"Stalin"

Werke

Band 15

SCHREIBEN DES ZK DER KPDSU AN DAS ZK DER KPJ

22. MAI 1948

Ihre Briefe vom 17. und 20. Mai 1948, unterzeichnet von den Genossen Tito und Kardelj, haben wir erhalten. Das ZK der KPdSU ist der Ansicht, dass die Führer der KPJ mit diesen beiden Briefen die krassen grundsätzlichen Fehler, deren schädliche und gefährliche Natur das ZK der KPdSU in seinem Brief vom 4. Mai 1948 darlegte, noch weiter verschlimmern.

1. Die Genossen Tito und Kardelj schreiben, dass sie sich nicht gleichberechtigt fühlen, so dass sie unmöglich darauf eingehen könnten, die Frage vor dem Informationsbüro entscheiden zu lassen.

Das ZK der KPdSU ist der Ansicht, dass diese Feststellung auch nicht ein Körnchen Wahrheit enthält. Im Schoß des Informationsbüros besteht für die KPJ keine Rechtsungleichheit. Wie jedermann weiß, muss jede Mitgliedspartei des Informationsbüros dem letzteren über ihre Tätigkeit Rechenschaft ablegen, ebenso wie jede Partei das Recht hat, die andern Parteien zu kritisieren.

Bekanntlich haben die italienischen und französischen Genossen anlässlich der ersten Sitzung des Informationsbüros den anderen Parteien das Recht zugestanden, ihre Fehler zu kritisieren, und haben diese Kritik auf bolschewistische Art entgegengenommen, indem sie die notwendigen Schlussfolgerungen zogen. Wie man weiß, haben auch die jugoslawischen Genossen von der Möglichkeit, die Fehler der italienischen und französischen Genossen zu kritisieren, Gebrauch gemacht. Warum vollziehen die jugoslawischen Genossen jetzt eine so scharfe Wendung, indem sie die Liquidierung der Ordnung verlangen die innerhalb des Informationsbüro festgelegt wurde? Weil sie für die KPJ und ihre Leitung Anspruch auf eine bevorzugte Stellung erheben. Diese Haltung hat jedoch mit Gleichberechtigung nichts zu tun.

2. In ihrem Brief vom 17. Mai wiederholen die Genossen Tito und Kardelj, dass die vom ZK der KPdSU vorgebrachte Kritik an den Fehlern der Führung der KPJ auf falschen Informationen beruhe.

Zur Stützung ihrer Behauptung liefern die jugoslawischen Genossen jedoch keinerlei Beweis. Sie tun daher nichts anderes, als eine leere Erklärung abzugeben, und die Kritik des ZK der KPdSU bleibt unbeantwortet, obgleich Tito und Kardelj behaupten, dass sie der Kritik an grundsätzlichen Fragen nicht ausweichen wollen. Es ist möglich, dass sie ganz einfach nichts sagen können, um sich zu rechtfertigen...

Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder das Politbüro des ZK der KPJ ist sich der Schwere seiner Fehler bewusst, bemüht sich aber, sie vor der KPdSU zu verbergen und diese irrezuführen; es erzählt daher allerhand Geschichten, dass diese Fehler gar nicht existieren und wälzt die Verantwortung auf Unschuldige ab, die das ZK der KPdSU falsch informiert hätten. Oder das Politbüro versteht wirklich nicht, dass es sich durch seine Fehler vom Marxismus- Lenin ismus entfernt; dann muss aber zugegeben werden, dass die Unwissenheit des Politbüros der KPJ in Bezug auf den Marxismus wirklich zu groß ist.

3. Während die Genossen Tito und Kardelj der Beantwortung der direkten Fragen des ZK der KPdSU ausweichen und ihre eigenen Fehler durch ihren Eigensinn und ihre Weigerung, sie anzuerkennen und wieder gutzumachen, noch verschlimmern, versuchen sie uns einzureden, sie wollten ihre Treue zur USSR und zu den Erkenntnissen von Marx, Engels, Lenin und Stalin durch ihre Taten beweisen. Nach allem was geschehen ist, haben wir keinerlei Grund, ihren Versprechungen zu glauben. Die Genossen Tito und Kardelj haben dem ZK der KPdSU schon oft Versprechungen gemacht, ohne sie zu halten. An Hand ihrer Briefe - besonders des letzten - konnten wir uns überzeugen, dass es dem Politbüro des ZK der KPJ, und vor allem Genosse Tito, bewusst sein muss, dass sie durch ihre besonders in letzter Zeit betriebene antisowjetische und antirussische Tagespolitik, alles getan haben, um das Vertrauen, welches die KPdSU und die Regierung der USSR ihnen entgegenbrachten, zu untergraben.

4. Die Genossen Tito und Kardelj bedauern, sich in einer solch schwierigen Lage zu befinden und erklären, dass die Folgen für Jugoslawien sehr hart sein würden. Das stimmt; aber schuld an dieser Sachlage sind einzig die Genossen Tito und Kardelj, gemeinsam mit den andern Mitgliedern des Politbüros der KPJ, die ihr Prestige und ihren Ehrgeiz über das Interesse des jugoslawischen Volkes stellten, anstatt ihre Fehler im Interesse ihres Volkes zu erkennen und wieder gutzumachen. Sie bestreiten ihre für das jugoslawische Volk so gefährlichen Fehler hartnäckig.

5. Die Genossen Tito und Kardelj erklären, das ZK der KPJ verzichte darauf, an der Sitzung des Informationsbüros zu erscheinen und lehne es ab, die Frage der Lage innerhalb der KPJ vor diesem Büro darzulegen. Wenn dies ihr endgültiger Beschluss ist, so bedeutet das, dass sie vor dem Informationsbüro nichts auszusagen haben, dass sie ihre Schuld erkennen und sich fürchten, vor die Bruderparteien hinzutreten. Mehr noch: Die Weigerung, vor dem Informationsbüro zu erscheinen, bedeutet, dass das ZK der KPJ einen Weg beschreitet, der zur Loslösung von der vereinigten internationalen Front der Volksdemokratien und der USSR führt und dass es seine Partei und das jugoslawische Volk jetzt auf den Verrat an dieser vereinigten Front vorbereitet Da das Informationsbüro die Basis der vereinigten internationalen Front bildet, führt diese Politik zum Verrat am internationalen Solidaritätswerk der Arbeiterklasse und bildet den Übergang zu einer Haltung des Nationalismus. Sie stellt eine feindliche Handlung gegenüber der Arbeiterklasse dar.

Unabhängig davon, ob die Vertreter des ZK der KPJ an der nächsten Sitzung des Informationsbüros teilnehmen werden oder nicht, besteht das ZK der KPdSU darauf, dass beim nächsten Zusammentreffen des Informationsbüros die Lage innerhalb der KPJ geprüft werde.

Das ZK der KPdSU erklärt sich mit dem Vorschlag der tschechischen und ungarischen Genossen einverstanden, wonach das Informationsbüro in der zweiten Hälfte Juni zusammentreten soll.

Gezeichnet:
Das ZK der KPdSU

Moskau, 22. Mai 1948

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