"Stalin"

Werke

Band 15

SCHREIBEN DES ZK DER KPDSU AN DAS ZK DER KPJ

4. MAI 1948

Ihre Antwort und das Communique über die Resolution der Plenarsitzung des Zentralkomitees der KPJ vom 13. April 1948, unterzeichnet von den Genossen Tito und Kardelj, haben wir erhalten.

Leider können diese Schriftstücke, besonders das von den Genossen Tito und Kardelj unterzeichnete, die Angelegenheit nur komplizieren und den Konflikt verschlimmern.

Der Ton dieser Schriftstücke verrät übermäßigen Ehrgeiz. Man findet darin weder den Wunsch, die Wahrheit zu sagen, noch den Willen, die begangenen Fehler zuzugeben. Die jugoslawischen Genossen nehmen die Kritik nicht auf marxistische, sondern auf kleinbürgerliche Weise entgegen; mit andern Worten, sie fassen sie als einen Angriff auf das Prestige des Zentralkomitees des KPJ auf und als eine Bedrohung der Ambitionen der jugoslawischen Führer. Sie ziehen es vor, ihre Irrtümer gesamthaft in Abrede zu stellen, obwohl diese Irrtümer offenkundig sind. Sie leugnen die notorischen Tatsachen, die wir in unserem Schreiben vom 27. März dargelegt haben. Die Genossen Tito und Kardelj begreifen anscheinend nicht, dass eine solche Methode kindisch ist und dass ihre ungerechtfertigte Weigerung, Tatsachen und Dokumente anzuerkennen, weit entfernt davon jemanden zu überzeugen, nur zum Lachen reizen kann.

1. Über die Rückberufung der sowjetischen Militärberater aus Jugoslawien. Das Zentralkomitee der KPdSU hat in seinem Schreiben vom 27. März die Gründe für die Rückberufung der sowjetischen Militärberater dargelegt. Die Genossen Tito und Kardelj stellen in Abrede, dass die Klagen unserer Berater begründet seien. Warum sollte das Zentralkomitee der KPdSU den unbegründeten Erklärungen der Genossen Tito und Kardelj eher Glauben schenken als den zahlreichen Klagen der sowjetischen Militärberater? Die USSR hat nahezu in alle Länder der Volksdemokratien Militärberater gesandt. Es sei hier festgestellt, dass uns bis jetzt von den Militärberatern in diesen Ländern keine einzige Klage zugekommen ist. Einzig aus Jugoslawien, wo auf diesem Gebiet ein Mangel an Verständnis herrscht, kommen solche Klagen. Nur in Jugoslawien ist dieses mangelnde Verständnis festzustellen. Könnte diese Erscheinung nicht ihre Erklärung in der besonders feindlichen Behandlung finden, welcher die sowjetischen Militärberater in Jugoslawien ausgesetzt sind?

Die Genossen Tito und Kardelj erwähnen die großen Auslagen, welche der Unterhalt der sowjetischen Militärberater in Jugoslawien verursacht und betonen, dass die Sowjetgeneräle, die sich in ihrem Land befinden, in Dinaren drei- oder viermal so viel beziehen wie die jugoslawischen Generäle. Sie setzen hinzu, diese Tatsache habe in jugoslawischen Militärkreisen Kritik hervorgerufen. Zunächst ist jedoch festzustellen, dass die jugoslawischen Generäle außer ihrem Gehalt auch noch zahlreiche Naturalentschädigungen und andere Vergünstigungen erhalten: wie freie Wohnung, Dienerschaft, Verpflegung usw. Des Weiteren entsprechen die Bezüge der Sowjetgeneräle in Jugoslawien denjenigen, die sie in der Sowjetunion erhalten. Die Sowjetregierung konnte sich natürlich nicht mit einer Reduktion der Bezüge der Sowjetgeneräle, die sich in offizieller Mission in Jugoslawien befinden, einverstanden erklären.

Es ist wohl möglich, dass die Unterhaltskosten der Sowjetgeneräle in Jugoslawien für das jugoslawische Budget eine Belastung darstellen. In diesem Fall hätte jedoch die jugoslawische Regierung sich an die Sowjetregierung wenden und ihr vorschlagen sollen, sich an diesen Kosten zu beteiligen. Zweifellos hätte die Sowjetregierung einen derartigen Vorschlag angenommen. Aber die Jugoslawen haben einen anderen Weg gewählt: Anstatt die Frage in angemessener Weise zu stellen, begannen sie, die militärischen Berater zu demütigen, sie als Bonvivants zu behandeln und die Rote Armee herabzusetzen. An die Sowjetregierung hat sich die jugoslawische Regierung erst dann gewandt, als rings um die sowjetischen Militärberater bereits eine feindliche Atmosphäre entstanden war.

Eine solche Situation konnte die Sowjetregierung natürlich nicht dulden.

2. Über die sowjetischen Zivilspezialisten in Jugoslawien. In seinem Brief vom 23. März hat das Zentralkomitee der KPdSU die Gründe für die Rückberufung seiner Zivilspezialisten aus Jugoslawien dargelegt. Wie weiter oben ausgeführt worden ist, wurden die sowjetischen Zivilspezialisten sowie der Genosse Judin der Kontrolle der jugoslawischen Staatspolizei unterstellt.

Die Genossen Tito und Kardelj bestreiten diese Tatsache. Aber warum sollte das Zentralkomitee der KPdSU den unbegründeten Behauptungen der Genossen Tito und Kardelj eher Glauben schenken als den Klagen der Sowjetbürger und des Genossen Judin selber? In allen Volksdemokratien gibt es sowjetische Zivilspezialisten. Aber beklagt haben sich nur diejenigen in Jugoslawien.

Die Sowjetregierung wollte eine solche Situation nicht dulden und hat ihre Zivilspezialisten zurückberufen.

3. Über Velebit und die anderen Spione im Stab des jugoslawischen Außenministeriums. Die Darstellung der Genossen Tito und Kardelj ist unrichtig, wonach die Genossen Kardelj und Djilas im Lauf einer Unterredung mit dem Genossen Molotow gegenüber den gegen Velebit vorgebrachten Beschuldigungen Vorbehalte geäußert und darauf aufmerksam gemacht hätten, dass der Fall des letzteren nicht völlig geklärt sei. In Wirklichkeit wurde im Verlauf des Gesprächs dieser Genossen mit dem Genossen Molotow erklärt, es bestünde Verdacht gegen Velebit und man frage sich, ob er nicht Spionage für Großbritannien treibe. Es berührt sonderbar, dass die Genossen Tito und Kardelj die Entfernung Velebits aus dem Außenministerium dem Ruin des letzteren gleichsetzen. Warum sollte Velebit nicht aus dem Außenministerium entfernt werden können, ohne dadurch „ruiniert“ zu werden?

Gemäß den sonderbaren Erklärungen der Genossen Tito und Kardelj hätte man Velebit in seinen Funktionen belassen, damit seine Tätigkeit kontrolliert werden könne. Wäre es nicht das normalere, ihn zuerst zu entfernen und hierauf seine Haltung zu prüfen? Woher kommt dieses Wohlwollen gegenüber einem englischen Spion, der zudem noch der Sowjetunion feindlich gesinnt ist?

Aber Velebit ist nicht der einzige Spion im Außenministerium. Die Sowjetvertreter haben den jugoslawischen Führern mehrfach erklärt, dass der jugoslawische Botschafter in London, Leontitsch, ein englischer Spion sei. Man kennt die Gründe nicht, warum dieser beamtete englische Spion weiterhin im Dienst des Außenministeriums bleibt.

Die Sowjetregierung weiß ferner, dass außer Leontitsch noch drei weitere Mitarbeiter der Jugoslawischen Gesandtschaft in London, deren Namen wir hier nicht nennen, für den englischen Nachrichtendienst arbeiten. Die Sowjetregierung übernimmt die volle Verantwortung für diese Behauptung. Ebenfalls unverständlich ist es, dass der Gesandte der Vereinigten Staaten in Belgrad sich dort aufführen kann, als wäre er bei sich zu Hause, und dass seine Nachrichtenagenten, deren Zahl immer mehr wächst, frei herumlaufen können.

Unverständlich ist es ferner auch, dass die Freunde und Verwandten des jugoslawischen Henkers Neditsch sich leicht und bequem im jugoslawischen Staats- und Parteiapparat einnisten können.

4. Über den Sowjetgesandten in Jugoslawien und den Sowjetstaat. In ihrem Brief vom 13. April 1948 schreiben die Genossen Tito und Kardelj:

„Wir sind der Ansicht, dass er (Lawrentjew) als Botschafter der USSR kein Recht hat, von wem es auch sei, Informationen über die Tätigkeit unserer Partei zu sammeln. Das ist nicht seine Aufgabe.“

Wir betrachten diese Erklärung Titos und Kardelj als befremdend und antisowjetisch. Sie stellen einen Gesandten, der Vertreter der kommunistischen Regierung der USSR bei der kommunistischen Regierung Jugoslawiens ist, auf die gleiche Stufe wie irgend einen bürgerlichen Gesandten, einen gewöhnlichen Beamten eines bürgerlichen Staates, der den Auftrag hat, die Grundlagen des jugoslawischen Staates zu unterhöhlen. Es ist unfassbar, dass die Genossen Tito und Kardelj derart tief sinken konnten. Begreifen sie denn nicht, dass sie mit einer solchen Haltung gegenüber dem Sowjetgesandten auf die freundschaftlichen Beziehungen verzichten, die zwischen der USSR und Jugoslawien bestanden? Begreifen sie denn nicht, dass der Sowjetgesandte, verantwortlicher Kommunist und Vertreter eines befreundeten Staates, welcher Jugoslawien von der deutschen Besetzung befreit hat, nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht hat, sich von Zeit zu Zeit mit den jugoslawischen Kommunisten über verschiedene Angelegenheiten zu unterhalten?

Wir möchten den Genossen Tito und Kardelj zur Kenntnis bringen, dass wir in Moskau den jugoslawischen Gesandten nicht als gewöhnlichen Beamten betrachten und ihn nicht einem bürgerlichen Gesandten gleichsetzen. Dass er Gesandter geworden ist, bedeutet nicht, dass er aufgehört hat, Kommunist zu sein. Wir gestatten ihm, Informationen über unsere Partei zu sammeln, und es ist sehr wahrscheinlich, dass er dies auch tut.

Diese Haltung der jugoslawischen Genossen in Bezug auf den Sowjetgesandten kann nicht als zufällig betrachtet werden. Sie ist nur ein Teil der allgemeinen Haltung der jugoslawischen Regierung, die keinen Unterschied macht zwischen der Außenpolitik der USSR und derjenigen der Angloamerikaner und die die sowjetische Außenpolitik der Außenpolitik der Engländer und Amerikaner gleichsetzt.

In dieser Beziehung ist die Rede, die Genosse Tito Ende Mai 1945 in Ljubljana hielt, sehr charakteristisch. Er erklärte:

„Es wurde gesagt, dieser Krieg sei ein gerechter Krieg, und wir haben ihn auch als solchen angesehen. Aber wir fordern auch ein gerechtes Ende, wir fordern, dass jeder Herr im eigenen Hause sein solle; wir wollen nicht die Kosten für die andern bezahlen, wir wollen nicht Wechselgeld sein. Wir wollen nicht, dass man uns in eine Politik der Einflusssphären hineinzieht.“

Dies sagte er in Bezug auf die Frage von Triest. Bekanntlich haben die Angloamerikaner sich zwar von der Sowjetunion eine Reihe territorialer Konzessionen zugunsten Jugoslawiens entreißen lassen, dann aber, in Übereinstimmung mit den Franzosen, den Vorschlag der Russen, Triest den Jugoslawen zu überlassen, abgelehnt und Triest mit ihren in Italien stehenden Truppen besetzt. Da alle anderen Mittel erschöpft waren, wäre der Sowjetunion, um Triest an Jugoslawien zu bringen, nichts anderes übrig geblieben, als Triests wegen mit den Angloamerikanern Krieg anzufangen und die Stadt mit Gewalt zu nehmen. Die jugoslawischen Genossen wussten recht gut, dass die Sowjetunion sich nach einem so furchtbaren Krieg nicht in einen neuen Krieg einlassen konnte. Dennoch hat dieser Fall bei den jugoslawischen Genossen Unzufriedenheit hervorgerufen, was in der Rede Titos zum Ausdruck kam. Die Erklärungen Titos waren nicht nur gegen die imperialistischen Staaten, sondern auch gegen die USSR gerichtet.

Das Politbüro des ZK der KPJ trat dieser antisowjetischen Haltung des Genossen Tito nicht entgegen. In ihm sehen wir die Quelle der verleumderischen Propaganda, die von Funktionären der KPJ in einer beschränkten Gruppe der Parteikader in Bezug auf die angebliche Degenerierung der USSR in einen imperialistischen Staat geführt wird.

Da die diesbezüglichen Erklärungen, welche die Genossen Tito und Kardelj der Sowjetregierung abgaben, ganz ungenügend waren, erhielt der Gesandte der USSR in Belgrad, der Genosse Sadtschikow, am 5. Juni 1945 von seiner Regierung den Befehl, der jugoslawischen Regierung folgende Mitteilung zugehen zu lassen:

„Wir sind der Ansicht, dass die Rede des Genossen Tito einen feindlichen Ausfall gegen die Sowjetunion darstellt und dass die vom Genossen Kardelj gegebenen Erklärungen nicht befriedigend sind. In diesem Sinn verstehen die Sowjetleser die Rede des Genossen Tito, und anders kann sie auch nicht verstanden werden. Sagen Sie dem Genossen Tito, falls er einen derartigen Angriff gegen die Sowjetunion wiederholt, würden wir uns gezwungen sehen, ihm in einer offenen, in der Presse publizierten Kritik zu antworten und ihn zu desavouieren.“

Von dieser Haltung des Genossen Tito stammt die Einstellung der jugoslawischen Führer gegenüber dem Sowjetgesandten, den sie einem bürgerlichen Gesandten gleichsetzen.

Wie es scheint, gedenken die jugoslawischen Führer in Zukunft auf ihrer antisowjetischen Haltung zu beharren; aber die jugoslawischen Genossen sollen jetzt schon wissen, dass damit ein Weg beschritten wird, der zum Verzicht auf die freundschaftlichen Beziehungen mit der Sowjetunion führt, ein Weg des Verrats an der Freundschaft mit der Sowjetunion, des Verrats an der sozialistischen Einheitsfront, an der USSR und den Volksdemokratien. Sie sollen wissen, dass sie auch das Recht verwirken, die materielle Hilfe und die Unterstützung der Sowjetunion zu verlangen, denn die USSR kann nur ihren Freunden helfen. Wir müssen die Genossen Tito und Kardelj darauf aufmerksam machen, dass wir diese antisowjetische Haltung gegenüber dem Gesandten der USSR und dem Sowjetstaat einzig in Jugoslawien feststellen. In den anderen Volksdemokratien waren und sind die Beziehungen mit der USSR immer freundschaftlich.

Es ist nicht uninteressant festzustellen, dass Genosse Kardelj, der sich heute völlig mit dem Genossen Tito solidarisiert, vor drei Jahren die von Genossen Tito in Ljubljana gehaltene Rede ganz anders beurteilte. Wir erhielten damals die folgende Mitteilung des Sowjetgesandten in Belgrad über eine Unterredung, die er am 5. Juni 1945 mit dem Genossen Kardelj hatte:

„Ich habe heute Ihre Meinungen Kardelj zur Kenntnis gebracht (Tito ist noch nicht zurück). Meine Mitteilung hat ihn peinlich beeindruckt. Nach kurzem Nachdenken erklärte er mir, das Urteil über die Rede Titos sei in seinen Augen richtig. In Anerkennung unseres Urteils findet auch er, die USSR könne derartige Äußerungen nicht länger dulden. Eine offene Kritik an der Rede Titos hätte jedoch, so meinte Kardelj, in den schwierigen Zeiten, welche Jugoslawien jetzt durchmacht, für die jugoslawischen Kommunisten schwere Folgen gehabt. Sie würden sich aber in Zukunft bestreben, derartige Äußerungen zu vermeiden. Für den Fall jedoch, dass sie diesen Fehler wiederholen sollten, hätte die USSR das Recht, sie zu kritisieren. Eine derartige Kritik würde ihnen nützlich sein. Kardelj hat mich gebeten, Ihnen seinen Dank für diese begründete Kritik zu übermitteln. Er setzte hinzu, diese Kritik werde ihnen helfen, ihre Arbeit besser zu gestalten. Die Kritik an den politischen Fehlern, die in der Regierungserklärung vom März enthalten waren, hat ihre Früchte getragen, Kardelj ist überzeugt, dass auch diese Kritik die Verbesserung der politischen Linie der Partei nur erleichtern kann.

Bei dem (sehr vorsichtigen) Versuch, die Ursachen der begangenen Fehler zu analysieren, hat Kardelj erklärt, Tito habe sich sehr verdient gemacht bei der Liquidierung des alten „Fraktionismus“, der in der Partei grassierte, sowie bei der Organisierung des Befreiungskampfes des Volkes; aber er ist geneigt, Jugoslawien als etwas Besonderes anzusehen, das außerhalb der allgemeinen Entwicklung zur proletarischen Revolution und zum Sozialismus stehe. Die Situation in der Partei ist noch dazu so, dass das Zentralkomitee als organisatorisches und politisches Zentrum kein wirkliches Dasein führt. Wir kommen zufällig zusammen, erklärte mir Kardelj, und fassen ad-hoc-Beschlüsse. Jeder von uns ist sich selber überlassen. Unser Arbeitsstil ist schlecht und es gibt keine Zusammenarbeit in der Aktion. Wir würden wünschen, fuhr Kardelj fort, dass die USSR uns nicht als die Vertreter eines fremden Landes betrachtet, die ihre Probleme unabhängig lösen, sondern als Vertreter einer zukünftigen Sowjetrepublik, und die Kommunistische Partei Jugoslawiens als Sektion der bolschewistischen Kommunistischen Partei. Mit andern Worten, wir möchten, dass unsere Beziehungen jetzt schon der Tatsache Rechnung tragen, dass Jugoslawien später der USSR angegliedert werden soll. Aus allen diesen Gründen wünschen wir, in aller Offenheit und Einfachheit kritisiert zu werden, und wir bitten Euch, uns zu beraten und die Innen- und Außenpolitik Jugoslawiens auf den besten Weg zu lenken.

Ich habe Kardelj geantwortet, dass man von der Wirklichkeit ausgehen muss, das heißt von der Tatsache, dass Jugoslawien ein souveränes Land und die Kommunistische Partei Jugoslawiens eine unabhängige Partei ist. Ihr müsst, habe ich hinzugesetzt, die Probleme in unabhängiger Weise auffassen, stellen und lösen; wir werden Euch unsern Rat nicht verweigern.“

Wir haben bezüglich Jugoslawiens Verpflichtungen übernommen und haben auch moralische Pflichten, so dass wir nicht darauf verzichtet haben, den jugoslawischen Kommunisten Rat und Hilfe zu gewähren, so oft sie sich an uns wandten.

Wir wollen auf die primitiven und unrichtigen Äußerungen des Genossen Kardelj betreffend Jugoslawien als künftige Sowjetrepublik und die Kommunistische Partei Jugoslawiens als Sektion der bolschewistischen Kommunistischen Partei nicht näher eintreten. Wir wollten hier bloß auf die Aussetzungen des Genossen Kardelj an der antisowjetischen Rede Titos in Ljubljana aufmerksam machen und zeigen, dass die Organisation der KPJ mangelhaft ist.

5. Über die antisowjetische Äußerung des Genossen Djilas, über den Nachrichtendienst und die Handelsbesprechungen. In unserem Schreiben vom 27. März haben wir die antisowjetische Äußerung niedergelegt, die von Seiten des Genossen Djilas an einer Sitzung des ZK der KPJ gefallen ist; er sagte, die Sowjetoffiziere stünden moralisch tiefer als die britischen Offiziere. Diese Bemerkung des Genossen Djilas bezog sich auf die unmoralische Aufführung einiger Offiziere der Sowjetarmee. So etwas dürfte jedoch für einen Marxisten kein Grund dafür sein, einen Vergleich zu ziehen zwischen der sozialistischen Sowjetarmee, welche die Völker Europas befreit hat, und der bürgerlichen britischen Armee, welche dazu berufen ist, die Völker zu unterdrücken, nicht, sie zu befreien.

In ihrem Schreiben vom 13. April 1948 erklären die Genossen Tito und Kardelj, Djilas habe nie eine derartige Äußerung getan, Tito habe sich 1945 über diese Frage mündlich und schriftlich ausgesprochen und Genosse Stalin sowie die anderen Mitglieder des Politbüros der KPdSU hätten sich davon befriedigt erklärt.

Diese Behauptung der Genossen Tito und Kardelj entspricht nicht der Wahrheit.

Genosse Stalin hat in seinem an Tito gerichteten Telegramm folgendermaßen auf die Erklärung des Genossen Djilas reagiert:

„Ich begreife die Schwierigkeiten Eurer Lage nach der Befreiung Belgrads. Aber Ihr müsst auch wissen, dass die Sowjetregierung alles tut, um Euch zu helfen, ungeachtet der Opfer und ungeheuren Verluste. Ich wundere mich darüber, dass gewisse Zwischenfälle und die Fehler einiger Sowjetoffiziere, die in der Roten Armee kämpfen, so aufgebauscht und als für die ganze Rote Armee geltend verallgemeinert worden sind. Es geht nicht an, eine Armee so zu beleidigen, die Euch hilft, die Deutschen zu verjagen und die im Kampf gegen die deutschen Eroberer ihr Blut hergibt. Es ist nicht schwer, zu verstehen, dass es keine Familie ohne irgendein missratenes Glied gibt, aber es wäre sonderbar, wollte man eine Familie wegen eines Missratenen beleidigen. Wenn die Angehörigen der Roten Armee vernehmen, dass Genosse Djilas und alle diejenigen, die ihm nicht widersprechen, die englischen Offiziere als moralisch über den Sowjetoffizieren stehend betrachten, dann werden sie sich gegen so unverdiente Beschimpfungen laut zur Wehr setzen.“

Diese Angelegenheit hat dadurch ihren Abschluss gefunden, dass Djilas zusammen mit der jugoslawischen Delegation nach Moskau kam, wo er sich beim Genossen Stalin entschuldigte und ihn bat, den peinlichen Missgriff, der ihm bei einer Sitzung des ZK der KPJ unterlaufen war, zu vergessen.

Leider ist dieser Missgriff des Genossen Djilas kein zufälliger.

Die Genossen Tito und Kardelj werfen den Sowjets vor, dass sie jugoslawische Bürger für ihren Nachrichtendienst anwerben. Sie schreiben:

„Wir halten es für unkorrekt, dass die Organe des sowjetischen Nachrichtendienstes versuchen, bei uns (also in einem Lande, das sich in Richtung auf den Sozialismus entwickelt) die Bürger für ihren Dienst zu werben. Wir können dies nur als gegen die Interessen unseres Landes gerichtet empfinden. Dies wird aber laufend so gehandhabt, obgleich unsere Führer und die Organe des Nationalen Sicherheitsdienstes dagegen protestiert und erklärt haben, dass wir einen derartigen Zustand nicht dulden können. Man versucht, unsere Offiziere zu gewinnen, verschiedene Funktionäre und alle diejenigen, die dem neuen Jugoslawien feindlich gesinnt sind.“

Wir erklären, dass diese Behauptungen der Genossen Tito und Kardelj für die Sowjetarbeiter in Jugoslawien beleidigend sind und nicht der Wirklichkeit entsprechen.

Es wäre ungeheuerlich, wollte man von unseren in Jugoslawien tätigen Leuten verlangen, sie sollten sich mit niemandem unterhalten. Die Sowjetarbeiter sind politisch entwickelte Menschen, nicht bloß Arbeiter, die angestellt sind, um für ihren Lohn zu arbeiten, ohne das Recht zu haben, sich für das, was in Jugoslawien vorgeht, zu interessieren. Es ist nur natürlich, dass sie mit den jugoslawischen Bürgern sprechen, ihnen Fragen stellen, von ihnen Erklärungen erbitten usw. Man muss wirklich sowjetfeindlich sein, um derartige Gespräche als Versuch aufzufassen, die Leute, und besonders solche, die dem neuen Jugoslawien gegenüber negativ eingestellt sind, für den sowjetischen Nachrichtendienst zu gewinnen.

Dabei muss betont werden, dass die jugoslawischen Genossen, die nach Moskau oder sonst in unser Land kommen, die Städte der USSR frei besuchen und mit unseren Bürgern zusammenkommen können. Anlässlich seiner letzten Reise nach der Sowjetunion fuhr der Genosse Djilas nach einem Moskauer Aufenthalt für einige Tage nach Lenin grad, um sich dort mit Sowjetgenossen zu unterhalten. Wir haben von Djilas nicht verlangt, er solle uns über seine Besprechungen mit den Organisationen von Lenin grad Rechenschaft ablegen. Wir nehmen an, dass er dort nicht Auskünfte für den angloamerikanischen oder französischen Nachrichtendienst sammelte, wohl aber für die leitenden Organe Jugoslawiens.

In ihrem Brief vom 27. März kommen die Genossen Tito und Kardelj erneut auf die Frage der Handelsbeziehungen zwischen der USSR und Jugoslawien zurück, wobei sie behaupten, Genosse Krutikow habe sozusagen auf die Fortsetzung der Handelsbesprechungen mit jugoslawischen Vertretern verzichtet. Wie wir bereits feststellten, hat Genosse Krutikow diese ihm zugeschriebene Meldung dementiert. Aus diesem Grunde betrachten wir die Frage als erledigt und beabsichtigen nicht, auf sie zurückzukommen.

6. Über die unrichtige politische Linie des Politbüros des ZK der KPJ in Bezug auf die Fragen des Klassenkampfes in Jugoslawien. Wir haben bereits einmal geschrieben, dass in Jugoslawien der Geist des Klassenkampfs in der Politik nicht zu spüren ist und dass die kapitalistischen Elemente in den Dörfern und Städten sich entwickeln.

Die Genossen Tito und Kardelj stellen dies in Abrede und betrachten unsere Feststellung als eine Beleidigung der KPJ, wobei sie es aber vermeiden, auf die Frage selbst eine Antwort zu erteilen.

Die Argumente dieser Genossen beschränken sich auf eine Erklärung über die soziale Umwandlung, die in Jugoslawien vor sich gegangen ist. Das ist aber zu wenig. Diese Genossen stellen das Zunehmen der kapitalistischen Elemente in Abrede, wobei sie von einer opportunistischen Haltung ausgehen, nach welcher der Klassenkampf sich in der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus nicht verschärft, wie es der Marxismus- Lenin ismus lehrt, sondern abstirbt, wie es die Opportunisten nach dem Vorbild Bucharins behaupteten, welche die faule Theorie eines friedlichen Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus propagierten.

Niemand kann in Abrede stellen, dass in der Sowjetunion nach der sozialistischen Oktoberrevolution tiefgehende soziale Umwandlungen vor sich gegangen sind. Aber die KPdSU hat daraus nie den Schluss gezogen, dass sich der Klassenkampf in unserem Lande abschwäche, noch hat sie angenommen, dass die Gefahr eines Zunehmens der kapitalistischen Elemente nicht existiere. 1920/21 erklärte Lenin : „Solange wir in einem Lande des kleinbäuerlichen Grundbesitzes leben, so lange ist die wirtschaftliche Basis für den Kapitalismus in Rußland fester gegründet als für den Kommunismus“, denn „die kleinbäuerliche Produktion erzeugt den Kapitalismus und die Bourgeoisie, ohne Unterlass, tagtäglich, in jedem Augenblick, spontan und in ungeheurem Ausmaß.“ Bekanntlich ist während fünfzehn Jahren nach der Oktoberrevolution die Frage, was für Maßnahmen zu treffen seien, um die kapitalistischen Elemente auf dem Land einzudämmen und später auch die Kulaken zu liquidieren, nie von der Tagesordnung verschwunden. Diese Erfahrung der KPdSU bei der Schaffung der Grundbedingungen für den Aufbau des Sozialismus in Jugoslawien zu unterschätzen, bedeutet soviel, wie sich einer großen politischen Gefahr auszusetzen und einen für Marxisten unerträglichen Zustand zu schaffen. Denn der Sozialismus muss nicht nur in der Stadt und in der Industrie, sondern auch auf dem Land und in der Landwirtschaft verwirklicht werden.

Es ist kein Zufall, dass die Führer der KPJ der Frage des Klassenkampfs und der Ausmerzung der kapitalistischen Elemente auf dem Lande ausweichen. Die Sache führt noch weiter: In den Reden der jugoslawischen Führer wird die Frage der Klassendifferenzierung auf dem Lande immer mit Stillschweigen übergangen. Man betrachtet die Bauern als ein Ganzes und mobilisiert nicht die Partei, um die Schwierigkeiten, die durch das Anwachsen der kapitalistischen Elemente auf dem Lande entstehen, zu überwinden.

Die politische Situation auf dem Lande rechtfertigt jedoch in Jugoslawien diese Ruhe und dieses Wohlwollen keineswegs. Im Hinblick darauf, dass in Jugoslawien keine Nationalisierung des Bodens durchgeführt wurde, dass Privatbesitz, Kauf und Verkauf von Grundstücken besteht, dass große Teile des Bodens in den Händen der Kulaken konzentriert sind, dass das System der Lohnarbeit herrscht, usw. - im Hinblick auf alle diese Tatsachen dürfte die Partei nicht in einem Geist der Befriedung des Klassenkampfes und der Milderung der Klassengegensätze erzogen werden, will man sie nicht gegenüber der Hauptschwierigkeiten, die der Verwirklichung des Sozialismus entgegenstehen, wehrlos machen. Auf diese Weise wird die KPJ durch die faule opportunistische Theorie des friedlichen Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus eingeschläfert, eine Theorie, die bei Bernstein, Vollmar und Bucharin entlehnt ist.

Während der Marxismus- Lenin ismus von der Erkenntnis der führenden Rolle der Arbeiterklasse bei der Liquidierung des Kapitalismus und beim Aufbau der sozialistischen Gesellschaft ausgeht, entwickeln bekannte Führer der Kommunistischen Partei Jugoslawiens ganz andere Gesichtspunkte. Es mag genügen, die folgende Stelle aus der Rede des Genossen Tito, gehalten im November 1946 in Zagreb, zu zitieren („Borba“ vom 2. November 1946):

„Wenn wir den Bauern sagen, sie seien die Hauptstütze unseres Staates, so nicht, um ihre Stimmen zu gewinnen, sondern weil wir wissen, dass es sich in Wirklichkeit so verhält und damit sie sich dieser Tatsache immer mehr bewusst werden.“

Diese Haltung steht in totalem Widerspruch zum Marxismus- Lenin ismus, welcher sagt, dass in Europa, also auch in den Ländern der Volksdemokratien, die Arbeiter die fortschrittliche und konsequent-revolutionäre Klasse darstellen, und nicht die Bauern. Von den letzteren kann die Mehrheit, nämlich die armen und mittleren Bauern, fortschrittlich und revolutionär sein, oder sie ist es auch bereits in Verbindung mit der Arbeiterklasse, welcher auch weiterhin die führende Rolle zukommt. In der oben zitierten Stelle seiner Rede leugnet Genosse Tito jedoch die führende Rolle der Arbeiterklasse, ja, er erklärt sogar, die Bauern - also auch die Kulaken - seien die festeste Grundlage des neuen Jugoslawiens. Wie man sieht, kommt an dieser Stelle ein Standpunkt zum Ausdruck, der kleinbürgerlichen Politikern, nicht jedoch Marxisten- Lenin isten entspricht.

7. Über die unrichtige Politik des Politbüros des ZK der KPJ betreffend die Beziehungen zwischen Partei und Volksfront. Die Genossen Tito und Kardelj bestreiten unsere Feststellung, dass in Jugoslawien nicht die Kommunistische Partei als führende Kraft betrachtet wird, sondern die Volksfront. Sie erklären, dass alle Beschlüsse der Volksfront eigentlich Beschlüsse der Partei seien, dass sie es aber nicht für günstig halten, zu betonen, dass der eine oder andere Beschluss an einer Parteikonferenz zustande gekommen sei.

Hier liegt der Hauptfehler der jugoslawischen Genossen. Sie haben Angst, offen zu erklären, dass die Partei die führende Kraft ist und dass sie es ist, welche die Volksfront leitet und nicht umgekehrt.

Nach den Anschauungen des Marxismus- Lenin ismus ist die KP die höchste Organisationsform der Arbeiterklasse; sie steht über jeder andern Organisation, in der Sowjetunion sogar über den Sowjets, in Jugoslawien über der Volksfront. Die Partei steht über allen diesen Organisationen, nicht nur, weil sie die besten Elemente der Arbeiterschaft an sich zieht, sondern auch, weil sie ein besonderes Programm, eine besondere Politik hat, von deren Grundlage aus sie alle andern Arbeiterorganisationen lenkt. Das Politbüro des ZK der KPJ jedoch hat Angst, dies der Arbeiterklasse und dem jugoslawischen Volk offen und geradeheraus zu sagen. Es meint, wenn es diese Tatsache nicht herausstellt, würden die andern Parteien keinen Grund mehr haben, ihre Kräfte zu entfalten und den Kampf zu führen. Offenbar meinen die Genossen Tito und Kardelj, es werde ihnen durch diese billige List gelingen, die historischen Entwicklungsgesetze aufzuheben, die Klassen und die Geschichte zu betrügen. Das ist eine Illusion. Solange es feindliche Klassen geben wird, wird es auch Kämpfe zwischen ihnen geben, und solange dieser Kampf dauert, muss auch der Kampf der verschiedenen Gruppen und Parteien der Arbeiterschaft unterstützt werden.

Lenin hat gesagt, die Partei sei die mächtigste Waffe in den Händen der Arbeiterklasse. Pflicht der Funktionäre ist es, diese Waffe festzuhalten und immer wachsam zu bleiben. Aber die jugoslawischen Genossen, welche die Fahne der Partei verbergen und vor dem Volk die führende Rolle der Partei nicht betonen wollen, machen diese Waffe der Arbeiterklasse stumpf. Es ist lächerlich, anzunehmen, der Feind würde wegen dieser List der jugoslawischen Genossen auf den Kampf verzichten. Die Partei muss immer auf der Hut bleiben, um gegen den Feind zu kämpfen; man darf die Partei nicht einschläfern und ihre Fahne verbergen, indem man behauptet, der Feind würde aufhören, legal oder illegal seine Kräfte zu organisieren.

Wir sind der Ansicht, dass die Beschränkung der Rolle der KP in Jugoslawien zu weit gegangen ist. Die gegenseitigen Beziehungen zwischen Volksfront und Partei in Jugoslawien sind falsch. Man muss berücksichtigen, dass ganz verschiedene Klassenelemente in die Volksfront eintreten: Kulaken, Kaufleute, kleine Industrielle, bürgerliche Intellektuelle, etc. sowie verschiedene politische Gruppen von verschiedener Richtung, gewisse bürgerliche Parteien inbegriffen. Der Umstand, dass die Volksfront in der politischen Arena Jugoslawiens allein auftritt, dass die Partei und ihre Organisation nicht offen in ihrem eigenen Namen heraustreten, setzt die Rolle der Partei im politischen Leben des Landes herab und schädigt sie in ihrer Eigenschaft als politische Macht, die dazu berufen ist, das Vertrauen der Massen in immer steigendem Maße zu gewinnen und durch offene politische Arbeit, durch die offene Propagierung ihrer Anschauungen und ihres Programms immer größere Arbeitermassen in ihren Einflussbereich zu ziehen.

Die Genossen Tito und Kardelj vergessen, dass die Partei sich nur im offenen Kampf gegen den Feind entwickeln kann, dass die billigen Schlauheiten und Manöver des Politbüros des ZK der KPJ eine Erziehung der Parteikader durch den Kampf nicht ersetzen können. Die hartnäckige Weigerung der jugoslawischen Führer anzuerkennen, dass es falsch ist zu sagen, die KPJ habe kein anderes Programm als dasjenige der Volksfront, ist ein Beweis dafür, dass sie sich von der marxistisch- Lenin istischen Auffassung von der Partei weit entfernt haben. Hier besteht unserer Meinung nach die Gefahr, dass die Tendenzen zur Liquidierung der KPJ zunehmen könnten; diese Tendenzen bedrohen nicht nur die Existenz der KP, sondern enthalten auch eine Gefahr der Entartung der Föderalen Volksrepublik Jugoslawien.

Die Genossen Tito und Kardelj sagen, die menschewistischen Irrtümer betreffend das Aufgehen der Massen der marxistischen Partei in der Massenorganisation außerhalb der Partei seien vor 40 Jahren begangen worden und hätten mit denjenigen des Politbüros des ZK der KPJ nichts gemeinsam. Die Genossen Tito und Kardelj täuschen sich hierin. Ohne Zweifel besteht ein theoretischer und politischer Zusammenhang zwischen diesen beiden Fällen, denn ebenso wie die Menschewisten im Jahre 1907 setzen die Genossen Tito und Kardelj 40 Jahre später die marxistische Partei herab, indem sie ihr keinen höheren Wert als allen anderen Massenorganisationen und infolgedessen keine führende Rolle zugestehen. Der Unterschied besteht einzig darin, dass die Menschewisten diesen Irrtum in den Jahren 1906/07 begingen, während das Politbüro des ZK der KPJ ihn jetzt begeht, das heißt 40 Jahre später.

8. Über die beunruhigende Lage innerhalb der KPJ. Die Genossen Tito und Kardelj bestreiten unsere Feststellungen, wonach in der KPJ eine halb illegale Situation herrscht und es in ihr keine innere Demokratie, kein Wahlsystem, keine Kritik und Selbstkritik gibt, usw. Sie schreiben, die Mitglieder des ZK der KPJ seien in ihrer Mehrzahl nicht kooptiert. Das ZK sei am 5. Kongress im Jahre 1940 gewählt worden. Es sei damals aus 31 Mitgliedern und 10 Ersatzmännern zusammengesetzt worden. Sie fügen hinzu, 10 Mitglieder und 6 Ersatzmänner des Zentralkomitees seien während des Krieges ums Leben gekommen und 2 Mitglieder des ZK seien aus der Partei ausgeschlossen worden; jetzt bestehe es aus 26 Mitgliedern, wovon 19 Mitglieder am erwähnten Kongress gewählt und 7 Mitglieder kooptiert wurden.

Dies entspricht nicht der Wirklichkeit. Nach den Archiven der Komintern hat der 5. Kongress, der im Oktober und nicht im Dezember 1940 stattfand, 22 Mitglieder des ZK und 16 Ersatzmänner gewählt, und nicht 31 ZK-Mitglieder und 10 Ersatzmänner. Ende Oktober 1940 schrieb Genosse Valter (Tito) aus Belgrad folgendes:

„An den Genossen Dimitrow. Vom 19. bis 23. Oktober fand der 5. Kongress der KPJ statt. 101 gewählte Delegierte aus allen Teilen des Landes waren anwesend. Gewählt wurde das ZK bestehend aus 22 Mitgliedern, darunter 2 Frauen, und aus 16 Ersatzmännern. Es herrschte vollkommene Einigkeit. Gezeichnet: Valter.“

Wenn von den 22 Mitgliedern des ZK 10 ums Leben gekommen sind, so blieben noch 12. Da 2 weitere ausgeschlossen wurden, blieben noch 10. Die Genossen Tito und Kardelj erklären, das ZK bestehe gegenwärtig aus 26 Mitgliedern; dies bedeutet, dass das ZK 10 gewählte Mitglieder zählt und 16 kooptierte. Die Mehrzahl der Mitglieder ist also kooptiert. Das gleiche trifft für die lokalen Funktionäre zu, die ernannt und nicht gewählt sind.

Bei einer solchen Lage der Dinge kann natürlich keine Rede von innerparteilicher Demokratie sein. Es hat zum Beispiel genügt, dass Genosse Jujowitsch sich an der Sitzung des ZK der KPJ mit dem Antwortentwurf des Politbüros des ZK der KPJ an das ZK der KPdSU nicht einverstanden erklärte, um ihn sofort aus dem ZK der KPJ auszuschließen. Es ist kein Zufall, dass der Polizeiminister gleichzeitig Kadersekretär des ZK ist, oder, wie Tito und Kardelj das nennen, Organisationssekretär des ZK der KPJ.

9. Von der Eitelkeit der Führer des ZK der KPJ und von ihrer falschen Einstellung zu ihren Fehlern. Aus den Schreiben der Genossen Tito und Kardelj geht hervor, dass sie das Vorkommen von Fehlern in der Arbeit des Politbüros des ZK der KPJ gänzlich abstreiten, ebenso wie sie abstreiten, dass in einem engen Kreis der Parteikader ein Verleumdungsfeldzug betrieben und von der Entartung der USSR zu einem imperialistischen Staat gesprochen wird. Sie glauben, das ZK der KPJ sei das Opfer von falschen Informationen und verleumderischen Angaben seitens der Genossen Jujowitsch und Hebrang geworden. Sie behaupten, es handle sich nicht um Fehler, welche das ZK der KPJ begangen, sondern um falsche Informationen seitens der Genossen Jujowitsch und Hebrang, die das ZK der KPdSU getäuscht hätten. Sie denken, durch eine Bestrafung der Genossen Jujowitsch und Hebrang würde alles wieder in Ordnung kommen.

Wir sind überzeugt, dass die Genossen Tito und Kardelj nicht an die Wahrheit dieser Version glauben; sie wollen sich damit nur von der Verantwortung für die Verschlechterung der sowjetisch-jugoslawischen Beziehungen befreien und sie auf die Sowjetunion abwälzen.

Wir sind der Ansicht, dass diese Haltung der Genossen Tito und Kardelj gegenüber dem ZK der KPdSU und gegenüber dessen Kritik an den Fehlern der jugoslawischen Genossen nicht nur leichtfertig und falsch ist, sondern auch zutiefst parteifeindlich.

Wenn die Genossen Tito und Kardelj sich für die Wahrheit interessieren würden, anstatt die Wahrheit zu fürchten, dann müssten sie über folgendes ernsthaft nachdenken:

a) Weshalb haben sich die Informationen über die kommunistischen Parteien von Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und Albanien als richtig erwiesen und haben keinerlei Konflikt mit den kommunistischen Parteien dieser Länder hervorgerufen, während die Informationen aus Jugoslawien sich nach Ansicht der jugoslawischen Genossen als „tendenziös“ erwiesen und Anlass gaben zu antisowjetischen Erklärungen und zu einer feindlichen Haltung gegenüber dem ZK der KPdSU?

b) Weshalb entwickeln und befestigen sich die freundschaftlichen Beziehungen zwischen der USSR und den Ländern der Volksdemokratien, während die sowjetisch-jugoslawischen Beziehungen verdorben wurden und sich noch ständig verschlechtern?

c) Weshalb haben sich die kommunistischen Parteien der Volksdemokratien mit dem Schreiben des ZK der KPdSU vom 27. März solidarisch erklärt und die Fehler der jugoslawischen Genossen verurteilt, während das Politbüro des ZK der KPJ, welches fortfährt, seine Fehler hartnäckig zu bestreiten, isoliert geblieben ist? - Beruht dies auf einem Zufall?

Um die Fehler des Politbüros des ZK der KPJ aufzudecken, braucht man sich nicht auf Informationen von Genossen, wie Jujowitsch und Hebrang zu stützen. Es genügt vollkommen, die offiziellen Erklärungen der Leiter der KPJ, wie z. B. der Genossen Tito, Kardelj, Djilas und anderer zu kennen, die in der Presse erschienen sind.

Wir erklären, dass wir in der Sowjetunion durch den Genossen Hebrang keinerlei Informationen erhalten haben. Wir erklären, dass in dem Gespräch des Genossen Jujowitsch mit dem Sowjetgesandten in Belgrad, dem Genossen Lawrentjew, nicht ein Zehntel dessen enthalten ist, was die antisowjetischen Reden der jugoslawischen Führer enthalten, die in der Presse publiziert wurden. Die gegen diese Genossen ergriffenen Repressalien sind nicht nur illegal und den Prinzipien der innerparteilichen Demokratie zuwiderlaufend, sondern sie sind auch ein Beweis der antisowjetischen Haltung der jugoslawischen Führer, die ein Gespräch jugoslawischer Kommunisten mit dem Sowjetgesandten als Verbrechen betrachten.

Wir sind der Ansicht, dass hinter diesen Versuchen der jugoslawischen Führer, sich der ihnen zufallenden Verantwortung für die Verschlechterung der sowjetisch-jugoslawischen Beziehungen zu entziehen, sich der Wunsch dieser Genossen verbirgt, eine Anerkennung ihrer Fehler zu vermeiden, sowie ihre Absicht, ihre feindliche Politik gegenüber der USSR fortzusetzen.

Wir müssen leider feststellen, dass die Führer der KPJ mit ihrer Weigerung, ihre Fehler einzugestehen und sie zu korrigieren, die Anweisungen Lenin s aufs schlimmste verletzen.

Wir müssen gleichzeitig betonen, dass die Führer der italienischen und französischen kommunistischen Parteien, zum Unterschied von den jugoslawischen Führern, sich auf der Höhe ihrer Aufgabe zeigten, indem sie an der Konferenz der Neun kommunistischen Parteien ihre Fehler ehrlich zugaben und sie gewissenhaft berichtigten, wodurch sie ihrer Partei halfen, ihre Reihen zu festigen und ihre Kader zu erziehen.

Wir sind der Ansicht, dass die Weigerung des Politbüros der KPJ, seine Fehler anzuerkennen, ihre Ursache in dem übertriebenen Stolz der jugoslawischen Führer hat. Ihre Erfolge haben sie berauscht; sie sind stolz geworden. Sie rühmen sich sogar dieses Stolzes und begreifen nicht, dass er ihr Untergang werden kann.

Lenin sagt:

„Bei allen revolutionären Parteien, die bisher zugrunde gingen, geschah dies, weil sie stolz waren und nicht wussten, worin eigentlich ihre Stärke bestand, weil sie Angst hatten, von ihrer Schwäche zu sprechen. Wir aber werden nicht unterliegen, denn wir haben keine Angst, von unseren Schwächen zu sprechen, und wir werden lernen, sie zu besiegen.“

Leider müssen wir feststellen, dass die jugoslawischen Führer keineswegs an Bescheidenheit leiden und dass sie sich an ihren Erfolgen berauschen, obwohl diese nicht so übermäßig groß sind.

Die Genossen Tito und Kardelj sprechen in ihrem Brief von den Verdiensten und Erfolgen der KPJ und meinen, das ZK der KPdSU habe früher diese anerkannt, während es sie jetzt mit Stillschweigen übergehe. Das trifft nicht zu. Niemand kann die Verdienste und Erfolge der KPJ leugnen; hierüber besteht absolut kein Zweifel. Aber es muss zugegeben werden, dass diejenigen der kommunistischen Parteien Polens, der Tschechoslowakei, Ungarns, Rumäniens, Bulgariens und Albaniens nicht geringer sind. Die Führer dieser Parteien benehmen sich jedoch bescheiden und rufen ihre Erfolge nicht laut aus, wie die jugoslawischen Führer, die mit Ohren zerreißendem Geschrei vor aller Welt ihre übertriebenen Prahlereien vorbringen.

Es muss auch betont werden, dass die Verdienste der französischen und italienischen kommunistischen Parteien um die Revolution nicht geringer, sondern größer sind als diejenigen der KPJ. Wohl haben die französischen und italienischen Parteien im Augenblick weniger Erfolg als die KPJ, aber dies läßt sich nicht aus dem Sondercharakter der KPJ erklären, sondern daraus, dass nach der Vernichtung des Generalstabs der jugoslawischen Partisanen durch deutsche Fallschirmtruppen, als die Befreiungsbewegung des Volkes in Jugoslawien eine Krise durchmachte, die Sowjetarmee den Völkern Jugoslawiens zu Hilfe kam, den Widerstand der deutschen Besatzungsmacht brach und Belgrad befreite und damit die Voraussetzungen schuf, dank welchen die Kommunistische Partei Jugoslawiens ans Ruder kommen konnte. Unglücklicherweise konnte die Sowjetarmee den französischen und italienischen kommunistischen Parteien nicht die gleiche Hilfe angedeihen lassen. Wenn die Genossen Tito und Kardelj dies in Erwägung ziehen wollten, würden sie mit ihren Erfolgen nicht so großen Lärm machen, sondern sich bescheidener und angemessener verhalten.

Der Mangel an Bescheidenheit geht bei den jugoslawischen Führern so weit, dass sie sich Verdienste zuschreiben, die ihnen nicht zukommen. Nehmen wir zum Beispiel die Frage der Kriegswissenschaft. Sie wollen aller Welt einreden, sie hätten die marxistische Kriegswissenschaft durch eine neue Theorie ergänzt, nach welcher der Krieg als Zusammenspiel der regulären Truppen, der Partisanenabteilungen und der nationalen Rebellen betrachtet werden muss. Diese so genannte Theorie ist jedoch uralt und stellt für die marxistische Kriegswissenschaft durchaus nichts Neues dar. Bekanntlich hatten die Bolschewiki solche kombinierte Aktionen der regulären Truppen, der Partisanen-Detachemente und der nationalen Erhebungen während der ganzen Periode des Bürgerkriegs in Rußland (1918-21) in Anwendung gebracht, und zwar in viel größerem Maßstab, als dies in Jugoslawien der Fall war. Aber die Bolschewiki haben nie behauptet, mit der Anwendung dieser Methode eine kriegswissenschaftliche Neuerung eingeführt zu haben. Sie haben nie so etwas behauptet, weil diese gleiche Methode schon lange vor ihrer Zeit zur Anwendung gekommen war, nämlich durch Feldmarschall Kutusow im Jahre 1812, im Kampf gegen die napoleonischen Truppen.

Und auch Feldmarschall Kutusow hatte nicht behauptet, diese Methode erfunden zu haben, denn schon vor ihm hatten sie 1808 die Spanier im Kampf gegen die napoleonischen Truppen benutzt. Aus dem eben Gesagten geht also hervor, dass die jugoslawischen Führer etwas, das in Wirklichkeit 140 Jahre alt ist, als militärwissenschaftliche Neuerung betrachten und sich ein Verdienst zuschreiben, das in Wirklichkeit den Spaniern zusteht.

Des Weiteren muss berücksichtigt werden, dass die vergangenen Verdienste der Führer nicht ausschließen, dass diese gleichen Führer in der Gegenwart schwerwiegende Fehler begehen. Wegen vergangener Verdienste darf man aber vor gegenwärtigen Fehlern nicht die Augen schließen. Auch Trotzki erwarb sich seinerzeit Verdienste um die Revolution, das will jedoch nicht heißen, das ZK der KPdSU hätte vor den schweren opportunistischen Fehlern, die er später beging, und die ihn in das Lager der Sowjetfeinde führten, die Augen schließen können.

Die Genossen Tito und Kardelj machen in ihrem Brief den Vorschlag, es sollen Vertreter des ZK der KPdSU nach Jugoslawien entsandt werden, um an Ort und Stelle die Fragen, welche den sowjetisch-jugoslawischen Konflikt hervorgerufen haben, prüfen zu können. Wir betrachten ein derartiges Vorgehen als unrichtig, denn es handelt sich ja nicht um die Prüfung gewisser Tatbestände, sondern um grundsätzliche Differenzen.

Die Angelegenheit der sowjetisch-jugoslawischen Differenzen gehört bekanntlich in die Kompetenz der Zentralkomitees der Neun kommunistischen Parteien, die ihr Informationsbüro besitzen. Es wäre unkorrekt, die andern kommunistischen Parteien von dieser Untersuchung auszuschließen. Aus diesem Grunde schlagen wir vor, die Frage solle an der nächsten Sitzung des Informationsbüros untersucht werden.

Gezeichnet:
ZK der KPdSU

Moskau, 4. Mai 1948

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