GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL IV
Menschewiki und Bolschewiki in der Periode der Stolypinschen Reaktion. Formierung der Bolschewiki zu einer selbständigen marxistischen Partei
(1908-1912)

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Die Prager Parteikonferenz von 1912
Die Formierung der Bolschewiki zu einer selbständigen marxistischen Partei

Der Kampf mit den Liquidatoren und Otsowisten sowie der Kampf mit den Trotzkisten stellte den Bolschewiki die dringliche Aufgabe, alle Bolschewiki zu einer Einheit zusammenzuschließen und eine selbständige bolschewistische Partei aus ihnen zu formieren. Dies war dringend notwendig nicht nur, um mit den opportunistischen Strömungen in der Partei, die die Arbeiterklasse spalteten, Schluss zu machen. Dies musste man außerdem tun, um die Sammlung der Kräfte der Arbeiterklasse zu Ende zu führen und die Arbeiterklasse für den neuen revolutionären Aufschwung vorzubereiten.

Um aber diese Aufgabe zu erfüllen, war es vor allem notwendig, die Partei von den Opportunisten, von den Menschewiki zu säubern.

Jetzt zweifelte keiner der Bolschewiki mehr daran, dass ein weiteres Verbleiben der Bolschewiki in einer Partei mit den Menschewiki undenkbar geworden war. Die verräterische Haltung der Menschewiki in der Periode der Stolypinschen Reaktion, ihre Versuche, die proletarische Partei zu liquidieren und eine neue, eine reformistische Partei zu organisieren, machten den Bruch mit ihnen unvermeidlich. Solange sich die Bolschewiki mit den Menschewiki in einer Partei befanden, übernahmen sie in dieser oder jener Hinsicht die moralische Verantwortung für die Haltung der Menschewiki. Aber die moralische Verantwortung für den offenen Verrat der Menschewiki auf sich zu nehmen, wurde nun undenkbar, wenn die Bolschewiki nicht selbst zu Verrätern an der Partei und der Arbeiterklasse werden wollten. Die Einheit mit den Menschewiki im Rahmen einer Partei ging auf diese Weise über in Verrat an der Arbeiterklasse und ihrer Partei. Es war darum notwendig, den faktischen Bruch mit den Menschewiki zu Ende zu führen, ihn bis zum formellen organisatorischen Bruch mit ihnen zu führen und die Menschewiki aus der Partei zu vertreiben.

Nur auf diesem Wege konnte man die revolutionäre Partei des Proletariats mit einem einheitlichen Programm, einer einheitlichen Taktik, einer einheitlichen Klassenorganisation wiederherstellen.

Nur auf diesem Wege konnte man die wirkliche (und nicht nur formale), von den Menschewiki zerstörte Einheit der Partei herstellen.

Diese Aufgabe sollte die von den Bolschewiki vorbereitete VI. allgemeine Parteikonferenz erfüllen.

Aber diese Aufgabe bildete nur die eine Seite der Sache. Der formelle Bruch mit den Menschewiki und die Formierung der Bolschewiki zu einer besonderen Partei stellten natürlich eine sehr wichtige politische Aufgabe dar. Aber vor den Bolschewiki stand noch eine andere, wichtigere Aufgabe. Die Aufgabe bestand nicht nur darin, mit den Menschewiki zu brechen und sich zu einer besonderen Partei zu formieren, sondern vor allem darin, nach dem Bruch mit den Menschewiki eine neue Partei zu schaffen, eine Partei von neuem Typus, unterschieden von den gewöhnlichen sozialdemokratischen Parteien des Westens, frei von opportunistischen Elementen, fähig, das Proletariat in den Kampf um die Macht zu führen.

Im Kampfe gegen die Bolschewiki benutzten alle Menschewiki, ohne Unterschied der Schattierungen, von Axelrod und Martynow bis zu Martow und Trotzki, unaufhörlich die aus dem Arsenal der westeuropäischen Sozialdemokraten entnommenen Waffen. Sie wollten in Russland genau so eine Partei haben wie, sagen wir, die deutsche oder französische sozialdemokratische Partei. Sie kämpften eben darum gegen die Bolschewiki, weil sie in ihnen etwas Neues, Ungewöhnliches, von der Sozialdemokratie des Westens Verschiedenes witterten. Was aber stellten damals die sozialdemokratischen Parteien des Westens dar? Ein Gemisch, einen Mischmasch aus marxistischen und opportunistischen Elementen, aus Freunden und Gegnern der Revolution, aus Anhängern und Gegnern der Parteigesinnung - bei allmählicher ideologischer Versöhnung der ersteren mit den letzteren, bei allmählicher faktischer Unterordnung der ersteren unter die letzteren. Versöhnung mit den Opportunisten, mit den Verrätern an der Revolution - weswegen? fragten die Bolschewiki die westeuropäischen Sozialdemokraten. Um des „Friedens in der Partei“ willen, um der „Einheit“ willen - antworteten sie den Bolschewiki. Einheit mit wem, mit den Opportunisten? Ja, antworteten sie, mit den Opportunisten. Es war klar, dass solche Parteien keine revolutionären Parteien sein können.

Die Bolschewiki sahen nur allzu gut, dass die westeuropäischen sozialdemokratischen Parteien nach dem Tode von Engels aus Parteien der sozialen Revolution zu Parteien „sozialer Reformen“ zu entarten begonnen hatten, und dass sich jede dieser Parteien als Organisation bereits aus einer führenden Kraft in ein Anhängsel ihrer eigenen parlamentarischen Gruppe verwandelt hatte.

Die Bolschewiki wussten nur allzu gut, dass eine solche Partei dem Proletariat übel bekommen würde, dass eine solche Partei nicht fähig ist, die Arbeiterklasse zur Revolution zu führen.

Die Bolschewiki wussten nur allzu gut, dass das Proletariat nicht eine solche Partei, sondern eine andere, neue, wirklich marxistische Partei braucht, unversöhnlich gegenüber den Opportunisten und revolutionär gegenüber der Bourgeoisie, fest geschlossen und aus einem Guss, eine Partei der sozialen Revolution, eine Partei der Diktatur des Proletariats.

Die Bolschewiki wollten für sich eben eine solche, eine neue Partei haben. Und die Bolschewiki arbeiteten am Aufbau einer solchen Partei. Die ganze Geschichte des Kampfes mit den „Ökonomisten“, den Menschewiki, den Trotzkisten, den Otsowisten, den Idealisten aller Spielarten bis zu den Empiriokritizisten - war die Geschichte der Vorbereitung eben einer solchen Partei. Die Bolschewiki wollten eine neue, eine bolschewistische Partei schaffen, geeignet, ein Vorbild für alle die zu sein, die eine wirklich revolutionäre marxistische Partei haben wollten. Die Bolschewiki arbeiteten an der Schaffung einer solchen Partei schon seit den Zeiten der alten „Iskra“. Sie arbeiteten hartnäckig, standhaft daran, allen Hindernissen zum Trotz. Die wichtigste und entscheidende Rolle spielten in dieser Vorbereitungsarbeit Werke Lenin s wie „Was tun?“, „Zwei Taktiken“ usw. Lenin s Buch „Was tun?“ war die ideologische Vorbereitung einer solchen Partei. Lenin s Buch „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“ war die organisatorische Vorbereitung einer solchen Partei. Lenin s Buch „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ war die politische Vorbereitung einer solchen Partei. Lenin s Buch „Materialismus und Empiriokritizismus“ schließlich war die theoretische Vorbereitung einer solchen Partei.

Man kann mit Sicherheit sagen, dass noch niemals in der Geschichte auch nur eine einzige politische Gruppe so gründlich darauf vorbereitet war, sich als Partei zu formieren, wie die bolschewistische Gruppe.

Unter solchen Bedingungen war die Formierung der Bolschewiki zu einer Partei eine völlig spruchreife und fertige Sache.

Die Aufgabe der VI. Parteikonferenz bestand darin, die bereits fertige Sache durch den Akt der Vertreibung der Menschewiki und der Formierung der neuen Partei, der Partei der Bolschewiki, zu krönen.

Die VI. Allrussische Parteikonferenz fand im Januar 1912 in Prag statt. Mehr als 20 Parteiorganisationen waren auf dieser Konferenz vertreten. Sie hatte daher geradezu die Bedeutung eines Parteitags.

In der Verlautbarung über die Konferenz, die die Wiederherstellung des zerstörten zentralen Apparats der Partei, die Schaffung eines Zentralkomitees der Partei meldete, wurde davon gesprochen, dass die Jahre der Reaktion für die Partei die schwersten Jahre gewesen waren, seitdem die russische Sozialdemokratie sich als eine bestimmte Organisation im eigentlichen Sinne des Wortes herausgebildet hatte. Trotz aller Verfolgungen, trotz der schweren Schläge von außen, trotz des Verrats und der Schwankungen der Opportunisten innerhalb der Partei hatte die Partei des Proletariats ihr Banner und ihre Organisation bewahrt.

„Unversehrt geblieben sind nicht nur das Banner der russischen Sozialdemokratie, ihr Programm, ihre revolutionären Vermächtnisse, unversehrt geblieben ist ihre Organisation, die zwar unterwühlt und geschwächt, aber durch keinerlei Verfolgungen bis auf den Grund niedergerissen werden konnte“, hieß es in der Verlautbarung der Konferenz.

Die Konferenz stellte die ersten Anzeichen des neuen Aufschwungs der Arbeiterbewegung in Russland und eine Belebung der Parteiarbeit fest.

Auf Grund der Berichte aus den einzelnen Orten konstatierte die Konferenz, dass „überall im Lande unter den sozialdemokratischen Arbeitern eine energische Arbeit zur Festigung der illegalen sozialdemokratischen Ortsorganisationen und Gruppen geleistet wird“.

Die Konferenz stellte fest, dass in den Ortsorganisationen die überaus wichtige Regel der bolschewistischen Taktik in der Periode des Rückzugs überall anerkannt wird - die Verbindung der illegalen mit der legalen Arbeit in den verschiedenen legalen Arbeitervereinigungen und Arbeiterverbänden.

Die Prager Konferenz wählte ein bolschewistisches Zentralkomitee der Partei. In dieses ZK wurden Lenin , Stalin, Ordshonikidse, Swerdlow, Spandarian und andere gewählt. Die Genossen Stalin und Swerdlow wurden in ihrer Abwesenheit in das Zentralkomitee gewählt, da sie sich in der Verbannung befanden. Zum Kandidaten des ZK wurde u. a. Genosse Kalinin gewählt.

Es wurde ein Zentrum zur praktischen Leitung der revolutionären Arbeit in Russland (Russisches Büro des Zentralkomitees) mit Genossen Stalin an der Spitze geschaffen. Dem Russischen Büro des Zentralkomitees gehörten außer Genossen Stalin die Genossen J. Swerdlow, S. Spandarian, S. Ordshonikidse, M. Kalinin an.

Die Prager Konferenz zog die Bilanz des gesamten vorhergegangenen Kampfes der Bolschewiki gegen den Opportunismus und beschloss, die Menschewiki aus der Partei zu vertreiben.

Die Prager Konferenz formierte nach der Vertreibung der Menschewiki die bolschewistische Partei als selbständig existierende Partei.

Indem die Bolschewiki die ideologische und organisatorische Zertrümmerung der Menschewiki zu Ende führten und sie aus der Partei vertrieben, wahrten die Bolschewiki sich das alte Banner der Partei, der SDAPR. Darum nannte sich die Partei der Bolschewiki noch bis zum Jahre 1918 Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands, mit dem Zusatz „Bolschewiki“ in Klammern.

Über die Ergebnisse der Prager Konferenz schrieb Lenin Anfang 1912 an Gorki:

„Endlich ist es gelungen, trotz der liquidatorischen Schufte, die Wiedergeburt der Partei und ihres Zentralkomitees herbeizuführen. Ich hoffe, dass Sie sich darüber zusammen mit uns freuen werden.“ ( Lenin , Sämtl. Werke, Bd. XXIX, S. 19 russ.)

In seiner Einschätzung der Bedeutung der Prager Konferenz führt Genosse Stalin aus:

„Diese Konferenz hatte größte Bedeutung in der Geschichte unserer Partei, denn sie zog den Trennungsstrich zwischen Bolschewiki und Menschewiki und vereinigte die bolschewistischen Organisationen im ganzen Lande zur einheitlichen bolschewistischen Partei.“ (Stenographisches Protokoll des XV. Parteitags der KPdSU[B], S. 361/62 russ.)

Nach Vertreibung der Menschewiki und Formierung der Bolschewiki zu einer selbständigen Partei wurde die Partei der Bolschewiki fester und stärker. Die Partei festigt sich dadurch, dass sie sich von opportunistischen Elementen säubert - das ist eine der Losungen der bolschewistischen Partei als der Partei von neuem Typus, die sich von den sozialdemokratischen Parteien der II. Internationale grundsätzlich unterscheidet. Die Parteien der II. Internationale, die sich in Worten als marxistisch bezeichneten, duldeten in Wirklichkeit Gegner des Marxismus, offene Opportunisten in ihrer Mitte und gaben ihnen die Möglichkeit, die II. Internationale zu zersetzen und zugrunde zu richten. Die Bolschewiki hingegen führten einen unversöhnlichen Kampf gegen die Opportunisten, säuberten die proletarische Partei von dem Unflat des Opportunismus und brachten es zuwege, die Partei von neuem Typus, die Lenin sche Partei zu schaffen, die Partei, die später die Diktatur des Proletariats erkämpft hat.

Wenn in den Reihen der proletarischen Partei Opportunisten geblieben wären, so hätte die bolschewistische Partei sich nicht aus dem unwegsamen Gelände herausarbeiten und das Proletariat mit sich führen können, so hätte sie nicht die Macht ergreifen und die Diktatur des Proletariats organisieren können, so hätte sie nicht als Sieger aus dem Bürgerkrieg hervorgehen und den Sozialismus aufbauen können.

Die Prager Konferenz stellte in ihren Beschlüssen als aktuelle politische Hauptlosungen der Partei ein Minimalprogramm auf: demokratische Republik, achtstündiger Arbeitstag, Konfiskation des gesamten Bodens der Gutsbesitzer.

Unter diesen revolutionären Losungen führten die Bolschewiki die Wahlkampagne in den Wahlen zur IV. Reichsduma durch.

Unter diesen Losungen vollzog sich der neue Aufschwung der revolutionären Bewegung der Arbeitermassen in den Jahren 1912 bis 1914.

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