GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL I
Der Kampf für die Schaffung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Russland
(1883-1901)

5
Der Kampf Lenin s gegen den „Ökonomismus“
Das Erscheinen der Lenin schen Zeitung „Iskra“

An dem I. Parteitag der SDAPR hatte Lenin nicht teilgenommen. Er befand sich zu dieser Zeit in der Verbannung, in dem Dorf Schuschenskoje in Sibirien, wohin er von der zaristischen Regierung nach langer Haft im Petersburger Gefängnis wegen der Sache des „Kampfbundes“ verschickt worden war.

Aber auch in der Verbannung setzte Lenin die revolutionäre Arbeit fort. In der Verbannung beendete Lenin die überaus wichtige wissenschaftliche Arbeit „Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland“, die die ideologische Zertrümmerung der Volkstümlerrichtung vollendete. Dort schrieb er auch die bekannte Broschüre „Die Aufgaben der russischen Sozialdemokraten“.

Obwohl Lenin der unmittelbaren revolutionären praktischen Arbeit entrissen war, verstand er es dennoch, gewisse Verbindungen zu den Praktikern aufrechtzuerhalten: er unterhielt aus der Verbannung einen Briefwechsel mit ihnen, stellte Anfragen, gab ihnen Ratschläge. Besonders beschäftigte ihn zu dieser Zeit die Frage der „Ökonomisten“. Lenin verstand besser als sonst jemand, dass der „Ökonomismus“ die Grundzelle des Paktierertums, des Opportunismus war, dass der Sieg des „Ökonomismus“ in der Arbeiterbewegung die Untergrabung der revolutionären Bewegung des Proletariats, die Niederlage des Marxismus bedeuten würde.

Und Lenin begann den „Ökonomisten“, von den ersten Tagen ihres Auftauchens an, wuchtige Schläge zu versetzen.

Die „Ökonomisten“ behaupteten, dass die Arbeiter nur den ökonomischen Kampf führen sollen, was aber den politischen Kampf betreffe, so möge ihn die liberale Bourgeoisie führen, die von den Arbeitern unterstützt werden solle. Lenin betrachtete eine derartige Predigt der „Ökonomisten“ als Abkehr vom Marxismus, als Verneinung der Notwendigkeit einer selbständigen politischen Partei für die Arbeiterklasse, als Versuch, die Arbeiterklasse in ein politisches Anhängsel der Bourgeoisie zu verwandeln.

Im Jahre 1899 gab eine Gruppe „Ökonomisten“ (Prokopowitsch, Kuskowa und andere, die später Kadetten wurden) ein Manifest heraus. Sie wandten sich gegen den revolutionären Marxismus und forderten den Verzicht auf die Schaffung einer selbständigen politischen Partei des Proletariats, den Verzicht auf selbständige politische Forderungen der Arbeiterklasse. Die „Ökonomisten“ waren der Auffassung, dass der politische Kampf eine Angelegenheit der liberalen Bourgeoisie sei, was jedoch die Arbeiter betreffe, so genüge für sie vollauf der wirtschaftliche Kampf gegen die Unternehmer.

Als Lenin sich mit diesem opportunistischen Dokument bekannt gemacht hatte, berief er aus den benachbarten Ansiedlungen der politischen Verbannten eine Beratung der Marxisten zusammen, und 17 Genossen mit Lenin an der Spitze brandmarkten in einem scharfen Protest die Auffassungen der „Ökonomisten“.

Dieser von Lenin verfasste Protest wurde in ganz Russland in den marxistischen Organisationen verbreitet und hatte für die Entwicklung des marxistischen Gedankens und der marxistischen Partei in Russland gewaltige Bedeutung.

Die russischen „Ökonomisten“ predigten dieselben Auffassungen wie die Gegner des Marxismus in den ausländischen sozialdemokratischen Parteien, die so genannten Bernsteinianer, das heißt die Anhänger des Opportunisten Bernstein.

Deshalb war der Kampf Lenin s gegen die „Ökonomisten“ gleichzeitig ein Kampf gegen den internationalen Opportunismus.

Den Hauptkampf gegen den „Ökonomismus“ und für die Schaffung der selbständigen politischen Partei des Proletariats führte die von Lenin organisierte illegale Zeitung „Iskra“.

Zu Beginn des Jahres 1900 kehrten Lenin und andere Mitglieder des „Kampfbundes“ aus der sibirischen Verbannung nach Russland zurück. Lenin beabsichtigte, eine große gesamtrussische illegale marxistische Zeitung zu schaffen. Die große Zahl kleiner marxistischer Zirkel und Organisationen, die in Russland schon bestanden, waren untereinander noch nicht verbunden. In diesem Augenblick, da, nach einem Ausspruch des Genossen Stalin, „die Handwerklerei und das Zirkelwesen die Partei von oben bis unten zerfraßen, da die ideologische Zerfahrenheit einen charakteristischen Zug des inneren Lebens der Partei bildete“, war die Schaffung einer gesamtrussischen illegalen Zeitung die Hauptaufgabe der russischen revolutionären Marxisten. Nur eine solche Zeitung konnte die zersplitterten marxistischen Organisationen untereinander verbinden und die Schaffung einer wirklichen Partei vorbereiten.

Eine solche Zeitung im zaristischen Russland zu organisieren, war aber wegen der polizeilichen Verfolgungen unmöglich. Nach ein, zwei Monaten wäre die Zeitung von den zaristischen Spitzeln aufgespürt und zerstört worden. Deshalb fasste Lenin den Entschluss, sie im Ausland herauszugeben. Hier wurde die Zeitung auf ganz dünnem und festem Papier gedruckt und geheim nach Russland befördert. Einzelne Nummern der „Iskra“ wurden in Russland, in geheimen Druckereien in Baku, Kischinew und Sibirien, nachgedruckt.

Im Herbst 1900 fuhr Wladimir Iljitsch ins Ausland, um mit den Genossen von der Gruppe „Befreiung der Arbeit“ die Herausgabe einer gesamtrussischen politischen Zeitung zu vereinbaren. Diesen Gedanken hatte Lenin in der Verbannung in allen Einzelheiten durchdacht. Auf dem Wege aus der Verbannung veranstaltete Lenin eine Reihe von Beratungen über diese Frage in Ufa, Pskow, Moskau und Petersburg. Überall vereinbarte er mit den Genossen Chiffren für den geheimen Briefwechsel, Adressen für die Zustellung von Literatur usw. und erörterte mit ihnen den Plan des künftigen Kampfes.

Die zaristische Regierung spürte, dass sie in Lenin ihren gefährlichsten Feind vor sich hatte. In seinem geheimen Briefwechsel schrieb der zaristische Scherge, Gendarm Subatow, dass es „in der Revolution jetzt keinen Größeren gibt als Uljanow“, weshalb er es für zweckmäßig hielt, die Ermordung Lenin s zu organisieren.

Nach seiner Ankunft im Ausland verabredete Lenin mit der Gruppe „Befreiung der Arbeit“, das heißt mit Plechanow, Axelrod, W. Sassulitsch, die gemeinsame Herausgabe der „Iskra“. Der gesamte Plan war von Anfang bis zu Ende von Lenin ausgearbeitet.

Im Dezember 1900 erschien im Ausland die erste Nummer der Zeitung „Iskra“ (Der Funke). Unter dem Titel trug die Zeitung den Leitspruch: „Aus dem Funken wird die Flamme schlagen.“ Diese Worte waren der Antwort der Dekabristen (Revolutionäre aus dem Adel, die sich im Dezember 1825 gegen Absolutismus und Feudalherrschaft erhoben. Der Übers.) an den Dichter Puschkin entnommen, der ihnen in die sibirische Verbannung eine Begrüßung geschickt hatte.

Und wirklich, aus dem von Lenin entzündeten „Funken“ ist in der Folge die Flamme des großen revolutionären Brandes emporgelodert, die die feudal-gutsherrliche zaristische Monarchie und die Herrschaft der Bourgeoisie bis auf den Grund zerstörte.

<<-- zurück          weiter -->>

Zurück zum Inhaltsverzeichnis