GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL III
Menschewiki und Bolschewiki in der Periode des Russisch- Japanischen Krieges und der ersten russischen Revolution
(1904-1907)

5
Der bewaffnete Aufstand vom Dezember
Die Niederlage des Aufstandes
Der Rückzug der Revolution
Die I. Reichsduma Der IV. (Vereinigungs-)Parteitag

Im Oktober und November 1905 entwickelte sich der revolutionäre Kampf der Massen mit gewaltiger Kraft weiter. Die Streiks der Arbeiter dauerten an.

Der Kampf der Bauern gegen die Gutsbesitzer nahm im Herbst 1905 breite Ausmaße an. Im ganzen Lande wurde mehr als ein Drittel der Landkreise von der Bauernbewegung erfasst. In den Gouvernements Saratow, Tambow, Tschernigow, Tiflis, Kutais und einigen anderen kam es zu regelrechten Bauernaufständen. Dennoch war der Ansturm der Bauernmassen noch ungenügend. Der Bauernbewegung mangelte es an Organisiertheit und Führung.

In einer Reihe von Städten - Tiflis, Wladiwostok, Taschkent, Samarkand, Kursk, Suchumi, Warschau, Kiew, Riga - griffen die Unruhen auch unter den Soldaten um sich. In Kronstadt und unter den Matrosen der Schwarzmeerflotte in Sewastopol flammten Aufstände auf (im November 1905). Da diese Aufstände aber zersplittert waren, wurden sie vom Zarismus niedergeworfen.

Anlass zu den Aufständen in einzelnen Teilen der Armee und Flotte waren nicht selten das ungemein grobe Verhalten der Offiziere, die schlechte Verpflegung („Erbsen-Revolten“) usw. Die Masse der aufständischen Matrosen und Soldaten hatte noch nicht das klare Bewusstsein von der Notwendigkeit, die zaristische Regierung zu stürzen, von der Notwendigkeit, den bewaffneten Kampf energisch fortzusetzen. Die aufständischen Matrosen und Soldaten waren noch viel zu friedfertig und gutmütig gestimmt; nicht selten machten sie den Fehler, die zu Beginn des Aufstandes verhafteten Offiziere freizulassen, und ließen sich durch Versprechungen und Überredung der Vorgesetzten beschwichtigen.

Die Revolution kam dicht an den bewaffneten Aufstand heran. Die Bolschewiki riefen die Massen zum bewaffneten Aufstand gegen den Zaren und die Gutsbesitzer auf, erklärten ihnen dessen Unvermeidlichkeit. Rastlos bereiteten die Bolschewiki den bewaffneten Aufstand vor. Unter den Soldaten und Matrosen wurde revolutionäre Arbeit geleistet, in der Armee wurden Militärorganisationen der Partei geschaffen. In einer Reihe von Städten wurden Kampfscharen aus Arbeitern geschaffen; die Mitglieder der Kampfscharen lernten die Waffen handhaben. Der Ankauf von Waffen im Ausland und ihre geheime Beförderung nach Russland wurden organisiert. An der Organisierung des Waffentransportes nahmen führende Parteiarbeiter teil.

Im November 1905 kehrte Lenin nach Russland zurück. Vor den Nachstellungen der zaristischen Gendarmen und Spione geborgen, nahm Lenin in diesen Tagen an der Vorbereitung des bewaffneten Aufstands unmittelbaren Anteil. Seine Artikel in der bolschewistischen Zeitung „Nowaja Shisn“ (Neues Leben) dienten als Anweisungen für die tagtägliche Arbeit der Partei.

In dieser Zeit leistete Genosse Stalin eine gewaltige revolutionäre Arbeit in Transkaukasien. Genosse Stalin entlarvte und geißelte die Menschewiki als Gegner der Revolution und des bewaffneten Aufstands. Festen Willens bereitete er die Arbeiter zum entscheidenden Kampf gegen die Selbstherrschaft vor. Am Tage der Verkündung des zaristischen Manifestes sagte Genosse Stalin auf einem Meeting in Tiflis den Arbeitern:

„Was brauchen wir, um wirklich zu siegen? Dazu sind drei Dinge nötig: erstens - Bewaffnung, zweitens - Bewaffnung, drittens - Bewaffnung und noch einmal Bewaffnung.“

Im Dezember 1905 trat in Finnland, in Tammerfors, die Konferenz der Bolschewiki zusammen. Obwohl Bolschewiki und Menschewiki formal derselben Sozialdemokratischen Partei angehörten, bildeten sie faktisch zwei verschiedene Parteien mit eigenen, besonderen Zentren. Auf dieser Konferenz trafen sich Lenin und Stalin zum ersten Male persönlich. Bis dahin unterhielten sie durch Briefe oder durch Genossen Verbindung miteinander.

Von den Beschlüssen der Tammerforser Konferenz müssen zwei hervorgehoben werden: der eine - über die Wiederherstellung der Einheit der Partei, die faktisch in zwei Parteien gespalten war, und der andere - über den Boykott der ersten, so genannten Witteschen Duma.

Da zu dieser Zeit in Moskau der bewaffnete Aufstand schon seinen Anfang genommen hatte, beendete die Konferenz auf Lenin s Rat eilig ihre Arbeit, und die Delegierten fuhren zu ihren Ortsorganisationen zurück, um an dem Aufstand persönlich teilzunehmen.

Aber auch die zaristische Regierung schlief nicht. Sie rüstete ebenfalls zum entscheidenden Kampf. Durch den Friedensschluss mit Japan hatte die zaristische Regierung ihre schwierige Lage erleichtert, und nun ging sie gegen die Arbeiter und Bauern zum Angriff über. Die zaristische Regierung verhängte über mehrere Gouvernements, die von Bauernaufständen erfasst waren, den Kriegszustand, gab blutrünstige Befehle aus - „Gefangene werden nicht gemacht“, „keine Patronen sparen“ -, erließ die Verfügung, die Führer der revolutionären Bewegung zu verhaften und die Sowjets der Arbeiterdeputierten auseinanderzujagen.

Die Moskauer Bolschewiki und der von ihnen geleitete Moskauer Sowjet der Arbeiterdeputierten, der mit den breiten Massen der Arbeiter verbunden war, entschlossen sich unter solchen Umständen, die Vorbereitung zum bewaffneten Aufstand unverzüglich durchzuführen. Am 5. (18.) Dezember fasste das Moskauer Komitee den Beschluss: den Sowjet aufzufordern, den politischen Generalstreik auszurufen, um ihn im Verlauf des Kampfes in den Aufstand überzuleiten. Dieser Beschluss wurde von Massenversammlungen der Arbeiter unterstützt. Der Moskauer Sowjet trug dem Willen der Arbeiterklasse Rechnung und beschloss einmütig, den politischen Generalstreik zu beginnen.

Als das Proletariat Moskaus den Aufstand begann, besaß es eine eigene Kampforganisation von ungefähr 1000 Freischärlern, von denen mehr als die Hälfte Bolschewiki waren. Kampfscharen gab es auch in einer Reihe Moskauer Fabriken. Im Ganzen zählten die Aufständischen ungefähr 2000 Freischärler. Die Arbeiter rechneten darauf, die Garnison zu neutralisieren, einen Teil der Garnison abzuspalten und auf ihre Seite zu ziehen.

Am 7. (20.) Dezember begann in Moskau der politische Streik. Es gelang jedoch nicht, den Streik über das ganze Land auszudehnen, er fand in Petersburg keine genügende Unterstützung, und das schwächte von Anfang an die Erfolgchancen des Aufstandes. Die Nikolaus-, heute Oktober-Eisenbahn blieb in der Hand der zaristischen Regierung. Auf dieser Eisenbahnlinie wurde der Verkehr nicht eingestellt, und die Regierung konnte von Petersburg nach Moskau Garderegimenter zur Niederwerfung des Aufstandes hinüberwerfen.

In Moskau selbst schwankte die Garnison. Zum Teil auch in der Erwartung, von der Garnison Unterstützung zu erhalten, begannen die Arbeiter den Aufstand. Die Revolutionäre verpassten jedoch den Augenblick, und die zaristische Regierung wurde der Unruhen in der Garnison Herr.

Am 9. (22.) Dezember tauchten in Moskau die ersten Barrikaden auf. Bald bedeckten sich Moskaus Straßen mit Barrikaden. Die zaristische Regierung setzte Artillerie ein. Sie zog Truppen zusammen, die die Kräfte der Aufständischen um ein Vielfaches überstiegen. Neun Tage lang führten einige tausend bewaffnete Arbeiter einen heldenmütigen Kampf. Erst als der Zarismus Regimenter aus Petersburg, Twer und dem Westgebiet herangezogen hatte, konnte er den Aufstand niederwerfen. Die leitenden Organe des Aufstandes waren am Vorabend des Kampfes zum Teil verhaftet, zum Teil isoliert worden. Das Moskauer Komitee der Bolschewiki war verhaftet. Die bewaffnete Aktion verwandelte sich in den Aufstand einzelner voneinander getrennter Stadtteile. Des leitenden Zentrums beraubt, beschränkten sich die Stadtteile, die keinen gemeinsamen Kampfplan für die Stadt hatten, hauptsächlich auf die Verteidigung. Das war der Hauptgrund für die Schwäche des Moskauer Aufstandes und eine der Ursachen seiner Niederlage, wie Lenin nachher hervorhob.

Besonders hartnäckigen und erbitterten Charakter trug der Aufstand in dem Moskauer Stadtteil Krasnaja Presnja. Krasnaja Presnja war die Hauptfestung des Aufstandes, sein Zentrum. Hier konzentrierten sich die besten Kampfscharen, die unter der Führung der Bolschewiki standen. Krasnaja Presnja wurde jedoch mit Feuer und Schwert niedergeworfen, in Blut erstickt und flammte lichterloh im Feuerschein der Brände, die von der Artillerie hervorgerufen wurden. Der Moskauer Aufstand war niedergeworfen.

Der Aufstand blieb nicht allein auf Moskau beschränkt. Von revolutionären Aufständen waren auch eine Reihe anderer Städte und Bezirke erfasst. Zu bewaffneten Aufständen kam es in Krasnojarsk, Motowilicha (Perm), Noworossijsk, Sormowo, Sewastopol und Kronstadt.

Zum bewaffneten Kampf erhoben sich auch die unterdrückten Völker Russlands. Fast ganz Georgien war vom Aufstand erfasst. Zu einem großen Aufstand kam es im Donezbecken in der Ukraine: in Gorlowka, Alexandrowsk und Lugansk (Woroschilowgrad). Zähen Charakter trug der Kampf in Lettland. In Finnland schufen die Arbeiter ihre Rote Garde und erhoben sich zum Aufstand.

Alle diese Aufstände wurden jedoch ebenso wie der Moskauer Aufstand vom Zarismus mit unmenschlicher Grausamkeit niedergeworfen.

Die Menschewiki und die Bolschewiki gaben dem bewaffneten Dezemberaufstand eine verschiedene Einschätzung.

Nach dem bewaffneten Aufstand kam der Menschewik Plechanow der Partei mit dem Vorwurf: „Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen.“ Die Menschewiki suchten nachzuweisen, dass der Aufstand ein überflüssiges und schädliches Unternehmen sei, dass man In der Revolution ohne Aufstand auskommen, dass man den Erfolg nicht durch einen bewaffneten Aufstand, sondern durch friedliche Kampf-mittel erringen könne.

Die Bolschewiki brandmarkten eine solche Einschätzung als Verrat. Sie waren der Auffassung, dass die Erfahrung des Moskauer bewaffneten Aufstandes die Möglichkeit eines erfolgreichen bewaffneten Kampfes der Arbeiterklasse nur bestätigt hat. Auf den Vorwurf Plechanows: „Man hätte nicht zu den Waffen greifen sollen“, antwortete Lenin :

„Im Gegenteil, man hätte entschlossener, energischer und offensiver zu den Waffen greifen, hätte den Massen die Unmöglichkeit eines bloß friedlichen Streiks und die Notwendigkeit eines furchtlosen und rücksichtslosen bewaffneten Kampfes klarmachen müssen.“ ( Lenin , Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I, S. 546.)

Der Dezemberaufstand von 1905 war der Höhepunkt der Revolution. Im Dezember brachte die zaristische Selbstherrschaft dem Aufstand eine Niederlage bei. Nach der Niederlage des Dezemberaufstandes begann eine Wendung zum schrittweisen Rückzug der Revolution. Der Aufschwung der Revolution wich ihrem allmählichen Abebben.

Die zaristische Regierung beeilte sich, diese Niederlage auszunützen, um die Revolution endgültig niederzuschlagen. Die zaristischen Henker und Kerkermeister gingen an ihr blutiges Werk. Hemmungslos wüteten Strafexpeditionen in Polen, Lettland, Estland, Transkaukasien und Sibirien.

Die Revolution war jedoch noch nicht unterdrückt. Die Arbeiter und revolutionären Bauern zogen sich langsam, kämpfend zurück. Neue Arbeiterschichten wurden in den Kampf hineingezogen. Im Jahre 1906 beteiligten sich an den Streiks mehr als eine Million Arbeiter, im Jahre 1907 - 740000. Die Bauernbewegung erfasste im ersten Halbjahr 1906 ungefähr die Hälfte der Landkreise des zaristischen Russland, im zweiten Halbjahr ein Fünftel aller Kreise. Die Unruhen in Armee und Flotte dauerten an.

Die zaristische Regierung beschränkte sich in ihrem Kampfe gegen die Revolution nicht allein auf Gewaltmaßnahmen. Nach den ersten Erfolgen, die sie durch die Gewaltmaßnahmen erreicht hatte, beschloss sie, durch die Einberufung einer neuen, „gesetzgebenden“ Duma der Revolution einen neuen Schlag zu versetzen. Sie rechnete darauf, durch die Einberufung einer solchen Duma die Bauern von der Revolution abzuspalten und dadurch der Revolution den letzten Stoß zu versetzen. Im Dezember 1905 erließ die zaristische Regierung ein Gesetz über die Einberufung der neuen, „gesetzgebenden“ Duma, zum Unterschied von der alten, „beratenden“ Bulyginschen Duma, die durch den bolschewistischen Boykott hinweggefegt worden war. Das zaristische Wahlgesetz war natürlich antidemokratisch. Es gab kein allgemeines Wahlrecht. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung war überhaupt des Stimmrechts beraubt, zum Beispiel die Frauen und mehr als zwei Millionen Arbeiter. Es gab kein gleiches Wahlrecht. Die Wähler waren in vier Kurien, wie man damals sagte, geteilt: die Grundbesitzerkurie (die Gutsherren), die Städtekurie (die Bourgeoisie), die Bauernkurie und die Arbeiterkurie. Es gab keine direkten, sondern mehrstufige Wahlen. Es gab faktisch keine geheimen Wahlen. Das Wahlgesetz sicherte dem Häuflein von Gutsbesitzern und Kapitalisten in der Duma ein gewaltiges Übergewicht über die Millionen der Arbeiter und Bauern.

Mit der Duma wollte der Zar die Massen von der Revolution ablenken. Ein beträchtlicher Teil der Bauernschaft glaubte zu jener Zeit an die Möglichkeit, durch die Duma Boden zu erhalten. Die Kadetten, Menschewiki und Sozialrevolutionäre täuschten den Arbeitern und Bauern vor, man könne ohne Aufstand, ohne Revolution, die für das Volk nötigen Zustände erreichen. Im Kampf gegen diesen Betrug am Volk wurde von den Bolschewiki entsprechend dem auf der Konferenz von Tammerfors angenommenen Beschluss die Taktik des Boykotts der 1. Reichsduma verkündet und durchgeführt.

Während die Arbeiter gegen den Zarismus im Kampfe standen, erhoben sie zugleich die Forderung nach Einheit der Kräfte der Partei, nach der Vereinigung der Partei des Proletariats. Die Bolschewiki, mit dem bekannten Beschluss der Konferenz von Tammerfors über die Einheit ausgerüstet, unterstützten diese Forderung der Arbeiter und schlugen den Menschewiki vor, einen Vereinigungsparteitag einzuberufen. Unter dem Druck der Arbeitermassen waren die Menschewiki gezwungen, der Vereinigung zuzustimmen.

Lenin war für die Vereinigung, aber für eine solche Vereinigung, bei der die Meinungsverschiedenheiten in den Fragen der Revolution nicht vertuscht werden. Großen Schaden fügten der Partei die Versöhnler (Bogdanow, Krassin und andere) zu, die nachzuweisen sich bemühten, dass es zwischen Bolschewiki und Menschewiki keine ernsten Meinungsverschiedenheiten gebe. Im Kampf gegen die Versöhnler forderte Lenin , dass die Bolschewiki zum Parteitag mit ihrer Plattform kommen, damit den Arbeitern klar werde, welche Positionen die Bolschewiki einnehmen und auf welcher Grundlage die Vereinigung erfolgt. Die Bolschewiki arbeiteten eine solche Plattform aus und legten sie den Parteimitgliedern zur Diskussion vor.

Im April 1906 versammelte sich in Stockholm (Schweden) der IV. Parteitag der SDAPR, der Vereinigungsparteitag genannt. Auf dem Parteitag waren 111 Delegierte mit beschließender Stimme anwesend, die 57 Ortsorganisationen der Partei vertraten. Außerdem waren auf dem Parteitag Vertreter der nationalen sozialdemokratischen Parteien anwesend: drei vom „Bund“, drei von der Polnischen Sozialdemokratischen Partei und drei von der lettischen sozialdemokratischen Organisation.

Infolge der Zerschlagung der bolschewistischen Organisationen während und nach dem Dezemberaufstand konnten nicht alle Organisationen Delegierte entsenden. Außerdem hatten die Menschewiki in den „Tagen der Freiheit“ des Jahres 1905 eine Masse kleinbürgerlicher Intellektueller in ihre Reihen aufgenommen, die mit dem revolutionären Marxismus nichts gemein hatten. Es genügt, darauf hinzuweisen, dass die Tifliser Menschewiki (und in Tiflis gab es wenig Industriearbeiter) ebenso viele Delegierte zum Parteitag entsandten wie die stärkste proletarische Organisation, - die von Petersburg. So kam es, dass die Menschewiki auf dem Stockholmer Parteitag über eine, allerdings nur unbedeutende Mehrheit verfügten.

Eine solche Zusammensetzung des Parteitags bestimmte in einer ganzen Reihe von Fragen den menschewistischen Charakter der Beschlüsse.

Auf diesem Parteitag erfolgte nur eine formale Vereinigung. Dem Wesen nach blieben Bolschewiki und Menschewiki bei ihren Auffassungen, behielten sie ihre selbständigen Organisationen.

Die wichtigsten Fragen, die auf dem IV. Parteitag erörtert wurden, waren: die Agrarfrage, die Einschätzung der gegebenen Situation und der Klassenaufgaben des Proletariats, das Verhältnis zur Reichsduma und Organisationsfragen.

Obwohl die Menschewiki auf diesem Parteitag die Mehrheit hatten, waren sie gezwungen, die Lenin sche Formulierung des ersten Paragraphen des Statuts, über die Parteimitgliedschaft, anzunehmen, um die Arbeiter nicht von sich abzustoßen.

In der Agrarfrage verfocht Lenin die Nationalisierung des Bodens. Lenin hielt die Nationalisierung des Bodens nur beim Sieg der Revolution, nur nach dem Sturze des Zarismus für möglich. In diesem Falle würde die Nationalisierung des Bodens dem Proletariat im Bündnis mit der Dorfarmut den Übergang zur sozialistischen Revolution erleichtern. Die Nationalisierung des Bodens erforderte die entschädigungslose Enteignung (Konfiskation) des gesamten Bodens der Gutsbesitzer zugunsten der Bauern. Das bolschewistische Agrarprogramm rief die Bauern zur Revolution gegen den Zaren und die Gutsbesitzer auf.

Auf anderen Positionen standen die Menschewiki. Sie verteidigten das Programm der Munizipalisierung. Nach diesem Programm kam der Boden der Gutsbesitzer nicht in die Verfügungsgewalt, ja nicht einmal in die Nutzung der Bauerngemeinschaften, sondern in die Verfügung der Munizipalitäten (das heißt der örtlichen Selbstverwaltungen oder Semstwos). Diesen Boden sollten die Bauern, jeder seinen Kräften entsprechend, pachten.

Das menschewistische Programm der Munizipalisierung war kompromisslerisch und deshalb für die Revolution schädlich. Es konnte die Bauern nicht zum revolutionären Kampf mobilisieren, es war nicht auf die vollständige Vernichtung des gutsherrlichen Bodenbesitzes berechnet. Das menschewistische Programm war auf eine Revolution berechnet, deren Ergebnis eine Halbheit sein sollte. Die Menschewiki wollten nicht die Bauern zur Revolution mobilisieren.

Der Parteitag nahm mit Stimmenmehrheit das menschewistische Programm an.

Die Menschewiki enthüllten ihr antiproletarisches, opportunistisches Wesen insbesondere bei der Erörterung der Resolution über die Einschätzung der augenblicklichen Lage und über die Reichsduma. Der Menschewik Martynow trat offen gegen die Hegemonie des Proletariats in der Revolution auf. Den Menschewiki antwortete Genosse Stalin, der die Frage in aller Schärfe stellte:

„Entweder Hegemonie des Proletariats oder Hegemonie der demokratischen Bourgeoisie - so steht die Frage in der Partei, darin bestehen unsere Meinungsverschiedenheiten.“

Was die Reichsduma betrifft, so priesen die Menschewiki sie in ihrer Resolution als das beste Mittel zur Lösung der Fragen der Revolution, zur Befreiung des Volkes vom Zarismus. Die Bolschewiki dagegen betrachteten die Duma als machtloses Anhängsel des Zarismus, als eine Hülle, die die Eiterbeulen des Zarismus verdeckt, die er sofort abwerfen wird, wenn sie sich ihm als unbequem erweist.

In das Zentralkomitee, das auf dem IV. Parteitag gewählt wurde, kamen drei Bolschewiki und sechs Menschewiki. In die Redaktion des Zentralorgans wurden nur Menschewiki gewählt.

Es war klar, dass der innerparteiliche Kampf fortdauern werde.

Der Kampf zwischen Bolschewiki und Menschewiki entbrannte nach dem IV. Parteitag mit neuer Kraft. In den formal vereinigten Ortsorganisationen traten sehr häufig zwei Referenten mit Berichten über den Parteitag auf: ein Bolschewik und ein Menschewik. Die Erörterung der beiden Linien ergab, dass sich die Mehrheit der Mitglieder der Organisationen in den meisten Fällen auf die Seite der Bolschewiki stellte.

Das Leben bewies immer klarer, dass die Bolschewiki Recht hatten. Das auf dem IV. Parteitag gewählte menschewistische Zentralkomitee offenbarte immer mehr seinen Opportunismus, seine völlige Unfähigkeit, den revolutionären Kampf der Massen zu leiten. Im Sommer und Herbst 1906 schwoll der revolutionäre Kampf der Massen von neuem an. In Kronstadt und Sveaborg kam es zu Matrosenaufständen, der Kampf der Bauernschaft gegen die Gutsbesitzer flammte auf. Das menschewistische Zentralkomitee gab aber opportunistische Losungen aus, denen die Massen nicht folgten.

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