GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL IV
Menschewiki und Bolschewiki in der Periode der Stolypinschen Reaktion. Formierung der Bolschewiki zu einer selbständigen marxistischen Partei
(1908-1912)

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Bolschewiki und Menschewiki in den Jahren der Stolypinschen Reaktion
Der Kampf der Bolschewiki gegen die Liquidatoren und Otsowisten

In den Jahren der Reaktion war es weit schwieriger, in den Parteiorganisationen zu arbeiten, als in der vorhergehenden Periode der Entfaltung der Revolution. Die Zahl der Parteimitglieder schmolz sehr zusammen. Viele kleinbürgerliche Mitläufer, besonders Intellektuelle, verließen die Reihen der Partei, weil sie die Verfolgungen der zaristischen Regierung fürchteten.

Lenin wies darauf hin, dass revolutionäre Parteien in solchen Augenblicken zulernen müssen. In der Periode des Aufschwungs der Revolution hatten sie angreifen gelernt, in der Periode der Reaktion müssen sie lernen, wie man einen Rückzug richtig durchzuführen, wie man zur Illegalität überzugehen, wie man die illegale Partei zu erhalten und zu festigen hat, wie man die legalen Möglichkeiten, die verschiedensten legalen Organisationen, besonders die Massenorganisationen, zur Festigung der Verbindungen mit den Massen auszunutzen hat.

Die Menschewiki zogen sich panikartig zurück, da sie nicht an die Möglichkeit eines neuen Aufschwungs der Revolution glaubten, sie verleugneten schimpflich die revolutionären Forderungen des Programms und die revolutionären Losungen der Partei, sie wollten die revolutionäre illegale Partei des Proletariats liquidieren, vernichten. Daher nannte man solche Menschewiki von nun an Liquidatoren.

Zum Unterschied von den Menschewiki waren die Bolschewiki von der Zuversicht durchdrungen, dass in den nächsten Jahren ein revolutionärer Aufschwung erfolgen werde und dass die Partei verpflichtet sei, die Massen auf diesen neuen Aufschwung vorzubereiten. Die Grundaufgaben der Revolution waren nicht gelöst. Die Bauernschaft hatte kein Gutsbesitzerland erhalten, die Arbeiter hatten den achtstündigen Arbeitstag nicht erhalten, die dem Volke verhasste zaristische Selbstherrschaft, welche die ihr im Jahre 1905 durch das Volk abgerungenen kleinen politischen Freiheiten wieder zunichte gemacht hatte, war nicht gestürzt. Somit wirkten die Ursachen weiter, die im Jahre 1905 die Revolution hervorgerufen hatten. Darum waren die Bolschewiki von dem neuen Aufschwung der revolutionären Bewegung überzeugt, bereiteten sie sich auf ihn vor, sammelten sie die Kräfte der Arbeiterklasse.

Die Bolschewiki schöpften ihre Zuversicht, dass ein neuer Aufschwung der Revolution unvermeidlich sei, auch noch aus der Tatsache, dass die Revolution von 1905 die Arbeiterklasse gelehrt hatte, im revolutionären Massenkampf ihre Rechte zu erobern. In den Jahren der Reaktion, in den Jahren der Offensive des Kapitals konnten die Arbeiter diese Lehren des Jahres 1905 nicht vergessen. Lenin führte Stellen aus Arbeiterbriefen an, in denen diese, von den neuerlichen Bedrückungen und Schikanen der Fabrikanten berichtend, erklärten: „Wartet nur, es kommt ein neues 1905!“

Das politische Hauptziel der Bolschewiki blieb dasselbe wie im Jahre 1905 - den Zarismus zu stürzen, die bürgerlich-demokratische Revolution zu Ende zu führen, zur sozialistischen Revolution überzugehen. Die Bolschewiki vergaßen keine Minute dieses Ziel und fuhren fort, vor den Massen die revolutionären Hauptlosungen zu entwickeln: demokratische Republik, Konfiskation des Bodens der Gutsbesitzer, achtstündiger Arbeitstag.

Jedoch konnte die Taktik der Partei nicht dieselbe bleiben wie in der Periode des Aufschwungs der Revolution von 1905. Man konnte zum Beispiel nicht in nächster Zeit die Massen zum politischen Generalstreik oder zum bewaffneten Aufstand aufrufen, weil ein Niedergang der revolutionären Bewegung, eine tiefe Ermüdung der Arbeiterklasse, eine bedeutende Stärkung der reaktionären Klassen zu verzeichnen waren. Die Partei musste der neuen Situation Rechnung tragen. Man musste die Angriffstaktik ersetzen durch die Verteidigungstaktik, durch die Taktik der Sammlung der Kräfte, durch die Taktik der Überführung der Kader in die Illegalität und durch die Taktik der illegalen Parteiarbeit, der Verbindung der illegalen Arbeit mit der Arbeit in den legalen Arbeiterorganisationen.

Und die Bolschewiki verstanden es, diese Aufgabe zu erfüllen.

„Wir haben es verstanden, lange Jahre vor der Revolution zu arbeiten. Nicht umsonst hat man uns die Felsenfesten genannt. Die Sozialdemokraten haben eine proletarische Partei aufgebaut, die beim Misslingen ihres ersten militärischen Ansturms nicht den Mut sinken lassen, nicht den Kopf verlieren, sich nicht zu Abenteuern hinreißen lassen wird“, schrieb Lenin . ( Lenin , Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I, S. 574/75.)

Die Bolschewiki kämpften für die Erhaltung und Festigung der illegalen Parteiorganisationen. Aber gleichzeitig hielten die Bolschewiki es für notwendig, alle legalen Möglichkeiten, jeden legalen Anknüpfungspunkt auszunutzen, durch den man die Verbindungen mit den Massen aufrechterhalten und bewahren und somit die Partei stärken konnte.

„Dies war die Periode der Wendung unserer Partei vom offenen revolutionären Kampf gegen den Zarismus zu den Kampfmethoden der Umgehung, zur Ausnutzung aller und jeglicher legalen Möglichkeiten - von den Versicherungskassen bis zur Dumatribüne. Das war die Periode des Rückzugs, nachdem wir in der Revolution von 1905 geschlagen worden waren. Diese Wendung erforderte von uns die Aneignung neuer Kampfmethoden, um nach der Sammlung der Kräfte den offenen revolutionären Kampf gegen den Zarismus aufs Neue aufzunehmen.“ (Stalin, Stenographisches Protokoll des XV. Parteitags, Moskau 1935, S. 366/67 russ.)

Die unversehrt gebliebenen legalen Organisationen waren gleichsam eine Deckung für die illegalen Parteiorganisationen und ein Mittel der Verbindung mit den Massen. Um die Verbindung mit den Massen aufrechtzuerhalten, nutzten die Bolschewiki die Gewerkschaften und andere legale gesellschaftliche Organisationen aus: Krankenversicherungskassen, Arbeiterkonsumgenossenschaften, Klubs und Bildungsvereine, Volkshäuser. Die Bolschewiki nutzten die Tribüne der Reichsduma aus zur Entlarvung der Politik der zaristischen Regierung, zur Entlarvung der Kadetten, zur Gewinnung der Bauern für den Kampf des Proletariats. Die Erhaltung der illegalen Parteiorganisation und die Leitung aller anderen Arten von politischer Arbeit durch diese Organisation sicherten der Partei die Durchführung der richtigen Parteilinie, die Vorbereitung der Kräfte für den neuen revolutionären Aufschwung.

Die Bolschewiki verwirklichten ihre revolutionäre Linie im Kampfe an zwei Fronten, gegen zwei Arten des Opportunismus in der Partei: gegen die Liquidatoren, die direkten Gegner der Partei, und gegen die so genannten Otsowisten, die versteckten Widersacher der Partei.

Lenin , die Bolschewiki führten seit dem Tage der Entstehung des Liquidatorentums einen unversöhnlichen Kampf gegen diese opportunistische Strömung. Lenin hat wiederholt darauf hingewiesen, dass das Liquidatorentum eine Agentur der liberalen Bourgeoisie in der Partei war.

Im Dezember 1908 fand in Paris die V. (gesamtrussische) Konferenz der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands statt. Diese Konferenz verurteilte auf Lenin s Vorschlag das Liquidatorentum, das heißt die Versuche eines gewissen Teils der Parteiintelligenz (der Menschewiki), „die bestehende Organisation der SDAPR zu liquidieren und sie zu ersetzen durch eine formlose Vereinigung im Rahmen der Legalität um jeden Preis, selbst wenn diese Legalität um den Preis offensichtlicher Absage an das Programm, die Taktik und die Traditionen der Partei erkauft werden musste“. (Die KPdSU[B] in Resolutionen, Teil I, S. 128 russ.)

Die Konferenz rief alle Parteiorganisationen zu entschiedenem Kampf gegen die liquidatorischen Versuche auf.

Aber die Menschewiki fügten sich diesem Beschluss der Konferenz nicht und glitten immer mehr auf die Bahn des Liquidatorentums, des Verrats an der Revolution, der Annäherung an die Kadetten. Die Menschewiki sagten sich immer offener von dem revolutionären Programm der proletarischen Partei los, von der Forderung der demokratischen Republik, des achtstündigen Arbeitstags, der Konfiskation der Gutsbesitzerländereien. Die Menschewiki wollten um den Preis der Absage an das Programm und an die Taktik der Partei von der zaristischen Regierung die Zustimmung zur Existenz einer offenen, legalen, angeblichen „Arbeiter“partei erlangen. Die Menschewiki waren bereit, sich mit dem Stolypinschen Regime auszusöhnen, sich ihm anzupassen. Darum wurden die Liquidatoren auch „Stolypinsche Arbeiterpartei“ genannt.

Gleichzeitig mit dem Kampf gegen die offenen Gegner der Revolution - die Liquidatoren, an deren Spitze Dan, Axelrod, Potressow standen, während ihnen Martow, Trotzki und andere Menschewiki halfen - führten die Bolschewiki auch einen unversöhnlichen Kampf gegen die verkappten Liquidatoren, gegen die Otsowisten, die ihren Opportunismus mit „linken“ Phrasen maskierten. Otsowisten nannte man einen Teil früherer Bolschewiki, die die Abberufung der Arbeiterdeputierten aus der Reichsduma und überhaupt die Einstellung jeder Arbeit in den legalen Organisationen forderten.

Im Jahre 1908 verlangte ein Teil der Bolschewiki die Abberufung (russisch: Otsyw) der sozialdemokratischen Deputierten aus der Reichsduma. Daher die Bezeichnung „Otsowisten“. Die Otsowisten bildeten ihre besondere Gruppe (Bogdanow, Lunatscharski, Alexinski, Pokrowski, Bubnow u. a.), die einen Kampf gegen Lenin und die Lenin sche Linie eröffnete. Die Otsowisten lehnten es entschieden ab, in den Arbeitergewerkschaften und anderen legalen Vereinigungen zu arbeiten. Damit fügten sie der Arbeitersache großen Schaden zu. Die Otsowisten suchten die Partei von der Arbeiterklasse loszureißen, sie ihrer Verbindung mit den parteilosen Massen zu berauben; sie wollten sich in einer illegalen Organisation abkapseln, und zugleich setzten sie diese der Gefahr des Hochgehens aus, da sie ihr die Möglichkeit nahmen, legale Deckungen auszunutzen. Die Otsowisten begriffen nicht, dass die Bolschewiki in der Reichsduma und von der Dumatribüne aus imstande waren, die Bauernschaft zu beeinflussen, die Politik der zaristischen Regierung, die Politik der Kadetten zu entlarven, die auf betrügerische Weise die Bauernschaft für sich zu gewinnen suchten. Die Otsowisten hinderten die Sammlung der Kräfte für einen neuen revolutionären Aufschwung. Die Otsowisten waren daher „umgestülpte Liquidatoren“ - sie versuchten die Möglichkeit der Ausnutzung legaler Organisationen zunichte zu machen und verzichteten in der Tat auf eine Leitung der breiten parteilosen Massen durch das Proletariat, verzichteten auf revolutionäre Arbeit.

Die Beratung der erweiterten Redaktion der bolschewistischen Zeitung „Proletari“ (Der Proletarier), die im Jahre 1909 zur Erörterung des Verhaltens der Otsowisten einberufen wurde, verurteilte die Otsowisten. Die Bolschewiki erklärten, mit den Otsowisten nichts gemein zu haben, und schlossen sie aus der bolschewistischen Organisation aus.

Sowohl die Liquidatoren als auch die Otsowisten waren alles in allem nur kleinbürgerliche Mitläufer des Proletariats und seiner Partei. In einem für das Proletariat schwierigen Augenblick zeigten die Liquidatoren und die Otsowisten besonders anschaulich ihr wahres Gesicht.

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