GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL IV
Menschewiki und Bolschewiki in der Periode der Stolypinschen Reaktion. Formierung der Bolschewiki zu einer selbständigen marxistischen Partei
(1908-1912)

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Der Kampf der Bolschewiki gegen den Trotzkismus
Der parteifeindliche Augustblock

Während die Bolschewiki an zwei Fronten - gegen Liquidatoren und Otsowisten - einen unversöhnlichen Kampf für die feste Linie der proletarischen Partei führten, unterstützte Trotzki die Liquidatoren in den Reihen der Menschewiki. Eben in diesen Jahren nannte Lenin ihn „Judas Trotzki“. Trotzki organisierte in Wien eine literarische Gruppe und ging daran, eine „außerfraktionelle“, in Wirklichkeit aber menschewistische Zeitung herauszugeben. Lenin schrieb damals über Trotzki: „Trotzki hat sich benommen wie der niederträchtigste Karrierist und Fraktionsmacher … Schwatzt von der Partei, benimmt sich aber schlimmer als alle übrigen Fraktionsmacher.“

Späterhin, im Jahre 1912, war Trotzki der Organisator des Augustblocks, das heißt eines Blocks aller antibolschewistischen Gruppen und Strömungen gegen Lenin , gegen die bolschewistische Partei. In diesem dem Bolschewismus feindlichen Block schlossen sich sowohl Liquidatoren als auch Otsowisten zusammen, womit sie ihre enge Verwandtschaft bewiesen. Trotzki und die Trotzkisten bezogen in allen grundlegenden Fragen eine liquidatorische Position. Aber Trotzki maskierte sein Liquidatorentum durch Zentrismus, das heißt durch Versöhnlertum, indem er vorgab, außerhalb der Bolschewiki und der Menschewiki zu stehen und angeblich ihre Versöhnung anzustreben. Lenin sagte aus diesem Anlass, dass Trotzki niederträchtiger und schädlicher ist als die offenen Liquidatoren, weil er den Arbeitern vorlügt, dass er „außerhalb der Fraktionen“ stehe, in Wirklichkeit aber restlos die Liquidatoren unter den Menschewiki unterstützt. Der Trotzkismus war der Hauptherd für die Verbreitung des Zentrismus.

„Zentrismus“, schreibt Genosse Stalin, „ist ein politischer Begriff. Seine Ideologie ist die Ideologie der Anpassung, die Ideologie der Unterordnung der proletarischen Interessen unter die Interessen der Kleinbourgeoisie innerhalb einer gemeinsamen Partei. Diese Ideologie ist dem Lenin ismus fremd und widerwärtig.“ (Stalin, Probleme des Lenin ismus, Zweite Folge, 1934, S. 77.)

In dieser Periode erwiesen sich Kamenew, Sinowjew, Rykow in Wirklichkeit als verkappte Agenten Trotzkis, da sie ihm nicht selten gegen Lenin Hilfe leisteten. Unter Mitwirkung Sinowjews, Kamenews, Rykows und anderer verkappter Bundesgenossen Trotzkis wurde gegen Lenin s Willen im Januar 1910 ein Plenum des Zentralkomitees einberufen. Um diese Zeit hatte sich die Zusammensetzung des Zentralkomitees infolge der Verhaftung einer Reihe von Bolschewiki geändert, und die schwankenden Elemente erhielten die Möglichkeit, anti Lenin sche Beschlüsse durchzubringen. So wurde auf diesem Plenum beschlossen, das Erscheinen der bolschewistischen Zeitung „Proletari“ einzustellen und einer Zeitung Trotzkis, der „Prawda“, die dieser in Wien herausgab, Geldunterstützung zu gewähren. Kamenew trat in die Redaktion von Trotzkis Zeitung ein und trachtete im Verein mit Sinowjew danach, Trotzkis Zeitung in ein Organ des Zentralkomitees zu verwandeln.

Erst auf Drängen Lenin s nahm das Januarplenum des Zentralkomitees den Beschluss an, das Liquidatorentum und den Otsowismus zu verurteilen, aber auch hier beharrten Sinowjew und Kamenew auf dem trotzkistischen Antrag, die Liquidatoren nicht bei ihrem wahren Namen zu nennen.

Es kam so, wie Lenin es vorausgesehen und wovor er gewarnt hatte: nur die Bolschewiki fügten sich dem Beschluss des ZK-Plenums, stellten das Erscheinen ihres Organs, des „Proletari“ ein, die Menschewiki aber fuhren fort, ihr fraktionelles, liquidatorisches Organ „Golos Sozialdemokrata“ (Stimme des Sozialdemokraten) herauszugeben.

Der Standpunkt Lenin s wurde restlos unterstützt von Genossen Stalin, der in Nr. 11 des „Sozialdemokrat“ einen besonderen Artikel veröffentlichte. In diesem Artikel wurde das Verhalten der Helfershelfer des Trotzkismus verurteilt und von der Notwendigkeit gesprochen, die in der bolschewistischen Fraktion infolge des verräterischen Verhaltens Kamenews, Sinowjews, Rykows entstandene unnormale Lage zu beseitigen. In dem Artikel wurden die aktuellen Aufgaben dargelegt, die später auf der Prager Parteikonferenz verwirklicht wurden: Einberufung einer Konferenz der Gesamtpartei, Herausgabe einer legalen Parteizeitung und Schaffung eines illegalen, mit der praktischen Leitung beauftragten Parteizentrums in Russland. Der Artikel des Genossen Stalin fußte auf Beschlüssen des Bakuer Komitees, das in vollem Umfang Lenin unterstützte.

Als Gegengewicht zum parteifeindlichen Augustblock Trotzkis, dem ausschließlich parteifeindliche Elemente, von den Liquidatoren und Trotzkisten bis zu den Otsowisten und Gottbildnern, angehörten, wurde ein Parteiblock der Anhänger der Erhaltung und Stärkung der illegalen proletarischen Partei geschaffen. Diesen Block bildeten die Bolschewiki mit Lenin an der Spitze und eine kleine Anzahl Menschewiki, die für die Erhaltung der Partei waren und an deren Spitze Plechanow stand. Plechanow und seine Gruppe der Parteianhänger unter den Menschewiki, die in einer Reihe von Fragen auf ihrem menschewistischen Standpunkt verblieben, rückten von dem Augustblock und den Liquidatoren entschieden ab und strebten ein Abkommen mit den Bolschewiki an. Lenin nahm den Vorschlag Plechanows an und ging auf einen zeitweiligen Block mit Plechanow gegen die parteifeindlichen Elemente ein, in der Erwägung, dass ein solcher Block für die Partei vorteilhaft und für die Liquidatoren verderblich war.

Genosse Stalin unterstützte diesen Block in vollem Maße. Er befand sich zu dieser Zeit in der Verbannung. In einem Brief aus der Verbannung an Lenin schrieb Genosse Stalin:

„Meiner Meinung nach ist die Linie des Blocks ( Lenin -Plechanow) die einzig richtige: 1. entspricht sie, und nur sie, den wirklichen Interessen der Arbeit in Russland, die den Zusammenschluss aller wirklich zur Partei stehenden Elemente erfordern; 2. beschleunigt sie, und nur sie, den Prozess der Befreiung der legalen Organisationen vom Joche der Liquidatoren, indem sie zwischen den menschewistischen Arbeitern und den Liquidatoren eine Kluft aufreißt und die letzteren zerstreut und tödlich trifft.“ (,; Lenin und Stalin“, Bd. I, S. 529/30 russ.)

Dank geschickter Verbindung der illegalen Arbeit mit der legalen Arbeit gelang es den Bolschewiki, zu einer bedeutenden Kraft in den offen tätigen Arbeiterorganisationen zu werden. Dies äußerte sich unter anderem in dem gewichtigen Einfluss, den die Bolschewiki auf die Arbeitergruppen der vier legalen Kongresse - der Volkshochschulen, der Frauen, der Fabrikärzte und der Alkoholgegner - ausübten, die in dieser Periode stattfanden. Das Auftreten der Bolschewiki auf diesen legalen Kongressen hatte große politische Bedeutung, es fand Widerhall im ganzen Land. So entlarvte zum Beispiel die bolschewistische Arbeiterdelegation auf dem Kongress der Volkshochschulen die Politik des Zarismus, der jede Bildungsarbeit erstickte, und wies nach, dass ohne die Beseitigung des Zarismus ein wahrer Kulturaufschwung im Lande undenkbar war. Die auf dem Kongress der Fabrikärzte auftretende Arbeiterdelegation berichtete von den fürchterlichen sanitären Verhältnissen, unter denen die Arbeiter arbeiten und leben mussten, und kam zu dem Schluss, dass ohne den Sturz des zaristischen Regimes die Gewerbehygiene nicht richtig organisiert werden konnte.

Die Bolschewiki verdrängten die Liquidatoren allmählich aus den verschiedenen unversehrt gebliebenen legalen Organisationen. Die eigenartige Taktik der Einheitsfront mit der Plechanowschen Parteigruppe ermöglichte es den Bolschewiki, eine Reihe menschewistischer Arbeiterorganisationen zu erobern (Wiborger Rayon in Petersburg, Jekaterinoslaw u. a.).

In dieser schwierigen Periode boten die Bolschewiki durch ihre Arbeit ein Musterbeispiel dafür, wie man die legale mit der illegalen Arbeit verbinden muss.

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