GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL III
Menschewiki und Bolschewiki in der Periode des Russisch- Japanischen Krieges und der ersten russischen Revolution
(1904-1907)

1
Der Russisch-Japanische Krieg
Der weitere Aufschwung der revolutionären Bewegung in Russland
Die Streiks in Petersburg
Die Demonstration der Arbeiter vor dem Winterpalast am 9. Januar 1905
Die Niederschießung der Demonstranten
Der Beginn der Revolution

Ende des 19. Jahrhunderts gingen die imperialistischen Staaten zum verschärften Kampf um die Herrschaft am Stillen Ozean, um die Aufteilung Chinas über. An diesem Kampf nahm auch das zaristische Russland teil. Im Jahre 1900 schlugen zaristische Truppen, gemeinsam mit japanischen, deutschen, englischen und französischen, den Volksaufstand in China, dessen Spitze sich gegen die ausländischen Imperialisten richtete, mit beispielloser Grausamkeit nieder. Schon vorher hatte die zaristische Regierung China gezwungen, die Halbinsel Liau-tung mit der Festung Port-Arthur an Russland abzutreten. Russland erzwang sich das Recht, auf chinesischem Territorium Eisenbahnen zu bauen. In der Nordmandschurei wurde eine Eisenbahn - die Ostchinabahn - erbaut; zu ihrem Schutz wurden russische Truppen entsandt. Die Nordmandschurei wurde vom zaristischen Russland militärisch okkupiert. Der Zarismus schickte sich zum Sprunge nach Korea an. Die russische Bourgeoisie schmiedete Pläne für die Schaffung eines „Gelbrussland“ in der Mandschurei.

Bei seinen Eroberungen im Fernen Osten stieß der Zarismus auf einen anderen Räuber, auf Japan, das sich rasch in ein imperialistisches Land verwandelt hatte und ebenfalls Annexionen auf dem asiatischen Festlande anstrebte, in erster Linie auf Kosten Chinas. Japan trachtete ebenso wie das zaristische Russland, Korea und die Mandschurei an sich zu reißen. Japan sann schon damals auf die Eroberung Sachalins und des Fernen Ostens. England, das die Stärkung des zaristischen Russland im Fernen Osten fürchtete, stand insgeheim auf der Seite Japans. Der Russisch-Japanische Krieg reifte heran. Zu diesem Krieg wurde die zaristische Regierung von der Großbourgeoisie, die neue Märkte suchte, und von den reaktionärsten Schichten der Gutsbesitzer gedrängt.

Ohne abzuwarten, dass die zaristische Regierung den Krieg erklärt, begann Japan zuerst den Krieg. Japan, das in Russland über einen guten Spionagedienst verfügte, rechnete damit, dass es in diesem Kampf einen unvorbereiteten Gegner haben werde. Ohne Kriegserklärung überfiel Japan im Januar 1904 unerwartet die russische Festung Port-Arthur und fügte der dort befindlichen russischen Flotte ernste Verluste zu.

So begann der Russisch-Japanische Krieg.

Die zaristische Regierung rechnete darauf, dass der Krieg ihr helfen werde, ihre Stellung politisch zu festigen und der Revolution Einhalt zu tun. Sie hatte sich jedoch verrechnet. Der Krieg erschütterte den Zarismus noch mehr.

Die schlecht ausgerüstete und ausgebildete, von unfähigen und käuflichen Generalen geführte russische Armee erlitt eine Niederlage nach der anderen.

An dem Kriege bereicherten sich Kapitalisten, Beamte, Generale. Ringsum blühte der Diebstahl. Die Truppen wurden schlecht versorgt. Als es an Geschossen fehlte, erhielt die Armee wie zum Hohn ganze Waggons mit Heiligenbildern. Die Soldaten sagten mit Bitterkeit: „Die Japaner traktieren uns mit Geschossen, wir sie mit Heiligenbildern.“ Statt die Verwundeten abzutransportieren, beförderten Sonderzüge das von den zaristischen Generalen zusammengeraubte Gut.

Die Japaner belagerten die Festung Port-Arthur und nahmen sie dann ein. Nachdem die zaristische Armee eine Reihe von Niederlagen erlitten hatte, wurde sie von den Japanern vor Mukden vernichtend geschlagen. Die 300000 Mann starke zaristische Armee verlor in dieser Schlacht gegen 120000 Mann an Toten, Verwundeten und Gefangenen. Darauf erfolgte in der Meerenge von Tsushima die völlige Zerstörung und der Untergang der zaristischen Flotte, die aus der Ostsee dem belagerten Port-Arthur zu Hilfe gesandt worden war. Die Niederlage bei Tsushima bedeutete eine völlige Katastrophe: von den zwanzig vom Zaren entsandten Kriegsschiffen wurden dreizehn versenkt bzw. vernichtet, vier vom Feinde erbeutet. Das zaristische Russland hatte den Krieg endgültig verloren.

Die zaristische Regierung war gezwungen, mit Japan einen schmählichen Frieden zu schließen. Japan riss Korea an sich, nahm Russland Port-Arthur und die Hälfte von Sachalin ab.

Die Volksmassen hatten diesen Krieg nicht gewollt und waren sich seiner Schädlichkeit für Russland bewusst. Das Volk musste die Rückständigkeit des zaristischen Russland teuer bezahlen.

Die Bolschewiki und die Menschewiki verhielten sich zu diesem Krieg verschieden.

Die Menschewiki, darunter Trotzki, sanken auf die Position der Vaterlandsverteidigung hinab, das heißt der Verteidigung des „Vaterlandes“ des Zaren, der Gutsbesitzer und der Kapitalisten.

Lenin und die Bolschewiki hielten im Gegenteil die Niederlage der zaristischen Regierung in diesem räuberischen Kriege für nützlich, da sie zur Schwächung des Zarismus und zur Stärkung der Revolution führen werde.

Die Niederlagen der zaristischen Truppen deckten vor den breitesten Volksmassen die Fäulnis des Zarismus auf. Der Hass gegen den Zarismus wuchs in den Volksmassen von Tag zu Tag. Der Fall Port-Arthurs - das ist der Beginn des Falles der Selbstherrschaft, schrieb Lenin .

Der Zar wollte durch den Krieg die Revolution ersticken. Er erreichte das Gegenteil. Der Russisch-Japanische Krieg beschleunigte die Revolution.

Im zaristischen Russland wurde das kapitalistische Joch durch das Joch des Zarismus noch schwerer. Die Arbeiter litten nicht nur unter der kapitalistischen Ausbeutung, unter dem Zuchthausregime der Arbeit, sondern auch unter der Rechtlosigkeit des gesamten Volkes. Deshalb strebten die klassenbewussten Arbeiter danach, in der revolutionären Bewegung aller demokratischen Elemente in Stadt und Land gegen den Zarismus die Führung zu übernehmen. Die Bauernschaft erstickte vor Landlosigkeit, litt schwer unter den zahlreichen Überresten der Leibeigenschaft; sie befand sich in der Schuldknechtschaft der Gutsbesitzer und Kulaken. Die Völker, die das zaristische Russland bewohnten, stöhnten unter dem Doppeljoch ihrer eigenen und der russischen Gutsbesitzer und Kapitalisten. Die Wirtschaftskrise der Jahre 1900-1903 hatte die Leiden der werktätigen Massen gesteigert, der Krieg verschärfte sie noch mehr. Die Niederlagen im Kriege steigerten in den Massen den Hass gegen den Zarismus. Die Geduld des Volkes näherte sich ihrem Ende.

Wie man sieht, gab es mehr als genug Ursachen für die Revolution.

Im Dezember 1904 wurde unter Leitung des bolschewistischen Komitees in Baku ein riesiger, gut organisierter Streik der Arbeiter von Baku durchgeführt. Dieser Streik endete mit dem Sieg der Arbeiter, mit dem Abschluss eines Kollektivvertrages zwischen Arbeitern und Erdölindustriellen, des ersten Kollektivvertrages in der Geschichte der Arbeiterbewegung Russlands.

Der Bakuer Streik war der Beginn des revolutionären Aufschwungs in Transkaukasien und in einer Reihe von Gebieten Russlands.

„Der Bakuer Streik diente als Signal für die ruhmvollen Januar-Februar-Aktionen in ganz Russland.“ (Stalin.)

Dieser Streik war gleichsam ein gewitterkündender Blitz am Vorabend des großen revolutionären Sturmes.

Der revolutionäre Sturm begann mit den Ereignissen vom 9. Januar (22. Januar neuen Stils) 1905 in Petersburg.

Am 3. (16.) Januar 1905 begann ein Streik in dem größten Petersburger Betrieb, den Putilow-Werken (jetzt Kirow-Werke). Dieser Streik begann wegen der Entlassung von vier Arbeitern aus dem Betrieb. Der Streik in den Putilow-Werken griff schnell um sich; ihm schlossen sich andere Werke und Fabriken Petersburgs an. Der Streik wurde zum Generalstreik. Die Bewegung wuchs drohend an. Die zaristische Regierung entschloss sich, die Bewegung in ihren Anfängen zu ersticken.

Schon im Jahre 1904, vor dem Streik in den Putilow-Werken, hatte die Polizei mit Hilfe eines Provokateurs, des Popen Gapon, ihre Organisation unter den Arbeitern, den „Verein russischer Fabrik- und Betriebsarbeiter“, geschaffen. Diese Organisation hatte ihre Abteilungen in allen Bezirken Petersburgs. Als der Streik begann, schlug der Pope Gapon in den Versammlungen seines Vereins einen provokatorischen Plan vor: am 9. Januar mögen sich alle Arbeiter versammeln und in friedlichem Zuge mit Kirchenfahnen und Zarenbildern zum Winterpalast ziehen und dem Zaren eine Petition (Bittschrift) über ihre Nöte überreichen. Der Zar werde gewiss zum Volke herauskommen, es anhören und seine Forderungen erfüllen. Gapon übernahm es, der zaristischen Ochrana zu helfen, ein Blutbad unter den Arbeitern zu provozieren und die Arbeiterbewegung in Blut zu ertränken. Der Plan der Polizei kehrte sich jedoch gegen die zaristische Regierung.

Die Petition wurde in Arbeiterversammlungen erörtert, es wurden Verbesserungen und Abänderungen an ihr vorgenommen. In diesen Versammlungen traten auch Bolschewiki auf, ohne sich offen als Bolschewiki zu bezeichnen. Unter ihrem Einfluss wurden in die Petition Forderungen aufgenommen, wie Presse- und Redefreiheit, Freiheit der Arbeiterverbände, Einberufung einer Konstituierenden Versammlung zur Abänderung der Staatsordnung Russlands, Gleichheit aller vor dem Gesetz, Trennung der Kirche vom Staat, Beendigung des Krieges, Einführung des achtstündigen Arbeitstages, Übergabe des Bodens an die Bauern.

Die in diesen Versammlungen auftretenden Bolschewiki bewiesen den Arbeitern, dass man die Freiheit nicht mit Bittschriften an den Zaren erreicht, sondern mit der Waffe in der Hand erkämpft. Die Bolschewiki sagten warnend voraus, dass man auf die Arbeiter schießen werde. Sie konnten jedoch den Zug zum Winterpalast nicht verhindern. Ein bedeutender Teil der Arbeiter glaubte noch, dass der Zar ihnen helfen werde. Die Bewegung hatte die Massen mit ungeheurer Kraft erfasst.

In der Petition der Petersburger Arbeiter hieß es:

„Wir, die Arbeiter der Stadt Petersburg, unsere Frauen, Kinder und hilflosen greisen Eltern sind zu Dir, Herrscher, gekommen, um Wahrheit und Schutz zu suchen. Wir sind verelendet, wir werden unterdrückt, mit unsagbar schwerer Arbeit belastet, man höhnt uns, sieht in uns keine Menschen... Wir haben geduldig alles ertragen, aber wir werden immer tiefer in den Abgrund des Elends, der Rechtlosigkeit und Unwissenheit gestoßen; uns würgen Despotismus und Willkür... Die Geduld hat ihre Grenze erreicht. Für uns ist jener furchtbare Augenblick eingetreten, wo der Tod besser ist als die Fortdauer der unerträglichen Leiden...“

Am frühen Morgen des 9. Januar 1905 zogen die Arbeiter zum Winterpalast, wo sich damals der Zar aufhielt. Die Arbeiter zogen zum Zaren mit ihren Familien, mit Frauen, Kindern und Greisen, trugen Zarenbilder und Kirchenfahnen, sangen Kirchenlieder, marschierten ohne Waffen. Insgesamt versammelten sich in den Straßen mehr als 140000 Menschen.

Nikolaus II. empfing sie feindselig. Er gab den Befehl, auf die unbewaffneten Arbeiter zu schießen. Mehr als 1000 Arbeiter wurden an diesem Tage von den zaristischen Truppen getötet, mehr als 2000 verwundet. Die Straßen Petersburgs waren rot vom Blute der Arbeiter.

Die Bolschewiki marschierten zusammen mit den Arbeitern. Viele von ihnen wurden getötet oder verhaftet. Gleich an Ort und Stelle, auf den von Arbeiterblut überströmten Straßen, erklärten die Bolschewiki den Arbeitern, wer der Schuldige an dieser grässlichen Missetat sei und wie man gegen ihn kämpfen müsse.

Der 9. Januar wurde von nun an der „Blutige Sonntag“ genannt. Am 9. Januar erhielten die Arbeiter eine blutige Lehre. An diesem Tage wurde der Glaube der Arbeiter an den Zaren zerschossen. Sie begriffen, dass sie nur durch Kampf ihre Rechte erringen können. Schon am Abend des 9. Januar begann man in den Arbeiterbezirken Barrikaden zu bauen. Die Arbeiter sagten: „Der Zar hat uns gedroschen, nun gut - auch wir werden ihn dreschen!“

Die furchtbare Kunde von der blutigen Missetat des Zaren verbreitete sich überall. Empörung und Entrüstung erfasste die gesamte Arbeiterklasse, das ganze Land. Es gab keine Stadt, wo die Arbeiter zum Zeichen des Protestes gegen das Verbrechen des Zaren nicht gestreikt und politische Forderungen aufgestellt hätten. Die Arbeiter gingen jetzt mit der Losung „Nieder mit der Selbstherrschaft“ auf die Straße. Die Zahl der Streikenden erreichte im Januar das riesige Ausmaß von 440000. In einem Monat streikten mehr Arbeiter als in dem ganzen vorhergehenden Jahrzehnt. Die Arbeiterbewegung erhob sich zu gewaltiger Höhe.

In Russland begann die Revolution.

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