GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL II
Die Bildung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands. Die Entstehung der Fraktionen der Bolschewiki und der Menschewiki innerhalb der Partei
(1901-1904)

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Der Aufschwung der revolutionären Bewegung in Russland in den Jahren 1901-1904

Ende des 19. Jahrhunderts brach in Europa eine Industriekrise aus. Diese Krise erfasste bald auch Russland. In den Krisenjahren, 1900 bis 1903, wurden nahezu 3000 Groß- und Kleinbetriebe stillgelegt. Mehr als 100000 Arbeiter wurden auf die Straße geworfen. Der Arbeitslohn der in den Betrieben gebliebenen Arbeiter wurde stark herabgesetzt. Die unbedeutenden Zugeständnisse, die die Arbeiter früher den Kapitalisten in zähen wirtschaftlichen Streikkämpfen entrissen hatten, wurden jetzt von den Kapitalisten wieder rückgängig gemacht.

Industriekrise und Arbeitslosigkeit konnten die Arbeiterbewegung weder zum Stillstand bringen noch schwächen. Im Gegenteil, der Kampf der Arbeiter begann einen immer revolutionäreren Charakter anzunehmen. Von wirtschaftlichen Streiks schreiten die Arbeiter zu politischen Streiks. Schließlich gehen die Arbeiter zu Demonstrationen über, stellen politische Forderungen nach demokratischen Freiheiten, stellen die Losung „Nieder mit der zaristischen Selbstherrschaft“ auf.

Im Jahre 1901 verwandelte sich der 1.-Mai-Streik im Obuchowschen Kriegsbetrieb in Petersburg in einen blutigen Zusammenstoß zwischen Arbeitern und Truppen. Den bewaffneten zaristischen Truppen konnten die Arbeiter nur mit Steinen und Eisenstücken entgegentreten. Der hartnäckige Widerstand der Arbeiter wurde gebrochen. Und dann folgte die brutale Abrechnung: ungefähr 800 Arbeiter wurden verhaftet, viele ins Gefängnis geworfen und zu Zwangsarbeit (Katorga) verschickt. Die heldenmütige „Verteidigung der Obuchower“ übte jedoch auf die Arbeiter in Russland bedeutenden Einfluss aus und rief eine Welle von Sympathiekundgebungen unter den Arbeitern hervor.

Im März 1902 kam es zu großen, vom Batumer sozialdemokratischen Komitee organisierten Streiks und Demonstrationen der Batumer Arbeiter. Die Batumer Demonstration rüttelte die Arbeiter und die Bauernmassen Transkaukasiens auf.

In demselben Jahre 1902 brach in Rostow am Don ein großer Streik aus. Zuerst traten die Eisenbahner in Streik; bald schloss sich ihnen die Arbeiterschaft vieler Betriebe an. Der Streik rüttelte alle Arbeiter auf, zu den Meetings außerhalb der Stadt versammelten sich einige Tage hindurch bis zu 30000 Arbeiter. Auf diesen Meetings wurden sozialdemokratische Proklamationen laut verlesen und Reden gehalten. Polizei und Kosaken waren außerstande, diese vieltausendköpfigen Arbeiterversammlungen auseinanderzujagen. Als einige Arbeiter von der Polizei getötet wurden, kam es am nächsten Tag bei ihrer Beerdigung zu einer gewaltigen Arbeiterdemonstration. Erst nachdem die zaristische Regierung Truppen aus den benachbarten Städten zusammengezogen hatte, gelang es, den Streik zu unterdrücken. Der Kampf der Rostower Arbeiter wurde vom Don-Komitee der SDAPR geleitet.

Noch gewaltigere Ausmaße nahmen die Streiks im Jahre 1903 an. In diesem Jahre finden im Süden politische Massenstreiks statt, die Transkaukasien (Baku, Tiflis, Batum) und die größten Städte der Ukraine (Odessa, Kiew, Jekaterinoslaw) erfassen. Die Streiks werden immer hartnäckiger und organisierter. Zum Unterschied von den früheren Aktionen der Arbeiterklasse wird nunmehr der politische Kampf der Arbeiter fast überall von den sozialdemokratischen Komitees geleitet.

Die Arbeiterklasse Russlands erhob sich zum revolutionären Kampf gegen die Zarenherrschaft.

Die Arbeiterbewegung übte auf die Bauernschaft ihren Einfluss aus. Im Frühjahr und Sommer 1902 entfaltete sich die Bauernbewegung in der Ukraine (in den Gouvernements Poltawa und Charkow) und im Wolgagebiet. Die Bauern brannten Gutshöfe nieder, besetzten gutsherrliche Ländereien, töteten verhaßte Landeshauptleute und Gutsbesitzer. Gegen die aufständischen Bauern wurde Militär eingesetzt, auf die Bauern wurde geschossen, sie wurden zu Hunderten verhaftet, die Führer und Organisatoren wurden ins Gefängnis geworfen, doch die revolutionäre Bewegung der Bauern wuchs weiter an.

Die revolutionären Aktionen der Arbeiter und Bauern zeigten, dass in Russland die Revolution heranreifte und näher rückte.

Unter dem Einfluss des revolutionären Kampfes der Arbeiter verstärkte sich auch die oppositionelle Studentenbewegung. Die Regierung reagierte auf die Demonstrationen und Streiks der Studenten dadurch, dass sie die Universitäten schließen ließ, Hunderte von Studenten ins Gefängnis warf, und heckte schließlich den Plan aus, widerspenstige Studenten in den Soldatenrock zu stecken. Als Antwort darauf organisierten die Studenten aller Hochschulen im Winter 1901/02 einen Generalstreik der Studenten. Dieser Streik erfasste an die 30000 Personen.

Die revolutionäre Bewegung der Arbeiter und Bauern und insbesondere die Repressalien gegen die Studenten brachten auch die in den so genannten „Semstwos“ (Landschaftsvertretungen) sitzenden liberalen Bourgeois und liberalen Gutsbesitzer auf die Beine und bewogen sie, ihre Stimme zum „Protest“ gegen die „Übergriffe“ der zaristischen Regierung zu erheben, die gegen ihre Söhnchen, die Studenten, zu Repressalien griff.

Den Semstwo-Liberalen dienten die Semstwo-Verwaltungen als Stützpunkte. Semstwo-Verwaltungen wurden örtliche Verwaltungsorgane genannt, die rein örtliche, die ländliche Bevölkerung betreffende Angelegenheiten (Straßenbau, Errichtung von Krankenhäusern und Schulen) verwalteten. Die liberalen Gutsbesitzer spielten in den Semstwo-Verwaltungen eine recht ansehnliche Rolle. Sie waren mit den liberalen Bourgeois eng verbunden und verschmolzen nahezu mit ihnen, denn sie selbst hatten auf ihren Gütern den Übergang von der halbfeudalen zu der vorteilhafteren kapitalistischen Wirtschaft begonnen. Diese beiden Gruppen von Liberalen waren natürlich für die zaristische Regierung, sie waren aber gegen die „Übergriffe“ des Zarismus, da sie befürchteten, dass eben diese „Übergriffe“ die revolutionäre Bewegung stärken könnten. Sie fürchteten die „Übergriffe“ des Zarismus, noch mehr aber fürchteten sie die Revolution. Mit ihren Protesten gegen die „Übergriffe“ des Zarismus verfolgten die Liberalen zwei Ziele: erstens, den Zaren „zur Vernunft zu bringen“, zweitens, die Maske einer „großen Unzufriedenheit“ mit dein Zarismus anzulegen, das Vertrauen des Volkes zu erlangen, das Volk oder einen Teil des Volkes von der Revolution abzuspalten und dadurch die Revolution zu schwächen.

Natürlich bedeutete die Bewegung der Semstwo-Liberalen keinerlei Gefahr für das Bestehen des Zarismus, sie war aber dennoch ein Anzeichen, dass es um die „ewigen, ehernen“ Grundfesten des Zarismus nicht zum Besten bestellt war.

Die Bewegung der Semstwo-Liberalen führte im Jahre 1902 zur Organisierung der bürgerlichen Gruppe „Oswoboshdenije“ („Befreiung“), die den Kern der künftigen Hauptpartei der Bourgeoisie in Russland, der Partei der Kadetten, bildete.

Als der Zarismus sah, wie die Arbeiter- und Bauernbewegung gleich einem reißenden Strom immer drohender das Land überflutete, traf er alle Maßnahmen, um der revolutionären Bewegung Einhalt zu gebieten. Immer häufiger wird gegen die Arbeiterstreiks und Demonstrationen Militär eingesetzt; Kosakenpeitsche, Pulver und Blei werden zur üblichen Antwort der zaristischen Regierung auf die Aktionen der Arbeiter und Bauern; die Gefängnisse und Verbannungsorte werden überfüllt.

Neben den verstärkten Gewaltmaßnahmen versuchte die zaristische Regierung, auch andere, „elastischere“ Maßnahmen zu ergreifen, die nicht den Charakter von Gewaltmaßnahmen trugen, um die Arbeiter von der revolutionären Bewegung abzulenken. Es wurden Versuche unternommen, falsche Arbeiterorganisationen unter der Vormundschaft der Gendarmerie und Polizei zu schaffen. Diese Organisationen wurden damals Organisationen des „Polizeisozialismus“ oder Subatoworganisationen genannt (nach dem Namen des Gendarmerie-Obersten Subatow, der diese polizeilichen Arbeiterorganisationen gegründet hatte). Die zaristische Ochrana (Geheimpolizei) versuchte durch ihre Agenten, den Arbeitern vorzutäuschen, dass die zaristische Regierung selbst bereit sei, den Arbeitern bei der Erfüllung ihrer wirtschaftlichen Forderungen zu helfen. „Wozu sich mit Politik befassen, wozu Revolution machen, wenn der Zar selbst auf der Seite der Arbeiter steht“, so sprachen die Subatowleute zu den Arbeitern. Die Subatowleute gründeten in einigen Städten ihre Organisationen. Nach dem, Vorbild der Subatoworganisationen und zu demselben Zwecke wurde im Jahre 1904 von dem Popen Gapon eine Organisation unter dem Namen „Verein russischer Fabrik- und Betriebsarbeiter Petersburgs“ geschaffen.

Der Versuch der zaristischen Ochrana, sich die Arbeiterbewegung zu unterwerfen, misslang jedoch. Die zaristische Regierung war außerstande, mit solchen Maßnahmen der anwachsenden Arbeiterbewegung Herr zu werden. Die wachsende revolutionäre Bewegung der Arbeiter-klasse fegte diese Polizeiorganisationen von ihrer Bahn hinweg.

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