zirkulieren und eine antisowjetische Atmosphäre schaffen, welche die Beziehungen zwischen der KPdSU und der KPJ erschwert.

Wir bestreiten nicht, dass jede kommunistische Partei, und darunter auch die KPJ, das Recht hat, die KPdSU zu kritisieren, ebenso wie die KPdSU das Recht hat, die anderen kommunistischen Parteien zu kritisieren. Aber der Marxismus verlangt, dass die Kritik offen und ehrlich sei und nicht heimlich und verleumderisch, besonders wenn der Kritisierte keine Möglichkeit hat, zu antworten. Die Kritik der jugoslawischen Funktionäre ist aber weder offen noch ehrlich; sie ist verlogen, denn während sie unter der Hand den Ruf der KPdSU schädigt, rühmen sie sie nach außen hin heuchlerisch und heben sie in den Himmel mit Lobsprüchen und Schmeicheleien. Diese Kritik hat als Ziel, das Sowjetregime anzuschwärzen.

Wir zweifeln nicht daran, dass, wenn die Massen der jugoslawischen Partei von dieser antisowjetischen Kritik Kenntnis hätten, sie diese als fremd und vom Feind inspiriert verurteilen würden. Aber sie haben eben keine Kenntnis von ihr, denn unserer Meinung nach geben sich die jugoslawischen Funktionäre alle Mühe, diese Kritik heimlich zu üben in den Kulissen, hinter dem Rücken der breiten Massen.

Man wird gut daran tun, sich zu erinnern, dass, als Trotzki den Plan fasste, der KPdSU den Krieg zu erklären, er damit begann, sie der Entartung und des Chauvinismus zu beschuldigen. Natürlich kleidete er alles in elegante Phrasen über die Sowjetrevolution. Aber wer entartet war, das war Trotzki selber; und bekanntlich ging er nach seiner Entlarvung sogleich in das Lager der erklärten Feinde der KPdSU und der Sowjetunion über. Seine politische Laufbahn kann, so glauben wir, als Lehre dienen.

2. Wir sind beunruhigt über die heutige Stellung der KPJ. Es ist tatsächlich sonderbar, dass die KPJ, obwohl sie die führende Partei ist, noch nicht ganz legal ist und sich immer noch in halb illegaler Lage befindet.

Die Beschlüsse der Parteiorgane werden nicht, wie das sein sollte, in der Presse publiziert. Auch die Rechenschaftsberichte der Partei werden nicht veröffentlicht.

Innerhalb der KPJ besteht keine Demokratie. Das Zentralkomitee der Partei wird in seiner Mehrheit nicht gewählt, sondern kooptiert. Im Schoße der Partei bestehen keine Kritik und Selbstkritik oder kaum. Es ist charakteristisch, dass der Sekretär des Zentralkomitees für die Kaderführung gleichzeitig Polizeiminister ist, was darauf hinausläuft, dass die Kader der Partei der Kontrolle des Polizeiministers unterstellt sind. Nach den Lehren des Marxismus ist es die Partei, die alle Staatsorgane kontrollieren muss. In Jugoslawien kontrolliert der Polizeiminister die Partei. Das ist zweifellos die Erklärung für den Mangel an Initiative bei den Massen der jugoslawischen Partei.

Eine derartige Organisation kann selbstverständlich nicht als marxistisch- Lenin istisch bezeichnet werden. Die KPJ läßt sich von der opportunistischen, faulen Theorie der friedlichen Assimilierung der kapitalistischen Elemente durch den Sozialismus einschläfern, eine Theorie, die von Bernstein, Vollmar, Bucharin entlehnt ist.

Der Geist des Klassenkampfes ist in der KPJ nicht zu spüren. Die Entwicklung der kapitalistischen Elemente auf dem Lande und in den Städten ist in vollem Aufschwung begriffen.

Nach der Theorie des Marxismus- Lenin ismus wird die Partei als die führende und grundlegende Kraft im Lande betrachtet, die ihr eigenes Programm hat und sich nicht in der Masse der Parteilosen verliert. In Jugoslawien wird im Gegenteil die Volksfront als grundlegende und führende Macht betrachtet und man bemüht sich, die Partei in der Volksfront aufgehen zu lassen. In seiner Rede vor dem II. Kongress der Jugoslawischen Volksfront sagte Genosse Tito: „Besitzt die KPJ ein anderes Programm als die Volksfront? Nein. Die KPJ hat kein anderes Programm, das Programm der Volksfront ist auch das ihrige.“ Nicht anders hat in Rußland vor 40 Jahren ein Teil der Menschewiki vorgeschlagen, die marxistische Partei solle sich in einer parteilosen Arbeiterorganisation auflösen.

3. Es ist unbegreiflich, dass der englische Spion Velebit immer noch dem jugoslawischen Außenministerium als stellvertretender Außenminister angehört. Unsere jugoslawischen Genossen wissen, dass Velebit ein englischer Spion ist, sie wissen auch, dass die Vertreter der Sowjetregierung ihn als Spion betrachten. Trotzdem bleibt Velebit auf seinem Posten als Stellvertreter des Außenministers. Sollte es sich etwa so verhalten, dass die jugoslawische Regierung beabsichtigt, sich Velebits gerade in seiner Eigenschaft als englischer Spion zu bedienen? Bekanntlich finden die bürgerlichen Regierungen es ganz in Ordnung, unter ihrem Personal Spione der großen imperialistischen Staaten zu dulden, deren Gunst sie gewinnen möchten; sie zeigen auf diese Weise, dass sie gewillt sind, sich der Kontrolle dieser Staaten zu unterwerfen. Was uns betrifft, so sind wir der Ansicht, dass ein derartiges Vorgehen für Marxisten unzulässig ist.

Wie dem auch sei, die Sowjetregierung ist nicht gewillt, ihre Korrespondenz mit der jugoslawischen Regierung der Kontrolle eines englischen Spions zu unterstellen. Solange Velebit im jugoslawischen Außenministerium bleibt, sieht sich die Sowjetregierung in der peinlichen Lage, mit der jugoslawischen Regierung nicht offen auf dem Wege über das jugoslawische Außenministerium korrespondieren zu können.

Das sind die Tatsachen, welche die Unzufriedenheit der Sowjetregierung und des ZK der KPdSU hervorrufen und zur Verschlechterung der Beziehungen zwischen der USSR und Jugoslawien führen. Diese Tatsachen haben mit der Rückberufung der Militär- und Zivil-Spezialisten nichts zu tun. Aber sie spielen eine wesentliche Rolle in der fortschreitenden Verschlechterung der Beziehungen zwischen unsern beiden Ländern.

Gezeichnet:
Das Zentralkomitee der KPdSU

Moskau, den 27. März 1948

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