GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL I
Der Kampf für die Schaffung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Russland
(1883-1901)

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Die Volkstümlerrichtung und der Marxismus in Russland
Plechanow und seine Gruppe „Befreiung der Arbeit“
Der Kampf Plechanows gegen die Volkstümlerrichtung
Die Ausbreitung des Marxismus in Russland

Vor der Entstehung marxistischer Gruppen wurde die revolutionäre Arbeit in Russland von den Volkstümlern (Narodniki) geführt, die Gegner des Marxismus waren.

Die erste russische marxistische Gruppe entstand im Jahre 1883. Dies war die Gruppe „Befreiung der Arbeit“, von G. W. Plechanow im Auslande, in Genf, organisiert, wohin er ausgereist war, um sich den Verfolgungen der zaristischen Regierung wegen revolutionärer Tätigkeit zu entziehen.

Plechanow war vorher selbst Volkstümler gewesen. Als er sich in der Emigration mit dem Marxismus vertraut gemacht hatte, brach er mit der Volkstümlerrichtung und wurde zu einem hervorragenden Propagandisten des Marxismus.

Die Gruppe „Befreiung der Arbeit“ leistete eine große Arbeit für die Verbreitung des Marxismus in Russland. Sie übersetzte Arbeiten von Marx und Engels ins Russische: „Manifest der Kommunistischen Partei“, „Lohnarbeit und Kapital“, „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ und andere, druckte sie im Ausland und begann sie geheim in Russland zu verbreiten. G. W. Plechanow, Sassulitsch, Axelrod und andere Teilnehmer dieser Gruppe schrieben auch eine Reihe von Arbeiten, in denen sie die Lehre von Marx und Engels erläuterten, die Ideen des wissenschaftlichen Sozialismus darlegten.

Marx und Engels, die großen Lehrer des Proletariats, erklärten als erste - im Gegensatz zu den utopischen Sozialisten-, dass der Sozialismus keine Erfindung von Träumern (Utopisten) sei, sondern das notwendige Resultat der Entwicklung der modernen kapitalistischen Gesellschaft. Sie zeigten, dass die kapitalistische Ordnung ebenso stürzen werde, wie die Feudalordnung gestürzt ist, dass der Kapitalismus im Proletariat seinen eigenen Totengräber selbst hervorbringe. Sie zeigten, dass nur der Klassenkampf des Proletariats, nur der Sieg des Proletariats über die Bourgeoisie die Menschheit vom Kapitalismus, von der Ausbeutung befreien werde.

Marx und Engels lehrten das Proletariat, sich seiner Kräfte bewusst zu werden, seine Klasseninteressen zu erkennen und sich zum entschiedenen Kampf gegen die Bourgeoisie zu vereinigen. Marx und Engels deckten die Entwicklungsgesetze der kapitalistischen Gesellschaft auf und wiesen wissenschaftlich nach, dass die Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft und der Klassenkampf in ihr unvermeidlich zum Sturz des Kapitalismus, zum Siege des Proletariats, zur Diktatur des Proletariats führen müssen.

Marx und Engels lehrten, dass es unmöglich sei, sich auf friedlichem Wege von der Herrschaft des Kapitals zu befreien und das kapitalistische Eigentum in gesellschaftliches Eigentum zu verwandeln, dass die Arbeiterklasse dies nur erreichen könne durch Anwendung der revolutionären Gewalt gegen die Bourgeoisie, durch die proletarischeRevolution, durch die Errichtung ihrer politischen Herrschaft, der Diktatur des Proletariats, die den Widerstand der Ausbeuter brechen und eine neue, klassenlose, kommunistische Gesellschaft aufbauen muss.

Marx und Engels lehrten, dass das Industrieproletariat die revolutionärste und deshalb die fortschrittlichste Klasse der kapitalistischen Gesellschaft sei, dass nur eine Klasse wie das Proletariat alle mit dem Kapitalismus unzufriedenen Kräfte um sich sammeln und sie zum Sturm gegen den Kapitalismus führen könne. Um aber die alte Welt zu besiegen und die neue, klassenlose Gesellschaft aufzubauen, muss das Proletariat seine eigene Arbeiterpartei haben, die Marx und Engels Kommunistische Partei nannten.

An der Verbreitung der Auffassungen von Marx und Engels arbeitete nun die erste russische marxistische Gruppe, die Plechanowsche Gruppe „Befreiung der Arbeit“.

Die Gruppe „Befreiung der Arbeit“ erhob das Banner des Marxismus in der russischen Auslandspresse zu einem Zeitpunkt, da es eine sozialdemokratische Bewegung in Russland noch nicht gab. Es war vor allein notwendig, dieser Bewegung theoretisch, ideologisch den Weg zu bahnen. Das wichtigste ideologische Hindernis auf dem Wege der Verbreitung des Marxismus und der sozialdemokratischen Bewegung waren zu jener Zeit die Ansichten der Volkstümler, die damals unter den fortgeschrittenen Arbeitern und der revolutionär gestimmten Intelligenz vorherrschten.

Mit der Entwicklung des Kapitalismus in Russland wurde die Arbeiterklasse zu einer mächtigen fortschrittlichen Kraft, fähig zum organisierten revolutionären Kampf. Die Volkstümler verstanden jedoch die führende Rolle der Arbeiterklasse nicht. Die russischen Volkstümler glaubten irrigerweise, dass die revolutionäre Hauptkraft nicht die Arbeiterklasse, sondern die Bauernschaft sei, dass die Macht des Zaren und der Gutsbesitzer allein durch die „Rebellionen“ der Bauern gestürzt werden könne. Die Volkstümler kannten die Arbeiterklasse nicht und begriffen nicht, dass ohne das Bündnis mit der Arbeiterklasse und ohne deren Führung die Bauern allein den Zarismus und die Gutsbesitzer nicht besiegen können. Die Volkstümler begriffen nicht, dass die Arbeiterklasse die revolutionärste und fortgeschrittenste Klasse der Gesellschaft ist.

Die Volkstümler versuchten anfangs, die Bauern zum Kampf gegen die zaristische Regierung aufzurütteln. Zu diesem Zwecke ging die revolutionäre intellektuelle Jugend in Bauerntracht gekleidet ins Dorf, „ins Volk“, wie man damals sagte. Daher stammt auch die Bezeichnung „Volkstümler“. Aber die Bauernschaft folgte ihnen nicht, da sie auch die Bauern nicht richtig kannten und verstanden. Der größte Teil der Volkstümler wurde von der Polizei verhaftet. Da beschlossen die Volkstümler, den Kampf gegen die zaristische Selbstherrschaft allein, mit eigenen Kräften, ohne das Volk fortzusetzen, was zu noch ernsteren Fehlern führte.

Der Geheimbund der Volkstümler, der „Volkswille“ („Narodnaja Wolja“), bereitete ein Attentat auf den Zaren vor. Am 1. März (13. März neuen Stils) 1881 gelang es den Mitgliedern dieses Geheimbundes (den „Narodowolzen“), den Zaren Alexander II. durch Bombenwurf zu töten. Das brachte jedoch dem Volke keinerlei Nutzen. Durch die Tötung einzelner Personen konnte die zaristische Selbstherrschaft nicht gestürzt, die Klasse der Gutsbesitzer nicht vernichtet werden. An die Stelle des getöteten Zaren trat ein anderer, Alexander III., unter dem das Leben der Arbeiter und Bauern noch schlechter wurde.

Der von den Volkstümlern gewählte Weg des Kampfes gegen den Zarismus durch einzelne Attentate, durch den individuellen Terror war irrig und für die Revolution schädlich. Die Politik des individuellen Terrors entsprang der falschen Theorie der Volkstümler von den aktiven „Helden“ und dem passiven „Haufen“, der von den „Helden“ Großtaten erwartet. Diese falsche Theorie besagte, dass nur einzelne hervorragende Persönlichkeiten die Geschichte machen, die Masse jedoch, das Volk, die Klasse, der „Haufe“, wie sich die volkstümlerischen Schriftsteller verächtlich ausdrückten, zu bewussten organisierten Handlungen nicht fähig sei, dass sie den „Helden“ nur blindlings folgen könne. Deshalb verzichteten die Volkstümler auf die revolutionäre Massenarbeit unter der Bauernschaft und in der Arbeiterklasse und gingen zum individuellen Terror über. Die Volkstümler brachten einen der größten Revolutionäre jener Zeiten, Stepan Chalturin, dazu, die Arbeit zur Organisierung des revolutionären Arbeiterbundes einzustellen und sich ausschließlich dem Terror zu widmen.

Die Volkstümler lenkten die Aufmerksamkeit der Werktätigen vom Kampfe gegen die Klasse der Unterdrücker durch die - für die Revolution nutzlosen - Attentate gegen einzelne Vertreter dieser Klasse ab. Sie hemmten die Entwicklung der revolutionären Initiative und Aktivität der Arbeiterklasse und der Bauernschaft.

Die Volkstümler hinderten das Proletariat, seine führende Rolle in der Revolution zu begreifen, und verzögerten die Schaffung der selbständigen Partei der Arbeiterklasse.

Obwohl die Geheimorganisation der Volkstümler von der zaristischen Regierung zerschlagen worden war, erhielten sich die Auffassungen der Volkstümler noch lange unter der revolutionär gestimmten Intelligenz. Die Reste der Volkstümler widersetzten sich hartnäckig der Verbreitung des Marxismus in Russland, hemmten die Organisierung der Arbeiterklasse.

Deshalb konnte der Marxismus in Russland nur im Kampfe gegen die Volkstümlerrichtung wachsen und sich festigen.

Die Gruppe „Befreiung der Arbeit“ entfaltete den Kampf gegen die irrigen Auffassungen der Volkstümler, sie zeigte, welchen Schaden die Lehre der Volkstümler und ihre Kampfmethoden der Arbeiterbewegung zufügen.

In seinen gegen die Volkstümler gerichteten Arbeiten zeigte Plechanow, dass die Auffassungen der Volkstümler mit dem wissenschaftlichen Sozialismus nichts gemein haben, wenn auch die Volkstümler sich Sozialisten nannten.

Plechanow gab als erster eine marxistische Kritik der irrigen Auffassungen der Volkstümler. Zugleich mit der Austeilung seiner treffsicheren Schläge gegen die volkstümlerischen Auffassungen wusste Plechanow die marxistischen Auffassungen glänzend zu verfechten.

Worin bestanden die falschen Grundauffassungen der Volkstümler, denen Plechanow einen vernichtenden Schlag versetzte?

Erstens behaupteten die Volkstümler, dass der Kapitalismus in Russland eine „zufällige“ Erscheinung sei, dass er sich in Russland nicht entwickeln werde und dass folglich auch das Proletariat nicht wachsen und sich nicht entwickeln werde.

Zweitens hielten die Volkstümler die Arbeiterklasse nicht für die führende Klasse in der Revolution. Sie träumten von der Erreichung des Sozialismus ohne das Proletariat. Für die revolutionäre Hauptkraft hielten die Volkstümler die Bauernschaft, unter Führung der Intelligenz, und die bäuerliche Dorfgemeinschaft („Obschtschina“), die sie als Keim und Grundlage des Sozialismus betrachteten.

Drittens hatten die Volkstümler eine irrige und schädliche Auffassung vom Gesamtverlauf der Geschichte der Menschheit. Weder kannten sie noch verstanden sie die Gesetze der ökonomischen und politischen Entwicklung der Gesellschaft. Sie waren in dieser Hinsicht völlig rückständige Leute. Nach ihrer Meinung wird die Geschichte weder von den Klassen noch vom Klassenkampf gemacht, sondern lediglich von einzelnen hervorragenden Persönlichkeiten, „Helden“, denen die Masse, der „Haufe“, das Volk, die Klassen blind nachfolgen.

In seinem Kampfe zur Entlarvung der Volkstümler schrieb Plechanow eine Reihe marxistischer Arbeiten, an denen sich die Marxisten in Russland schulten und heranbildeten. Solche Arbeiten Plechanows wie „Sozialismus und politischer Kampf“, „Unsere Meinungsverschiedenheiten“, „Zur Frage der Entwicklung der monistischen Geschichtsauffassung“ legten den Boden für den Sieg des Marxismus in Russland frei.

In seinen Arbeiten gab Plechanow eine Darlegung der Grundfragen des Marxismus. Besonders große Bedeutung hatte sein Buch „Zur Frage der Entwicklung der monistischen Geschichtsauffassung“, das im Jahre 1895 erschien. Lenin wies darauf hin, dass durch dieses Buch „eine ganze Generation russischer Marxisten erzogen wurde“. ( Lenin , Sämtl. Werke, Bd. XIV, S. 347 russ.)

In seinen gegen die Volkstümler gerichteten Arbeiten bewies Plechanow, dass es unsinnig sei, die Frage so zu stellen, wie sie die Volkstümler stellten: soll sich der Kapitalismus in Russland entwickeln oder nicht? Es handelt sich darum, sagte Plechanow und wies das an Tatsachen nach, dass Russland den Weg der kapitalistischen Entwicklung schon beschritten hat und dass es keine Kraft gibt, die es von diesem Wege abbringen könnte.

Die Aufgabe der Revolutionäre bestand nicht darin, die Entwicklung des Kapitalismus in Russland aufzuhalten, - das hätten sie sowieso nicht vermocht. Die Aufgabe der Revolutionäre bestand darin, sich auf jene mächtige revolutionäre Kraft zu stützen, die durch die Entwicklung des Kapitalismus hervorgebracht wird - auf die Arbeiterklasse; sie bestand darin, ihr Klassenbewusstsein zu entwickeln, sie zu organisieren, ihr zu helfen, ihre eigene Arbeiterpartei zu schaffen.

Plechanow zerschlug auch die zweite irrige Grundauffassung der Volkstümler - ihre Verneinung der führenden Rolle des Proletariats im revolutionären Kampf. Die Volkstümler betrachteten die Entstehung des Proletariats in Russland als eine Art „historischen Malheurs“ und sprachen von einem „Geschwür des Proletariertums“. In Verfechtung der marxistischen Lehre und ihrer völligen Anwendbarkeit auf Russland wies Plechanow nach, dass die Revolutionäre, ungeachtet des zahlenmäßigen Überwiegens der Bauernschaft und der verhältnismäßig geringen Zahl des Proletariats, ihre wesentlichsten Hoffnungen gerade auf das Proletariat, auf sein Wachstum setzen müssen.

Warum gerade auf das Proletariat?

Weil das Proletariat, ungeachtet seiner heute noch geringen Zahl, die werktätige Klasse ist, die mit der fortgeschrittensten Form der Wirtschaft, mit der Großproduktion, verbunden ist und infolgedessen eine große Zukunft hat.

Weil das Proletariat als Klasse von Jahr zu Jahr wächst, sich politisch entwickelt, infolge der Arbeitsbedingungen in der Großproduktion leicht organisierbar und infolge seiner proletarischen Lage am revolutionärsten ist, denn es hat in der Revolution nichts zu verlieren als seine Ketten.

Anders steht die Sache bei der Bauernschaft.

Die Bauernschaft (gemeint waren die Einzelbauern. Die Red.) ist, ungeachtet ihrer großen Zahl, eine werktätige Klasse, die mit der rückständigsten Form der Wirtschaft, der Kleinproduktion, verbunden ist und infolgedessen keine große Zukunft hat, noch haben kann.

Als Klasse hat die Bauernschaft nicht nur kein Wachstum aufzuweisen, im Gegenteil, sie zerfällt von Jahr zu Jahr immer mehr in Bourgeoisie (Kulaken) und Dorfarmut (Proletarier, Halbproletarier). Außerdem ist sie infolge ihrer Zersplitterung schwerer zu organisieren, tritt sie infolge ihrer Lage als Kleineigentümer weniger bereitwillig in die revolutionäre Bewegung ein als das Proletariat.

Die Volkstümler behaupteten, dass in Russland der Sozialismus nicht durch die Diktatur des Proletariats kommen werde, sondern durch die bäuerliche Dorfgemeinschaft, die sie als den Keim und die Basis des Sozialismus betrachteten. Aber die Dorfgemeinschaft war weder die Basis noch der Keim des Sozialismus, noch konnte sie es sein, da in der Dorfgemeinschaft die Kulaken herrschten, die „Blutsauger des Dorfes“, die die armen Bauern, die Landarbeiter und die wirtschaftlich schwachen Mittelbauern ausbeuteten. Der formal bestehende gemeinschaftliche Bodenbesitz und die von Zeit zu Zeit erfolgende Neuverteilung des Bodens entsprechend der Kopfzahl änderten nichts an der Sache. Den Boden nutzten jene Mitglieder der Dorfgemeinschaft, die Arbeitsvieh, Geräte und Saatgut hatten, das heißt die wohlhabenden Mittelbauern und Kulaken. Die Bauern ohne Pferd, die armen Bauern und überhaupt die wirtschaftlich Schwachen waren gezwungen, den Boden den Kulaken zu überlassen und sich als Landarbeiter zu verdingen. Die bäuerliche Dorfgemeinschaft war in Wirklichkeit eine bequeme Form zur Verschleierung der Machtstellung der Kulaken und in den Händen des Zarismus ein billiges Werkzeug zur Eintreibung der Steuern von den Bauern nach dem Prinzip der solidarischen Haftung. Deshalb eben wurde die Dorfgemeinschaft vom Zarismus nicht angetastet. Es wäre lächerlich gewesen, eine solche Dorfgemeinschaft als Keim oder Basis des Sozialismus zu betrachten.

Plechanow zerschlug auch die dritte irrige Grundauffassung der Volkstümler - über die ausschlaggebende Rolle der „Helden“, der hervorragenden Persönlichkeiten, und ihrer Ideen in der gesellschaftlichen Entwicklung sowie über die belanglose Rolle der Massen, des „Haufens“, des Volkes, der Klassen. Plechanow beschuldigte die Volkstümler des Idealismus und wies nach, dass die Wahrheit nicht auf Seiten des Idealismus, sondern auf Seiten des Materialismus von Marx und Engels ist.

Plechanow entwickelte und begründete den Standpunkt des marxistischen Materialismus. Entsprechend dem marxistischen Materialismus wies er nach, dass die Entwicklung der Gesellschaft in letzter Instanz nicht durch die Wünsche und Ideen hervorragender Persönlichkeiten bestimmt wird, sondern durch die Entwicklung der materiellen Existenzbedingungen der Gesellschaft, durch die Veränderungen in der Produktionsweise der materiellen Güter, die für die Existenz der Gesellschaft notwendig sind, durch die Veränderungen in den Wechselbeziehungen der Klassen auf dem Gebiete der Produktion materieller Güter, durch den Kampf der Klassen um ihre Rolle und ihren Platz in der Produktion und der Verteilung der materiellen Güter. Nicht die Ideen bestimmen die gesellschaftlich-wirtschaftliche Lage der Menschen, sondern die gesellschaftlich-wirtschaftliche Lage der Menschen bestimmt ihre Ideen. Die hervorragenden Persönlichkeiten können sich in ein Nichts verwandeln, wenn ihre Ideen und Wünsche zur ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft im Gegensatz stehen, im Gegensatz zu den Bedürfnissen der fortgeschrittenen Klasse, und umgekehrt können hervorragende Menschen wirklich hervorragende Persönlichkeiten werden, wenn ihre Ideen und Wünsche die Bedürfnisse der ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft, die Bedürfnisse der fortgeschrittenen Klasse richtig zum Ausdruck bringen.

Auf die Behauptungen der Volkstümler, dass die Masse ein Haufe sei, dass nur die Helden Geschichte machen und den Haufen zum Volk gestalten, antworteten die Marxisten: Nicht die Helden machen die Geschichte, sondern die Geschichte macht Helden, folglich schaffen nicht die Helden das Volk, sondern das Volk schafft die Helden und treibt die Geschichte vorwärts. Helden, hervorragende Persönlichkeiten, können nur insoweit eine ernsthafte Rolle im Leben der Gesellschaft spielen, als sie es vermögen, die Entwicklungsbedingungen der Gesellschaft richtig zu verstehen - zu verstehen, wie diese zum Besseren zu wenden sind. Helden, hervorragende Persönlichkeiten, können in die Lage von lächerlichen Pechvögeln geraten, die niemand braucht, wenn sie es nicht vermögen, die Entwicklungsbedingungen der Gesellschaft richtig zu verstehen, und wenn sie beginnen, sich den historischen Bedürfnissen der Gesellschaft entgegenzustemmen, da sie sich „Gestalter“ der Geschichte wähnen.

Zur Kategorie gerade solcher Pechvögel, solcher trauriger Helden, gehörten die Volkstümler.

Die literarischen Arbeiten Plechanows, sein Kampf gegen die Volkstümler untergruben gründlich den Einfluss der Volkstümler unter der revolutionären Intelligenz. Aber die ideologische Zertrümmerung der Volkstümlerrichtung war bei weitem noch nicht vollendet. Diese Aufgabe - der Volkstümlerrichtung als dem Feind des Marxismus den letzten Stoß zu versetzen - blieb Lenin vorbehalten.

Die Mehrheit der Volkstümler verzichtete bald nach der Zertrümmerung der Partei „Narodnaja Wolja“ auf den revolutionären Kampf gegen die zaristische Regierung; sie begann Versöhnung, Verständigung mit der zaristischen Regierung zu predigen. In den achtziger und neunziger Jahren wurden die Volkstümler zu Wortführern der Interessen des Kulakentums.

Die Gruppe „Befreiung der Arbeit“ schuf zwei Entwürfe eines Programms der russischen Sozialdemokraten (den ersten im Jahre 1884 und den zweiten im Jahre 1887). Das war ein sehr wichtiger Schritt in der Vorarbeit zur Schaffung der marxistischen sozialdemokratischen Partei in Russland.

Die Gruppe „Befreiung der Arbeit“ hatte jedoch auch ernste Fehler. In ihrem ersten Programmentwurf waren noch Reste von volkstümlerischen Auffassungen enthalten, wurde die Taktik des individuellen Terrors als zulässig angesehen. Plechanow berücksichtigte ferner nicht, dass das Proletariat im Verlauf der Revolution die Bauernschaft mit sich führen kann und muss, dass nur im Bündnis mit der Bauernschaft das Proletariat den Sieg über den Zarismus erringen kann. Plechanow betrachtete weiter die liberale Bourgeoisie als eine Kraft, die der Revolution Unterstützung, wenn auch eine unsichere Unterstützung, erweisen kann, die Bauernschaft aber hatte er in einigen seiner Arbeiten gänzlich aus dem Spiel gelassen. Er erklärte zum Beispiel:

„Außer der Bourgeoisie und dem Proletariat sehen wir keine anderen gesellschaftlichen Kräfte, auf die sich bei uns oppositionelle oder revolutionäre Kombinationen stützen könnten.“ (Plechanow, Werke, Bd. III, S. 119 russ.)

Diese irrigen Auffassungen Plechanows waren der Keim seiner künftigen menschewistischen Auffassungen.

Sowohl die Gruppe „Befreiung der Arbeit“ wie die marxistischen Zirkel jener Zeit waren praktisch mit der Arbeiterbewegung noch nicht verbunden. Dies war in Russland noch die Periode des Entstehens und der Festigung der Theorie des Marxismus, der marxistischen Ideen, der programmatischen Leitsätze der Sozialdemokratie. In dem Jahrzehnt von 1884 bis 1894 bestand die Sozialdemokratie noch in Gestalt einzelner kleiner Gruppen und Zirkel, die mit der Massenbewegung der Arbeiter nicht oder sehr wenig verbunden waren. Gleich dem noch ungeborenen, aber sich im Mutterleib schon entwickelnden Kinde durchlebte die Sozialdemokratie, wie Lenin schrieb, den „Prozess der embryonalen Entwicklung“.

Die Gruppe „Befreiung der Arbeit“ hat „nur theoretisch die Sozialdemokratie gegründet und zur Arbeiterbewegung hin den ersten Schritt gemacht“, betonte Lenin .

Die Lösung der Aufgabe, den Marxismus mit der Arbeiterbewegung in Russland zu vereinigen und ebenso die Fehler der Gruppe „Befreiung der Arbeit“ zu korrigieren, blieb Lenin vorbehalten.

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