GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL VI
Die Partei der Bolschewiki in der Periode des imperialistischen Krieges. Die zweite Revolution in Russland
(1914 bis März 1917)

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Die Niederlage der zaristischen Truppen an der Front
Die wirtschaftliche Zerrüttung
Die Krise des Zarismus

Der Krieg dauerte schon drei Jahre. Der Krieg raffte Millionen Menschen dahin, die getötet oder verwundet wurden oder an Kriegsepidemien zugrunde gingen. Die Bourgeoisie und die Gutsbesitzer bereicherten sich am Krieg. Aber die Arbeiter und Bauern litten immer mehr Not und Entbehrung. Der Krieg zerstörte die Volkswirtschaft Russlands. Etwa 14 Millionen gesunde Arbeitskräfte waren zur Armee eingezogen, von der Wirtschaft losgerissen. Fabriken und Werke wurden stillgelegt. Der Getreideanbau ging zurück, es fehlte an Arbeitskräften. Die Bevölkerung und die Soldaten an der Front hungerten, sie waren barfuß und abgerissen. Der Krieg verschlang alle Vorräte und Hilfsquellen des Landes.

Die zaristische Armee erlitt Niederlage auf Niederlage. Die deutsche Artillerie überschüttete die zaristischen Truppen mit einem Geschosshagel. In der zaristischen Armee fehlte es an Kanonen, fehlte es an Geschossen, fehlte es sogar an Gewehren. Zuweilen kam ein Gewehr auf drei Soldaten. Noch während des Krieges wurde der Verrat des zaristischen Kriegsministers Suchomlinow aufgedeckt, der, wie sich herausstellte, mit deutschen Spionen in Verbindung stand. Suchomlinow führte den Auftrag des deutschen Spionagedienstes durch - die Versorgung der Front mit Geschossen zu hintertreiben, keine Kanonen und Gewehre an die Front zu liefern. Einige zaristische Minister und Generale arbeiteten selbst insgeheim für den Erfolg der deutschen Armee: gemeinsam mit der Zarin, die mit den Deutschen in Verbindung stand, verrieten sie den Deutschen militärische Geheimnisse. Es kann nicht wundernehmen, dass die zaristische Armee eine Niederlage erlitt und zum Rückzug gezwungen war. Im Jahre 1916 war es den Deutschen bereits gelungen, Polen und einen Teil des Ostseegebiets zu besetzen.

All das rief unter den Arbeitern, Bauern, Soldaten, unter der Intelligenz Hass und Erbitterung gegen die zaristische Regierung hervor, verstärkte und verschärfte die revolutionäre Bewegung der Volksmassen gegen den Krieg, gegen den Zarismus, sowohl im Hinterland als auch an der Front, sowohl im Zentrum als auch in den Randgebieten.

Die Unzufriedenheit begann auch die russische imperialistische Bourgeoisie zu erfassen. Sie war erbost durch den Umstand, dass am Zarenhofe Scharlatane vom Schlage Rasputins schalteten und walteten, die offenkundig auf den Abschluss eines Separatfriedens mit den Deutschen hinsteuerten. Sie überzeugte sich immer mehr, dass die zaristische Regierung unfähig war, den Krieg erfolgreich zu führen. Sie fürchtete, dass der Zarismus, um seine Stellung zu retten, sich zu einem Separatfrieden mit den Deutschen entschließen könnte. Darum beschloss die russische Bourgeoisie, eine Palastrevolution durchzuführen, um Zar Nikolaus II. abzusetzen und an seiner Stelle den mit der Bourgeoisie verbundenen Michael Romanow auf den Zarenthron zu setzen. Dadurch wollte sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: erstens an die Macht gelangen und die Weiterführung des imperialistischen Krieges sichern, zweitens durch eine kleine Palastrevolution dem Herannahen der großen Volksrevolution vorbeugen, deren Flut immer mehr anschwoll.

Die russische Bourgeoisie wurde in ihrem Vorhaben in vollem Umfang von der englischen und der französischen Regierung unterstützt. Diese sahen, dass der Zar unfähig war, den Krieg fortzusetzen. Sie fürchteten, dass der Zar die Sache durch einen Separatfrieden mit den Deutschen beenden werde. Würde die zaristische Regierung einen Separatfrieden schließen, so würden die Regierungen Englands und Frankreichs an Russland einen Bundesgenossen im Kriege verlieren, der nicht nur an seinen Fronten Kräfte des Gegners fesselte, sondern auch Frankreich Zehntausende auserlesener russischer Soldaten zur Verfügung stellte. Daher unterstützten sie die russische Bourgeoisie bei ihren Versuchen, die Palastrevolution durchzuführen.

So kam es, dass der Zar isoliert dastand.

Während die Misserfolge an der Front nicht aufhörten, griff die wirtschaftliche Zerrüttung immer weiter um sich. In den Januar- und Februartagen des Jahres 1917 hatte die Zerrüttung der Lebensmittel-, Rohstoff- und Brennstoffversorgung ihren Höhepunkt und ihre größte Schärfe erreicht. Die Lebensmittelzufuhr nach Petrograd und Moskau hatte nahezu aufgehört. Ein Betrieb nach dem andern wurde geschlossen. Die Schließung der Betriebe vergrößerte die Arbeitslosigkeit. Besonders unerträglich wurde die Lage der Arbeiter. Immer breitere Massen des Volkes kamen zu der Überzeugung, dass es nur einen Ausweg aus der unerträglichen Lage gab - den Sturz der zaristischen Selbstherrschaft.

Der Zarismus durchlebte offenkundig seine Todeskrise.

Die Bourgeoisie gedachte die Krise durch eine Palastrevolution zu lösen.

Aber das Volk löste sie auf seine Weise.

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