GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL I
Der Kampf für die Schaffung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Russland
(1883-1901)

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Der Kampf Lenin s gegen die Volkstümlerrichtung und den „legalen Marxismus“
Die Lenin sche Idee des Bündnisses der Arbeiterklasse und der Bauernschaft
Der I. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands

Obwohl Plechanow schon in den achtziger Jahren dem Ideensystem der Volkstümler den Hauptschlag versetzt hatte, so fanden zu Beginn der neunziger Jahre die Auffassungen der Volkstümler doch immer noch Sympathie bei einem Teil der revolutionären Jugend. Ein gewisser Teil der Jugend ließ sich von dem Gedanken nicht abbringen, dass Russland den kapitalistischen Weg der Entwicklung vermeiden könne, dass die Bauernschaft, und nicht die Arbeiterklasse, die Hauptrolle in der Revolution spielen werde. Die Nachzügler der Volkstümler trachteten mit allen Mitteln die Ausbreitung des Marxismus in Russland zu verhindern und bemühten sich, in ihrem Kampfe gegen die Marxisten diese in jeder Weise in Verruf zu bringen. Es war notwendig, die Volkstümlerrichtung ideologisch endgültig zu zertrümmern, um die weitere Ausbreitung des Marxismus und die Möglichkeit der Schaffung der sozialdemokratischen Partei zu sichern.

Diese Arbeit wurde von Lenin geleistet.

In seinem Buche „Was sind die ‚Volksfreunde’ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten?“ (1894) hat Lenin das wahre Gesicht der Volkstümler als falscher „Volksfreunde“, die in Wirklichkeit gegen das Volk waren, restlos enthüllt.

Die Volkstümler der neunziger Jahre hatten im Grunde schon lange auf jeden revolutionären Kampf gegen die zaristische Regierung verzichtet. Die liberalen Volkstümler predigten die Versöhnung mit der zaristischen Regierung. „Sie glauben einfach“, schrieb Lenin über die Volkstümler jener Zeit, „dass die Regierung, wenn man sie nur recht schön und artig darum bitte, alles aufs beste einrichten könnte.“ ( Lenin , Was sind die ,Volksfreunde’ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten?, Dietz Verlag, Berlin 1950, S. 161.)

Die Volkstümler der neunziger Jahre verschlossen die Augen vor der Lage der Dorfarmut, vor dem Klassenkampf im Dorfe, vor der Ausbeutung der armen Bauern durch das Kulakentum und verherrlichten die Entwicklung der Kulakenwirtschaften. Sie traten dem Wesen der Sache nach als Wortführer der Interessen des Kulakentums auf.

Gleichzeitig betrieben die Volkstümler in ihren Zeitschriften eine Hetze gegen die Marxisten. Durch bewusste Entstellung und Verdrehung der Auffassungen der russischen Marxisten suchten die Volkstümler glauben zu machen, dass die Marxisten den Ruin des Dorfes, dass sie „jeden Bauern im Fabrikkessel umkochen“ wollen. Lenin entlarvte diese verlogene volkstümlerische Kritik und zeigte, dass es sich nicht um „Wünsche“ der Marxisten handle, sondern um den wirklichen Verlauf der Entwicklung des Kapitalismus in Russland, unter dem sich die Zahl der Proletarier unvermeidlich erhöht. Das Proletariat aber werde der Totengräber des kapitalistischen Systems sein.

Lenin zeigte, dass die wahren Volksfreunde, die das Joch der Kapitalisten und Gutsbesitzer vernichten, den Zarismus stürzen wollen, nicht die Volkstümler, sondern die Marxisten sind.

Lenin rückte in seinem Buche „Was sind die ‚Volksfreunde’“ die Idee des revolutionären Bündnisses der Arbeiter und Bauern zum ersten Male in den Vordergrund, als des Hauptmittels zum Sturz des Zarismus, der Gutsbesitzer, der Bourgeoisie.

Lenin unterzog in einer Reihe seiner Arbeiten aus dieser Periode diejenigen politischen Kampfmittel der Volkstümler einer eingehenden Kritik, die von der Hauptgruppe der Volkstümler - den Narodowolzen - und später von den Nachfolgern der Volkstümler - den Sozialrevolutionären - angewandt wurden, im besonderen die Taktik des individuellen Terrors. Lenin betrachtete diese Taktik als schädlich für die revolutionäre Bewegung, da sie den Kampf der Massen durch den Kampf der „Helden“, der Einzelgänger, zu ersetzen suchte. Sie bedeutete Unglauben an die revolutionäre Volksbewegung.

In seinem Buche „Was sind die ‚Volksfreunde’“ umriss Lenin die Hauptaufgaben der russischen Marxisten. Nach Lenin s Meinung mussten die russischen Marxisten in erster Reihe aus den zersplitterten marxistischen Zirkeln eine einheitliche sozialistische Arbeiterpartei organisieren. Lenin wies weiter darauf hin, dass es eben die Arbeiterklasse Russlands ist, die im Bündnis mit der Bauernschaft die zaristische Selbstherrschaft zu Fall bringen wird, worauf das russische Proletariat, im Bündnis mit den werktätigen und ausgebeuteten Massen, Schulter an Schulter mit dem Proletariat der anderen Länder, den geraden Weg des offenen politischen Kampfes zur siegreichen kommunistischen Revolution beschreiten wird.

So hat Lenin bereits vor mehr als 40 Jahren den Weg des Kampfes der Arbeiterklasse richtig gewiesen, die Rolle der Arbeiterklasse als der führenden revolutionären Kraft der Gesellschaft und die Rolle der Bauernschaft als des Bundesgenossen der Arbeiterklasse gekennzeichnet.

Der Kampf Lenin s und seiner Anhänger gegen die Volkstümlerrichtung führte schon in den neunziger Jahren zur endgültigen ideologischen Zertrümmerung der Volkstümlerrichtung.

Von größter Bedeutung war auch der Kampf Lenin s gegen den „legalen Marxismus“. Wie es in der Geschichte stets vorzukommen pflegt, biedern sich einer großen gesellschaftlichen Bewegung gewöhnzeitweilige „Mitläufer“ an. Solche „Mitläufer“ waren auch die so genannten „legalen Marxisten“. Der Marxismus begann in Russland weite Verbreitung zu finden. Nun gingen die bürgerlichen Intellektuellen daran, sich mit marxistischen Gewändern zu drapieren. Sie druckten ihre Artikel in legalen, das heißt von der zaristischen Regierung erlaubten Zeitungen und Zeitschriften. Deshalb wurden sie auch „legale Marxisten“ genannt.

Sie führten auf ihre Art den Kampf gegen die Volkstümlerrichtung. Aber sie versuchten diesen Kampf und das Banner des Marxismus auszunutzen, um die Arbeiterbewegung den Interessen der, bürgerlichen Gesellschaft, den Interessen der Bourgeoisie unterzuordnen und anzupassen. Sie warfen aus der Lehre von Marx das Wichtigste über Bord, die Lehre von der proletarischen Revolution, von der Diktatur des Proletariats. Der prominenteste legale Marxist, Peter Struve, verherrlichte die Bourgeoisie, und statt zum revolutionären Kampf gegen den Kapitalismus rief er dazu auf, „unsere Kulturlosigkeit anzuerkennen und beim Kapitalismus in die Lehre zu gehen“.

Im Kampf gegen die Volkstümler hielt Lenin ein zeitweiliges Abkommen mit den „legalen Marxisten“ für zulässig, um sie gegen die Volkstümler auszunutzen, wie zum Beispiel zu gemeinsamer Herausgabe eines gedruckten Sammelbandes gegen die Volkstümler. Aber gleichzeitig kritisierte Lenin die „legalen Marxisten“ mit aller Schärfe, entlarvte er ihr bürgerlich-liberales Wesen.

Viele von diesen „Mitläufern“ wurden später Kadetten, Anhänger der Konstitutionell-Demokratischen Partei (der Hauptpartei der russischen Bourgeoisie) und während des Bürgerkrieges eingefleischte Weißgardisten.

Neben den „Kampfbünden“ in Petersburg, Moskau, Kiew usw. entstanden auch in den westlichen nationalen Randgebieten Russlands sozialdemokratische Organisationen. In den neunziger Jahren lösten sich die marxistischen Elemente von der polnische: nationalistischen Partei und gründeten die „Sozialdemokratie Polens und Litauens“. Ende der neunziger Jahre entstanden Organisationen der lettischen Sozialdemokratie. Im Oktober 1897 wurde in den westlichen Gouvernements Russlands die allgemeine jüdische sozialdemokratische Organisation „Bund“ geschaffen.

Im Jahre 1898 machten einige „Kampfbünde“, und zwar der von Petersburg, Moskau, Kiew, Jekaterinoslaw und der „Bund“, den ersten Versuch, sich zur sozialdemokratischen Partei zu vereinigen. Zu diesem Zweck versammelten sie sich im März 1898 in Minsk zum I. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR).

Auf dem I. Parteitag der SDAPR waren im ganzen neun Teilnehmer anwesend. Lenin war nicht auf dem Parteitag, da er sich zu dieser Zeit in sibirischer Verbannung befand. Das auf dem Parteitag gewählte Zentralkomitee der Partei wurde bald verhaftet. Das „Manifest“, das im Namen des Parteitags herausgegeben wurde, war noch in vielem unbefriedigend. Die Aufgabe der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat wurde darin umgangen; über die Hegemonie des Proletariats wurde nichts gesagt, der Frage nach den Verbündeten des Proletariats in seinem Kampfe gegen Zarismus und Bourgeoisie wich man aus.

Der Parteitag verkündete in seinen Beschlüssen und im „Manifest“ die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands.

In diesem formalen Akt, der eine große revolutionär-propagandistische Rolle spielte, bestand die Bedeutung des I. Parteitags der SDAPR.

Aber obwohl der I. Parteitag stattgefunden hatte, war die marxistische sozialdemokratische Partei in Russland tatsächlich noch nicht geschaffen. Es war dem Parteitag nicht gelungen, die einzelnen marxistischen Zirkel und Organisationen zu vereinigen und organisatorisch zu verbinden. In der Arbeit der örtlichen Organisationen gab es noch keine einheitliche Linie, es gab kein Parteiprogramm, kein Parteistatut, es gab keine Leitung von einem Zentrum aus.

Infolge dieses Umstandes und wegen einer Reihe anderer Ursachen griff die ideologische Zerfahrenheit in den örtlichen Organisationen immer weiter um sich, und dadurch wurden für die Verstärkung des „Ökonomismus“, dieser opportunistischen Strömung in der Arbeiterbewegung, günstige Bedingungen geschaffen.

Es bedurfte einiger Jahre angestrengter Arbeit Lenin s und der von ihm organisierten Zeitung „Iskra“, um die Zerfahrenheit zu über-winden, die opportunistischen Schwankungen niederzukämpfen und die Bildung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands vorzubereiten.

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