GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL III
Menschewiki und Bolschewiki in der Periode des Russisch- Japanischen Krieges und der ersten russischen Revolution
(1904-1907)

2
Die politischen Streiks und Demonstrationen der Arbeiter
Das Anwachsen
der revolutionären Bewegung der Bauern
Der Aufstand
auf dem Panzerkreuzer „Potemkin“

Nach dem 9. Januar nahm der revolutionäre Kampf der Arbeiter einen schärferen, politischen Charakter an. Von wirtschaftlichen Streiks und Solidaritätsstreiks gingen die Arbeiter zu politischen Streiks, zu Demonstrationen und stellenweise zu bewaffnetem Widerstand gegen die zaristischen Truppen über. Einen besonders hartnäckigen und organisierten Charakter trugen die Streiks in den großen Städten, wo bedeutende Arbeitermassen konzentriert waren, - in Petersburg, Moskau, Warschau, Riga, Baku. In den ersten Reihen des kämpfenden Proletariats marschierten die Metallarbeiter. Die fortgeschrittenen Arbeitertrupps rüttelten durch ihre Streiks die weniger klassenbewussten Schichten auf, rissen die gesamte Arbeiterklasse zum Kampfe mit. Der Einfluss der Sozialdemokratie wuchs rasch.

Die Demonstrationen am 1. Mai waren in vielen Orten von Zusammenstößen mit Polizei und Militär begleitet. In Warschau gab es infolge der Beschießung der Demonstration einige hundert Tote und Verwundete. Die Arbeiter antworteten auf das Blutvergießen in Warschau, dem Aufruf der polnischen Sozialdemokratie folgend, mit einem allgemeinen Proteststreik. Während des ganzen Monats Mai hörten die Streiks und Demonstrationen nicht auf. An den Maistreiks nahmen in Russland mehr als 200000 Arbeiter teil. Die Arbeiter von Baku, Lodz, Iwanowo-Wosnessensk traten in den Generalstreik. Immer häufiger kam es zu Zusammenstößen der streikenden Arbeiter und Demonstranten mit den zaristischen Truppen. Solche Zusammenstöße ereigneten sich in einer Reihe von Städten - in Odessa, Warschau, Riga, Lodz und anderen Orten.

Besonders heftigen Charakter nahm der Kampf in der Stadt Lodz an, dem großen Industriezentrum Polens. Die Arbeiter von Lodz errichteten in den Straßen der Stadt Dutzende Barrikaden und führten drei Tage lang (vom 22. bis 24. Juni 1905) Straßenkämpfe gegen die zaristischen Truppen. Die bewaffnete Aktion verschmolz hier mit dem Generalstreik. Lenin betrachtete diese Kämpfe als die erste bewaffnete Aktion der Arbeiterschaft in Russland.

Unter den Sommerstreiks nimmt der Streik der Iwanowo-Wosnessensker Arbeiter einen besonderen Platz ein. Er dauerte von Ende Mai bis Anfang August 1905, das heißt beinahe zweieinhalb Monate. An diesem Streik nahmen ungefähr 70000 Arbeiter teil, darunter viele Frauen. Der Streik wurde vom Nordkomitee der Bolschewiki geleitet. Fast täglich versammelten sich außerhalb der Stadt, am Flusse Talka, Tausende von Arbeitern. Hier, in den Versammlungen, besprachen sie ihre Arbeiternöte. In den Versammlungen der Arbeiter traten Bolschewiki auf. Um den Streik zu unterdrücken, befahlen die zaristischen Behörden den Truppen, die Arbeiter auseinanderzujagen und auf sie zu schießen. Einige Dutzend Arbeiter wurden getötet und einige hundert verwundet. Über die Stadt wurde der Belagerungszustand verhängt. Die Arbeiter hielten sich jedoch standhaft und gingen nicht zur Arbeit. Die Arbeiter und ihre Familien hungerten, aber sie ergaben sich nicht. Erst die äußerste Erschöpfung zwang sie, die Arbeit aufzunehmen. Der Streik stählte die Arbeiter. Er bot ein vorbildliches Beispiel des Mutes, der Standhaftigkeit, Ausdauer und Solidarität der Arbeiterklasse. Er war eine wahre Schule der politischen Erziehung der Iwanowo-Wosnessensker Arbeiter.

Während dieses Streiks schufen die Arbeiter von Iwanowo-Wosnessensk einen Sowjet der Vertrauensmänner, der faktisch einer der ersten Sowjets von Arbeiterdeputierten in Russland war.

Die politischen Streiks der Arbeiter rüttelten das ganze Land auf. Nach der Stadt begann sich das Dorf zu erheben. Im Frühjahr kam es zu Bauernunruhen. In riesigen Haufen zogen die Bauern gegen die Gutsbesitzer, zerstörten deren Gutshöfe, Zuckerfabriken und Branntweinbrennereien, setzten die gutsherrlichen Paläste und Landsitze in Brand. In einer Reihe von Orten nahmen die Bauern Gutsherrnland gewaltsam in Besitz, machten sich an das massenhafte Abholzen der Wälder, forderten die Übergabe der gutsherrlichen Ländereien an das Volk. Die Bauern beschlagnahmten das Getreide und sonstige Vorräte der Gutsbesitzer und verteilten sie an die Hungernden. Die von Schrecken erfassten Gutsbesitzer waren gezwungen, in die Stadt zu flüchten. Die zaristische Regierung entsandte Soldaten und Kosaken zur Niederwerfung der Bauernaufstände. Die Truppen schossen die Bauern nieder, verhafteten die „Rädelsführer“, peitschten und misshandelten sie. Die Bauern jedoch stellten den Kampf nicht ein.

Die Bewegung der Bauern verbreitete sich immer mehr im Zentrum Russlands, im Wolgagebiet, in Transkaukasien, insbesondere in Georgien.

Die Sozialdemokraten drangen immer tiefer in das Dorf ein. Das Zentralkomitee der Partei gab einen Aufruf an die Bauern heraus: „Bauern, euch gilt unser Wort.“ Die sozialdemokratischen Komitees von Twer, Saratow, Poltawa, Tschernigow, Jekaterinoslaw, Tiflis und vieler anderer Gouvernements gaben Aufrufe an die Bauern heraus. Die Sozialdemokraten veranstalteten in den Dörfern Versammlungen, organisierten Bauernzirkel, schufen Bauernkomitees. Im Sommer 1905 kam es in einer Reihe von Orten zu Landarbeiterstreiks, die von den Sozialdemokraten organisiert waren.

Das war jedoch erst der Beginn der Bauernkämpfe. Die Bauernbewegung hatte nur 85 Kreise, das heißt annähernd den siebenten Teil aller Kreise des europäischen Teils des zaristischen Russland erfasst.

Die Arbeiter- und Bauernbewegung und eine Reihe von Niederlagen der russischen Truppen im Russisch-Japanischen Krieg übten ihren Einfluss auf die Armee aus. Diese Stütze des Zarismus geriet ins Wanken.

Im Juni 1905 brach in der Schwarzmeerflotte, auf dem Panzerkreuzer „Potemkin“, ein Aufstand aus. Der Panzerkreuzer lag zu dieser Zeit unweit von Odessa, wo ein Generalstreik der Arbeiter im Gange war, vor Anker. Die aufständischen Matrosen rechneten mit den ihnen am meisten verhassten Offizieren ab und führten den Panzerkreuzer nach Odessa. Der Panzerkreuzer „Potemkin“ ging auf die Seite der Revolution über.

Lenin maß diesem Aufstand gewaltige Bedeutung bei. Er hielt es für notwendig, dass die Bolschewiki diese Bewegung leiten, sie mit der Bewegung der Arbeiter, Bauern und örtlichen Garnisonen verbinden.

Der Zar entsandte Kriegsschiffe gegen den „Potemkin“; die Matrosen dieser Schiffe weigerten sich jedoch, auf ihre aufständischen Kameraden zu schießen. Einige Tage wehte auf dem Panzerkreuzer „Potemkin“ die rote Fahne der Revolution. Damals jedoch, im Jahre 1905, war die Partei der Bolschewiki nicht die einzige Partei, die die Bewegung leitete, wie das später, im Jahre 1917, der Fall war. Auf dem „Potemkin“ gab es nicht wenige Menschewiki, Sozialrevolutionäre und Anarchisten. Deshalb hatte der Aufstand, obwohl einzelne Sozialdemokraten an ihm teilnahmen, keine richtige und genügend erfahrene Leitung. In den entscheidenden Augenblicken begann ein Teil der Matrosen zu schwanken. Die übrigen Schiffe der Schwarzmeerflotte schlossen sich dem aufständischen Panzerkreuzer nicht an. Mangel an Kohle und Lebensmitteln zwang den aufständischen Panzerkreuzer, auf die Küste Rumäniens Kurs zu nehmen und sich den rumänischen Behörden zu ergeben.

Der Aufstand der Matrosen auf dem Panzerkreuzer „Potemkin“ endete mit einer Niederlage. Die Matrosen, die der zaristischen Regierung später in die Hände fielen, wurden vor Gericht gestellt. Ein Teil wurde hingerichtet, ein Teil zu Zwangsarbeit verurteilt. Aber schon die Tatsache des Aufstands hatte außerordentlich große Bedeutung. Der Aufstand auf dem Panzerkreuzer „Potemkin“ war die erste revolutionäre Massenaktion in Armee und Flotte, der erste Übergang einer größeren Einheit der zaristischen Streitkräfte auf die Seite der Revolution. Dieser Aufstand bewirkte es, dass der Gedanke eines Anschlusses der Armee und Flotte an die Arbeiterklasse, an das Volk, den Massen der Arbeiter und Bauern, besonders den Massen der Soldaten und Matrosen selber verständlicher und vertrauter wurde.

Der Übergang der Arbeiter zu politischen Massenstreiks und Demonstrationen, die Verstärkung der Bauernbewegung, die bewaffneten Zusammenstöße des Volkes mit Polizei und Militär, endlich der Aufstand in der Schwarzmeerflotte - alles das zeugte davon, dass die Bedingungen für den bewaffneten Aufstand des Volkes heranreiften. Dieser Umstand bewog die liberale Bourgeoisie, sich ernsthaft aufzuraffen. Die liberale Bourgeoisie, die selbst die Revolution fürchtete und gleichzeitig den Zaren mit der Revolution schreckte, wollte mit dem Zaren ein Kompromiss gegen die Revolution abschließen und forderte kleinere Reformen „für das Volk“, um das Volk „zu beruhigen“, die Kräfte der Revolution zu spalten und dadurch den „Schrecken der Revolution“ vorzubeugen. „Man muss den Bauern Land abtreten, sonst werden sie uns zertreten“, sagten die liberalen Gutsbesitzer. Die liberale Bourgeoisie schickte sich an, mit dem Zaren die Macht zu teilen. „Das Proletariat kämpft, die Bourgeoisie schleicht sich zur Macht“, schrieb Lenin in diesen Tagen über die Taktik der Arbeiterklasse und die Taktik der liberalen Bourgeoisie.

Die zaristische Regierung fuhr fort, die Arbeiter und Bauern mit wilder Grausamkeit zu unterdrücken. Sie musste jedoch einsehen, dass man mit Gewaltmaßnahmen allein der Revolution unmöglich Herr werden kann. Deshalb nahm sie außer zu Gewaltmaßnahmen zur Politik des Lavierens ihre Zuflucht. Einerseits hetzte sie mit Hilfe ihrer Provokateure die Völker Russlands gegeneinander, organisierte Judenpogrome und armenisch-tatarische Massaker. Anderseits versprach sie, eine „Vertretungskörperschaft“ in Gestalt eines Semski Sobor [Semski Sobor - Versammlung der Ständevertreter in Russland, die im 16. und 17. Jahrhundert von Zeit zu Zeit zu Beratungen mit der Regierung einberufen wurde. Der Übers.] oder einer Reichsduma einzuberufen, und beauftragte den Minister Bulygin, den Entwurf für eine solche Duma auszuarbeiten, jedoch mit dem Vorbehalt, dass diese Duma keine gesetzgeberischen Rechte erhalte. Alle diese Maßnahmen wurden ergriffen, um die Kräfte der Revolution zu spalten und die gemäßigten Volksschichten von der Revolution loszureißen.

Die Bolschewiki erklärten der Bulyginschen Duma den Boykott und stellten sich das Ziel, diese Karikatur einer Volksvertretung zu vereiteln.

Die Menschewiki beschlossen im Gegenteil, die Duma nicht zu vereiteln, und hielten es für notwendig, sich an ihr zu beteiligen.

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