GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL II
Die Bildung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands. Die Entstehung der Fraktionen der Bolschewiki und der Menschewiki innerhalb der Partei
(1901-1904)

2
Der Lenin sche Plan des Aufbaus der marxistischen Partei
Der Opportunismus der „Ökonomisten“
Der Kampf der „Iskra“ für den Lenin schen Plan
Lenin s Werk „Was tun?“
Die ideologischen Grundlagen der marxistischen Partei

Ungeachtet des im Jahre 1898 abgehaltenen I. Parteitags der Sozialdemokratischen Partei Russlands, der die Gründung der Partei verkündet hatte, war die Partei doch nicht geschaffen. Es gab kein Programm und kein Statut der Partei. Das auf dem I. Parteitag gewählte Zentralkomitee der Partei war verhaftet worden und wurde nicht mehr erneuert, weil niemand da war, um es zu erneuern. Mehr noch, nach dem I. Parteitag hatten sich die ideologische Zerfahrenheit und die organisatorische Zersplitterung der Partei noch gesteigert.

Waren die Jahre 1884-1894 eine Periode des Sieges über die Volkstümlerrichtung und der ideologischen Vorbereitung der Sozialdemokratie, und die Jahre 1894-1898 eine Periode des allerdings misslungenen Versuches, aus einzelnen marxistischen Organisationen eine sozialdemokratische Partei zu schaffen, so wurde die Periode nach 1898 zu einer Periode der Steigerung des ideologischen und organisatorischen Wirrwarrs in der Partei. Der Sieg des Marxismus über die Volkstümlerrichtung sowie die revolutionären Aktionen der Arbeiterklasse erhöhten die Sympathien der revolutionären Jugend für den Marxismus, da sie gezeigt hatten, dass die Marxisten Recht haben. Der Marxismus wurde Mode. Das hatte zur Folge, dass in die marxistischen Organisationen ganze Massen der revolutionären Jugend aus den Kreisen der Intelligenz strömten, die in der Theorie schwach, in organisatorischer und politischer Hinsicht unerfahren waren; sie hatten nur eine nebelhafte, größtenteils unrichtige Vorstellung vom Marxismus, die sie aus den opportunistischen Schreibereien der „legalen Marxisten“ schöpften, von denen die Presse voll war. Dies führte zu einer Senkung des theoretischen und politischen Niveaus der marxistischen Organisationen, trug „legal-marxistische“ opportunistische Stimmungen in sie hinein, steigerte die ideologische Zerfahrenheit, die politischen Schwankungen und den organisatorischen Wirrwarr.

Der wachsende Aufschwung der Arbeiterbewegung und die offenkundige Tatsache, dass die Revolution nahe war, erforderten die Schaffung einer einheitlichen zentralisierten Partei der Arbeiterklasse, die zur Leitung der revolutionären Bewegung fähig wäre. Die örtlichen Parteiorgane, die Ortskomitees, die Gruppen und Zirkel befanden sich jedoch in einem so trostlosen Zustand, ihre organisatorische Zusammenhanglosigkeit und ihre ideologischen Unstimmigkeiten waren so groß, dass die Aufgabe der Schaffung einer solchen Partei auf unglaubliche Schwierigkeiten stieß.

Die Schwierigkeiten bestanden nicht allein darin, dass man die, Partei unter den unausgesetzten brutalen Verfolgungen des Zarismus aufbauen musste, der den Reihen der Organisationen immer wieder die besten Kräfte entriss und sie in die Verbannung schickte, in Gefängnisse und Zuchthäuser warf. Die Schwierigkeiten bestanden auch darin, dass ein bedeutender Teil der Ortskomitees und ihrer Funktionäre nicht über ihre örtliche praktische Kleinarbeit hinausblicken wollten, dass sie nicht begriffen, wie schädlich das Fehlen der organisatorischen und ideologischen Einheit der Partei war, dass sie sich an die Zersplitterung der Partei, an den ideologischen Wirrwarr in der Partei gewöhnten und der Meinung waren, man könne ohne eine einheitliche zentralisierte Partei auskommen.

Um eine zentralisierte Partei zu schaffen, mussten diese Rückständigkeit, die Trägheit und der enge Praktizismus der örtlichen Organe überwunden werden.

Aber nicht allein das. In der Partei bestand eine ziemlich zahlreiche Gruppe von Leuten, die ihre Presseorgane hatten - „Rabotschaja Mysl“ (Arbeitergedanke) in Russland und „Rabotscheje Djelo“ (Arbeitersache) im Auslande -, eine Gruppe, die bestrebt war, die organisatorische Zersplitterung und ideologische Zerfahrenheit in der Partei theoretisch zu rechtfertigen, ja sogar nicht selten zu verherrlichen. Diese Gruppe vertrat die Ansicht, dass die Aufgabe der Schaffung einer einheitlichen zentralisierten politischen Partei der Arbeiterklasse eine unnötige und ausgeklügelte Aufgabe sei.

Das waren die „Ökonomisten“ und ihre Anhänger.

Um eine einheitliche politische Partei des Proletariats zu schaffen, musste man vor allem die „Ökonomisten“ schlagen.

Die Erfüllung dieser Aufgaben und den Aufbau der Partei der Arbeiterklasse nahm Lenin in Angriff.

Ober die Frage, womit der Aufbau der einheitlichen Partei der Arbeiterklasse zu beginnen sei, bestanden verschiedene Meinungen. Manche meinten, dass man den Aufbau der Partei mit der Einberufung des II. Parteitags beginnen müsse, der sowohl die Ortsorganisationen vereinigen als auch die Partei schaffen werde. Lenin war gegen diese Meinung. Er war der Auffassung, man müsse vor der Einberufung des Parteitags die Frage der Ziele und Aufgaben der Partei klarstellen, man müsse wissen, was für eine Partei man aufbauen wolle, man müsse sich von den „Ökonomisten“ ideologisch abgrenzen, man müsse der Partei offen und ehrlich sagen, dass über die Ziele und Aufgaben der Partei zwei verschiedene Meinungen bestehen, die Meinung der „Ökonomisten“ und die Meinung der revolutionären Sozialdemokraten, man müsse eine umfassende Pressepropaganda für die Anschauungen der revolutionären Sozialdemokratie durchführen, ebenso wie sie von den „Ökonomisten“ in ihrer Presse für ihre Anschauungen betrieben wird, man müsse den Ortsorganisationen die Möglichkeit geben, zwischen diesen beiden Strömungen bewusst ihre Wahl zu treffen. Erst nach dieser notwendigen Vorarbeit könne der Parteitag einberufen werden.

Lenin sagte geradeheraus:

„Bevor man sich vereinigt und um sich zu v ereinigen, muss man sich zuerst entschieden und bestimmt voneinander abgrenzen.“ ( Lenin , Lenin /1902/wastun/index.htm" target="_blank"> Was tun?, Dietz Verlag, Berlin 1946, 3. Aufl., S.53.)

Demzufolge war Lenin der Auffassung, dass man den Aufbau der politischen Partei der Arbeiterklasse beginnen muss mit der Organisierung einer gesamtrussischen politischen Kampfzeitung, die für die Anschauungen der revolutionären Sozialdemokratie Propaganda und Agitation betreibt, dass die Schaffung einer solchen Zeitung der erste Schritt im Aufbau der Partei sein muss.

Lenin entwarf in seinem bekannten Aufsatz „Womit beginnen?“ einen konkreten Plan des Aufbaus der Partei, der später in seinem berühmten Werke „Was tun?“ entwickelt wurde.

„Unserer Meinung nach“, sagte Lenin in diesem Aufsatz, „muss der Ausgangspunkt der Tätigkeit, der erste praktische Schritt zur Schaffung der gewünschten Organisation [Gemeint ist die Schaffung der Partei. Die Red.], schließlich der Leitfaden, an Hand dessen wir diese Organisation unbeirrt entwickeln, vertiefen und erweitern könnten - die Schaffung einer gesamt-russischen politischen Zeitung sein ... Ohne sie ist jene systematische Durchführung einer prinzipienfesten und allseitigen Propaganda und Agitation unmöglich, die die ständige und wichtigste Aufgabe der Sozialdemokratie im allgemeinen und eine besonders dringliche Aufgabe des gegenwärtigen. Moments darstellt, wo das Interesse für Politik, für Fragen des Sozialismus in den breitesten Bevölkerungsschichten wach geworden ist.“ (Ebenda, S.27.)

Lenin war der Auffassung, dass eine solche Zeitung nicht nur ein Mittel zum ideologischen Zusammenschluss der Partei, sondern auch ein Mittel zur organisatorischen Vereinigung der Ortsorganisationen zu einer Partei sein werde. Das Netz von Vertrauensleuten und Korrespondenten einer solchen Zeitung, die Vertreter der Ortsorganisationen sind, wird als Gerippe dienen, um das die Partei organisatorisch zusammengefügt wird. „Denn“, sagte Lenin , „die Zeitung ist nicht nur ein kollektiver Propagandist und kollektiver Agitator, sondern auch ein kollektiver Organisator.“

„Dieses Netz von Vertrauensleuten“, sagte Lenin in demselben Aufsatz, „wird das Gerippe gerade einer solchen Organisation bilden, wie wir sie brauchen: genügend groß, um das ganze Land zu erfassen; genügend breit und vielseitig, um eine strenge und detaillierte Arbeitsteilung durchzuführen; genügend standhaft, um unter allen Umständen, bei allen ,Wendungen’ und Überraschungen ihre eigene Arbeit unbeirrt zu leisten; genügend elastisch, um zu verstehen, einerseits einer offenen Feldschlacht gegen einen an Kraft überlegenen Feind, wenn er alle seine Kräfte an einem Punkt gesammelt hat, auszuweichen, und andererseits die Schwerfälligkeit dieses Feindes auszunutzen und ihn dann und dort anzugreifen, wo der Überfall am wenigsten erwartet wird.“ (Ebenda, 5.29/30.)

Eine solche Zeitung müsse die „Iskra“ sein.

Und in der Tat, die „Iskra“ wurde eben zu einer solchen gesamtrussischen politischen Zeitung, die den ideologischen und organisatorischen Zusammenschluss der Partei vorbereitete.

Was die Struktur und Zusammensetzung der Partei selbst betrifft, so war Lenin der Auffassung, dass die Partei aus zwei Teilen bestehen muss: a) aus einem engen Kreise ständiger leitender Kaderarbeiter, dem hauptsächlich Berufsrevolutionäre angehören sollen, das heißt Parteiarbeiter, die von allen anderen Arbeiten, außer der Parteiarbeit, befreit sind, die über das nötige Mindestmaß theoretischer Kenntnisse, politischer Erfahrung, organisatorischer Fertigkeiten und über ein Mindestmaß der Kunst verfügen, den Kampf gegen die zaristische Polizei zu führen, der Kunst, sich vor der Polizei zu verbergen, und b) aus einem weit verzweigten Netz von Peripherie-Parteiorganisationen, aus einer zahlreichen Masse von Parteimitgliedern, die von der Sympathie Hunderttausender von Werktätigen umgeben sind und von ihnen unterstützt werden.

„Ich behaupte“, schrieb Lenin , „dass 1. keine einzige revolutionäre Bewegung ohne eine stabile und die Kontinuität wahrende Führerorganisation Bestand haben kann; 2. je breiter die Masse ist, die spontan in den Kampf hineingezogen wird ..., um so dringender ist die Notwendigkeit einer solchen Organisation und um so fester muss diese Organisation sein ..., 3. eine solche Organisation muss hauptsächlich aus Leuten bestehen, die sich berufsmäßig mit revolutionärer Tätigkeit befassen; 4. je mehr wir die Mitgliedschaft einer solchen Organisation einengen, und zwar so weit, dass sich an der Organisation nur diejenigen Mitglieder beteiligen, die sich berufsmäßig mit revolutionärer Tätigkeit befassen und in der Kunst des Kampfes gegen die politische Polizei berufsmäßig geschult sind, um so schwieriger wird es in einem absolutistischen Lande sein, eine solche Organisation ,abzufangen’, und 5. um so breiter wird der Kreis der Personen aus der Arbeiterklasse wie aus den übrigen Gesellschaftsklassen sein, die die Möglichkeit haben werden, an der Bewegung teilzunehmen und sich in ihr aktiv zu betätigen.“ (Ebenda, S. 153.)

Was den Charakter der zu schaffenden Partei und die Rolle der Partei in ihrem Verhältnis zur Arbeiterklasse sowie die Ziele und Aufgaben der Partei betrifft, so war Lenin der Auffassung, dass die Partei der Vortrupp der Arbeiterklasse, dass sie die führende Kraft der Arbeiterbewegung sein muss, die den Klassenkampf des Proletariats vereinigt und lenkt. Das Endziel der Partei ist der Sturz des Kapitalismus und die Errichtung des Sozialismus. Das nächste Ziel ist der Sturz des Zarismus und die Herbeiführung demokratischer Zustände. Und da der Sturz des Kapitalismus ohne den vorhergehenden Sturz des Zarismus unmöglich ist, so besteht die Hauptaufgabe der Partei im gegenwärtigen Moment darin, die Arbeiterklasse, das ganze Volk gegen den Zarismus in den Kampf zu führen, eine revolutionäre Volksbewegung gegen den Zarismus zu entfalten, den Zarismus niederzuwerfen als das erste, ernsthafte Hindernis auf dem Wege zum Sozialismus.

„Die Geschichte hat uns jetzt die nächste Aufgabe gestellt“, sagte Lenin , „welche die revolutionärste von allen nächsten Aufgaben des Proletariats irgendeines anderen Landes ist. Die Verwirklichung dieser Aufgabe, die Zerstörung des mächtigsten Bollwerks nicht nur der europäischen, sondern (wir können jetzt sagen) auch der asiatischen Reaktion, würde das russische Proletariat zur Avantgarde des internationalen revolutionären Proletariats machen.“ (Ebenda, S. 58.)

Und ferner:

„Wir dürfen nicht vergessen, dass der Kampf gegen die Regierung um einzelne Forderungen, die Erkämpfung einzelner Zugeständnisse, nur kleine Scharmützel mit dem Feinde, kleine Vorpostengefechte sind und dass das entscheidende Gefecht noch bevorsteht. Vor uns liegt in ihrer ganzen Macht eine feindliche Festung, aus der man uns mit einem Hagel von Kugeln und Kartätschen überschüttet, die uns die besten Kämpfer entreißen. Wir müssen diese Festung erstürmen, und wir werden sie erstürmen, wenn wir alle Kräfte des erwachenden Proletariats mit allen Kräften der russischen Revolutionäre zu einer Partei vereinigen, zu der sich alles hingezogen fühlen wird, was es in Russland an Lebendigem und Ehrlichem gibt. Und erst dann wird die große Prophezeiung des russischen Arbeiterrevolutionärs Peter Alexejew in Erfüllung gehen: ‚Die Millionenmasse des Arbeitervolks wird ihren muskulösen Arm erheben, und das von Soldatenbajonetten gestützte Joch der Despotie wird in Staub zerfallen’!“ ( Lenin , Ausgew. Werke, Bd. 2, S. 15.)

Das war der Lenin sche Plan für die Schaffung der Partei der Arbeiterklasse unter den Bedingungen des zaristischen absolutistischen Russland.

Die „Ökonomisten“ zögerten nicht, gegen den Lenin schen Plan das Feuer zu eröffnen.

Die „Ökonomisten“ behaupteten, dass der allgemeinpolitische Kampf gegen den Zarismus die Sache aller Klassen sei, vor allem die Sache der Bourgeoisie, dass er infolgedessen für die Arbeiterklasse von keinem ernsthaften Interesse sei, denn das Hauptinteresse der Arbeiter sei der wirtschaftliche Kampf gegen die Unternehmer für Lohnerhöhung, Verbesserung der Arbeitsbedingungen usw. Deswegen sollten sich die Sozialdemokraten nicht den politischen Kampf gegen den Zarismus, nicht den Sturz des Zarismus als nächste Hauptaufgabe stellen, sondern die Organisierung „des wirtschaftlichen Kampfes der Arbeiter gegen die Unternehmer und die Regierung“, wobei unter wirtschaftlichem Kampf gegen die Regierung der Kampf für die Verbesserung der Fabrikgesetzgebung gemeint war. Die „Ökonomisten“ versicherten, dass man auf diese Weise „dem wirtschaftlichen Kampf selbst politischen Charakter verleihen“ könnte.

Die „Ökonomisten“ wagten nicht mehr, die Notwendigkeit einer politischen Partei für die Arbeiterklasse formal zu bestreiten. Sie waren aber der Auffassung, dass die Partei nicht die führende Kraft der Arbeiterbewegung sein soll, dass sie sich nicht in die spontane Bewegung der Arbeiterklasse einzumischen und noch weniger sie zu führen habe, sondern dass sie ihr zu folgen, sie zu studieren und aus ihr Lehren zu ziehen habe.

Die „Ökonomisten“ behaupteten weiter, dass die Rolle des bewussten Elements in der Arbeiterbewegung, die organisierende und lenkende Rolle des sozialistischen Bewusstseins, der sozialistischen Theorie belanglos oder fast belanglos sei, dass die Sozialdemokratie die Arbeiterschaft nicht auf das Niveau des sozialistischen Bewusstseins emporzuheben, sondern im Gegenteil, sich selbst dem Niveau der mittleren oder sogar noch rückständigerer Schichten der Arbeiterklasse anzupassen habe und auf dieses Niveau hinabsteigen müsse, dass die Sozialdemokratie nicht das sozialistische Bewusstsein in die Arbeiterklasse hineinzutragen, sondern abzuwarten habe, bis die spontane Bewegung der Arbeiterklasse selbst das sozialistische Bewusstsein mit ihren eigenen Kräften herausbildet.

Was den Lenin schen Organisationsplan des Aufbaus der Partei betrifft, so betrachteten sie diesen Plan als eine Art Vergewaltigung der spontanen Bewegung.

Lenin führte in den Spalten der „Iskra“ und insbesondere in seinem berühmten Buch „Was tun?“ vernichtende Schläge gegen diese opportunistische Philosophie der „Ökonomisten“ und ließ von ihr keinen Stein auf dem andern.

1. Lenin zeigte, dass die Ablenkung der Arbeiterklasse vom allgemeinpolitischen Kampf gegen den Zarismus und die Beschränkung ihrer Aufgaben auf den wirtschaftlichen Kampf gegen die Unternehmer und die Regierung, wobei man sowohl die Unternehmer als auch die Regierung unversehrt lässt, nichts anderes bedeuten, als die Arbeiter zu ewiger Sklaverei zu verurteilen. Der wirtschaftliche Kampf der Arbeiter gegen die Unternehmer und die Regierung ist ein tradeunionistischer Kampf für bessere Bedingungen des Verkaufs der Arbeitskraft an die Kapitalisten, die Arbeiter wollen aber nicht nur für bessere Bedingungen des Verkaufs ihrer Arbeitskraft an die Kapitalisten kämpfen, sondern auch für die Beseitigung des kapitalistischen Systems selbst, das sie dazu verdammt, ihre Arbeitskraft an die Kapitalisten verkaufen zu müssen und sich ausbeuten zu lassen. Die Arbeiter können aber den Kampf gegen den Kapitalismus, den Kampf für den Sozialismus nicht entfalten, solange der Zarismus, der Kettenhund des Kapitalismus, der Arbeiterbewegung im Wege steht. Daher besteht die nächste Aufgabe der Partei und der Arbeiterklasse darin, den Zarismus aus dem Wege zu räumen und dadurch den Weg zum Sozialismus zu bahnen.

2. Lenin zeigte, dass die Verherrlichung des spontanen Prozesses der Arbeiterbewegung und die Verneinung der führenden Rolle der Partei, die Beschränkung ihrer Rolle auf die eines Registrators der Ereignisse, nichts anderes bedeutet, als „Nachtrabpolitik“ („Chwostismus“) zu predigen, die Verwandlung der Partei in einen Nachtrab des spontanen Prozesses zu propagieren, in eine passive Kraft der Bewegung, zu nichts anderem fähig, als dem spontanen Prozess zuzusehen und sich auf den Lauf der Dinge zu verlassen. Eine solche Propaganda betreiben, bedeutet, auf die Vernichtung der Partei hinarbeiten, das heißt die Arbeiterklasse ohne Partei belassen, das heißt die Arbeiterklasse ungerüstet lassen. Aber die Arbeiterklasse ungerüstet lassen - zu einer Zeit, wo sie solchen Feinden gegenübersteht wie dem mit allen Kampfmitteln bewaffneten Zarismus und der auf moderne Art organisierten Bourgeoisie, die ihre Partei hat, die den Kampf gegen die Arbeiterklasse leitet - heißt die Arbeiterklasse verraten.

3. Lenin zeigte, dass die Anbetung der Spontanität der Arbeiterbewegung und die Herabminderung der Rolle der Bewusstheit, die Herabminderung der Rolle des sozialistischen Bewusstseins, der sozialistischen Theorie, nichts anderes bedeutet, als erstens, die Arbeiter, die sich zur Bewusstheit wie zum Licht hingezogen fühlen, zu verhöhnen, zweitens, die Theorie in den Augen der Partei zu entwerten, das heißt jene Waffe zu entwerten, mit deren Hilfe sie die Gegenwart erkennt und die Zukunft voraussieht, und drittens, völlig und endgültig in den Sumpf des Opportunismus hinabzusinken.

„Ohne revolutionäre Theorie“, sagte Lenin , „kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben ... Die Rolle des Vorkämpfers kann nur eine Partei erfüllen, die von einer fortgeschrittenen Theorie geleitet wird.“ ( Lenin , Was tun?, S.55 und 56.)

4. Lenin zeigte, dass die „Ökonomisten“ die Arbeiterklasse dadurch betrügen, dass sie behaupten, die sozialistische Ideologie könne der spontanen Bewegung der Arbeiterklasse entspringen, denn in Wirklichkeit entspringt die sozialistische Ideologie nicht der spontanen Bewegung, sondern der Wissenschaft. Dadurch, dass die „Ökonomisten“ die Notwendigkeit verneinen, das sozialistische Bewusstsein in die Arbeiter-klasse hineinzutragen, machen sie der bürgerlichen Ideologie den Weg frei, erleichtern sie es, diese Ideologie in die Arbeiterklasse hineinzutragen und in ihr zu verwurzeln - folglich begraben sie die Idee der Vereinigung der Arbeiterbewegung mit dem Sozialismus, helfen sie der Bourgeoisie.

„Jede Anbetung der Spontaneität der Arbeiterbewegung“, sagte Lenin , „jede Herabminderung der Rolle des ,bewussten Elementes’, der Rolle der Sozialdemokratie, bedeutet zugleich - ganz unabhängig davon, ob derjenige, der diese Rolle herabmindert, es wünscht oder nicht - die Stärkung des Einflusses der bürgerlichen Ideologie auf die Arbeiter.“ (Ebenda, S.11.)

Und ferner:

„Die Frage kann nur so stehen: bürgerliche oder sozialistische Ideologie. Ein Mittelding gibt es hier nicht … Darum bedeutet jede Herabminderung der sozialistischen Ideologie, jedes Abschwenken von ihr zugleich eine Stärkung der bürgerlichen Ideologie.“ (Ebenda, S.72/73.)

5. Alle diese Fehler der „Ökonomisten“ zusammenfassend, kam Lenin zu der Schlussfolgerung, dass die „Ökonomisten“ keine Partei der sozialen Revolution, die die Arbeiterklasse vom Kapitalismus befreit, sondern eine Partei „sozialer Reformen“ haben wollen, die die Aufrechterhaltung der Herrschaft des Kapitalismus voraussetzt, dass die „Ökonomisten“ infolgedessen Reformisten sind, die die ureigensten Interessen des Proletariats verraten.

6. Lenin zeigte schließlich, dass der „Ökonomismus“ keine zufällige Erscheinung in Russland ist, dass die „Ökonomisten“ Schrittmacher des bürgerlichen Einflusses in der Arbeiterklasse sind, dass sie in den westeuropäischen sozialdemokratischen Parteien Bundesgenossen in Gestalt der Revisionisten, der Anhänger des Opportunisten Bernstein, haben. Im Westen erstarkte in der Sozialdemokratie immer mehr eine opportunistische Strömung, die unter der Flagge der „Freiheit der Kritik“ an Marx auftrat, die eine „Revision’“, das heißt Überprüfung der Marxschen Lehre forderte (daher der Name „Revisionismus“), die den Verzicht auf die Revolution, auf den Sozialismus, auf die Diktatur des Proletariats forderte. Lenin zeigte, dass die russischen „Ökonomisten“ dieselbe Linie des Verzichts auf den revolutionären Kampf, auf den Sozialismus, auf die Diktatur des Proletariats befolgten.

Das sind die grundlegenden theoretischen Leitsätze, die Lenin in seinem Werke „Was tun?“ entwickelte.

Die Verbreitung des Lenin /1902/wastun/index.htm">Werkes „Was tun?“ führte dazu, dass ein Jahr nach seinem Erscheinen (es wurde im März 1902 herausgegeben), um die Zeit des II. Parteitags der Sozialdemokratischen Partei Russlands, von den ideologischen Positionen des „Ökonomismus“ nur noch eine unangenehme Erinnerung übrig geblieben war und dass die Bezeichnung „Ökonomist“ von den meisten Parteiarbeitern als Beleidigung aufgefasst wurde.

Das war die völlige ideologische Zertrümmerung des „Ökonomismus“, eine Zertrümmerung der Ideologie des Opportunismus, der Nachtrabpolitik, der Spontaneität.

Aber die Bedeutung des Werkes Lenin s „Was tun?“ beschränkt sich nicht allein darauf.

Die historische Bedeutung des Werkes „Was tun?“ besteht darin, dass Lenin in diesem seinem berühmten Buche:

1. als erster in der Geschichte des marxistischen Denkens die ideologischen Quellen des Opportunismus bis auf den Grund bloßlegte, indem er aufzeigte, dass sie vor allem in der Anbetung der Spontaneität der Arbeiterbewegung und in der Herabminderung der Rolle des sozialistischen Bewusstseins in der Arbeiterbewegung bestehen;

2. die Bedeutung der Theorie, der Bewusstheit, die Bedeutung der Partei als der revolutionierenden und führenden Kraft der spontanen Arbeiterbewegung in all ihrer Größe hervorhob;

3. den grundlegenden marxistischen Leitsatz, dass die marxistische Partei die Vereinigung der Arbeiterbewegung mit dem Sozialismus darstellt, in glänzender Weise begründete;

4. die ideologischen Grundlagen der marxistischen Partei genial ausarbeitete.

Die theoretischen Leitsätze, die in dem Werke „Was tun?“ entwickelt wurden, bildeten später die Grundlage der Ideologie der bolschewistischen Partei.

Mit einem solchen theoretischen Reichtum ausgerüstet, konnte die „Iskra“ in der Tat eine breite Kampagne für den Lenin schen Plan des Aufbaus der Partei, für die Sammlung der Kräfte der Partei, für den II. Parteitag, für die revolutionäre Sozialdemokratie, gegen die „Ökonomisten“, gegen alle und jegliche Opportunisten, gegen die Revisionisten entfalten.

Die wichtigste Aufgabe der „Iskra“ bestand in der Ausarbeitung eines Entwurfs für das Parteiprogramm. Das Programm der Arbeiterpartei bildet bekanntlich eine kurz gefasste, wissenschaftlich formulierte Darlegung der Ziele und Aufgaben des Kampfes der Arbeiterklasse. Das Programm setzt sowohl das Endziel der revolutionären Bewegung des Proletariats fest als auch die Forderungen, für die die Partei auf dem Wege zum Endziel kämpft. Deshalb war die Ausarbeitung des Programmentwurfs von überragender Bedeutung.

Während der Ausarbeitung des Programmentwurfs entstanden innerhalb der Redaktion der „Iskra“ ernste Meinungsverschiedenheiten zwischen Lenin und Plechanow sowie anderen Redaktionsmitgliedern. Diese Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen führten fast zum völligen Bruch zwischen Lenin und Plechanow. Zum Bruch kam es aber damals noch nicht. Lenin setzte durch, dass in den Programmentwurf der höchst wichtige Punkt über die Diktatur des Proletariats aufgenommen und auf die führende Rolle der Arbeiterklasse in der Revolution klar hingewiesen wurde.

Von Lenin stammt auch der ganze Agrarteil des Parteiprogramms. Lenin trat schon damals für die Nationalisierung des Bodens ein, in der ersten Kampfetappe hielt er es jedoch für notwendig, die Forderung nach Rückgabe der Boden„abschnitte“ („Otreski“) an die Bauern aufzustellen, das heißt jener Bodenstücke, die die Gutsbesitzer bei der „Bauernbefreiung“ vom bäuerlichen Boden abgeschnitten hatten. Gegen die Nationalisierung des Bodens trat Plechanow auf.

Lenin s Auseinandersetzungen mit Plechanow in der Frage des Parteiprogramms waren zum Teil für die künftigen Meinungsverschiedenheiten zwischen Bolschewiki und Menschewiki bestimmend.

<<-- zurück          weiter -->>

Zurück zum Inhaltsverzeichnis