GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL V
Die Partei der Bolschewiki in den Jahren des Aufschwungs der Arbeiterbewegung vor dem ersten imperialistischen Krieg
(1912-1914)

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Die bolschewistische Zeitung „Prawda“
Die bolschewistische Fraktion in der IV. Reichsduma

Eine mächtige Waffe in der Hand der bolschewistischen Partei zur Stärkung ihrer Organisation und zur Erringung des Einflusses auf die Massen wurde die bolschewistische Tageszeitung „Prawda“ (Die Wahrheit), die in Petersburg herausgegeben wurde. Begründet wurde sie gemäß der Weisung Lenin s, auf Initiative Stalins, Olminskis und Poletajews. Die proletarische Massenzeitung „Prawda“ trat zugleich mit dem neuen Aufschwung der revolutionären Bewegung ins Leben: Am 22. April (5. Mai neuen Stils) 1912 erschien ihre erste Nummer. Dies war ein richtiger Festtag für die Arbeiter. Dem Erscheinen der „Prawda“ zu Ehren wurde beschlossen, den 5. Mai zum Festtag der Arbeiterpresse zu erklären.

Schon vor der „Prawda“ war die bolschewistische Wochenzeitung „Swesda“ erschienen, die für fortgeschrittene Arbeiter bestimmt war. Die „Swesda“ spielte eine große Rolle in den Tagen der Lena-Ereignisse. In ihr wurde eine Reihe politischer Kampfartikel Lenin s und Stalins veröffentlicht, die die Arbeiterklasse zum Kampf mobilisierten. Aber angesichts des revolutionären Aufschwungs war eine Wochenzeitung für die bolschewistische Partei schon nicht mehr ausreichend. Man brauchte eine tägliche politische Massenzeitung, die für breiteste Arbeiterschichten bestimmt war. Und eine solche Zeitung war die „Prawda“.

In dieser Periode war die Rolle der „Prawda“ außerordentlich groß. Die „Prawda“ eroberte breite Massen der Arbeiterklasse für den Bolschewismus. Angesichts der unaufhörlichen polizeilichen Verfolgungen, Geldstrafen, Konfiskation wegen Veröffentlichung von Artikeln und Korrespondenzen, die der Zensur nicht gefielen, konnte die „Prawda“ nur hei aktiver Unterstützung durch Zehntausende fortgeschrittener Arbeiter existieren. Die „Prawda“ konnte die ungeheuren Geldstrafen nur bezahlen dank den großzügigen Geldsammlungen unter den Arbeitern. Nicht selten gelangte ein bedeutender Teil der Auflage konfiszierter Nummern der „Prawda“ doch in die Hände der Leser, weil die fortgeschrittenen Arbeiter schon in der Nacht in die Druckerei kamen und die Zeitungspakete davontrugen.

Die zaristische Regierung verbot die „Prawda“ in zweieinhalb Jahren achtmal, aber mit Unterstützung der Arbeiter begann sie jedesmal wieder unter neuen, ähnlichen Titeln zu erscheinen, wie zum Beispiel „Sa Prawdu“ (Für die Prawda), „Putj Prawdy“ (Der Weg der Prawda), „Trudowaja Prawda“ (Arbeits-Prawda).

Während die „Prawda“ eine durchschnittliche Tagesauflage von 40000 Exemplaren hatte, ging die Auflage der menschewistischen Tageszeitung „Lutsch“ (Der Strahl) nicht über 15000-16000 hinaus.

Die Arbeiter betrachteten die „Prawda“ als ihre Arbeiterzeitung, brachten ihr großes Vertrauen entgegen und hörten aufmerksam auf ihre Stimme. Jedes Exemplar der „Prawda“ ging von Hand zu Hand und tat bei Dutzenden von Lesern seinen Dienst, gestaltete ihr Klassenbewusstsein, erzog und organisierte sie, rief sie zum Kampf.

Worüber schrieb die „Prawda“?

In jeder Nummer der „Prawda“ wurden Dutzende von Arbeiterkorrespondenzen veröffentlicht, in denen geschildert wurde, wie die Arbeiter lebten, wie sie von den Kapitalisten, ihren Betriebsleitern und Meistern bestialisch ausgebeutet, auf die verschiedenste Weise drangsaliert und schikaniert wurden. Das waren scharfe, treffsichere Geißelungen der kapitalistischen Zustände. Nicht selten wurde in den Notizen der „Prawda“ von Selbstmorden hungernder Arbeitsloser berichtet, die die Hoffnung verloren hatten, jemals wieder Arbeit zu finden.

Die „Prawda“ schrieb über die Nöte und Forderungen der Arbeiter der verschiedenen Fabriken und Industriezweige, berichtete davon, wie die Arbeiter für ihre Forderungen kämpfen. In fast jeder Nummer wurde über Streiks in verschiedenen Betrieben geschrieben. Wenn große, langwierige Streiks stattfanden, so organisierte die Zeitung die Arbeiter anderer Betriebe und Industriezweige zur Unterstützung der Streikenden durch Geldsammlungen. Manchmal wurden Zehntausende von Rubeln für die Streikfonds gesammelt - für jene Zeiten gewaltige Summen, wenn man in Betracht zieht, dass die Mehrzahl der Arbeiter nicht mehr als 70 bis 80 Kopeken pro Tag erhielt. Dies erzog die Arbeiter im Geiste proletarischer Solidarität und des Bewusstseins der Einheit der Interessen aller Arbeiter.

Auf jedes politische Ereignis, jeden Sieg, jede Niederlage reagierten die Arbeiter damit, dass sie der ,;Prawda“ Briefe, Begrüßungen, Proteste usw. einsandten. Die „Prawda“ beleuchtete in ihren Artikeln die Aufgaben der Arbeiterbewegung von konsequent bolschewistischem Standpunkt aus. Eine legale Zeitung konnte nicht direkt zum Sturz des Zarismus aufrufen. Man war genötigt, in Anspielungen zu schreiben, die die klassenbewussten Arbeiter gut verstanden und den Massen erläuterten. Als in der „Prawda“ zum Beispiel über die „vollen und unverkürzten Forderungen von 1905“ geschrieben wurde, verstanden die Arbeiter, dass von den revolutionären Losungen der Bolschewiki die Rede war, von den Losungen: für den Sturz des Zarismus, für die demokratische Republik, für die Konfiskation des Bodens der Gutsbesitzer, für den achtstündigen Arbeitstag.

Die „Prawda“ organisierte die fortgeschrittenen Arbeiter am Vorabend der Wahlen zur IV. Duma. Sie entlarvte die Verräterposition der Anhänger der Verständigung mit der liberalen Bourgeoisie, der Anhänger der „Stolypinschen Arbeiterpartei“, der Menschewiki. Die „Prawda“ rief die Arbeiter auf, für die Anhänger der „unverkürzten Forderungen von 1905“, das heißt für die Bolschewiki, zu stimmen. Die Wahlen waren mehrstufig. Zunächst wurden in Arbeiterversammlungen Bevollmächtigte gewählt, hierauf wählten die Bevollmächtigten Wahlmänner, und erst die Wahlmänner schritten zur Wahl des Arbeiterdeputierten der Duma. Am Wahltag veröffentlichte die „Prawda“ eine Liste bolschewistischer Wahlmänner, für die sie den Arbeitern zu stimmen empfahl. Diese Liste durfte man nicht vorzeitig veröffentlichen, denn sonst wären die vorgesehenen Kandidaten der Gefahr der Verhaftung ausgesetzt worden.

Die „Prawda“ half, die Aktionen des Proletariats zu organisieren. Während der großen Aussperrung im Frühjahr 1914 in Petersburg, als es unzweckmäßig war, den Massenstreik zu erklären, rief die „Prawda“ die Arbeiter zu anderen Kampfformen auf, zu Massenmeetings in den Betrieben, zu Demonstrationen auf der Straße. Offen darüber schreiben durfte die Zeitung nicht. Aber dieser Aufruf war den klassenbewussten Arbeitern verständlich, die den Artikel Lenin s unter der bescheidenen Überschrift „Von den Formen der Arbeiterbewegung“ gelesen hatten. In diesem Artikel hieß es, dass man im gegenwärtigen Augenblick den Streik durch eine höhere Form der Arbeiterbewegung ersetzen müsse, was eine Aufforderung zur Organisierung von Meetings und Demonstrationen bedeutete.

So wurde die Verbindung der illegalen revolutionären Tätigkeit der Bolschewiki mit der legalen Agitation und Organisierung der Arbeitermassen durch die „Prawda“ verwirklicht.

Die „Prawda“ schrieb nicht bloss über das Arbeiterleben, über Streiks und. Demonstrationen der Arbeiter. Die „Prawda“ beleuchtete systematisch das Bauernleben, das Hungerdasein der Bauernschaft, die Ausbeutung der Bauern durch die Gutsbesitzer, die Fronherren, sie zeigte, wie infolge der Stolypinschen „Reform“ der beste bäuerliche Boden von den auf den Einzelgehöften sitzenden Kulaken geraubt wurde. Die „Prawda“ zeigte den klassenbewussten Arbeitern, wie viel Zündstoff sich im Dorfe angehäuft hatte. Die „Prawda“ lehrte das Proletariat, dass die Aufgaben der Revolution von 1905 nicht gelöst waren, dass eine neue Revolution bevorstand. Die „Prawda“ lehrte, dass das Proletariat in dieser zweiten Revolution als wirklicher Führer und Leiter des Volkes auftreten müsse, dass es in dieser Revolution einen so starken Bundesgenossen wie die revolutionäre Bauernschaft haben werde.

Die Menschewiki setzten alles daran, damit das Proletariat den Gedanken an die Revolution fallen lasse. Die Menschewiki suchten den Arbeitern einzutrichtern: Hört auf, an das Volk, an das Hungerdasein der Bauern, an die Herrschaft der erzreaktionären Gutsbesitzer, der Fronherren, zu denken, kämpft lediglich für „Koalitionsfreiheit“, reicht „Petitionen“ darüber an die zaristische Regierung ein. Die Bolschewiki erklärten den Arbeitern, dass diese menschewistische Predigt des Verzichts auf die Revolution, des Verzichts auf das Bündnis mit der Bauernschaft im Interesse der Bourgeoisie erfolge, dass die Arbeiter den Zarismus unfehlbar besiegen werden, wenn sie die Bauernschaft als Verbündeten auf ihre Seite ziehen, dass man die schlechten Hirten von der Art der Menschewiki als Feinde der Revolution beiseite stoßen müsse.

Worüber schrieb die „Prawda“ in der Rubrik „Bäuerliches Leben“? Nehmen wir einige Korrespondenzen aus dem Jahre 1913 als Beispiel.

Eine Korrespondenz unter der Überschrift „Agrarangelegenheiten“ meldete aus Samara, dass von 45 Bauern des Dorfes Nowochasbulat, Kreis Bugulma, die wegen Widerstands gegen den Landmesser bei Zuteilung von Gemeinschaftsland an die Sonderland-Bauern angeklagt waren, ein bedeutender Teil zu langen Gefängnisstrafen verurteilt wurde.

Eine kleine Korrespondenz aus dem Gouvernement Pskow meldete: „Die Bauern des Dorfes Psitza (in der Nähe der Station Sawalje) haben den Landjägern bewaffneten Widerstand geleistet. Es sind Verwundete zu verzeichnen. Ursache des Zusammenstoßes sind Missverständnis in der Agrarfrage. In Psitza sind Polizeikräfte zusammengezogen; der Vizegouverneur und der Staatsanwalt sind ebenfalls dorthin abgereist.“

Eine Korrespondenz aus dem Gouvernement Ufa meldete den Ausverkauf bäuerlicher Fluranteile, meldete, dass der Hunger und das Gesetz über den Austritt aus der Dorfgemeinschaft den Prozess der Vertreibung der Bauern von der Scholle verstärkt haben. Da ist die Dorfsiedlung Borissowka. Hier gibt es 27 Häuser, die 543 Deßjatinen [1 Deßjatine = 1,093 Hektar. Die Red.] Ackerland besitzen. Während der Hungerzeit sind von 5 Landwirten 31 Deßjatinen zu 25 bis 53 Rubel pro Deßjatine für immer verkauft worden, während der Boden den drei- bis vierfachen Preis hat. 7 andere Wirtschaften haben 177 Deßjatinen hypothekarisch belastet, wofür sie pro Deßjatine 18 bis 20 Rubel auf 6 Jahre bei einem jährlichen Zinsfuß von 12 Prozent erhielten. Wenn man die Verelendung der Bevölkerung und die wahnsinnigen Zinsen in Betracht zieht, so kann man mit Sicherheit sagen: von den 177 Deßjatinen muss die Hälfte in die Hände des Wucherers übergehen, denn eine so gewaltige Summe wird schwerlich auch nur die Hälfte der Schuldner im Laufe von 6 Jahren bezahlen können.

In seinem Artikel „Der Großgrundbesitz und der kleine bäuerliche Landbesitz in Russland“, der in der „Prawda“ veröffentlicht wurde, zeigte Lenin den Arbeitern und den Bauern anschaulich, welche gewaltigen Bodenreichtümer sich in der Hand der parasitären Gutsbesitzer befinden. Allein 30000 Großgrundbesitzer besaßen etwa 70 Millionen Deßjatinen Land. Eben soviel Land kam auf 10 Millionen Bauernhöfe. Auf jeden Großgrundbesitzer entfielen durchschnittlich 2300 Deßjatinen, auf jeden Bauernhof, die Kulakenhöfe eingeschlossen, durchschnittlich 7 Deßjatinen, wobei 5 Millionen wirtschaftlich schwacher Bauernfamilien, das heißt die Hälfte der ganzen Bauernschaft, nicht mehr als ein, zwei Deßjatinen Boden pro Hof besaßen. Diese Tatsachen zeigten anschaulich, dass das bäuerliche Elend und das Hungerdasein ihre Wurzeln im gutsherrlichen Großgrundbesitz hatten, in den Überbleibseln der Leibeigenschaft, von denen sich die Bauernschaft nur durch die Revolution unter Führung der Arbeiterklasse befreien kann.

Durch die mit dem Dorf in Verbindung stehenden Arbeiter drang die „Prawda“ auf das Land und weckte die fortgeschrittenen Bauern zu revolutionärem Kampf.

In der Periode, in der die „Prawda“ geschaffen wurde, befanden sich die illegalen sozialdemokratischen Organisationen vollständig in den Händen der Bolschewiki. Die legalen Formen der Organisation aber-Dumafraktion, Presse, Versicherungskassen, Gewerkschaften waren den Menschewiki noch nicht völlig abgerungen. Zur Vertreibung der Liquidatoren aus den legalen Organisationen der Arbeiterklasse war ein entschiedener Kampf der Bolschewiki notwendig. Dank der „Prawda“ ward dieser Kampf von Erfolg gekrönt.

Die „Prawda“ stand im Mittelpunkt des Kampfes für das Parteiprinzip, für die Wiederherstellung einer revolutionären Massenpartei der Arbeiter. Die „Prawda“ arbeitete an dem Zusammenschluss der legalen Organisationen um die illegalen Stützpunkte der bolschewistischen Partei und lenkte die Arbeiterbewegung auf ein bestimmtes Ziel hin - auf die Vorbereitung der Revolution.

Die „Prawda“ verfügte über eine riesige Anzahl von Arbeiterkorrespondenten. In einem einzigen Jahre veröffentlichte sie mehr als 11000 Arbeiterkorrespondenzen. Aber die „Prawda“ hatte mit den Arbeitermassen nicht nur durch Briefe und Korrespondenzen Verbindung. Jeden Tag sprachen zahlreiche Arbeiter aus den Betrieben in der Redaktion vor. In der Redaktion der „Prawda“ war ein bedeutender Teil der organisatorischen Arbeit der Partei konzentriert. Hier wurden Zusammenkünfte mit Vertretern örtlicher Parteizellen veranstaltet, hier liefen Mitteilungen über die Parteiarbeit in den Fabriken und Werken ein, von hier aus wurden Parteidirektiven des Petersburger Komitees und des Zentralkomitees der Partei weitergegeben.

Nach zweieinhalbjährigem beharrlichem Kampf gegen die Liquidatoren für die Wiederherstellung einer revolutionären Massenpartei der Arbeiter erreichten es die Bolschewiki, dass der bolschewistischen Partei, der Taktik der „Prawda“ im Sommer 1914 vier Fünftel der aktiven Arbeiter Russlands folgten. Dafür sprach zum Beispiel die Tatsache, dass von insgesamt 7000 Arbeitergruppen, die im Jahre 1914 Geldsammlungen für Arbeiterzeitungen veranstalteten, 5600 Gruppen für die bolschewistische Presse und nur 1400 Gruppen für die menschewistische Presse Geld sammelten. Die Menschewiki hatten dafür viele „reiche Freunde“ aus der liberalen Bourgeoisie und der bürgerlichen Intelligenz, die mehr als die Hälfte der zur Erhaltung der menschewistischen Zeitung notwendigen Mittel hergaben.

Man nannte die Bolschewiki damals die „Prawdisten“ (Prawdaleute). Mit der „Prawda“ wuchs eine ganze Generation des revolutionären Proletariats heran, die später die Sozialistische Oktoberrevolution durchführte. Zehntausende und Hunderttausende von Arbeitern standen hinter der „Prawda“. In den Jahren des revolutionären Aufschwungs (1912-1914) wurde für die bolschewistische Massenpartei das feste Fundament gelegt, das keinerlei Verfolgung durch den Zarismus in der Periode des imperialistischen Krieges zerstören konnte.

„Die ‚Prawda’ von 1912 - das war die Grundsteinlegung für den Sieg des Bolschewismus im Jahre 1917.“ (Stalin.)

Ein anderes legales gesamtrussisches Organ der Partei war die bolschewistische Fraktion in der IV. Reichsduma.

Im Jahre 1912 schrieb die Regierung die Wahlen zur IV. Duma aus. Der Teilnahme an den Wahlen maß unsere Partei große Bedeutung bei. Die sozialdemokratische Dumafraktion und die Zeitung „Prawda“ waren die wichtigsten legalen Stützpunkte in gesamtrussischem Maßstab, von denen aus die bolschewistische Partei ihre revolutionäre Arbeit in den Massen durchführte.

Die bolschewistische Partei trat in den Dumawahlen selbständig, mit ihren eigenen Losungen auf und versetzte gleichzeitig sowohl den Regierungsparteien als auch der liberalen Bourgeoisie (den Kadetten) empfindliche Schläge. Die Wahlkampagne wurde von den Bolschewiki unter den Losungen der demokratischen Republik, des achtstündigen Arbeitstages, der Konfiskation des Gutsbesitzerlandes geführt.

Die Wahlen zur IV. Duma erfolgten im Herbst 1912. Anfang Oktober versuchte die mit dem Verlauf der Wahlen in Petersburg unzufriedene Regierung, das Wahlrecht der Arbeiter in einer Reihe von Großbetrieben zu verletzen. Als Antwort darauf rief das Petersburger Komitee unserer Partei auf Vorschlag des Genossen Stalin die Arbeiter der größten Betriebe zu einem eintägigen Streik auf. Die Regierung, in eine schwierige Lage gebracht, musste zurückweichen, und die Arbeiter erhielten die Möglichkeit, in Versammlungen diejenigen Kandidaten zu wählen, die ihr Vertrauen hatten. Die Arbeiter stimmten mit riesiger Mehrheit für den von Genossen Stalin verfassten „Wählerauftrag“ an die Bevollmächtigten und an den Deputierten. Der „Wählerauftrag der Petersburger Arbeiter an ihren Arbeiterdeputierten“ rief die ungelösten Aufgaben des Jahres 1905 in Erinnerung.

„... Wir sind der Meinung“, hieß es in dem „Wählerauftrag“, „dass Russland am Vorabend kommender Massenbewegungen steht, die vielleicht tiefer sein werden als im Jahre 1905... Vorkämpfer dieser Bewegungen wird wie im Jahre 1905 die fortgeschrittenste Klasse der russischen Gesellschaft sein, das russische Proletariat. Sein Bundesgenosse aber kann nur die vielgeprüfte Bauernschaft sein, die an der Befreiung Russlands von feudalen Fesseln ein Lebensinteresse hat.“

Der „Wählerauftrag“ erklärte, dass die künftigen Aktionen des Volkes die Form eines Zweifrontenkampfes annehmen müssen - sowohl gegen die zaristische Regierung als auch gegen die liberale Bourgeoisie, die eine Verständigung mit dem Zarismus suchte.

Lenin maß diesem „Wählerauftrag“, der die Arbeiter zum revolutionären Kampf aufrief, große Bedeutung bei. Und die Arbeiter antworteten in ihren Resolutionen auf diesen Aufruf.

Die Bolschewiki siegten bei den Wahlen; von den Arbeitern Petersburgs wurde Genosse Badajew in die Duma gewählt.

Die Arbeiter wählten zur Duma gesondert von den übrigen Bevölkerungsschichten (sogenannte Arbeiterkurie). Von den 9 Deputierten der Arbeiterkurie waren 6 Mitglieder der bolschewistischen Partei: Badajew, Petrowski, Muranow, Samoilow, Schagow und Malinowski (der sich in der Folge als Provokateur entpuppte). Die bolschewistischen Deputierten waren in den größten Industriezentren gewählt worden, in denen nicht weniger als vier Fünftel der Arbeiterklasse lebten. Einige Liquidatoren waren jedoch nicht von Arbeitern, das heißt nicht in der Arbeiterkurie, gewählt worden. Daher gab es in der Duma 7 Liquidatoren gegenüber 6 Bolschewiki. Anfänglich bildeten die Bolschewiki und die Liquidatoren in der Duma eine gemeinsame sozialdemokratische Fraktion. Nach beharrlichem Kampf gegen die Liquidatoren, die der revolutionären Arbeit der Bolschewiki Hindernisse in den Weg legten, traten die bolschewistischen Deputierten im Oktober 1913 auf Weisung des Zentralkomitees der bolschewistischen Partei aus der vereinigten sozialdemokratischen Fraktion aus und bildeten eine selbständige bolschewistische Fraktion.

Die bolschewistischen Deputierten hielten in der Duma revolutionäre Reden, in denen sie das System der Selbstherrschaft entlarvten, und richteten Anfragen an die Regierung über Gewalttaten gegen Arbeiter, über die unmenschliche Ausbeutung der Arbeiter durch die Kapitalisten.

Auch die Agrarfrage brachten sie in der Duma zur Sprache: sie riefen in ihren Reden die Bauern zum Kampf auf gegen die Gutsbesitzer, die Fronherren, und entlarvten die Kadettenpartei, die gegen die Konfiskation der Gutsbesitzerländereien und ihre Übergabe an die Bauern war.

Die Bolschewiki brachten in der Reichsduma einen Gesetzentwurf über den achtstündigen Arbeitstag ein, der von der Schwarzhunderter-Duma natürlich nicht angenommen wurde, aber agitatorisch eine große Rolle spielte.

Die bolschewistische Dumafraktion war eng verbunden mit dem Zentralkomitee der Partei, mit Lenin und erhielt von ihm Weisungen. Unmittelbar wurde sie vom Genossen Stalin während seines Aufenthalts in Petersburg geleitet.

Die bolschewistischen Deputierten beschränkten sich nicht auf die Arbeit in der Duma, sie entfalteten auch außerhalb der Duma eine große Tätigkeit. Sie bereisten Fabriken und Werke, veranstalteten Vortragsreisen durch die Arbeiterzentren des Landes und hielten geheime Versammlungen ab, in denen sie die Parteibeschlüsse erläuterten und neue Parteiorganisationen schufen. Die Deputierten kombinierten die legale Tätigkeit geschickt mit der illegalen, unterirdischen Arbeit.

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