GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL V
Die Partei der Bolschewiki in den Jahren des Aufschwungs der Arbeiterbewegung vor dem ersten imperialistischen Krieg
(1912-1914)

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Der Aufschwung der revolutionären Bewegung in den Jahren 1912-1914

Der Triumph der Stolypinschen Reaktion erwies sich als kurzlebig. Eine Regierung, die dem Volke nichts geben wollte außer Knute und Galgen, konnte nicht stabil sein. Die Gewaltmaßnahmen wurden derart alltäglich, dass sie für das Volk ihren Schrecken verloren. Die Müdigkeit, die sich der Arbeiter in den ersten Jahren der Niederlage der Revolution bemächtigt hatte, begann zu schwinden. Die Arbeiter begannen sich erneut zum Kampf zu erheben. Die Voraussicht der Bolschewiki, dass ein neuer revolutionärer Aufschwung unvermeidlich war, erwies sich als richtig. Bereits im Jahre 1911 überstieg die Zahl der Streikenden 100000, während sie in den vorhergehenden Jahren insgesamt 50000 bis 60000 Personen betragen hatte. Schon die Prager Parteikonferenz vorn Januar 1912 hatte die beginnende Belebung in der Arbeiterbewegung fest gestellt. Der wirkliche Aufschwung der revolutionären Bewegung aber begann im April, Mai des Jahres 1912, als in Verbindung mit der Niederschießung der Arbeiter an der Lena politische Massenstreiks aufflammten.

Am 4. (17.) April wurden auf den Lena-Goldfeldern in Sibirien während eines Streiks, auf Befehl eines zaristischen Gendarmerieoffiziers, mehr als 500 Arbeiter getötet oder verwundet. Die Niederschießung der unbewaffneten Menge der Lena-Bergarbeiter, die sich friedlich zu Verhandlungen mit der Administration aufgemacht hatten, versetzte das ganze Land in Erregung. Diese neue blutige Freveltat der zaristischen Selbstherrschaft wurde zu Nutz und Frommen der Herren der Lena-Goldfelder, englischer Kapitalisten, verübt, um den wirtschaftlichen Streik der Bergarbeiter zu brechen. Die englischen Kapitalisten und ihre russischen Kompagnons zogen aus den Lena-Goldfeldern wahnwitzige Profite - alljährlich über 7 Millionen Rubel -, und das durch die schamloseste Ausbeutung der Arbeiter. Sie zahlten den Arbeitern äußerst niedrige Arbeitslöhne und belieferten sie mit ungenießbaren, verdorbenen Lebensmitteln. Außerstande, diese Drangsalierungen und Schikanen länger zu ertragen, traten 6000 Arbeiter der Lena-Goldfelder in den Streik.

Auf das Blutbad an der Lena antwortete das Proletariat mit Massenstreiks, Demonstrationen und Meetings in Petersburg und Moskau sowie in allen industriellen Zentren und Gebieten.

„Wir waren so erschüttert und fassungslos, dass wir nicht gleich die passenden Worte fanden. Welchen Protest wir auch erheben mochten, es wäre nur ein matter Widerschein der seelischen Erregung gewesen, die jeder von uns durchlebte. Nichts wird uns helfen: weder Tränen noch Proteste, sondern nur der organisierte Massenkampf“, so schrieben die Arbeiter einer Gruppe von Betrieben in ihrer Resolution.

Die stürmische Empörung der Arbeiter steigerte sich noch mehr, als der zaristische Minister Makarow in Beantwortung einer Anfrage der sozialdemokratischen Fraktion in der Reichsduma anlässlich des Blutbads an der Lena frech erklärte: „So war es und so wird’s bleiben!“ Die Zahl der Teilnehmer politischer Proteststreiks gegen die blutige Niederschlagung der Lena-Arbeiter erreichte 300000.

Die Ereignisse der Lena-Tage brachen wie ein Gewittersturm in die Atmosphäre der „Befriedung“, die von dem Stolypinregime geschaffen worden war.

Genosse Stalin schrieb aus diesem Anlass in der bolschewistischen Petersburger Zeitung „Swesda“ (Der Stern) im Jahre 1912 folgendes:

„Die Schüsse an der Lena haben das Eis des Schweigens gebrochen, und - der Strom der Volksbewegung ist in Gang gekommen. In Gang gekommen!... Alles, was es Böses und Unheilvolles im gegenwärtigen Regime gab, alles, woran das vielgeprüfte Russland dahinkrankte - all das hat sich in der einen Tatsache, in den Ereignissen an der Lena zusammengeballt. Das ist der Grund, warum gerade die Schüsse an der Lena zum Signal für Streiks und Demonstrationen wurden.“

Vergeblich hatten die Liquidatoren und Trotzkisten die Revolution für begraben erklärt. Die Lena-Ereignisse zeigten, dass die revolutionären Kräfte lebendig waren, dass sich in der Arbeiterklasse eine gewaltige Menge revolutionärer Energie angesammelt hatte. Die Streiks anlässlich des 1. Mai 1912 erfassten etwa 400000 Arbeiter. Diese Streiks trugen ausgesprochen politischen Charakter, sie verliefen unter den bolschewistischen revolutionären Losungen: demokratische Republik, achtstündiger Arbeitstag, Konfiskation des gesamten Bodens der Gutsbesitzer. Diese grundlegenden Losungen waren darauf berechnet, breite Massen nicht nur der Arbeiter, sondern auch der Bauern und der Soldaten zum revolutionären Ansturm gegen die Selbstherrschaft zu vereinigen.

„Der grandiose Maistreik des Proletariats von ganz Russland und die damit verbundenen Straßendemonstrationen, die revolutionären Proklamationen und revolutionären Reden vor den Arbeitermassen haben deutlich gezeigt, dass Russland in eine Phase des revolutionären Aufschwungs eingetreten ist“, schrieb Lenin in dem Artikel „Der revolutionäre Aufschwung“. ( Lenin , Ausgew. Werke in zwei Bänden, Bd. I, S. 654.)

Durch die revolutionäre Haltung der Arbeiter beunruhigt, wandten sich die Liquidatoren gegen den Streikkampf, den sie als Ausfluss eines „Streikfiebers“ bezeichneten. Die Liquidatoren und ihr Bundesgenosse Trotzki wollten den revolutionären Kampf des Proletariats durch eine „Petitionskampagne“ ersetzen. Den Arbeitern wurde angeraten, einen papiernen Wisch, eine „Petition“ mit der Bitte um Gewährung von „Rechten“ (um Aufhebung der Beschränkungen der Vereinsfreiheit, des Streikrechts usw.) zu unterzeichnen, um diesen Wisch sodann der Reichsduma zu unterbreiten. Die Liquidatoren konnten nur 1300 Unterschriften aufbringen, während sich um die von den Bolschewiki aufgestellten revolutionären Losungen hunderttausende Arbeiter zusammenschlossen.

Die Arbeiterklasse ging den von den Bolschewiki gewiesenen Weg. Die wirtschaftliche Situation des Landes bot in dieser Periode das folgende Bild:

Die Depression in der Industrie war schon im Jahre 1910 einer Belebung, einer Erweiterung der Produktion in den entscheidenden Industriezweigen gewichen. Hatte die Erzeugung von Roheisen im Jahre 1910 186 Millionen Pud betragen, so waren es 1912 256 und 1913 283 Millionen Pud. Die Steinkohlenförderung im Jahre 1910 betrug 1522 Millionen Pud, 1913 aber bereits 2214 Millionen Pud.

Mit dem Wachstum der kapitalistischen Industrie ging ein rasches Wachstum des Proletariats einher. Eine Besonderheit der industriellen Entwicklung war die weitere Konzentration der Produktion in großen und größten Betrieben. Hatten 1901 in Großbetrieben mit 500 Arbeitern und darüber 46,7 Prozent aller Arbeiter gearbeitet, so arbeiteten 1910 in den Betrieben dieses Typus schon etwa 54 Prozent, das heißt mehr als die Hälfte aller Arbeiter. Dies war eine beispiellose Konzentration der Industrie. Selbst in einem so entwickelten Industrieland wie Nordamerika arbeitete damals nur etwa ein Drittel aller Arbeiter in Großbetrieben.

Das Wachstum des Proletariats und seine Konzentration in Großbetrieben bei Bestehen einer solchen revolutionären Partei wie der Partei der Bolschewiki machten die Arbeiterklasse Russlands zur gewaltigsten Kraft im politischen Leben des Landes. Die barbarischen Formen der Ausbeutung der Arbeiter in den Betrieben in Verbindung mit dem unerträglichen Polizeiregime der Zarenschergen verliehen jedem bedeutsamen Streik politischen Charakter. Die Verflechtung des wirtschaftlichen und des politischen Kampfes aber verlieh den Massenstreiks besondere revolutionäre Kraft.

In der Vorhut der revolutionären Arbeiterbewegung marschierte das heroische Proletariat Petersburgs, auf Petersburg folgten das Ostseegebiet, Moskau und das Moskauer Gouvernement, hierauf das Wolgagebiet und Südrussland. Im Jahre 1913 erfasste die Bewegung das Westgebiet, Polen, den Kaukasus. Insgesamt streikten im Jahre 1912 nach offiziellen Zählungen 725000, nach anderen, vollständigeren Angaben mehr als 1 Million Arbeiter, im Jahre 1913 nach offiziellen Zählungen 861000, nach vollständigeren Angaben aber 1272000 Arbeiter. Im ersten Halbjahr 1914 nahmen bereits etwa 1½ Millionen Arbeiter an Streiks teil.

Somit wurde das Land durch den revolutionären Aufschwung der Jahre 1912 bis 1914 und durch das breite Ausmaß der Streikbewegung einer Situation wie zu Beginn der Revolution von 1905 nahe gebracht.

Die revolutionären Massenstreiks des Proletariats waren von Bedeutung für das ganze Volk. Sie waren gegen die Selbstherrschaft gerichtet. Die Streiks fanden die Sympathie der übergroßen Mehrheit der werktätigen Bevölkerung. Die Fabrikanten und Schlotbarone nahmen an den Arbeitern für die Streiks durch Aussperrungen Rache. Im Jahre 1913 warfen die Kapitalisten im Gouvernement Moskau 50000 Textilarbeiter auf die Straße. Im März 1914 wurden in Petersburg an einem Tage 70000 Arbeiter entlassen. Die Arbeiter anderer Betriebe und Industriezweige unterstützten die streikenden und ausgesperrten Kameraden durch breite Massen erfassende Geldsammlungen, manchmal durch Solidaritätsstreiks.

Der Aufschwung der Arbeiterbewegung und die Massenstreiks weckten auch die Bauernmassen und zogen sie mit in den Kampf. Die Bauern erhoben sich erneut zum Kampf gegen die Gutsbesitzer, zerstörten Landsitze der Gutsbesitzer und kulakische Einzelgehöfte. In den Jahren 1910 bis 1914 fanden mehr als 13000 Bauernaktionen statt.

Auch in Armee und Flotte setzten revolutionäre Aktionen ein. Im Jahre 1912 kam es zu einer bewaffneten Aktion unter den Truppen in Turkestan. In der Baltischen Flotte und in Sewastopol reiften Aufstände heran.

Die revolutionäre Streikbewegung und die Demonstrationen, die unter der Führung der bolschewistischen Partei vor sich gingen, zeigten, dass die Arbeiterklasse nicht für Teilforderungen, nicht für „Reformen“ kämpfte, sondern für die Befreiung des Volkes vom Zarismus. Das Land ging einer neuen Revolution entgegen.

Um Russland näher zu sein, siedelte Lenin im Sommer 1912 von Paris nach Galizien (im ehemaligen Österreich) über. Hier fanden unter seinem Vorsitz zwei Beratungen von Mitgliedern des Zentralkomitees und verantwortlicher Funktionäre statt: eine Ende 1912 in Krakau und die andere im Herbst 1913 in der Ortschaft Poronino bei Krakau. In diesen Beratungen wurden über die wichtigsten Fragen der Arbeiterbewegung Beschlüsse gefasst: über den revolutionären Aufschwung, über die Streiks und die Aufgaben der Partei, über die Stärkung der illegalen Organisationen, über die sozialdemokratische Dumafraktion, über die Parteipresse, über die Arbeiterversicherungskampagne.

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