GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL III
Menschewiki und Bolschewiki in der Periode des Russisch- Japanischen Krieges und der ersten russischen Revolution
(1904-1907)

3
Die taktischen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Bolschewiki und Menschewiki
Der III. Parteitag
Das Buch Lenin s „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“
Die taktischen Grundlagen der marxistischen Partei

Die Revolution brachte alle Klassen der Gesellschaft in Bewegung. Der Umschwung im politischen Leben des Landes, den die Revolution hervorgerufen hatte, drängte sie aus den alten, herkömmlichen Positionen und veranlasste sie, sich der neuen Situation entsprechend umzugruppieren. Jede Klasse, jede Partei bemühte sich, ihre Taktik, die Linie ihres Verhaltens, ihre Stellung zu den anderen Klassen, ihr Verhältnis zur Regierung auszuarbeiten. Selbst die zaristische Regierung sah sich gezwungen, eine eigene, für sie ungewohnte, neue Taktik auszuarbeiten, die in dem Versprechen bestand, eine „Vertretungskörperschaft“, die Bulyginsche Duma, einzuberufen.

Auch die Sozialdemokratische Partei musste ihre Taktik ausarbeiten. Das erforderte der herannahende Aufschwung der Revolution. Das erforderten die unaufschiebbaren praktischen Fragen, vor die sich das Proletariat gestellt sah: die Frage der Organisierung des bewaffneten Aufstandes, des Sturzes der zaristischen Regierung, die Frage der Schaffung einer provisorischen revolutionären Regierung, der Teilnahme der Sozialdemokratie an dieser Regierung, die Frage des Verhältnisses zur Bauernschaft, des Verhältnisses zur liberalen Bourgeoisie usw. Es war notwendig, eine einheitliche und durchdachte marxistische Taktik der Sozialdemokratie auszuarbeiten.

Infolge des Opportunismus und der Spaltungstätigkeit der Menschewiki war jedoch die Sozialdemokratie Russlands zu dieser Zeit in zwei Fraktionen gespalten. Die Spaltung konnte noch nicht als vollständig angesehen werden, und diese zwei Fraktionen waren formell noch nicht zwei verschiedene Parteien, in Wirklichkeit aber erinnerten sie sehr an zwei verschiedene Parteien, die ihre eigenen Zentren, ihre eigenen Zeitungen hatten.

Die Vertiefung der Spaltung wurde durch den Umstand gefördert, dass die Menschewiki ihren alten Meinungsverschiedenheiten mit der Mehrheit der Partei in organisatorischenFragen neue Meinungsverschiedenheiten hinzufügten - Meinungsverschiedenheiten in taktischenFragen.

Das Fehlen einer einheitlichen Partei hatte das Fehlen einer einheitlichen Parteitaktik zur Folge.

Ein Ausweg aus dieser Lage wäre zu finden gewesen, wenn der nächste, der III. Parteitag unverzüglich einberufen, auf dem Parteitag eine einheitliche Taktik festgelegt und die Minderheit verpflichtet worden wäre, die Beschlüsse des Parteitags ehrlich durchzuführen, sich den Beschlüssen der Mehrheit des Parteitags zu fügen. Eben diesen Ausweg schlugen die Bolschewiki den Menschewiki auch vor. Aber die Menschewiki wollten vom III. Parteitag nicht einmal hören. Da die Bolschewiki es als ein Verbrechen ansahen, die Partei weiterhin ohne eine von der Partei gebilligte und alle Parteimitglieder bindende Taktik zu lassen, beschlossen sie, die Initiative zur Einberufung des III. Parteitags selbst zu ergreifen.

Zum Parteitag wurden alle Organisationen der Partei, sowohl die bolschewistischen als auch die menschewistischen, eingeladen. Die Menschewiki lehnten jedoch die Teilnahme am III. Parteitag ab und beschlossen, ihren eigenen Parteitag einzuberufen. Sie bezeichneten ihren Parteitag als Konferenz, da sich herausstellte, dass sie nur wenige Delegierte hatten; tatsächlich jedoch war dies ein Parteitag der Menschewiki, dessen Beschlüsse für alle Menschewiki als bindend angesehen wurden.

Der III. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands wurde im April 1905 nach London einberufen. Zum Parteitag trafen 24 Delegierte von 20 bolschewistischen Komitees ein. Alle größeren Organisationen der Partei waren vertreten.

Der Parteitag verurteilte die Menschewiki als „Teil der Partei, der sich abgespalten hat“, und ging zur Tagesordnung, zur Ausarbeitung der Parteitaktik über.

Gleichzeitig mit dem Parteitag versammelte sich in Genf die Konferenz der Menschewiki.

„Zwei Parteitage - zwei Parteien“, so kennzeichnete Lenin die Lage.

Sowohl der Parteitag wie die Konferenz erörterten im Grunde genommen die gleichen taktischen Fragen, aber die Beschlüsse, die zu diesen Fragen angenommen wurden, trugen direkt entgegengesetzten Charakter. Die zwei verschiedenartigen Gruppen von Resolutionen, die auf dem Parteitag und der Konferenz angenommen wurden, deckten die ganze Tiefe der taktischen Meinungsverschiedenheiten zwischen dem III. Parteitag und der Konferenz der Menschewiki, zwischen den Bolschewiki und Menschewiki, auf.

Hier die grundlegenden Punkte dieser Meinungsverschiedenheiten:

Die taktische Linie des III. Parteitags. Der Parteitag war der Auffassung, dass trotz des bürgerlich-demokratischen Charakters der vor sich gehenden Revolution, trotz des Umstandes, dass sie im gegebenen Moment nicht über den Rahmen des unter dem Kapitalismus Möglichen hinausgehen könne, vor allem das Proletariat an ihrem vollen Siege interessiert ist, denn der Sieg dieser Revolution gäbe dem Proletariat die Möglichkeit, sich zu organisieren, sich politisch aufzurichten, Erfahrung und Übung in der politischen Führung der werktätigen Massen zu erwerben und von der bürgerlichen Revolution zur sozialistischen Revolution überzugehen.

Die auf den vollen Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution abzielende Taktik des Proletariats kann nur von der Bauernschaft unterstützt werden, da diese ohne den vollen Sieg der Revolution mit den Gutsbesitzern nicht fertig werden und das Gutsbesitzerland nicht erhalten kann. Die Bauernschaft ist daher der natürliche Verbündete des Proletariats.

Die liberale Bourgeoisie ist an dem vollen Sieg dieser Revolution nicht interessiert, da sie die zaristische Macht als Knute gegen die Arbeiter und Bauern braucht, die sie am meisten fürchtet. Sie wird daher bestrebt sein, die zaristische Macht zu erhalten und sie in ihren Rechten nur etwas einzuschränken. Deshalb wird die liberale Bourgeoisie danach trachten, die Sache durch ein Kompromiss mit dem Zaren auf der Basis einer konstitutionellen Monarchie zum Abschluss zu bringen.

Die Revolution wird nur dann siegen, wenn das Proletariat an ihre Spitze tritt; wenn das Proletariat als Führer der Revolution es versteht, das Bündnis mit der Bauernschaft zu sichern; wenn die liberale Bourgeoisie isoliert wird; wenn die Sozialdemokratie an der Organisierung des Volksaufstands gegen den Zarismus aktiv Anteil nimmt; wenn infolge des siegreichen Aufstandes eine provisorische revolutionäre Regierung gebildet wird, die fähig ist, die Konterrevolution mit Stumpf und Stiel auszurotten und eine vom gesamten Volk getragene Konstituierende Versammlung einzuberufen; wenn die Sozialdemokratie nicht darauf verzichtet, beim Vorliegen günstiger Bedingungen an der provisorischen revolutionären Regierung teilzunehmen, um die Revolution zu Ende zu führen.

Die taktische Linie der Konferenz der Menschewiki. Da die Revolution eine bürgerliche ist, so könne nur die liberale Bourgeoisie Führer der Revolution sein. Nicht an die Bauernschaft, sondern an die liberale Bourgeoisie solle das Proletariat Annäherung suchen. Das wichtigste sei hier - die liberale Bourgeoisie nicht durch eine revolutionäre Haltung abzuschrecken und ihr keinen Anlass zu geben, von der Revolution abzuschwenken; denn wenn sie von der Revolution abschwenkt, werde die Revolution geschwächt.

Es sei möglich, dass der Aufstand siegt; die Sozialdemokratie jedoch müsse nach dem Sieg das Feld räumen, um die liberale Bourgeoisie nicht abzuschrecken. Es sei möglich, dass infolge des Aufstandes eine provisorische revolutionäre Regierung gebildet werde, die Sozialdemokratie aber dürfe auf keinen Fall an ihr teilnehmen, da diese Regierung ihrem Charakter nach keine sozialistische sein werde, und, was die Hauptsache ist, durch die Teilnahme an ihr und durch ihre revolutionäre Haltung könne die Sozialdemokratie die liberale Bourgeoisie abschrecken und damit die Revolution vereiteln.

Vom Standpunkt der Perspektiven der Revolution sei es besser, wenn irgendeine Vertretungskörperschaft in der Art eines Semski Sobor oder einer Reichsduma einberufen würde, die von außen her unter den Druck der Arbeiterklasse gesetzt werden könnte, um sie in eine Konstituierende Versammlung zu verwandeln oder sie dahin zu drängen, eine Konstituierende Versammlung einzuberufen.

Das Proletariat habe seine besonderen, rein proletarischen Interessen und solle eben diesen Interessen nachgehen, aber nicht versuchen, Führer der bürgerlichen Revolution zu werden, die eine allgemeine politische Revolution sei und daher alle Klassen, nicht nur das Proletariat, angehe.

Dies waren, kurz gesagt, die zwei Taktiken der zwei Fraktionen der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands.

Eine klassische Kritik an der Taktik der Menschewiki und eine geniale Begründung der bolschewistischen Taktik hat Lenin in seinem historisch gewordenen Buch „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ gegeben.

Diese Arbeit erschien im Juli 1905, das heißt zwei Monate nach dem III. Parteitag. Urteilt man nach dem Titel des Buches, so könnte man glauben, dass Lenin darin die Fragen der Taktik nur der Periode der bürgerlich-demokratischen Revolution behandle und nur die russischen Menschewiki im Auge habe. In Wirklichkeit entlarvte er in seiner Kritik der Taktik der Menschewiki zugleich die Taktik des internationalen Opportunismus; in der Begründung der Taktik der Marxisten in der Periode der bürgerlichen Revolution und in der Herausarbeitung des Unterschiedes zwischen der bürgerlichen Revolution und der sozialistischen Revolution aber formulierte er gleichzeitig die Grundlagen der marxistischen Taktik in der Periode des Übergangs von der bürgerlichen Revolution zur sozialistischen Revolution.

Hier die grundlegenden taktischen Leitsätze, die Lenin in seiner Schrift „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ entwickelt hat:

1. Der grundlegende taktische Leitsatz, der das Buch Lenin s durchdringt, ist der Gedanke, dass das Proletariat der Führer der bürgerlich-demokratischen Revolution, der Leiter der bürgerlich-demokratischen Revolution in Russland sein kann und muss.

Lenin anerkannte den bürgerlichen Charakter dieser Revolution, da sie, wie er betonte, „nicht fähig ist, unmittelbar über den Rahmen eines bloß demokratischen Umsturzes hinauszugehen“. Er war aber der Auffassung, dass sie nicht eine Revolution von oben, sondern eine Volksrevolution ist, die das gesamte Volk, die gesamte Arbeiterklasse, die gesamte Bauernschaft in Bewegung bringt. Deshalb betrachtete Lenin die Versuche der Menschewiki, die Bedeutung der bürgerlichen Revolution für das Proletariat herabzumindern, die Rolle des Proletariats in ihr zu verkleinern und das Proletariat von ihr fernzuhalten, als Verrat an den Interessen des Proletariats.

„Der Marxismus“, schrieb Lenin , „lehrt den Proletarier nicht, sich von der bürgerlichen Revolution fernzuhalten, auf die Teilnahme an ihr zu verzichten, die Führung in ihr der Bourgeoisie zu überlassen, sondern im Gegenteil, er lehrt die energischste Teilnahme, den entschiedensten Kampf für einen konsequenten proletarischen Demokratismus, für die Durchführung der Revolution bis zu Ende.“ ( Lenin , Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, Dietz Verlag, Berlin 1946, 3. Aufl., S. 46.)

„Wir dürfen nicht vergessen“, schrieb Lenin weiter, „dass es in der gegenwärtigen Zeit ein anderes Mittel weder gibt noch geben kann, um den Sozialismus näher zu bringen, als die volle politische Freiheit, als die demokratische Republik.“ (Ebenda, S.108.)

Lenin sah zwei Möglichkeiten des Ausgangs der Revolution voraus:

a) entweder endet sie mit einem entscheidenden Sieg über den Zarismus, mit dem Sturz des Zarismus und der Errichtung der demokratischen Republik;

b) oder, falls die Kräfte nicht reichen, so kann sie mit einem Kompromiss des Zaren mit der Bourgeoisie auf Kosten des Volkes enden, mit irgendeiner kümmerlichen Konstitution, am ehesten mit der Karikatur selbst einer solchen Konstitution.

Das Proletariat ist an dem besten Ausgang der Revolution, das heißt an einem entscheidenden Sieg über den Zarismus interessiert. Aber ein solcher Ausgang ist nur dann möglich, wenn das Proletariat es versteht, Führer, Leiter der Revolution zu werden.

„Der Ausgang der Revolution“, schrieb Lenin , „hängt davon ab, ob die Arbeiterklasse die Rolle eines Handlangers der Bourgeoisie, der zwar in seiner Stoßkraft gegen die Selbstherrschaft mächtig, politisch jedoch ohnmächtig ist, oder aber die Rolle des Führers der Volksrevolution spielen wird.“ (Ebenda, S.11.)

Lenin war der Auffassung, dass das Proletariat alle Möglichkeiten hat, sich von dem Los eines Handlangers der Bourgeoisie frei zu machen und Führer der bürgerlich-demokratischen Revolution zu werden. Diese Möglichkeiten bestehen nach Lenin in folgendem:

Erstens ist „das Proletariat, das seiner Stellung nach die fortgeschrittenste und einzig konsequent-revolutionäre Klasse darstellt, eben dadurch berufen, die führende Rolle in der allgemein-demokratischen revolutionären Bewegung Russlands zu spielen“. (Ebenda, S.69.)

Zweitens hat das Proletariat seine eigene, von der Bourgeoisie unabhängige politische Partei, die ihm die Möglichkeit gibt, sich „zu einer einheitlichen und selbständigen politischen Kraft“ zusammenzuschließen. (Ebenda, S.69.)

Drittens ist das Proletariat an einem entscheidenden Siege der Revolution mehr interessiert als die Bourgeoisie, weshalb „in einem gewissen Sinne die bürgerliche Revolution für das Proletariat vorteilhafter ist als für die Bourgeoisie“. (Ebenda, S.44.)

„Für die Bourgeoisie ist es vorteilhaft“, schrieb Lenin , „sich gegen das Proletariat auf einige Überreste der alten Zeit zu stützen, zum Beispiel auf die Monarchie, auf das stehende Heer und dgl. Für die Bourgeoisie ist es vorteilhaft, dass die bürgerliche Revolution nicht gar zu entschieden mit allen Überresten der alten Zeit aufräumt, sondern einige von ihnen bestehen lässt, das heißt, dass diese Revolution nicht völlig konsequent ist, nicht bis zu Ende geht, dass sie nicht entschieden und schonungslos ist … Für die Bourgeoisie ist es vorteilhafter, dass sich die notwendigen Umgestaltungen in bürgerlich-demokratischer Richtung langsamer, allmählicher, vorsichtiger, unentschiedener, auf dem Wege von Reformen und nicht auf dem Wege der Revolution vollziehen …, dass diese Umgestaltungen die revolutionäre Selbsttätigkeit, Initiative und Energie des einfachen Volkes, das heißt der Bauernschaft und besonders der Arbeiter, möglichst wenig entwickeln. Denn sonst wird es den Arbeitern um so leichter, ‚das Gewehr von einer Schulter auf die andere zu legen’, wie die Franzosen sagen, das heißt die Waffen, mit denen die bürgerliche Revolution sie ausrüstet, jene Freiheit, die sie ihnen gibt, und jene demokratischen Institutionen, die auf dem von der Leibeigenschaft gesäuberten Boden entstehen werden, gegen die Bourgeoisie selbst zu richten. Umgekehrt ist es für die Arbeiterklasse vorteilhafter, dass sich die notwendigen Umgestaltungen in bürgerlich-demokratischer Richtung eben nicht auf dem Wege der Reformen, sondern auf revolutionärem Wege vollziehen, denn der Weg der Reformen ist ein Weg der Verschleppung, der Amtsschimmelei, des qualvoll langsamen Absterbens der faulenden Teile des Volksorganismus. Unter dieser Fäulnis leiden zuerst und zumeist das Proletariat und die Bauernschaft. Der revolutionäre Weg ist der Weg der raschen, für das Proletariat am wenigsten schmerzhaften Operation; er ist der Weg der direkten Entfernung der faulenden Teile, der Weg der geringsten Nachgiebigkeit und Nachsicht gegenüber der Monarchie und den ihr entsprechenden abscheulichen und widerlichen, faulen und mit ihrer Fäulnis die Luft verpestenden Institutionen.“ ( Lenin , Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, S. 44/45.)

„Deshalb eben“, führte Lenin weiter aus, „kämpft das Proletariat in den vordersten Reihen für die Republik und weist mit Verachtung die dummen und seiner unwürdigen Ratschläge zurück, darauf Rücksicht zu nehmen, dass die Bourgeoisie möglicherweise abschwenkt.“ (Ebenda, S.95.)

Damit die Möglichkeiten der proletarischen Führung der Revolution zur Wirklichkeit werden, damit das Proletariat in der Tat zum Führer, zum Leiter der bürgerlichen Revolution werde, dazu sind nach Lenin mindestens zwei Bedingungen notwendig.

Dazu ist erstens notwendig, dass das Proletariat einen Verbündeten hat, der an einem entscheidenden Sieg über den Zarismus interessiert ist und dafür gewonnen werden kann, die Führung des Proletariats anzunehmen. Dies erforderte schon die Idee der Führung, denn der Leiter hört auf, Leiter zu sein, wenn es keine Geleiteten gibt, der Führer hört auf, Führer zu sein, wenn es keine Geführten gibt. Als solchen Verbündeten sah Lenin die Bauernschaft an.

Dazu ist zweitens notwendig, dass die Klasse, die mit dem Proletariat um die Führung der Revolution kämpft und danach strebt, selbst der einzige Führer der Revolution zu werden, von der Führerstelle verdrängt und isoliert werde. Auch dies erforderte schon die Idee der Führung, die die Möglichkeit, zwei Führer der Revolution zuzulassen, ausschließt. Als solche Klasse betrachtete Lenin die liberale Bourgeoisie.

„Ein konsequenter Kämpfer für die Demokratie“, schrieb Lenin , „kann nur das Proletariat sein. Ein siegreicher Kämpfer für den Demokratismus kann das Proletariat nur unter der Bedingung werden, dass sich die Masse der Bauernschaft seinem revolutionären Kampfe anschließt.“ (Ebenda, S.55.)

Und weiter:

„Die Bauernschaft umfasst eine Masse halbproletarischer Elemente neben kleinbürgerlichen Elementen. Dieser Umstand macht auch die Bauernschaft unbeständig, so dass das Proletariat genötigt wird, sich zu einer streng klassenmäßigen Partei zusammenzuschließen. Aber die Unbeständigkeit der Bauernschaft ist von der Unbeständigkeit der Bourgeoisie grundverschieden, denn die Bauernschaft ist im gegebenen Augenblick nicht so sehr an dem unbedingten Schutz des Privateigentums, als vielmehr an der Enteignung des Gutsbesitzerlandes, einer der Hauptformen des Privateigentums, interessiert. Ohne dadurch sozialistisch zu werden, ohne aufzuhören, kleinbürgerlich zu sein, ist die Bauernschaft fähig, zum völligen und radikalsten Anhänger der demokratischen Revolution zu werden. Die Bauernschaft wird unweigerlich ein solcher Anhänger der Revolution werden, wenn nur der sie aufklärende Gang der revolutionären Ereignisse nicht durch den Verrat der Bourgeoisie und die Niederlage des Proletariats allzu früh unterbrochen wird. Die Bauernschaft wird unter der aufgezeigten Bedingung unweigerlich zur Stütze der Revolution und der Republik werden, denn einzig die zum vollen Sieg gelangte Revolution wird der Bauernschaft auf dem Gebiete der Agrarreformen alles zu bieten vermögen: alles das, was die Bauernschaft will, was sie erträumt, was tatsächlich für sie notwendig ist.“ (Ebenda, S. 95/96.)

In der Auseinandersetzung mit den Einwendungen der Menschewiki, die behaupteten, eine solche Taktik der Bolschewiki werde „die bürgerlichen Klassen veranlassen, von der Sache der Revolution abzuschwenken und dadurch deren Schwung abschwächen“, charakterisierte Lenin diese Einwendungen als „Taktik des Verrats an der Revolution“, als „Taktik der Verwandlung des Proletariats in ein klägliches Anhängsel der bürgerlichen Klassen“ und schrieb :

„Wer die Rolle der Bauernschaft in der siegreichen russischen Revolution wirklich versteht, der könnte unmöglich davon reden, dass der Schwung der Revolution sich abschwächt, wenn die Bourgeoisie von ihr abschwenkt. Denn in Wirklichkeit wird der wahre Schwung der russischen Revolution erst dann einsetzen, wird der wirklich höchste revolutionäre Schwung, der in der Epoche der bürgerlich-demokratischen Umwälzung möglich ist, erst dann vorhanden sein, wenn die Bourgeoisie abschwenken und die Masse der Bauernschaft an der Seite des Proletariats als aktiver Revolutionär auftreten wird. Damit unsere demokratische Revolution konsequent zu Ende geführt werde, muss sie sich auf solche Kräfte stützen, die fähig sind, die unvermeidliche Inkonsequenz der Bourgeoisie zu paralysieren, das heißt fähig sind, sie eben zu ‚veranlassen, abzuschwenken’.“ ( Lenin , Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, S. 97.)

Das ist der grundlegende taktische Leitsatz über das Proletariat als Führer der bürgerlichen Revolution, der grundlegende taktische Leitsatz über die Hegemonie (führende Rolle) des Proletariats in der bürgerlichen Revolution, den Lenin in seinem Werke „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ entwickelt hat.

Das war eine neue Einstellung der marxistischen Partei zu den Fragen der Taktik in der bürgerlich-demokratischen Revolution, die sich tiefgehend von den taktischen Einstellungen unterschied, die bis dahin im marxistischen Arsenal existierten. Bis dahin lief die Sache darauf hinaus, dass in den bürgerlichen Revolutionen, zum Beispiel im Westen, der Bourgeoisie die führende Rolle verblieb, das Proletariat, mochte es wollen oder nicht, die Rolle ihres Handlangers spielte, die Bauernschaft aber die Reserve der Bourgeoisie bildete. Die Marxisten hielten eine solche Kombination für mehr oder minder unvermeidlich, machten jedoch gleich hier den Vorbehalt, dass das Proletariat dabei nach Möglichkeit seine unmittelbaren Klassenforderungen verteidigen und seine eigene politische Partei haben muss. Jetzt, unter den neuen historischen Verhältnissen, nahmen nach Lenin s Einstellung die Dinge eine solche Wendung, dass das Proletariat zur führenden Kraft der bürgerlichen Revolution wurde, dass die Bourgeoisie von der Führung der Revolution abgedrängt wurde und die Bauernschaft sich in die Reserve des Proletariats verwandelte.

Das Gerede darüber, dass für die Hegemonie des Proletariats Plechanow „ebenfalls eintrat“, beruht auf einem Missverständnis. Plechanow liebäugelte mit der Idee der Hegemonie des Proletariats und war nicht abgeneigt, sie in Worten anzuerkennen - das stimmt -, aber in Wirklichkeit trat er gegen das Wesen dieser Idee auf. Die Hegemonie des Proletariats bedeutet die führende Rolle des Proletariats in der bürgerlichen Revolution bei einer Politik des Bündnisses des Proletariats mit der Bauernschaft, bei einer Politik der Isolierung der liberalen Bourgeoisie, während Plechanow bekanntlich gegen die Politik der Isolierung der liberalen Bourgeoisie, für eine Politik der Verständigung mit der liberalen Bourgeoisie, gegen die Politik des Bündnisses des Proletariats mit der Bauernschaft war. In Wirklichkeit war die taktische Stellungnahme Plechanows die menschewistische Stellungnahme der Verneinung der Hegemonie des Proletariats.

2. Das wichtigste Mittel zum Sturze des Zarismus und zur Eroberung der demokratischen Republik sah Lenin im siegreichen bewaffneten Aufstand des Volkes. Im Gegensatz zu den Menschewiki war Lenin der Auffassung, „dass die allgemeindemokratische revolutionäre Bewegung dieNotwendigkeit des bewaffneten Aufstandes schonherbeigeführt hat“, dass „die Organisierung des Proletariats für den Aufstand“ schon „als eine der wesentlichen, hauptsächlichen und notwendigen Aufgaben der Partei auf die Tagesordnung gesetzt“ ist, dass es notwendig ist, „die energischsten Maßnahmen zur Bewaffnung des Proletariats und zur Sicherung der Möglichkeit einer unmittelbaren Leitung des Aufstandes zu treffen“ (ebenda, S.69).

Um die Massen an den Aufstand heranzuführen und ihn zu einem Aufstand des gesamten Volkes zu machen, hielt Lenin es für notwendig, solche Losungen, solche Aufrufe an die Massen herauszugeben, die geeignet wären, die revolutionäre Initiative der Massen zu entfesseln, sie für den Aufstand zu organisieren und den Machtapparat des Zarismus zu desorganisieren. Als solche Losungen betrachtete er die taktischen Beschlüsse des III. Parteitags, deren Verfechtung das Buch Lenin s „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ gewidmet ist.

Als solche Losungen betrachtete er:

a) die Anwendung von „politischen Massenstreiks, die bei Beginn und im Verlauf des Aufstandes große Bedeutung haben können“ ( Lenin , Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, S.69);

b) die Organisierung der „sofortigen, auf revolutionärem Wege erfolgenden Verwirklichung des achtstündigen Arbeitstages und der anderen auf der Tagesordnung stehenden Forderungen der Arbeiter-klasse“ (ebenda, S. 30) ;

c) „die sofortige Organisierung von revolutionären Bauernkomitees zur“ - auf revolutionärem Wege erfolgenden - „Durchführung aller demokratischen Umgestaltungen“ bis zur Konfiskation der Gutsbesitzerländereien (ebenda, S.87);

d) die Bewaffnung der Arbeiter.

Hier sind zwei Momente besonders interessant:

Erstens die Taktik der revolutionären Verwirklichung des achtstündigen Arbeitstages in der Stadt und der demokratischen Umgestaltungen auf dem Lande, das heißt eine Verwirklichung, die mit den Behörden nicht rechnet, auf das Gesetz keine Rücksicht nimmt, die sowohl die Behörden wie die Gesetzlichkeit ignoriert, die bestehenden Gesetze bricht und eigenmächtig, durch Schaffung vollendeter Tatsachen, neue Zustände herbeiführt. Das war ein neues taktisches Mittel, dessen Anwendung den Machtapparat des Zarismus lähmte, die Aktivität und schöpferische Initiative der Massen auslöste. Auf der Grundlage dieser Taktik erwuchsen die revolutionären Streikkomitees in der Stadt und die revolutionären Bauernkomitees auf dem Lande, von denen sich die ersteren dann zu Sowjets der Arbeiterdeputierten und die letzteren zu Sowjets der Bauerndeputierten entwickelten.

Zweitens die Anwendung von politischen Massenstreiks, die Anwendung von politischen Generalstreiks, die dann im Verlauf der Revolution bei der revolutionären Mobilisierung der Massen eine überragende Rolle spielten. Das war eine neue, sehr wichtige Waffe in den Händen des Proletariats, die bis dahin in der Praxis der marxistischen Parteien unbekannt war und sich später Bürgerrecht erworben hat.

Lenin war der Auffassung, dass in der Folge eines siegreichen Volksaufstands die zaristische Regierung durch eine provisorische revolutionäre Regierung ersetzt werden soll. Die Aufgaben der provisorischen revolutionären Regierung bestehen darin, die Errungenschaften der Revolution zu verankern, den Widerstand der Konterrevolution zu unterdrücken und das Minimalprogramm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands zu verwirklichen. Lenin war der Auffassung, dass ohne Verwirklichung dieser Aufgaben ein entscheidender Sieg über den Zarismus unmöglich war. Um aber diese Aufgaben zu verwirklichen und über den Zarismus einen entscheidenden Sieg zu erringen, darf die provisorische revolutionäre Regierung keine gewöhnliche Regierung sein, sondern muss eine Regierung der Diktatur der siegreichen Klassen, der Arbeiter und Bauern, sie muss die revolutionäre Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft sein. Unter Hinweis auf die bekannte These von Marx: „Jede provisorische Staatsordnung nach einer Revolution erfordert eine Diktatur, und zwar eine energische Diktatur“, kam Lenin zu dem Schluss, dass die provisorische revolutionäre Regierung, will sie den entscheidenden Sieg über den Zarismus sichern, nichts anderes sein kann als die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft.

„Ein entscheidender Sieg der Revolution über den Zarismus“, schrieb Lenin , „ist die revolutionär-demokratische Diktaturdes Proletariats und der Bauernschaft ... Und ein solcher Sieg wird eben eine Diktatur sein, das heißt, er wird sich unweigerlich auf militärische Gewalt, auf die Bewaffnung der Masse, auf den Aufstand stützen müssen, nicht aber auf diese oder jene auf ,legalem’, ,friedlichem’ Wege geschaffenen Institutionen. Das kann nur die Diktatur sein, denn die Verwirklichung der für das Proletariat und die Bauernschaft unverzüglich und unabweislich notwendigen Umgestaltungen wird den verzweifelten Widerstand sowohl der Gutsbesitzer als auch der Großbourgeoisie und des Zarismus hervorrufen. Ohne Diktatur diesen Widerstand zu brechen, die konterrevolutionären Anschläge abzuwehren, ist unmöglich. Doch wird das selbstverständlich keine sozialistische, sondern eine demokratische Diktatur sein. Sie wird nicht imstande sein (ohne eine ganze Reihe Zwischenstufen der revolutionären Entwicklung), die Grundlagen des Kapitalismus anzutasten. Sie wird im besten Fall imstande sein, eine radikale Neuverteilung des Grundeigentums zugunsten der Bauernschaft vorzunehmen, einen konsequenten und vollen Demokratismus bis zur Errichtung der Republik durchzuführen, alle asiatischen Wesenszüge und Knechtschaftsverhältnisse im Leben nicht nur des Dorfes, sondern auch der Fabrik auszumerzen und für eine ernstliche Verbesserung der Lage der Arbeiter, für die Hebung ihrer Lebenshaltung den Grund zu legen, und schließlich - das Letzte der Stelle, aber nicht der Bedeutung nach - die Flamme der Revolution nach Europa zu tragen. Ein solcher Sieg wird aus unserer bürgerlichen Revolution noch keineswegs eine sozialistische machen; die demokratische Umwälzung wird aus dem Rahmen der bürgerlichen gesellschaftlich-ökonomischen Beziehungen nicht unmittelbar hinaustreten; aber nichtsdestoweniger wird die Bedeutung eines solchen Sieges für die künftige Entwicklung sowohl Russlands als auch der ganzen Welt gigantisch sein. Nichts wird die revolutionäre Energie des Weltproletariats so sehr steigern, nichts wird den Weg, der zu seinem vollen Siege führt, so sehr abkürzen wie dieser entscheidende Sieg der in Russland begonnenen Revolution.“ ( Lenin , Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, S. 51/52.)

Was die Stellung der Sozialdemokratie zur provisorischen revolutionären Regierung und die Zulässigkeit der Teilnahme der Sozialdemokratie an ihr betrifft, so verfocht Lenin in vollem Umfang die entsprechende Resolution des III. Parteitags. Sie lautet:

„Je nach dem Kräfteverhältnis und den anderen Faktoren, die im voraus nicht genau bestimmt werden können, ist die Teilnahme von Bevollmächtigten unserer Partei an der provisorischen revolutionären Regierung zwecks schonungsloser Bekämpfung aller konterrevolutionären Anschläge und zwecks Wahrung der selbständigen Interessen der Arbeiterklasse zulässig; die unerlässliche Vorbedingung für eine solche Teilnahme ist eine strenge Kontrolle der Partei über ihre Bevollmächtigten und die unentwegte Wahrung der Unabhängigkeit der Sozialdemokratie, die die volle sozialistische Umwälzung anstrebt und insoweit allen bürgerlichen Parteien in unversöhnlicher Feindschaft gegenübersteht; unabhängig davon, ob die Teilnahme der Sozialdemokratie an der provisorischen revolutionären Regierung möglich sein wird oder nicht, muss in den weitesten Schichten des Proletariats Propaganda gemacht werden für die Idee von der Notwendigkeit eines ständigen Drucks auf die provisorische Regierung durch das bewaffnete und von der Sozialdemokratie geführte Proletariat, zum Zwecke der Verteidigung, Festigung und Erweiterung der revolutionären Errungenschaften.“ (Ebenda, S.16.)

Die Einwendungen der Menschewiki, dass die provisorische Regierung doch eine bürgerliche Regierung sein werde, dass die Teilnahme der Sozialdemokraten an einer solchen Regierung nicht zugelassen werden dürfe, wenn man nicht denselben Fehler begehen wolle, den der französische Sozialist Millerand beging, der an einer französischen bürgerlichen Regierung teilnahm, entkräftete Lenin mit dem Hinweis darauf, dass die Menschewiki hier zwei verschiedene Dinge durcheinander bringen und ihre Unfähigkeit zeigen, an die Frage marxistisch heranzugehen: in Frankreich handelte es sich um die Teilnahme von Sozialisten an einer reaktionären bürgerlichen Regierung in einer Periode, da es im Lande keinerevolutionäre Situation gab, und das verpflichtete die Sozialisten, an einer solchen Regierung nicht teilzunehmen; in Russland aber geht es um die Teilnahme der Sozialisten an einer revolutionären bürgerlichen Regierung, die für den Sieg der Revolution in einer Periode kämpft, da die Revolution vollentbranntist - ein Umstand, der die Teilnahme der Sozialdemokraten an einer solchen Regierung zulässig und bei günstigen Bedingungen zurPflicht macht, um die Konterrevolution nicht nur „von unten“, von außen, sondern auch „von oben“ zu schlagen, aus der Mitte der Regierung heraus.

3. In seinem Kampfe für den Sieg der bürgerlichen Revolution und für die Erringung der demokratischen Republik dachte Lenin keineswegs daran, in der demokratischen Etappe stehen zu bleiben und den Schwung der revolutionären Bewegung auf die Erfüllung bürgerlich-demokratischer Aufgaben zu beschränken. Im Gegenteil: Lenin war der Auffassung, dass gleich nach Erfüllung der demokratischen Aufgaben der Kampf des Proletariats und der anderen ausgebeuteten Massen nunmehr für die sozialistische Revolution werde beginnen müssen. Lenin wusste das und hielt es für die Pflicht der Sozialdemokratie, alle Maßnahmen zu ergreifen, damit die bürgerlich-demokratische Revolution in die sozialistische Revolution hinüberzuwachsen beginne. Die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft war nach Lenin nötig, nicht um nach vollbrachtem Sieg der Revolution über den Zarismus die Revolution damit zu beenden, sondern um den Revolutionszustand soweit als möglich zu verlängern, um die Reste der Konterrevolution bis auf den Grund zu vernichten, um die Flamme der Revolution nach Europa hinüberzuschleudern und - nachdem die Revolution dem Proletariat die Möglichkeit gegeben hat, sich während dieser Zeit politisch zu schulen und sich zu einer großen Armee zu organisieren - den direkten Übergang zur sozialistischen Revolution zu beginnen.

Bei der Erörterung der Frage über den Schwung der bürgerlichen Revolution und über den Charakter, den die marxistische Partei diesem Schwung geben soll, schrieb Lenin :

„Das Proletariat muss die demokratische Umwälzung zu Ende führen, indem es die Masse der Bauernschaft an sich heranzieht, um den Widerstand des Absolutismus mit Gewalt zu brechen und die schwankende Haltung der Bourgeoisie zu paralysieren. Das Proletariat muss die sozialistische Umwälzung vollbringen, indem es die Masse der halbproletarischen Elemente der Bevölkerung an sich heranzieht, um den Widerstand der Bourgeoisie mit Gewalt zu brechen und die schwankende Haltung der Bauernschaft und der Kleinbourgeoisie zu paralysieren. Das sind die Aufgaben des Proletariats, die sich die Leute von der neuen ‚Iskra’ (das heißt die Menschewiki. Die Red.) in allen ihren Betrachtungen und Resolutionen über den Schwung der Revolution so beschränkt vorstellen.“ ( Lenin , Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution, S. 97/98.)

Oder weiter

„An der Spitze des gesamten Volkes und besonders der Bauernschaft - für die volle Freiheit, für die konsequente demokratische Umwälzung, für die Republik! An der Spitze aller Werktätigen und Ausgebeuteten - für den Sozialismus! Das muss in der Tat die Politik des revolutionären Proletariats sein, so muss die Klassenlosung lauten, die während der Revolution die Lösung jeder taktischen Frage und jeden praktischen Schritt der Arbeiterpartei bestimmen und durchdringen muss.“ (Ebenda, S. 110.)

Um keinerlei Unklarheiten übrig zu lassen, gab Lenin zwei Monate nach Erscheinen seines Buches „Zwei Taktiken“ in seinem Artikel „Das Verhältnis der Sozialdemokratie zur Bauernbewegung“ folgende Erläuterung:

„Von der demokratischen Revolution werden wir sofort, und zwar nach Maßgabe unserer Kraft, der Kraft des klassenbewussten und organisierten Proletariats, den Übergang zur sozialistischen Revolution beginnen. Wir sind für die ununterbrochene Revolution. Wir werden nicht auf halbem Wege stehen bleiben.“ ( Lenin , Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I, S. 541.)

Das war eine neue Stellungnahme zu der Frage des gegenseitigen Verhältnisses zwischen der bürgerlichen und der sozialistischen Revolution, eine neue Theorie der Umgruppierung der Kräfte um das Proletariat gegen Ende der bürgerlichen Revolution zum Zwecke des direkten Übergangs zur sozialistischen Revolution - die Theorie des Hinüberwachsens der bürgerlich-demokratischen Revolution in die sozialistische Revolution.

Bei der Ausarbeitung dieser neuen Einstellung stützte sich Lenin erstens auf die bekannte These von Marx über die ununterbrochene Revolution, die dieser Ende der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in der „Ansprache der Zentralbehörde an den Bund der Kommunisten“ aufgestellt hat, und zweitens auf den bekannten Gedanken von Marx über die Notwendigkeit der Verknüpfung der revolutionären Bauernbewegung mit der proletarischen Revolution, den er in einem Brief an Engels im Jahre 1856 geäußert hat, wo er sagte : „The whole thing in Germany“ (Die ganze Sache in Deutschland) „wird abhängen von der Möglichkeit, to back the Proletarian revolution by some second edition of the Peasants’ war“ (die proletarische Revolution durch eine Art zweite Auflage des Bauernkrieges zu unterstützen). Diese genialen Gedanken von Marx sind jedoch in den späteren Arbeiten von Marx und Engels nicht entwickelt worden, und die Theoretiker der II. Internationale taten ihrerseits alles, um sie zu begraben und der Vergessenheit zu überliefern. Lenin fiel die Aufgabe zu, diese vergessenen Thesen von Marx ans Licht zu ziehen und sie in vollem Umfang wiederherzustellen. Bei der Wiederherstellung dieser Thesen von Marx hat sich Lenin aber nicht darauf beschränkt - und konnte sich nicht darauf beschränken -, sie einfach zu wiederholen, sondern er entwickelte sie weiter und arbeitete sie zu einer geschlossenen Theorie der sozialistischen Revolution aus, wobei er dem Problem ein neues Moment, als unerlässliches Moment der sozialistischen Revolution hinzufügte - das Bündnis des Proletariats mit den halbproletarischen Elementen in Stadt und Land als Vorbedingung des Sieges der proletarischen Revolution.

Diese Einstellung zerstörte völlig die taktischen Positionen der westeuropäischen Sozialdemokratie, die davon ausging, dass die Bauernmassen, darunter auch die Massen der armen Bauern, nach der bürgerlichen Revolution unbedingt von der Revolution abschwenken müssen, und dass infolgedessen nach der bürgerlichen Revolution eine lang andauernde Periode der Pause, eine lange Periode der „Befriedung“ von 50 bis 100 Jahren, wenn nicht noch länger, eintreten müsse, in deren Verlauf das Proletariat „friedlich“ ausgebeutet wird, während die Bourgeoisie sich „gesetzlich“ bereichert, bis die Zeit für eine neue, die sozialistische Revolution anbricht.

Es war dies eine neue Theorie der sozialistischen Revolution, die nicht von einem isolierten Proletariat gegen die gesamte Bourgeoisie, sondern vom Proletariat als Hegemon durchgeführt wird, das in den halbproletarischen Elementen der Bevölkerung, in den Millionen der „werktätigen und ausgebeuteten Massen“, Verbündete hat.

Nach dieser Theorie musste die Hegemonie des Proletariats in der bürgerlichen Revolution bei einem Bündnis des Proletariats mit der Bauernschaft hinüberwachsen in die Hegemonie des Proletariats in der sozialistischen Revolution bei einem Bündnis des Proletariats mit den übrigen werktätigen und ausgebeuteten Massen, wobei die demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft den Boden für die sozialistische Diktatur des Proletariats vorbereiten musste.

Diese Theorie warf die landläufige Theorie der westeuropäischen Sozialdemokraten über den Haufen, die die revolutionären Möglichkeiten der halbproletarischen Massen in Stadt und Land leugneten und davon ausgingen, dass „wir außer der Bourgeoisie und dem Proletariat keine anderen gesellschaftlichen Kräfte sehen, auf die sich bei uns oppositionelle oder revolutionäre Kombinationen stützen könnten“ (Worte Plechanows, die für die westeuropäischen Sozialdemokraten typisch sind).

Die westeuropäischen Sozialdemokraten waren der Auffassung, dass in der sozialistischen Revolution das Proletariat allein gegen die gesamte Bourgeoisie, ohne Verbündete, gegen alle nichtproletarischen Klassen und Schichten stehen wird. Sie wollten nicht mit der Tatsache rechnen, dass das Kapital nicht nur die Proletarier ausbeutet, sondern auch die Millionen der halbproletarischen Schichten in Stadt und Land, die der Kapitalismus zu Boden drückt und die im Kampfe für die Befreiung der Gesellschaft vom kapitalistischen Joch Verbündete des Proletariats sein können. Deshalb waren die westeuropäischen Sozialdemokraten der Meinung, dass die Bedingungen für die sozialistische Revolution in Europa noch nicht herangereift seien, dass man diese Bedingungen erst dann als herangereift betrachten könne, wenn das Proletariat infolge der weiteren ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft zur Mehrheit der Nation, zur Mehrheit der Gesellschaft geworden sei.

Diese faule und antiproletarische Einstellung der westeuropäischen Sozialdemokraten wurde durch die Lenin sche Theorie der sozialistischen Revolution völlig über den Haufen geworfen.

In der Theorie Lenin s war die direkte Schlussfolgerung, dass der Sieg des Sozialismus in einem einzeln genommenen Lande möglich ist, noch nicht enthalten. Aber in ihr waren alle oder fast alle Grundelemente enthalten, die notwendig waren, um früher oder später eine solche Schlussfolgerung zu ziehen.

Bekanntlich kam Lenin im Jahre 1915, das heißt zehn Jahre später, zu diesem Schluss.

Das sind die grundlegenden taktischen Leitsätze, die Lenin in seinem historisch gewordenen Werke „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ entwickelt hat.

Die historische Bedeutung dieses Werkes Lenin s besteht vor allem darin, dass es die kleinbürgerliche taktische Einstellung der Menschewiki ideologisch zertrümmerte, die Arbeiterklasse Russlands für die weitere Entfaltung der bürgerlich-demokratischen Revolution, für den neuen Ansturm gegen den Zarismus wappnete und den russischen Sozialdemokraten die klare Perspektive von der Notwendigkeit des Hinüberwachsens der bürgerlichen Revolution in die sozialistische Revolution gab.

Aber damit ist die Bedeutung des Werkes Lenin s nicht erschöpft. Seine unschätzbare Bedeutung besteht darin, dass es den Marxismus durch eine neue Theorie der Revolution bereicherte und das Fundament zu jener revolutionären Taktik der bolschewistischen Partei legte, mit deren Hilfe das Proletariat unseres Landes im Jahre 1917 den Sieg über den Kapitalismus errang.

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