GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL I
Der Kampf für die Schaffung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Russland
(1883-1901)

3
Der Beginn der revolutionären Tätigkeit Lenin s
Der Petersburger „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“

Wladimir Iljitsch Lenin , der Begründer des Bolschewismus, wurde im Jahre 1870 in der Stadt Simbirsk (heute Uljanowsk) geboren. Im Jahre 1887 bezog Lenin die Kasaner Universität, wurde aber bald wegen Teilnahme an der revolutionären Studentenbewegung verhaftet und aus der Universität ausgeschlossen. In Kasan trat Lenin einem marxistischen Zirkel bei, den Fedossejew organisiert hatte. Nach der Übersiedlung Lenin s nach Samara bildete sich um ihn schnell der erste Zirkel der Samaraer Marxisten. Schon damals setzte Lenin alle durch seine Kenntnisse des Marxismus in Erstaunen.

Ende des Jahres 1893 übersiedelte Lenin nach Petersburg. Schon die ersten Reden und Vorträge Lenin s hinterließen bei den Teilnehmern der Petersburger marxistischen Zirkel einen starken Eindruck. Ungewöhnlich tiefe Kenntnis der Werke von Marx, die Fähigkeit, den Marxismus auf die ökonomischen und politischen Verhältnisse des damaligen Russland anzuwenden, der glühende, unerschütterliche Glaube an den Sieg der Arbeitersache, das hervorragende organisatorische Talent - alles das machte Lenin zum anerkannten Führer der Petersburger Marxisten.

Lenin erfreute sich der heißen Liebe der fortgeschrittenen Arbeiter, die er in den Zirkeln unterrichtete.

„Unsere Lektionen“, erzählte der Arbeiter Babuschkin in seinen Erinnerungen an die Unterrichtsstunden Lenin s in den Arbeiterzirkeln, „trugen einen sehr lebhaften, interessanten Charakter, wir alle waren mit diesen Lektionen überaus zufrieden und waren stets voll Bewunderung für den Geist unseres Lektors.“

Im Jahre 1895 vereinigte Lenin in Petersburg alle marxistischen Arbeiterzirkel (es bestanden schon ungefähr zwanzig) zu einem „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“. Damit bereitete er die Schaffung der revolutionären marxistischen Arbeiterpartei vor.

Lenin stellte dem „Kampfbund“ die Aufgabe, sich mit der Massenbewegung der Arbeiter enger zu verbinden und sie politisch zu leiten. Lenin schlug vor, von der Propaganda des Marxismus unter einer geringen Anzahl fortgeschrittener Arbeiter, die sich in den propagandistischen Zirkeln sammelten, zur tagtäglichen politischen Agitation unter den breiten Massen der Arbeiterklasse überzugehen. Diese Wendung zur Massenagitation hatte für die weitere Entwicklung der Arbeiterbewegung in Russland große Bedeutung.

In den neunziger Jahren durchlebte die Industrie eine Periode des Aufschwungs. Die Zahl der Arbeiter wuchs. Die Arbeiterbewegung erstarkte. Von 1895 bis 1899 streikten nach unvollständigen Angaben nicht weniger als 221000 Arbeiter. Die Arbeiterbewegung gestaltete sich zu einer ernsten Kraft im politischen Leben des Landes. Die im Kampfe gegen die Volkstümler von den Marxisten vertretenen Auffassungen über die führende Rolle der Arbeiterklasse in der revolutionären Bewegung wurden vom Leben selbst bestätigt.

Unter Lenin s Führung verband der „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“ den Kampf der Arbeiter für wirtschaftliche Forderungen - für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, für die Verkürzung des Arbeitstages, für die Erhöhung der Löhne - mit dem politischen Kampf gegen den Zarismus. Die Arbeiter wurden vom „Kampfbund“ politisch erzogen.

Unter Lenin s Führung begann der Petersburger „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“ zum ersten Mal in Russland die Vereinigung des Sozialismus mit der Arbeiterbewegung in die Tat umzusetzen. Wenn in irgendeiner Fabrik ein Streik ausbrach, so reagierte der „Kampfbund“, der durch die Teilnehmer seiner Zirkel über die Lage in den Betrieben gut unterrichtet war, unverzüglich durch Herausgabe von Flugblättern, durch Herausgabe sozialistischer Aufrufe. In diesen Flugblättern wurden die von den Fabrikherren an den Arbeitern verübten Drangsalierungen gegeißelt, wurde erläutert, wie die Arbeiter für ihre Interessen kämpfen sollen, wurden die Forderungen der Arbeiter veröffentlicht. In den Flugblättern wurde über die Eiterbeulen des Kapitalismus, über das elende Leben der Arbeiter, über ihre maßlos schwere, zwölf- bis vierzehnstündige Arbeit, über ihre rechtlose Lage die volle Wahrheit gesagt. Hier wurden auch die entsprechenden politischen Forderungen gestellt. Ende des Jahres 1894 schrieb Lenin unter Teilnahme des Arbeiters Babuschkin das erste dieser Agitationsflugblätter und einen Aufruf an die streikenden Arbeiter des Semjannikow-Werkes in Petersburg. Im Herbst 1895 schrieb Lenin ein Flugblatt an die streikenden Arbeiter und Arbeiterinnen der Fabrik Thornton. Diese Fabrik gehörte englischen Fabrikanten, die Millionenprofite einsteckten. Der Arbeitstag dauerte hier mehr als 14 Stunden, während die Weber ungefähr 7 Rubel im Monat verdienten. Der Streik endete für die Arbeiter erfolgreich. In kurzer Zeit wurden vom „Kampfbund“ Dutzende solcher Flugblätter gedruckt, die sich an die Arbeiter der verschiedenen Fabriken wandten. Durch jedes dieser Flugblätter wurde der Mut der Arbeiter erheblich gesteigert. Die Arbeiter sahen, dass die Sozialisten ihnen helfen und sie verteidigen.

Unter der Leitung des „Kampfbundes“ wurde im Sommer 1896 der Streik der 30000 Petersburger Textilarbeiter durchgeführt. Die Hauptforderung war die Verkürzung des Arbeitstages. Durch die Wucht dieses Streiks wurde die zaristische Regierung gezwungen, das Gesetz vom 2. (14.) Juni 1897 zu erlassen, das den Arbeitstag auf 11½ Stunden beschränkte. Bis zu diesem Gesetz war der Arbeitstag überhaupt nicht begrenzt gewesen.

Im Dezember 1895 wurde Lenin von der zaristischen Regierung verhaftet. Lenin stellte auch im Gefängnis den revolutionären Kampf nicht ein. Er half dem „Kampfbund“ durch seine Ratschläge und Anweisungen, durch Übersendung von Broschüren und Flugblättern aus dem Gefängnis. Im Gefängnis schrieb Lenin die Broschüre „Über die Streiks“ und das Flugblatt „An die zaristische Regierung“, in dem er die brutale Willkür der zaristischen Regierung entlarvte. Im Gefängnis schrieb Lenin auch den Entwurf des Parteiprogramms (er war mit Milch zwischen die Zeilen eines medizinischen Buches geschrieben).

Der Petersburger „Kampfbund“ gab auch in anderen Städten und Gebieten Russlands einen mächtigen Anstoß zur Vereinigung der Arbeiterzirkel zu ebensolchen Bünden. Mitte der neunziger Jahre entstehen marxistische Organisationen in Transkaukasien. Im Jahre 1894 wird in Moskau der Moskauer „Arbeiterbund“ geschaffen. In Sibirien wird Ende der neunziger Jahre der sibirische „Sozialdemokratische Bund“ organisiert. In den neunziger Jahren entstehen in Iwanowo-Wosnessensk, Jaroslawl, Kostroma marxistische Gruppen, die sich in der Folge zum „Nordbund der sozialdemokratischen Partei“ vereinigen. In Rostow am Don, Jekaterinoslaw, Kiew, Nikolajew, Tula, Samara, Kasan, Orechowo-Sujewo und anderen Städten werden in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre sozialdemokratische Gruppen und Bünde geschaffen.

Die Bedeutung des Petersburger „Kampfbundes zur Befreiung der Arbeiterklasse“ bestand darin, dass er, nach einem Ausspruch Lenin s, der erste bedeutsame Keim einer revolutionären Partei war, die sich auf die Arbeiterbewegung stützt.

Auf die revolutionäre Erfahrung des Petersburger „Kampfbundes“ stützte sich Lenin in seiner weiteren Arbeit zur Schaffung der marxistischen sozialdemokratischen Partei in Russland.

Nach der Verhaftung Lenin s und seiner nächsten Mitkämpfer veränderte sich die Zusammensetzung der Leitung des Petersburger „Kampfbundes“ bedeutend. Neue Leute tauchten auf, die sich die „Jungen“, Lenin aber und seine Mitkämpfer die „Alten“ nannten. Sie begannen eine falsche politische Linie durchzuführen. Sie erklärten, man solle die Arbeiter nur zum ökonomischen Kampf gegen die Unternehmer aufrufen, was aber den politischen Kampf betreffe, so sei das Sache der liberalen Bourgeoisie, der die Leitung des politischen Kampfes vorbehalten sein müsse.

Diese Leute wurden „Ökonomisten“ genannt.

Das war die erste kompromisslerische, opportunistische Gruppe in den Reihen der marxistischen Organisationen in Russland.

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