GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL V
Die Partei der Bolschewiki in den Jahren des Aufschwungs der Arbeiterbewegung vor dem ersten imperialistischen Krieg
(1912-1914)

3
Der Sieg der Bolschewiki in den legalen Organisationen
Das weitere Anwachsen der revolutionären Bewegung
Der Vorabend des imperialistischen Krieges

Die Partei der Bolschewiki bot in dieser Periode vorbildliche Beispiele der Leitung des proletarischen Klassenkampfes in allen seinen Formen und Äußerungen. Sie baute illegale Organisationen auf. Sie gab illegale Flugblätter heraus. Sie leistete geheime revolutionäre Arbeit unter den Massen. Zugleich brachte sie die verschiedenen legalen Organisationen der Arbeiterklasse immer mehr unter ihren Einfluss. Die Partei strebte danach, die Gewerkschaften, die Volkshäuser, die Abenduniversitäten, die Klubs, die Versicherungskassen zu erobern. Diese legalen Organisationen dienten seit langem den Liquidatoren als Schlupfwinkel. Die Bolschewiki führten einen energischen Kampf für die Verwandlung der legalen Organisationen in Stützpunkte unserer Partei. Dank geschickter Verbindung der illegalen mit der legalen Arbeit gewannen die Bolschewiki in beiden Hauptstädten die Mehrheit der Gewerkschaftsverbände für sich. Einen besonders glänzenden Sieg errangen die Bolschewiki im Jahre 1913 bei den Vorstandswahlen im Petersburger Metallarbeiterverband: in einer von 3000 Metallarbeitern besuchten Versammlung stimmten kaum 150 Personen für die Liquidatoren.

Dasselbe ist von einer solchen legalen Organisation zu sagen, wie es die sozialdemokratische Fraktion in der IV. Reichsduma war. Obwohl die Menschewiki in der Duma 7 Deputierte, die Bolschewiki aber 6 Deputierte hatten, vertrat die menschewistische Siebenergruppe, die hauptsächlich in nichtproletarischen Gebieten gewählt worden war, kaum den fünften Teil der Arbeiterklasse, während die bolschewistische Sechsergruppe, die in den entscheidenden Industriezentren des Landes (Petersburg, Moskau, Iwanowo-Wosnessensk, Kostroma, Jekaterinoslaw, Charkow) gewählt worden war, mehr als vier Fünftel der Arbeiterklasse des Landes vertrat. Die Arbeiter betrachteten als ihre Deputierten die Sechsergruppe (Badajew, Petrowski u. a.) und nicht die Siebenergruppe.

Es gelang den Bolschewiki, die legalen Organisationen zu erobern, weil sie es trotz der brutalen Verfolgungen durch den Zarismus und der Hetze der Liquidatoren und Trotzkisten verstanden, die illegale Partei und die eiserne Disziplin in ihren Reihen aufrechtzuerhalten, weil sie die Interessen der Arbeiterklasse standhaft verteidigten, weil sie mit den Massen eng verbunden waren und einen unversöhnlichen Kampf gegen die Feinde der Arbeiterbewegung führten.

So schritten die Bolschewiki in den legalen Organisationen auf der ganzen Linie von Sieg zu Sieg, während die Menschewiki eine Niederlage nach der anderen erlitten. Sowohl auf dem Gebiet der Agitation von der Dumatribüne aus als auch auf dem Gebiet der Arbeiterpresse und anderer legaler Organisationen wurden die Menschewiki zurückgedrängt. Die von der revolutionären Bewegung erfasste Arbeiterklasse scharte sich entschieden um die Bolschewiki und stieß die Menschewiki beiseite.

Zu alledem erwiesen sich die Menschewiki als Bankrotteure auch auf dem Gebiet der nationalen Frage. Die revolutionäre Bewegung in den Randgebieten Russlands verlangte ein klares Programm in der nationalen Frage. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Menschewiki keinerlei Programm besaßen, wenn man absieht von der „kulturellen Autonomie“ des „Bund“, die niemand befriedigen konnte. Nur die Bolschewiki besaßen ein marxistisches Programm in der nationalen Frage, das in dem Artikel des Genossen Stalin „Marxismus und nationale Frage“ und in Lenin s Artikeln „über das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung“ und „Kritische Bemerkungen zur nationalen Frage“ dargelegt worden war.

Kein Wunder, dass nach solchen Niederlagen des Menschewismus der Augustblock in allen Fugen zu krachen begann. Aus buntscheckigen Elementen zusammengesetzt, hielt er dem Druck der Bolschewiki nicht stand und begann in seine Bestandteile zu zerfallen. Geschaffen zum Kampf gegen die Bolschewiki, fiel der Augustblock bald unter den Schlägen der Bolschewiki auseinander. Zuerst verließen die „Wperjod“-Leute (Bogdanow, Lunatscharski u. a.) den Block, danach verließen ihn die Letten, hierauf verliefen sich auch die Übrigen.

Nachdem die Liquidatoren im Kampf mit den Bolschewiki eine Niederlage erlitten hatten, wandten sie sich an die II. Internationale um Hilfe. Die II. Internationale kam ihnen zu Hilfe. Unter dem Vor-wand einer „Versöhnung“ der Bolschewiki mit den Liquidatoren, unter dem Vorwand der Herbeiführung eines „Friedens in der Partei“ verlangte die II. Internationale von den Bolschewiki die Einstellung der Kritik an der Paktiererpolitik der Liquidatoren. Aber die Bolschewiki waren unversöhnlich: sie lehnten es ab, sich den Beschlüssen der opportunistischen 11. Internationale zu unterwerfen und ließen sich auf keinerlei Zugeständnisse ein.

Der Sieg der Bolschewiki in den legalen Organisationen war kein Zufall und konnte es nicht sein. Er war nicht allein deshalb kein Zufall, weil nur die Bolschewiki eine richtige marxistische Theorie, ein klares Programm und eine in Kämpfen gestählte revolutionäre proletarische Partei besaßen. Er war kein Zufall auch darum, weil der Sieg der Bolschewiki das Wachstum des revolutionären Aufschwungs zum Ausdruck brachte.

Die revolutionäre Bewegung der Arbeiter entfaltete sich immer mehr, erfasste neue Städte und Gebiete. Mit Anbruch des Jahres 1914 flauten die Arbeiterstreiks nicht nur nicht ab, sondern begannen sich im Gegenteil mit neuer Kraft zu entfalten. Die Streiks wurden immer hartnäckiger und erfassten eine immer größere Anzahl von Arbeitern. Am 9. (22.) Januar streikten 250000 Arbeiter, davon 140000 in Petersburg. Am 1. Mai streikten über eine halbe Million, davon in Petersburg mehr als 250000. In den Streiks legten die Arbeiter ungewöhnliche Standhaftigkeit an den Tag. Im Obuchow-Werk in Petersburg währte der Streik mehr als zwei Monate, im Leßner-Werk etwa drei Monate. Massenvergiftungen in einer Reihe von Petersburger Betrieben riefen einen Streik von 115000 Arbeitern und anschließend Demonstrationen hervor. Die Bewegung wuchs weiter an. Insgesamt streikten im ersten Halbjahr 1914 (bis Anfang Juli einschließlich) 1425000 Arbeiter.

Im Mai begann der Generalstreik der Erdölarbeiter in Baku, der die Aufmerksamkeit des gesamten russischen Proletariats fesselte. Der Streik verlief organisiert. Am 20. Juni (3. Juli) fand in Baku eine Demonstration von 20000 Arbeitern statt. Die Polizei traf bestialische Maßnahmen gegen die Bakuer Arbeiter. Zum Zeichen des Protestes und der Solidarität mit den Bakuer Arbeitern begann der Streik in Moskau, der auf andere Gebiete übersprang.

Am 3. (16.) Juli fand in den Putilow-Werken in Petersburg aus Anlass des Bakuer Streiks ein Meeting statt. Die Polizei schoss auf die Arbeiter. Gewaltige Erregung bemächtigte sich des Petersburger Proletariats. Am 4. (17.) Juli traten in Petersburg auf den Aufruf des Petersburger Parteikomitees 90000 Arbeiter in den Proteststreik, am 7. (20.) Juli streikten 130000, am 8. (21.) Juli 150000, am 11. (24.) Juli 200000.

Alle Betriebe waren aufgewühlt, überall fanden Meetings und Demonstrationen statt. Die Sache ging so weit, dass Versuche zur Errichtung von Barrikaden unternommen wurden. Barrikaden wurden auch in Baku und in Lodz errichtet. In einer Reihe von Orten schoss die Polizei auf die Arbeiter. Zur Unterdrückung der Bewegung traf die Regierung „außerordentliche Maßnahmen“, die Hauptstadt wurde in ein Heerlager verwandelt, die „Prawda“ verboten.

Aber zu dieser Zeit erschien auf dem Schauplatz ein neuer Faktor von internationalem Charakter, der imperialistische Krieg, der den Gang der Ereignisse ändern sollte. Gerade zur Zeit der revolutionären Juli-Ereignisse traf der französische Präsident Poincare in Petersburg ein, um mit dem Zaren über den Beginn des bevorstehenden Krieges zu verhandeln. Einige Tage darauf erklärte Deutschland Russland den Krieg. Die zaristische Regierung benutzte den Krieg, um die bolschewistischen Organisationen zu zertrümmern und die Arbeiterbewegung zu unterdrücken. Der Aufschwung der Revolution wurde unterbrochen vom Weltkrieg, in welchem die zaristische Regierung vor der Revolution Rettung suchte.

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