GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL IV
Menschewiki und Bolschewiki in der Periode der Stolypinschen Reaktion. Formierung der Bolschewiki zu einer selbständigen marxistischen Partei
(1908-1912)

1
Die Stolypinsche Reaktion
Zersetzung in den oppositionellen Schichten der Intelligenz
Verfallstendenzen
Der Übergang eines Teils der Parteiintelligenz in das Lager der Feinde des Marxismus und Versuche zur Revision der Theorie des Marxismus
Lenin s Abrechnung mit den Revisionisten in seinem Buche „Materialismus und Empiriokritizismus“ und seine Verfechtung der theoretischen Grundlagen der marxistischen Partei

Die II. Reichsduma wurde von der zaristischen Regierung am 3. (16.) Juni 1907 aufgelöst. Diesen Tag pflegt man in der Geschichte als Tag des Staatsstreichs vom 3. Juni zu bezeichnen. Die zaristische Regierung erließ ein neues Gesetz über die Wahlen zur III. Reichsduma und stieß dadurch ihr eigenes Manifest vom 17. Oktober 1905 um, da sie gemäß diesem Manifest neue Gesetze nur mit Zustimmung der Duma erlassen durfte. Die sozialdemokratische Fraktion der II. Duma wurde vor Gericht gestellt, die Vertreter der Arbeiterklasse wurden ins Zuchthaus geworfen und in Verbannungsorte geschickt.

Das neue Wahlgesetz war so abgefasst, dass es die Anzahl der Vertreter der Gutsbesitzer und der Handels- und Industriebourgeoisie in der Duma beträchtlich vermehrte. Gleichzeitig wurde die schon früher geringe Anzahl von Vertretern der Bauern und Arbeiter auf einen Bruchteil verringert.

Die III. Duma war ihrer Zusammensetzung nach eine Duma der Schwarzhunderter und der Kadetten. Von insgesamt 442 Deputierten waren: Rechte (Schwarzhunderter) 171, Oktobristen und Mitglieder ihnen verwandter Gruppen 113, Kadetten und Mitglieder ihnen nahe stehender Gruppen 101, Trudowiki 13, Sozialdemokraten 18.

Die Rechten (so hießen sie, weil sie in der Duma auf der rechten Seite saßen) waren die Vertreter der schlimmsten Feinde der Arbeiter und Bauern, die Vertreter der erzreaktionären Gutsbesitzer, der Fronherren, die bei Unterdrückung der Bauernbewegung unter den Bauern Massenauspeitschungen und Metzeleien veranstalteten, sie waren die Organisatoren der Judenpogrome, der Niederknüppelung proletarischer Demonstrationen, der bestialischen Niederbrennung von Gebäuden, in denen in den Tagen der Revolution Meetings stattfanden. Die Rechten waren für die brutalste Unterdrückung der Werktätigen, für die unumschränkte Macht des Zaren und gegen das Zarenmanifest vom 17. (30.) Oktober 1905.

Den Rechten in der Duma nahe stand die Partei der Oktobristen oder der „Verband vom 17. Oktober“. Die Oktobristen vertraten die Interessen des großen Industriekapitals und derjenigen großen Gutsbesitzer, die kapitalistisch wirtschafteten. (Bei Beginn der Revolution von 1905 war .ein bedeutender Teil der Kadetten aus den Reihen der großen Gutsbesitzer zu den Oktobristen übergegangen.) Die Oktobristen unterschieden sich von den Rechten nur dadurch, dass sie - und das nur als Lippenbekenntnis - das Manifest vom 17. Oktober anerkannten. Die Oktobristen unterstützten restlos sowohl die Innenpolitik als auch die Außenpolitik der zaristischen Regierung.

Die Kadetten (oder „Konstitutionell-Demokratische“ Partei) hatten in der III. Duma weniger Sitze als in der I. und II. Duma. Das erklärt sich dadurch, dass ein Teil der Gutsbesitzerstimmen von den Kadetten zu den Oktobristen übergegangen war.

In der III. Duma war eine zahlenmäßig schwache Gruppe klein-bürgerlicher Demokraten vertreten, die der so genannten Trudowiki. Die Trudowiki schwankten in der Duma zwischen den Kadetten und der Arbeiterdemokratie (den Bolschewiki). Lenin wies darauf hin, dass die Trudowiki, obwohl sie in der Duma sehr schwach waren, die Massen, die Bauernmassen, vertreten. Das Schwanken der Trudowiki zwischen Kadetten und Arbeiterdemokratie war die unvermeidliche Folge der Klassenlage der Kleinbesitzer. Lenin stellte den bolschewistischen Deputierten, der Arbeiterdemokratie, die Aufgabe, „den schwachen kleinbürgerlichen Demokraten zu helfen, sie dem Einfluss der Liberalen zu entreißen, das Lager der Demokratie gegen die konterrevolutionären Kadetten, und nicht nur gegen die Rechten, zusammenzuschließen … “ ( Lenin , Sämtl. Werke, Bd. XV, S. 623.)

Sowohl im Laufe der Revolution von 1905 als auch besonders nach ihrer Niederlage erwiesen sich die Kadetten immer mehr als ein konterrevolutionärer Faktor. Sie entledigten sich immer mehr der „demokratischen“ Maske und traten als richtige Monarchisten, als Verteidiger des Zarismus auf. Im Jahre 1909 gab eine Gruppe prominenter Schriftsteller aus dem Lager der Kadetten den Sammelband „Wjechi“ (Marksteine) heraus, worin die Kadetten im Namen der Bourgeoisie dem Zarismus für die Unterdrückung der Revolution dankten. In ihrer Kriecherei und Liebedienerei vor der zaristischen Regierung der Knute und des Galgens schrieben die Kadetten ganz unverblümt, man müsse „diese Macht segnen, die allein noch mit ihren Bajonetten und Gefängnissen uns (das heißt die liberale Bourgeoisie) vor der Volkswut schirmt“.

Nachdem die II. Reichsduma auseinandergejagt und die sozialdemokratische Dumafraktion gemaßregelt worden war, begann die zaristische Regierung in verstärktem Maße, die politischen und wirtschaftlichen Organisationen des Proletariats zu zerschlagen. Die Zuchthäuser, Festungen und Verbannungsorte waren überfüllt von Revolutionären. Die Revolutionäre wurden in den Gefängnissen bestialisch geschlagen, gequält und gefoltert. Der Terror der Schwarzhunderter raste zügellos. Der zaristische Minister Stolypin bedeckte das Land mit Galgen. Es wurden mehrere tausend Revolutionäre hingerichtet. Man nannte den Strang damals „Stolypin-Krawatte“.

Bei der Niederwerfung der revolutionären Bewegung der Arbeiter und Bauern konnte die zaristische Regierung mit Gewaltmaßnahmen allein, mit Strafexpeditionen, Erschießungen, Gefängnissen, Zwangsarbeit, nicht auskommen. Die zaristische Regierung sah mit Beunruhigung, dass der naive Glaube der Bauernschaft an „Väterchen Zar“ immer mehr dahinschwand. Deshalb nahm sie Zuflucht zu einem groß angelegten Manöver und heckte den Plan aus, sich in der zahlreichen Klasse der Dorfbourgeoisie, dem Kulakentum, eine feste Stütze auf dem Lande zu verschaffen.

Am 9. (22.) November 1906 erließ Stolypin ein neues Bodengesetz über die Ausscheidung der Bauern aus der Dorfgemeinschaft und die Bildung von Einzelgehöften (Chutors). Durch das Stolypinsche Bodengesetz wurde die gemeinsame Bodennutzung vernichtet. Jedem Bauern wurde anheim gestellt, seinen Anteil in persönlichen Besitz zu nehmen, aus der Dorfgemeinschaft auszuscheiden. Der Bauer konnte seinen Anteil verkaufen, wozu er früher nicht das Recht gehabt hatte. Die Bauerngemeinde wurde verpflichtet, den aus der Dorfgemeinschaft ausscheidenden Bauern an einer Stelle Land anzuweisen (Chutor, das heißt Einzelgehöft, Otrub, das heißt Sonderland).

Die reichen Bauern, die Kulaken, erhielten hierbei die Möglichkeit, den wirtschaftlich schwachen Bauern das Land zu niedrigem Preis abzukaufen. Im Laufe einiger Jahre nach Erlass dieses Gesetzes gingen mehr als 1 Million wirtschaftlich schwache Bauern ihres Bodens völlig verlustig und wurden ruiniert. Durch Vertreibung der wirtschaftlich schwachen Bauern von der Scholle wuchs die Zahl der kulakischen Einzelgehöfte und Sonderlandbesitzungen. Zuweilen waren dies regelrechte Gutshöfe, auf denen in großem Umfang landwirtschaftliche Lohnarbeit angewandt wurde. Die Regierung nötigte die Bauern, den Einzelgehöftbesitzern, den Kulaken, das beste Land der Dorfgemeinschaft abzutreten.

Hatten bei der „Befreiung“ der Bauern die Gutsbesitzer das Bauernland geraubt, so begannen jetzt die Kulaken das Gemeinschaftsland zu rauben, wobei sie die besten Parzellen erhielten und der Dorfarmut ihre Anteile zu niedrigem Preis abkauften.

Die zaristische Regierung gewährte den Kulaken bedeutende Darlehen zum Ankauf von Boden und zur Einrichtung von Einzelgehöften. Stolypin wollte aus den Kulaken kleine Gutsbesitzer machen, treue Knappen der zaristischen Selbstherrschaft.

In neun Jahren (von 1906 bis 1915) schieden im Ganzen über 2 Millionen Bauernfamilien aus der Dorfgemeinschaft aus.

Das Stolypinregime verschlechterte die Lage der landarmen Bauern und der Dorfarmut noch mehr. Die Differenzierung der Bauernschaft verstärkte sich. Es begannen Zusammenstöße der Bauern mit den kulakischen Einzelbauern.

Gleichzeitig begann die Bauernschaft zu begreifen, dass sie kein Gutsbesitzerland erhalten werde, solange die zaristische Regierung und die gutsbesitzerlich-kadettische Reichsduma existieren.

Die Bauernbewegung ließ in den Jahren der verstärkten Bildung von Einzelgehöften (1907-1909) anfänglich nach, aber nach kurzer Zeit, 1910-1911 und später, kam es auf Grundlage der Zusammenstöße zwischen den Mitgliedern der Dorfgemeinschaft und den Einzelbauern zu einer Verstärkung der Bauernbewegung gegen die Gutsbesitzer und die kulakischen Einzelbauern.

Auf dem Gebiet der Industrie gingen nach der Revolution ebenfalls bedeutende Veränderungen vor sich. Die Konzentration der Industrie, das heißt die Vergrößerung der Betriebe und die Zusammenfassung der Industrie in den Händen immer mächtigerer kapitalistischer Gruppen, verstärkte sich bedeutend. Bereits vor der Revolution von 1905 hatten die Kapitalisten begonnen, sich zu Verbänden zusammenzuschließen, um die Warenpreise im Inland zu erhöhen und den erzielten Extraprofit einem Fonds zur Exportförderung zuzuführen mit dem Ziel, die Waren zu niedrigen Preisen auf die äußeren Märkte zu werfen und diese Märkte zu erobern. Solche Verbände, solche Kapitalistenvereinigungen (Monopole) wurden Truste und Syndikate genannt. Nach der Revolution vergrößerte sich die Zahl der kapitalistischen Truste und Syndikate noch mehr. Die Zahl der Großbanken vermehrte sich ebenfalls, und ihre Rolle in der Industrie wuchs. Der Zustrom ausländischer Kapitalien nach Russland wurde stärker.

Auf diese Weise wurde der Kapitalismus in Russland immer mehr zu einem monopolistischen, imperialistischen Kapitalismus.

Nach einigen Jahren der Stagnation belebte sich die Industrie aufs Neue: Kohlenförderung, Metallgewinnung, Erdölförderung nahmen zu, die Produktion von Textilien und Zucker vergrößerte sich. Die Getreideausfuhr ins Ausland wuchs stark an.

Obwohl Russland damals auf dem Gebiete der Industrie einen gewissen Schritt vorwärts machte, blieb es nach wie vor ein im Vergleich mit Westeuropa zurückgebliebenes und von den ausländischen Kapitalisten abhängiges Land. In Russland gab es noch keine Produktion von Maschinen und Werkbänken - sie wurden aus dem Ausland eingeführt. Es gab auch keine Automobilindustrie, keine chemische Industrie, keine Kunstdüngererzeugung. In der Rüstungsindustrie blieb Russland ebenfalls hinter anderen kapitalistischen Ländern zurück.

Unter Hinweis auf den niedrigen Metallverbrauch in Russland als ein Kennzeichen der Rückständigkeit des Landes schrieb Lenin :

„In dem halben Jahrhundert nach der Bauernbefreiung ist der Eisenverbrauch in Russland auf das Fünffache gestiegen, und doch bleibt Russland ein unglaublich, ein unerhört rückständiges, bettelarmes und halbbarbarisches Land, so schlecht mit modernen Produktionsinstrumenten ausgerüstet, dass es davon nicht mehr besitzt als ein Viertel von der Produktionsausrüstung Englands, ein Fünftel von der Deutschlands, ein Zehntel von der Amerikas.“ ( Lenin , Sämtl. Werke, Bd. XVI, S. 543 russ.)

Eine unmittelbare Folge der wirtschaftlichen und politischen Rückständigkeit Russlands war die Abhängigkeit sowohl des russischen Kapitalismus als auch des Zarismus selber von dem westeuropäischen Kapitalismus.

Dies fand seinen Ausdruck darin, dass so außerordentlich wichtige Zweige der Volkswirtschaft wie Kohle, Erdöl, Elektroindustrie, Hüttenwesen sich in den Händen des ausländischen Kapitals befanden, und dass das zaristische Russland gezwungen war, fast alle Maschinen, die ganze Industrieausrüstung aus dem Ausland einzuführen.

Dies fand seinen Ausdruck in den knechtenden Auslandsanleihen, für deren Zinsendienst der Zarismus alljährlich aus der Bevölkerung viele hundert Millionen Rubel herauspresste.

Dies fand seinen Ausdruck in den Geheimverträgen mit den „Verbündeten“, in denen sich der Zarismus verpflichtete, im Kriegsfalle für die imperialistischen Fronten Millionen russischer Soldaten zu stellen zur Unterstützung der „Verbündeten“ und zur Sicherstellung der wahnsinnigen Profite der englisch-französischen Kapitalisten.

Besonders kennzeichnend für die Jahre der Stolypinschen Reaktion waren die räuberischen Überfälle der Gendarmen und Polizisten, der zaristischen Provokateure und der Schwarzhunderter-Banditen auf die Arbeiterklasse. Aber die Arbeiter wurden nicht nur von den Zarenschergen mit Gewaltmaßnahmen heimgesucht. In dieser Beziehung standen ihnen die Fabrikanten und Schlotbarone nicht nach, die die Offensive gegen die Arbeiterklasse in den Jahren der Stagnation der Industrie und der wachsenden Arbeitslosigkeit besonders verstärkten. Die Fabrikanten führten Massenentlassungen von Arbeitern (Aussperrungen) durch, legten „schwarze Listen“ an, in die die klassenbewussten Arbeiter, die an Streiks aktiv teilgenommen hatten, eingetragen wurden. Wer in dieser „schwarzen Liste“ oder einem „schwarzen Buch“ stand, wurde in keinen Betrieb eingestellt, der dem Verband der Fabrikanten des betreffenden Industriezweiges angehörte. Die Lohnsätze wurden schon 1908 um 10 bis 15 Prozent gesenkt. Der Arbeitstag wurde überall auf 10 bis 12 Stunden verlängert. Das System räuberischer Geldstrafen blühte neuerlich auf.

Die Niederlage der Revolution von 1905 rief unter den Mitläufern der Revolution Zerfall und Zersetzung hervor. Besonders verstärkten sich die Zersetzung und die Verfallstendenzen unter der Intelligenz. Die Mitläufer, die in der Periode des stürmischen Aufschwungs der Revolution aus bürgerlichen Kreisen in die Reihen der Revolution gekommen waren, verließen die Partei in den Tagen der Reaktion. Ein Teil von ihnen wanderte in das Lager der offenen Feinde der Revolution ab, ein Teil setzte sich in den unversehrt gebliebenen legalen Vereinigungen der Arbeiterklasse fest und bemühte sich, das Proletariat vom revolutionären Wege abzubringen, bemühte sich, die revolutionäre Partei des Proletariats zu diskreditieren. Die Mitläufer, die von der Revolution abfielen, waren bestrebt, sich der Reaktion anzupassen, sich mit dem Zarismus abzufinden.

Die zaristische Regierung benutzte die Niederlage der Revolution, um die feigsten und nur auf ihre eigene Haut bedachten Mitläufer der Revolution als ihre Agenten, als Lockspitzel anzuwerben. Die niederträchtigen Judasse, die Provokateure, die die zaristische Ochrana in die Arbeiter- und Parteiorganisationen entsandte, leisteten hier Spitzeldienste und verrieten Revolutionäre.

Die Offensive der Konterrevolution setzte auch an der ideologischen Front ein. Auf der Bildfläche erschien ein ganzer Schwarm von Modeschriftstellern, die den Marxismus „kritisierten“ und „erledigten“, die Revolution verunglimpften, sie verhöhnten, den Verrat verherrlichten und sexuelle Ausschweifungen unter der Flagge eines „Kultus der Persönlichkeit“ anpriesen.

Auf dem Gebiet der Philosophie mehrten sich die Versuche einer „Kritik“, einer Revision des Marxismus, auch kamen alle möglichen religiösen Strömungen, durch angeblich „wissenschaftliche“ Beweisgründe bemäntelt, zum Vorschein.

Die „Kritik“ des Marxismus wurde zur Mode.

Alle diese Herren verfolgten, ungeachtet ihrer großen Buntscheckigkeit, ein gemeinsames Ziel - die Massen von der Revolution abzubringen.

Verfallstendenzen und Unglaube erfassten auch einen Teil der zur Partei gehörenden Intellektuellen, die sich für Marxisten hielten, aber niemals fest auf den Positionen des Marxismus gestanden hatten. Zu ihnen gehörten Schriftsteller wie Bogdanow, Basarow, Lunatscharski (die es 1905 mit den Bolschewiki gehalten hatten), Juschkewitsch, Valentinow (Menschewiki). Sie richteten ihre „Kritik“ gleichzeitig gegen die philosophisch-theoretischen Grundlagen des Marxismus, das heißt gegen den dialektischen Materialismus, und gegen seine wissenschaftlich-historischen Grundlagen, das heißt gegen den historischen Materialismus. Diese Kritik unterschied sich von der gewöhnlichen Kritik dadurch, dass sie nicht offen und ehrlich, sondern versteckt und heuchlerisch unter der Flagge der „Verteidigung“ der wichtigsten Positionen des Marxismus betrieben wurde. Wir sind im wesentlichen Marxisten, sagten sie, aber wir möchten den Marxismus „verbessern“, ihn von einigen seiner Grundsätze entlasten. In Wirklichkeit aber waren sie dem Marxismus feindlich gesinnt, denn sie bemühten sich, die theoretischen Grundlagen des Marxismus zu untergraben, obwohl sie in Worten ihre Feindseligkeit gegen den Marxismus heuchlerisch leugneten und fortfuhren, sich doppelzünglerisch als Marxisten zu bezeichnen. Die Gefährlichkeit einer solchen heuchlerischen Kritik bestand darin, dass sie auf den Betrug der einfachen Parteiarbeiter berechnet war und sie in die Irre führen konnte. Und je heuchlerischer diese Kritik zur Untergrabung der theoretischen Grundlagen des Marxismus betrieben wurde, desto gefährlicher wurde sie für die Partei, denn umso fester verband sie sich mit der Reaktion in ihrem allgemeinen Feldzug gegen die Partei, gegen die Revolution. Ein Teil der Intellektuellen, die sich vom Marxismus abgewandt hatten, ging so weit, dass er die Notwendigkeit der Schaffung einer neuen Religion zu predigen begann (die so genannten „Gottsucher“ und „Gottbildner“).

Vor den Marxisten stand die unaufschiebbare Aufgabe, diesen in Fragen der Theorie des Marxismus entarteten Intellektuellen die gebührende Abfuhr zu erteilen, ihnen die Maske herunterzureißen, sie bis zu Ende zu entlarven und auf diese Weise die theoretischen Grundlagen der marxistischen Partei zu verteidigen.

Man hätte erwarten können, dass Plechanow und seine menschewistischen Freunde, die sich für „bekannte Theoretiker des Marxismus“ hielten, diese Aufgabe auf sich nehmen würden. Aber sie zogen es vor, die Sache mit der Abfassung einiger unbedeutender Aufsätze von feuilletonistisch-kritischem Charakter abzutun und sich hierauf seitwärts in die Büsche zu schlagen.

Die erwähnte Aufgabe erfüllte Lenin in seinem berühmten Buch „Materialismus und Empiriokritizismus“, das im Jahre 1909 erschien.

„In weniger als einem halben Jahre“, schrieb Lenin in diesem Buch, „sind vier Bücher herausgekommen, die hauptsächlich, ja fast gänzlich, aus Angriffen gegen den dialektischen Materialismus bestehen. Hierher gehören vor allem: ‚Beiträge zur (?, es müsste heißen : gegen die) Philosophie des Marxismus’, Petersburg 1908, eine Artikelsammlung von Basarow, Bogdanow, Lunatscharski, Berman, Helfond, Juschkewitsch, Suworow; ferner die Bücher: ‚Materialismus und kritischer Realismus’ von Juschkewitsch, ‚Die Dialektik vom Standpunkt der modernen Erkenntnistheorie’ von Berman und ‚Die philosophischen Konstruktionen des Marxismus’ von Valentinow ... Alle diese Leute, die, trotz scharfer Differenzen in den politischen Ansichten, durch ihre Feindschaft gegen den dialektischen Materialismus geeinigt sind, erheben gleichzeitig den Anspruch, in der Philosophie Marxisten zu sein! Die Engelssche Dialektik sei ‚Mystik’, erklärt Berman, die Ansichten von Engels seien ‚veraltet’, wirft Basarow so nebenbei, als etwas Selbstverständliches hin. Unsere wackeren Streiter glauben den Materialismus widerlegt zu haben und berufen sich stolz auf die ‚moderne Erkenntnistheorie’, die ‚neueste Philosophie’ (oder den ‚neuesten Positivismus’), auf die ‚Philosophie der modernen Naturwissenschaft’ oder gar die ‚Philosophie der Naturwissenschaft des 20. Jahrhunderts’.“ ( Lenin , Materialismus und Empiriokritizismus, Dietz Verlag, Berlin 1949, S.7.)

In seiner Antwort an Lunatscharski - der zur Rechtfertigung seiner Freunde, der Revisionisten in der Philosophie, gesagt hatte: „Vielleicht irren wir, aber wir suchen“ - schrieb Lenin :

„Was mich betrifft, so bin auch ich ein ‚Suchender’ in der Philosophie. Nämlich: ich habe es mir in den folgenden Aufzeichnungen (gemeint ist das Buch „Materialismus und Empiriokritizismus“. Die Red.) zur Aufgabe gemacht, die Grillen herauszusuchen, die sich die Leute in den Kopf gesetzt haben, dass sie uns unter dem Schein des Marxismus ein so unglaublich wirres, verdrehtes und reaktionäres Zeug auftischen.“ (Ebenda, S. 8/9.)

In Wirklichkeit ging Lenin s Buch jedoch weit über den Rahmen dieser bescheidenen Aufgabe hinaus. Denn tatsächlich ist das Buch Lenin s nicht nur eine Kritik an Bogdanow, Juschkewitsch, Basarow, Valentinow und an ihren philosophischen Lehrern - Avenarius und Mach -, die in ihren Werken versucht hatten, uns einen verfeinerten und zurechtfrisierten Idealismus aufzutischen, als Gegengewicht zum marxistischen Materialismus. Lenin s Buch ist zugleich eine Verteidigung der theoretischen Grundlagen des Marxismus - des dialektischen und des historischen Materialismus - und eine materialistische Verallgemeinerung alles Wichtigen und Wesentlichen, was die Wissenschaft, und vor allem die Naturwissenschaft, in einer ganzen historischen Periode, in der Periode von Engels’ Tod bis zum Erscheinen von Lenin s Buch „Materialismus und Empiriokritizismus“, gefunden hatte.

Nach einer gehörigen Kritik an den russischen Empiriokritizisten und ihren ausländischen Lehrern gelangt Lenin in seinem Buche zu folgenden Schlussfolgerungen gegen den philosophisch-theoretischen Revisionismus:

1. „Eine immer raffiniertere Verfälschung des Marxismus, immer raffiniertere Unterschiebungen von antimaterialistischen Lehren unter den Marxismus - das kennzeichnet den modernen Revisionismus sowohl in der politischen Ökonomie als auch in den Fragen der Taktik und in der Philosophie überhaupt.“ (Ebenda, S.321.)

2. „Die ganze Schule von Mach und Avenarius marschiert zum Idealismus.“ (Ebenda, S. 348.)

3. „Unsere Machisten stecken alle tief im Idealismus.“ (Ebenda, S. 337.)

4. „Man kann nicht umhin, hinter der erkenntnistheoretischen Scholastik des Empiriokritizismus den Parteienkampf in der Philosophie zu sehen, einen Kampf, der in letzter Instanz die Tendenzen und die Ideologie der feindlichen Klassen der modernen Gesellschaft zum Ausdruck bringt.“ (Ebenda, S. 349.)

5. „Die objektive, die Klassenrolle des Empiriokritizismus läuft ganz und gar hinaus auf Handlangerdienste für die Fideisten (Reaktionäre, die dem Glauben vor der Wissenschaft den Vorzug geben. DieRed.), in deren Kampf gegen den Materialismus überhaupt und gegen den historischen Materialismus insbesondere.“ (Ebenda, S. 349.)

6. „Der philosophische Idealismus ist ... einWeg zum Pfaffentum.“ ( Lenin , Aus dem philosophischen Nachlass, Dietz Verlag, Berlin 1949, S. 289.)

Um die gewaltige Bedeutung von Lenin s Buch in der Geschichte unserer Partei einschätzen zu können und um zu verstehen, welchen theoretischen Reichtum Lenin im Kampfe gegen alle und jegliche Revisionisten und Entarteten der Periode der Stolypinschen Reaktion behauptete, ist es notwendig, sich, sei es auch nur kurz, mit den Grundlagen des dialektischen und des historischen Materialismus bekannt zu machen.

Das ist um so notwendiger, als der dialektische und der historische Materialismus das theoretische Fundament des Kommunismus, die theoretischen Grundlagen der marxistischen Partei bilden, die Kenntnis dieser Grundlagen aber und folglich ihre Aneignung Pflicht jedes aktiven Kämpfers unserer Partei ist.

Also :

1. Was ist dialektischer Materialismus?

2. Was ist historischer Materialismus?

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