GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL II
Die Bildung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands. Die Entstehung der Fraktionen der Bolschewiki und der Menschewiki innerhalb der Partei
(1901-1904)

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Der II. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands
Die Annahme des Programms und des Statuts und die Schaffung einer einheitlichen Partei
Die Meinungsverschiedenheiten auf dem Parteitag und die Entstehung zweier Strömungen in der Partei: der bolschewistischen und der menschewistischen

Somit hatten der Sieg der Lenin schen Prinzipien und der erfolgreiche Kampf der „Iskra“ für den Lenin schen Organisationsplan alle grundlegenden Bedingungen vorbereitet, die notwendig waren, um eine Partei zu schaffen oder - wie man damals sagte - eine wirkliche Partei zu schaffen. Die „Iskra“-Richtung hatte in den sozialdemokratischen Organisationen in Russland den Sieg davongetragen. Jetzt konnte man den II. Parteitag einberufen.

Am 17. (30.) Juli 1903 wurde der II. Parteitag der SDAPR eröffnet. Der Parteitag trat im Auslande geheim zusammen. Zuerst fanden die Sitzungen in Brüssel statt. Dann forderte jedoch die belgische Polizei die Parteitagsdelegierten auf, Belgien zu verlassen. Der Parteitag wurde daraufhin nach London verlegt.

Zum Parteitag trafen insgesamt 43 Delegierte von 26 Organisationen ein. Jedes Komitee hatte das Recht, zwei Delegierte zum Parteitag zu entsenden, manche Komitees entsandten jedoch nur einen Delegierten. Auf diese Weise hatten die 43 Delegierten 51 beschließende Stimmen.

Die Hauptaufgabe des Parteitags bestand „in der Schaffung einer wirklichen Partei auf denjenigen prinzipiellen und organisatorischen Grundlagen, die von der ‚Iskra’ vorgeschlagen und ausgearbeitet worden waren“. ( Lenin , Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I, S. 329.)

Die Zusammensetzung des Parteitags war nicht gleichartig. Die offenkundigen „Ökonomisten“ waren infolge der Niederlage, die sie erlitten hatten, auf dem Parteitag nicht vertreten. Seitdem jedoch hatten sich die „Ökonomisten“ so geschickt verstellt, dass es ihnen gelang, einige Delegierte durchzuschmuggeln. Außerdem unterschieden sich die Delegierten des „Bund“ nur in Worten von den „Ökonomisten“, in Wirklichkeit waren sie jedoch für die „Ökonomisten“.

Auf dem Parteitag waren somit nicht nur Anhänger, sondern auch Gegner der „Iskra“ anwesend. Anhänger der „Iskra“ gab es 33, sie hatten also die Mehrheit. Aber nicht alle, die sich zu den „Iskra“-Leuten zählten, waren wirkliche „Iskra“-Leute, Lenin isten. Die Delegierten zerfielen in einige Gruppierungen. Die Anhänger Lenin s oder die standhaften „Iskra“-Leute hatten 24 Stimmen, 9 „Iskra“-Leute gingen mit Martow. Das waren die unbeständigen „Iskra“-Leute. Ein Teil der Delegierten schwankte zwischen der „Iskra“ und deren Gegnern; diese Delegierten hatten auf dem Parteitag 10 Stimmen. Das war das Zentrum. Die offenen Gegner der „Iskra“ hatten 8 Stimmen (3 „Ökonomisten“ und 5 Bundisten). Es genügte, dass sich die „Iskra“-Leute spalteten, und die Feinde der „Iskra“ konnten die Oberhand gewinnen.

Hieraus ist zu ersehen, wie kompliziert die Situation auf dem Parteitag war. Lenin wandte viel Kraft auf, um den Sieg der „Iskra“ auf dem Parteitag sicherzustellen.

Die wichtigste Angelegenheit des Parteitags war die Annahme des Parteiprogramms. Die Hauptfrage, die bei der Erörterung des Programms bei dem opportunistischen Teil des Parteitags auf Einwände stieß, war die Frage der Diktatur des Proletariats. Die Opportunisten waren auch in einer Reihe anderer Programmfragen mit dem revolutionären Teil des Parteitags nicht einverstanden. Sie entschlossen sich jedoch, hauptsächlich in der Frage der Diktatur des Proletariats eine Schlacht zu liefern, wobei sie sich darauf beriefen, dass eine Reihe sozialdemokratischer Parteien des Auslands keinen Punkt über die Diktatur des Proletariats in ihrem Programm habe und dass man ihn daher auch nicht in das Programm der Sozialdemokratie Russlands aufzunehmen brauche.

Die Opportunisten erhoben auch Einwände gegen die Aufnahme von Forderungen zur Bauernfrage in das Parteiprogramm. Diese Leute wollten nicht die Revolution, deshalb verhielten sie sich dem Bundesgenossen der Arbeiterklasse, der Bauernschaft, gegenüber fremd und feindselig.

Die Bundisten und die polnischen Sozialdemokraten erhoben Einwände gegen das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung. Lenin lehrte stets, dass die Arbeiterklasse verpflichtet ist, gegen die nationale Unterdrückung zu kämpfen. Einwände gegen diese Programmforderung waren gleichbedeutend mit dem Vorschlag, auf den proletarischen Internationalismus zu verzichten, zum Helfershelfer der nationalen Unterdrückung zu werden.

Lenin führte einen vernichtenden Schlag gegen alle diese Einwände.

Der Parteitag nahm das von der „Iskra“ vorgeschlagene Programm an.

Dieses Programm bestand aus zwei Teilen: aus dem Maximalprogramm und dem Minimalprogramm. Im Maximalprogramm wurde von der Hauptaufgabe der Partei der Arbeiterklasse gesprochen: von der sozialistischen Revolution, vom Sturz der Macht der Kapitalisten, von der Errichtung der Diktatur des Proletariats. Im Minimalprogramm wurde von den nächsten Aufgaben der Partei gesprochen, die noch vor dem Sturz der kapitalistischen Ordnung, vor der Errichtung der Diktatur des Proletariats durchzuführen sind: vom Sturz der zaristischen Selbstherrschaft, von der Errichtung der demokratischen Republik, von der Einführung des achtstündigen Arbeitstags für die Arbeiter, von der Liquidierung aller Überreste der Leiheigenschaft auf dem Lande, von der Rückgabe des Bodens an die Bauern, den ihnen die Gutsbesitzer geraubt hatten (der Boden,,abschnitte“, der „Otreski“).

Später ersetzten die Bolschewiki die Forderung nach Rückgabe der Boden,,abschnitte“ durch die Forderung nach Konfiskation des gesamten Bodens der Gutsbesitzer.

Das auf dem II. Parteitag angenommene Programm war ein revolutionäres Programm der Partei der Arbeiterklasse.

Es bestand bis zum VIII. Parteitag, als unsere Partei nach dem Siege der proletarischen Revolution ein neues Programm annahm.

Nach Annahme des Programms schritt der II. Parteitag zur Erörterung des Entwurfs des Parteistatuts. Nachdem der Parteitag das Programm angenommen und die Grundlage der ideologischen Vereinigung der Partei geschaffen hatte, musste er auch ein Parteistatut annehmen, um der Handwerklerei und dem Zirkelwesen, der organisatorischen Zersplitterung und dem Fehlen einer straffen Disziplin in der Partei ein Ende zu bereiten.

War jedoch die Annahme des Programms verhältnismäßig glatt verlaufen, so löste die Frage des Parteistatuts auf dem Parteitag heftige Auseinandersetzungen aus. Die schärfsten Meinungsverschiedenheiten kamen wegen der Formulierung des ersten Paragraphen des Statuts, über die Parteimitgliedschaft, zum Ausbruch. Wer Mitglied der Partei sein kann, wie die Zusammensetzung der Partei sein soll, was die Partei in organisatorischer Beziehung darstellen soll - ein organisiertes Ganzes oder irgend etwas Ungeformtes -, das waren die Fragen, die im Zusammenhang mit dem ersten Paragraphen des Statuts auftauchten. Zwei Formulierungen kämpften miteinander: die Formulierung Lenin s, die von Plechanow und den standhaften „Iskra“-Leuten unterstützt wurde, und die Formulierung Martows, die von Axelrod, Sassulitsch, den unbeständigen „Iskra“-Leuten, von Trotzki und dem gesamten offen opportunistischen Teil des Parteitags unterstützt wurde.

Die Formulierung Lenin s besagte, dass Mitglied der Partei jeder sein kann, der das Parteiprogramm anerkennt, die Partei in materieller Hinsicht unterstützt und Mitglied einer ihrer Organisationen ist. Die Formulierung Martows dagegen betrachtete zwar die Anerkennung des Programms und die materielle Unterstützung der Partei als notwendige Bedingungen, um Mitglied der Partei zu sein, sah jedoch die Beteiligung an einer der Parteiorganisationen nicht als Bedingung der Parteimitgliedschaft an, da sie den Standpunkt vertrat, dass ein Parteimitglied nicht auch Mitglied einer der Parteiorganisationen zu sein brauche.

Lenin betrachtete die Partei als Trupp, dessen Mitglied man nicht dadurch wird, dass man sich selber zur Partei zählt, sondern dessen Mitglieder von einer der Parteiorganisationen in die Partei aufgenommen werden und sich folglich der Parteidisziplin unterwerfen, während Martow die Partei als etwas organisatorisch Ungeformtes betrachtete, dessen Mitglied man wird, wenn man sich selber zur Partei zählt, und dessen Mitglieder folglich nicht verpflichtet sind, sich der Parteidisziplin zu unterwerfen, da sie keiner Parteiorganisation angehören.

Somit öffnete die Formulierung Martows zum Unterschied von der Lenin schen Formulierung unbeständigen, nichtproletarischen Elementen die Tore der Partei sperrangelweit. Am Vorabend der bürgerlich-demokratischen Revolution gab es unter der bürgerlichen Intelligenz Leute, die vorübergehend mit der Revolution sympathisierten. Sie konnten hin und wieder der Partei sogar einen kleinen Dienst erweisen. Diese Leute wären jedoch nicht gewillt gewesen, einer Parteiorganisation beizutreten, sich der Parteidisziplin zu unterwerfen, Parteiaufträge auszuführen und sich den damit verbundenen Gefahren auszusetzen. Und solche Leute sollten nach dem Vorschlag Martows und anderer Menschewiki als Parteimitglieder betrachtet werden, ihnen sollte das Recht und die Möglichkeit gegeben werden, auf die Parteiangelegenheiten Einfluss zu nehmen. Sie machten sogar den Vorschlag, jedem Streikenden das Recht zu geben, sich zu den Parteimitgliedern zu „zählen“, obwohl sich an den Streiks auch Nichtsozialisten, Anarchisten, Sozialrevolutionäre beteiligten.

Es ergab sich somit, dass die Martowleute an Stelle einer Kampfpartei aus einem Guss, an Stelle einer straff organisierten Partei, für die Lenin und die Lenin isten auf dem Parteitag kämpften, eine buntscheckige und verschwommene, eine ungeformte Partei haben wollten, die schon deswegen keine Kampfpartei sein konnte, weil sie buntscheckig gewesen wäre und einer festen Disziplin entbehrt hätte.

Die Abspaltung der unbeständigen „Iskra“-Leute von den standhaften „Iskra“-Leuten, ihr Bündnis mit dem Zentrum und der Anschluss der offenen Opportunisten an sie, gaben Martow in dieser Frage das übergewicht. Der Parteitag nahm mit einer Mehrheit von 28 gegen 22 Stimmen bei einer Stimmenthaltung den ersten Paragraphen des Statuts in der Martowschen Formulierung an.

Nach der Spaltung der „Iskra“-Leute in der Frage des ersten Paragrafen des Statuts verschärfte sich der Kampf auf dem Parteitag noch mehr. Der Parteitag näherte sich seinem Ende, den Wahlen der leitenden Parteiinstitutionen: der Redaktion des Zentralorgans der Partei („Iskra“) und des Zentralkomitees. Bevor jedoch der Parteitag zu den Wahlen schritt, kam es zu einigen Ereignissen, die das Kräfteverhältnis auf dem Parteitag änderten.

Im Zusammenhang mit dem Parteistatut hatte sich der Parteitag mit dem „Bund“ zu befassen. Der „Bund“ erhob Anspruch auf eine Sonderstellung in der Partei. Er verlangte, dass man ihn als einzigen Vertreter der jüdischen Arbeiter in Russland anerkenne. Auf diese Forderung des „Bund“ einzugehen, hätte bedeutet, die Arbeiter in den Parteiorganisationen nach ihrer Nationalität zu trennen, auf einheitliche territoriale Klassenorganisationen der Arbeiterklasse zu verzichten. Der Parteitag lehnte den organisatorischen Nationalismus des „Bund“ ab. Daraufhin verließen die Bundisten den Parteitag. Den Parteitag verließen auch zwei „Ökonomisten“, als der Parteitag es ablehnte, ihren Auslandsverband als Vertretung der Partei im Auslande anzuerkennen.

Dadurch, dass sieben Opportunisten den Parteitag verließen, veränderte sich das Kräfteverhältnis zugunsten der Lenin isten.

Die Frage der Zusammensetzung der zentralen Parteiinstitutionen stand von Anfang an im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit Lenin s. Lenin hielt es für notwendig, dass in das Zentralkomitee standhafte und konsequente Revolutionäre gewählt werden. Die Martowleute strebten danach, ein Übergewicht, der unbeständigen, opportunistischen Elemente im Zentralkomitee herbeizuführen. Die Mehrheit des Parteitags ging in dieser Frage mit Lenin . In das Zentralkomitee wurden Anhänger Lenin s gewählt.

Auf Antrag Lenin s wurden in die Redaktion der „Iskra“ Lenin , Plechanow und Martow gewählt. Martow forderte auf dem Parteitag, dass alle sechs alten Redakteure der „Iskra“, deren Mehrheit aus seinen Anhängern bestand, in die Redaktion der „Iskra“ gewählt werden. Der Parteitag lehnte diese Forderung mit Stimmenmehrheit ab. Gewählt wurde die von Lenin vorgeschlagene Dreiergruppe. Darauf erklärte Martow, dass er in die Redaktion des Zentralorgans nicht eintreten werde.

Somit bekräftigte der Parteitag durch seine Abstimmung in der Frage der zentralen Parteiinstitutionen die Niederlage der Anhänger Martows und den Sieg der Anhänger Lenin s.

Von diesem Zeitpunkt an nannte man die Anhänger Lenin s, die auf dem Parteitag bei den Wahlen die Mehrheit (russisch: Bolschinstwo) der Stimmen erhalten hatten, Bolschewiki, und die Gegner Lenin s, die die Minderheit (russisch: Menschinstwo) der Stimmen erhalten hatten, nannte man Menschewiki.

Die Ergebnisse der Arbeit des II. Parteitags zusammenfassend, können folgende Schlussfolgerungen gezogen werden:

1. der Parteitag verankerte den Sieg des Marxismus über den „Ökonomismus“, über den offenen Opportunismus;

2. der Parteitag nahm das Programm und das Statut an, schuf die sozialdemokratische Partei und fügte auf diese Weise den Rahmen für eine einheitliche Partei;

3. der Parteitag deckte das Vorhandensein ernster organisatorischer Meinungsverschiedenheiten auf, die die Partei in zwei Teile trennten, in Bolschewiki und Menschewiki, von denen die ersteren die organisatorischen Prinzipien der revolutionären Sozialdemokratie verfochten, die letzteren aber in den Sumpf der organisatorischen Verschwommenheit, in den Sumpf des Opportunismus hinab sanken;

4. der Parteitag zeigte, dass die Stelle der alten, bereits von der Partei geschlagenen Opportunisten, die Stelle der „Ökonomisten“, in der Partei neue Opportunisten einzunehmen begannen - die Menschewiki;

5. der Parteitag stand auf dem Gebiet der Organisationsfragen nicht auf der Höhe seiner Aufgaben, machte Schwankungen durch, gab den Menschewiki zuweilen sogar das Übergewicht, und obwohl zum Schluss eine Wendung zum Bessern eintrat, vermochte der Parteitag nicht, den Opportunismus der Menschewiki in Organisationsfragen zu entlarven und sie in der Partei zu isolieren, ja, er vermochte nicht einmal der Partei diese Aufgabe zu stellen.

Der letztgenannte Umstand war eine der Hauptursachen, dass der Kampf zwischen Bolschewiki und Menschewiki nach dem Parteitag nicht nur nicht abflaute, sondern im Gegenteil sich noch mehr verschärfte.

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