GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL VI
Die Partei der Bolschewiki in der Periode des imperialistischen Krieges. Die zweite Revolution in Russland
(1914 bis März 1917)

1
Entstehung und Ursachen des imperialistischen Krieges

Am 14. (27.) Juli 1914 verfügte die zaristische Regierung die allgemeine Mobilmachung. Am 19. Juli (1. August) wurde Russland von Deutschland der Krieg erklärt.

Russland trat in den Krieg ein.

Schon lange vor Beginn des Krieges hatte Lenin , hatten die Bolschewiki seine Unvermeidlichkeit vorausgesehen. Auf den Internationalen Sozialistenkongressen war Lenin mit seinen Anträgen hervorgetreten, die darauf gerichtet waren, die revolutionäre Linie für das Verhalten der Sozialisten im Falle eines Krieges zu bestimmen.

Lenin wies darauf hin, dass Kriege die unvermeidliche Begleiterscheinung des Kapitalismus sind. Der Raub fremder Territorien, die Okkupation und Plünderung von Kolonien, die Eroberung neuer Märkte hatten nicht selten als Ursachen von Eroberungskriegen der kapitalistischen Staaten gedient. Der Krieg ist für kapitalistische Länder ein genau so natürlicher und gesetzmäßiger Zustand wie die Ausbeutung der Arbeiterklasse.

Im Besonderen wurden Kriege unvermeidlich, als der Kapitalismus Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts endgültig in das höchste und letzte Stadium seiner Entwicklung, den Imperialismus, überging. Unter dem Imperialismus wurden die mächtigen Vereinigungen (Monopole) der Kapitalisten und die Banken zum entscheidenden Faktor im Leben der kapitalistischen Staaten. Das Finanzkapital wurde in den kapitalistischen Staaten Herr im Hause. Das Finanzkapital forderte neue Märkte, die Eroberung neuer Kolonien, neue Gebiete für die Kapitalausfuhr, neue Rohstoffquellen.

Aber schon Ende des 19. Jahrhunderts war das ganze Territorium des Erdballs unter den kapitalistischen Staaten aufgeteilt. Nun verläuft die Entwicklung des Kapitalismus in der Epoche des Imperialismus äußerst ungleichmäßig und sprunghaft: einige Länder, die früher an erster Stelle gestanden haben, entwickeln ihre Industrie verhältnismäßig langsam, andere, früher rückständige, holen sie in schnellen Sprüngen ein und überholen sie. Das ökonomische und militärische Kräfteverhältnis der imperialistischen Staaten änderte sich. Das Streben nach einer Neuaufteilung der Welt trat zutage. Der Kampf um die Neuaufteilung der Welt machte den imperialistischen Krieg unvermeidlich. Der Krieg von 1914 war ein Krieg um die Neuaufteilung der Welt und der Einflusssphären. Er wurde von allen imperialistischen Staaten seit langem vorbereitet. An diesem Krieg waren die Imperialisten aller Länder schuld.

Im Besonderen aber wurde dieser Krieg vorbereitet von Deutschland und Österreich auf der einen, Frankreich, England und dem von ihnen abhängigen Russland auf der anderen Seite. Im Jahre 1907 entstand der Dreiverband oder die Entente, ein Bündnis Englands, Frankreichs und Russlands. Ein anderes imperialistisches Bündnis bildeten Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien. Italien jedoch schied bei Beginn des Krieges von 1914 aus diesem Bündnis aus und schloss sich später der Entente an. Deutschland und Österreich-Ungarn wurden unterstützt von Bulgarien und der Türkei.

Mit der Vorbereitung des imperialistischen Krieges verfolgte Deutschland das Ziel, England und Frankreich Kolonien. Russland die Ukraine, Polen, das Ostseegebiet abzunehmen. Durch den Bau der Bagdadbahn bedrohte Deutschland die Herrschaft Englands im Nahen Osten. England fürchtete das Wachstum der deutschen Flottenrüstungen.

Das zaristische Russland strebte nach einer Aufteilung der Türkei, träumte von der Eroberung der Dardanellen, der Meerengen zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelländischen Meer, und von der Eroberung Konstantinopels. Zu den Plänen der zaristischen Regierung gehörte auch die Annexion Galiziens, eines Teils von Österreich-Ungarn.

England strebte danach, durch den Krieg seinen gefährlichen Konkurrenten, Deutschland, zu schlagen, dessen Waren vor dem Krieg die englischen Waren auf dem Weltmarkt immer mehr zu verdrängen begonnen hatten. Außerdem beabsichtigte England, der Türkei Mesopotamien und Palästina zu entreißen und fest in Ägypten Fuß zu fassen.

Die französischen Kapitalisten strebten danach, Deutschland das kohlenreiche Saarbecken und das eisenreiche Elsaß-Lothringen zu entreißen, das Deutschland im Kriege von 1870/71 Frankreich entrissen hatte.

Zum imperialistischen Kriege führten somit die äußerst großen Widersprüche, die zwischen den beiden Gruppen kapitalistischer Staaten bestanden.

Dieser Raubkrieg um die Neuaufteilung der Welt berührte die Interessen aller imperialistischen Länder, daher wurden späterhin auch Japan, die Vereinigten Staaten von Amerika und eine Reihe anderer Staaten in diesen Raubkrieg hineingezogen.

Der Krieg wurde zum Weltkrieg.

Die Vorbereitung des imperialistischen Krieges wurde von der Bourgeoisie ihren Völkern gegenüber mit tiefstem Geheimnis umgeben. Als der Krieg ausbrach, bemühte sich jede imperialistische Regierung zu beweisen, dass nicht sie die Nachbarn überfallen habe, sondern dass sie selbst überfallen worden sei. Die Bourgeoisie betrog das Volk, indem sie die wahren Kriegsziele, den imperialistischen, annexionistischen Charakter des Krieges verheimlichte. Jede imperialistische Regierung erklärte, dass der Krieg zur Verteidigung des eigenen Landes geführt werde.

Die Opportunisten aus der II. Internationale halfen der Bourgeoisie, das Volk zu betrügen. Die Sozialdemokraten der II. Internationale verrieten aufs niederträchtigste die Sache des Sozialismus, die Sache der internationalen Solidarität des Proletariats. Sie traten nicht nur nicht gegen den Krieg auf, sondern halfen im Gegenteil der Bourgeoisie, die Arbeiter und Bauern der kriegführenden Staaten unter der Flagge der Vaterlandsverteidigung aufeinander zu hetzen.

Es war kein Zufall, dass Russland auf der Seite der Entente, auf der Seite Frankreichs und Englands, in den imperialistischen Krieg eintrat. Man muss im Auge behalten, dass vor dem Jahre 1914 die wichtigsten Industriezweige Russlands sich in der Hand des ausländischen Kapitals, hauptsächlich des französischen, englischen und belgischen, das heißt der Ententeländer, befanden. Die wichtigsten Hüttenwerke Russlands befanden sich in den Händen französischer Kapitalisten. Insgesamt war das Hüttenwesen fast zu drei Vierteln (zu 72 Prozent) vom ausländischen Kapital abhängig. In der Steinkoh Lenin dustrie, im Donezbecken, dasselbe Bild. Etwa die Hälfte der Erdölförderung befand sich in der Hand des englisch-französischen Kapitals. Ein bedeutender Teil der Profite der russischen Industrie wanderte in ausländische, vorwiegend englisch-französische Banken. Alle diese Umstände sowie die Milliardenanleihen, die der Zar in Frankreich und England aufgenommen hatte, fesselten den Zarismus an den englisch-französischen Imperialismus, verwandelten Russland in einen Tributpflichtigen dieser Länder, in ihre Halbkolonie.

Die russische Bourgeoisie gedachte, als sie den Krieg begann, dadurch den Gang ihrer Geschäfte zu bessern, neue Märkte zu erobern, sich an Kriegsaufträgen und Kriegslieferungen zu bereichern und gleichzeitig unter Ausnutzung der Kriegssituation die revolutionäre Bewegung zu unterdrücken.

Das zaristische Russland trat unvorbereitet in den Krieg ein. Die russische Industrie war hinter, den anderen kapitalistischen Ländern weit zurückgeblieben. In ihr überwogen alte Fabriken und Werke mit abgenutzter Ausrüstung. Die Landwirtschaft konnte bei dem halb-feudalen Grundbesitz und der Masse der verelendeten, ruinierten Bauernschaft nicht als feste ökonomische Grundlage zur Führung eines langwierigen Krieges dienen.

Der Zar stützte sich hauptsächlich auf die Gutsbesitzer, die Fronherren. Die erzreaktionären Großgrundbesitzer in einem Block mit den Großkapitalisten schalteten und walteten im Lande und in der Reichsduma. Sie unterstützten die Innen- und Außenpolitik der zaristischen Regierung voll und ganz. Die russische imperialistische Bourgeoisie setzte ihre Hoffnung auf die zaristische Selbstherrschaft, in der sie die gepanzerte Faust erblickte, die imstande wäre, ihr einerseits die Eroberung neuer Märkte und neuer Territorien zu sichern, anderseits die revolutionäre Bewegung der Arbeiter und Bauern zu unterdrücken.

Die Partei der liberalen Bourgeoisie - die Kadetten - gebärdete sich zwar als Opposition, aber die äußere Politik der zaristischen Regierung unterstützte sie ohne Vorbehalte.

Die kleinbürgerlichen Parteien der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, maskiert durch die Flagge des Sozialismus, halfen der Bourgeoisie vom ersten Kriegstage an, das Volk zu betrügen, den imperialistischen, den räuberischen Charakter des Krieges zu verheimlichen. Sie predigten die Notwendigkeit des Schutzes, die Notwendigkeit der Verteidigung des bürgerlichen „Vaterlandes“ gegen die „preußischen Barbaren“, unterstützten die Politik des „Burgfriedens“ und halfen auf diese Weise der Regierung des russischen Zaren, den Krieg zu führen, ebenso wie die deutschen Sozialdemokraten der Regierung des deutschen Kaisers halfen, den Krieg gegen die „russischen Barbaren“ zu führen.

Nur die Partei der Bolschewiki hielt dem erhabenen Banner des revolutionären Internationalismus die Treue und verblieb fest auf dem marxistischen Standpunkt des entschiedenen Kampfes gegen die zaristische Selbstherrschaft, gegen die Gutsbesitzer und Kapitalisten, gegen den imperialistischen Krieg. Die bolschewistische Partei vertrat gleich von den ersten Kriegstagen an die Auffassung, dass der Krieg nicht zur Verteidigung des Vaterlandes, sondern zur Eroberung fremder Territorien und zur Ausplünderung fremder Völker im Interesse der Gutsbesitzer und Kapitalisten begonnen worden ist, dass die Arbeiter gegen diesen Krieg entschieden Krieg führen müssen.

Die Arbeiterklasse unterstützte die Partei der Bolschewiki.

Allerdings hatte der bürgerlich-patriotische Taumel, der zu Anfang des Krieges die Intelligenz und die kulakischen Schichten der Bauernschaft erfasste, auch einen gewissen Teil der Arbeiter gestreift. Aber dies waren vorwiegend Mitglieder der Banditenorganisation, des berüchtigten „Verbands des russischen Volkes“, und ein Teil sozialrevolutionär-menschewistisch gesinnter Arbeiter. Sie widerspiegelten natürlich keineswegs die Stimmungen der Arbeiterklasse, und konnten das auch gar nicht. Eben diese Elemente waren auch die Teilnehmer der chauvinistischen Kundgebungen der Bourgeoisie, die von der zaristischen Regierung in den ersten Kriegstagen organisiert wurden.

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