GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL VI
Die Partei der Bolschewiki in der Periode des imperialistischen Krieges. Die zweite Revolution in Russland
(1914 bis März 1917)

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Die Februarrevolution
Der Sturz des Zarismus
Die Bildung von Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten
Die Bildung der Provisorischen Regierung
Die Doppelherrschaft

Das Jahr 1917 begann mit einem Streik am 9. (22.) Januar. Während des Streiks kam es zu Demonstrationen in Petrograd, in Moskau, in Baku, in Nishnij-Nowgorod, wobei in Moskau am 9. (22.) Januar etwa ein Drittel aller Arbeiter am Streik teilnahm. Eine zweitausendköpfige Demonstration auf dem Twerskoj-Boulevard wurde von berittener Polizei auseinander getrieben. Auf der Wiborger Chaussee in Petrograd schlossen sich Soldaten den Demonstranten an.

„Die Idee des Generalstreiks“, berichtete die Petrograder Polizei, „gewinnt von Tag zu Tag neue Anhänger und wird ebenso populär wie im Jahre 1905.“

Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre bemühten sich, die ausgebrochene revolutionäre Bewegung in den der liberalen Bourgeoisie erwünschten Rahmen zu zwängen. Die Menschewiki kamen mit dem Vorschlag, am Tage der Eröffnung der Reichsduma, am 14. (27.) Februar, einen Aufmarsch der Arbeiter vor der Reichsduma zu organisieren. Aber die Arbeitermassen folgten den Bolschewiki, nicht zur Duma, sondern zur Demonstration.

Am 18. Februar (3. März) 1917 begann der Streik der Putilow-Arbeiter in Petrograd. Am 22. Februar (7. März) streikten die Arbeiter der meisten Großbetriebe. Am Internationalen Frauentag, am 23. Februar (8. März), gingen die Arbeiterinnen gemäß dem Aufruf des Petrograder Komitees der Bolschewiki auf die Straße, um gegen Hunger, Krieg und Zarismus zu demonstrieren. Die Demonstration der Arbeiterinnen wurde von den Arbeitern durch eine allgemeine Streikaktion in ganz Petrograd unterstützt. Der politische Streik begann in eine allgemeine politische Demonstration gegen die Zarenherrschaft umzuschlagen.

Am 24. Februar (9. März) erneuert sich die Demonstration mit größerer Kraft. Es streiken bereits etwa 200000 Arbeiter.

Am 25. Februar (10. März) erfasst die revolutionäre Bewegung das gesamte proletarische Petrograd. Die politischen Streiks in den einzelnen Stadtteilen gehen über in den politischen Generalstreik von ganz Petrograd. Überall Demonstrationen und Zusammenstöße mit der Polizei. Über den Kolonnen der Arbeitermassen rote Banner mit den Losungen: „Nieder mit dem Zaren!“, „Nieder mit dem Krieg!“, „Brot!“

Am Morgen des 26. Februar (11. März) beginnen der politische Streik und die Demonstrationen in Aufstandsversuche überzugehen. Die Arbeiter entwaffnen die Polizei und Gendarmerie und bewaffnen sich selbst. Die bewaffneten Zusammenstöße mit der Polizei enden aber mit einem Blutbad unter den Demonstranten auf dem Snamenskaja-Platz.

General Chabalow, der Befehlshaber des Petrograder Militärkreises, macht bekannt, dass die Arbeiter am 28. Februar (13. März) die Arbeit aufnehmen sollen, widrigenfalls sie an die Front geschickt werden. Am 25. Februar (10. März) gibt der Zar dem General Chabalow den Befehl: „Ich ordne an, mit den Unruhen in der Hauptstadt schon morgen Schluss zu machen.“

Aber mit der Revolution „Schluss zu machen“ war schon nicht mehr möglich.

Am 26. Februar (11. März) um die Mittagszeit eröffnete die 4. Kompanie des Reservebataillons des Pawlowsk-Regiments das Feuer, aber nicht auf die Arbeiter, sondern auf Abteilungen berittener Polizisten, die mit den Arbeitern in ein Feuergefecht eingetreten waren. Es entwickelte sich ein äußerst energischer und hartnäckiger Kampf um die Wehrmacht, im Besonderen von Seiten der Arbeiterinnen, die sich unmittelbar an die Soldaten wandten, sich mit ihnen verbrüderten und sie aufforderten, dem Volke zu helfen, die verhasste zaristische Selbstherrschaft zu stürzen.

Die Leitung der praktischen Arbeit der bolschewistischen Partei lag damals in der Hand des in Petrograd befindlichen Büros des Zentralkomitees unserer Partei mit Genossen Molotow an der Spitze. Das Büro des ZK erließ am 26. Februar (11. März) ein Manifest mit der Aufforderung, den bewaffneten Kampf gegen den Zarismus fortzusetzen und eine provisorische revolutionäre Regierung zu bilden.

Am 27, Februar (12. März) weigerten sich die Petrograder Truppen, auf die Arbeiter zu schießen, und begannen auf die Seite des aufständischen Volkes überzugehen. Noch am Morgen des 27. Februar (12. März) gab es nur 10000 aufständische Soldaten, am Abend aber waren es schon über 60000.

Die aufständischen Arbeiter und Soldaten gingen dazu über, die zaristischen Minister und Generale zu verhaften, die Revolutionäre aus den Gefängnissen zu befreien. Die befreiten politischen Gefangenen reihten sich in den revolutionären Kampf ein.

Auf den Straßen gab es noch Schießereien mit Polizisten und Gendarmen, die sich mit Maschinengewehren auf Dachböden festgesetzt hatten. Aber der rasche Übergang der Truppen auf die Seite der Arbeiter entschied das Schicksal der zaristischen Selbstherrschaft.

Als die Kunde vom Siege der Revolution in Petrograd sich in den anderen Städten und an der Front verbreitete, begannen die Arbeiter und Soldaten überall die zaristischen Bürokraten aus den Ämtern hinauszuwerfen.

Die bürgerlich-demokratische Februarrevolution hatte gesiegt.

Die Revolution siegte, weil die Arbeiterklasse Vorkämpfer der Revolution war und die Bewegung der Millionenmassen der Bauern im Waffenrock - „für Frieden, für Brot, für Freiheit“ - leitete. Die Hegemonie des Proletariats bedingte den Erfolg der Revolution.

„Die Revolution war das Werk des Proletariats, das Proletariat hat heldenmütig gekämpft, das Proletariat hat sein Blut vergossen, es hat die breitesten Massen der Werktätigen und der armen Bevölkerung mit sich gerissen ...“, schrieb Lenin in den ersten Tagen der Revolution. ( Lenin , Sämtl. Werke, Bd. XX, S. 23/24 russ.)

Die erste Revolution von 1905 hatte den raschen Sieg der zweiten Revolution von 1917 vorbereitet.

„Ohne die drei Jahre von 1905 bis 1907, drei Jahre gewaltigster Klassenschlachten und größter revolutionärer Energie des russischen Proletariats, wäre eine so rasche zweite Revolution, so rasch im Sinne des Durchlaufens ihrer Anfangsetappe in wenigen Tagen, unmöglich gewesen“, erklärte Lenin . ( Lenin /Stalin, Das Jahr 1917, Dietz Verlag, Berlin 1950, S.S.)

Gleich in den ersten Revolutionstagen entstanden Sowjets. Die siegreiche Revolution stützte sich auf die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Die aufständischen Arbeiter und Soldaten bildeten Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Die Revolution von 1905 hatte gezeigt, dass die Sowjets Organe des bewaffneten Aufstands und zu gleicher Zeit die Keime einer neuen, einer revolutionären Macht sind. Die Idee der Sowjets lebte im Bewusstsein der Arbeitermassen, und sie verwirklichten diese Idee gleich am Tage nach dem Sturz des Zarismus, jedoch mit dem Unterschied, dass im Jahre 1905 nur Sowjets der Arbeiterdeputierten gebildet wurden, im Februar 1917 aber auf Initiative der Bolschewiki Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten entstanden.

Während die Bolschewiki den unmittelbaren Kampf der Massen auf der Straße leiteten, besetzten die Paktiererparteien, Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die Deputiertensitze in den Sowjets, in denen sie die Mehrheit bildeten. Dies wurde teilweise durch den Umstand begünstigt, dass die meisten Führer der bolschewistischen Partei sich in den Gefängnissen und Verbannungsorten befanden ( Lenin befand sich in der Emigration, Stalin und Swerdlow in sibirischer Verbannung), während die Menschewiki und Sozialrevolutionäre auf den Straßen Petrograds frei umherspazierten. So kam es, dass an der Spitze des Petrograder Sowjets und seines Exekutivkomitees Vertreter der Paktiererparteien, Menschewiki und Sozialrevolutionäre, standen. Dasselbe war der Fall in Moskau und in einer Reihe anderer Städte. Nur in Iwanowo-Wosnessensk, Krasnojarsk und einigen anderen Städten gehörte von Anfang an die Mehrheit in den Sowjets den Bolschewiki.

Das bewaffnete Volk - die Arbeiter und Soldaten - betrachtete den Sowjet, in den es seine Vertreter entsandte, als ein Organ der Volksmacht. Sie dachten und glaubten, dass der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten alle Forderungen des revolutionären Volkes erfüllen werde und dass in erster Linie Friede geschlossen werden würde.

Aber ihre übergroße Vertrauensseligkeit spielte den Arbeitern und Soldaten einen schlimmen Streich. Die Sozialrevolutionäre und Menschewiki dachten gar nicht daran, den Krieg zu beendigen und Frieden zu erkämpfen. Sie gedachten die Revolution auszunutzen, um den Krieg fortzusetzen. Was die Revolution und die revolutionären Forderungen des Volkes betrifft, so waren die Sozialrevolutionäre und Menschewiki der Ansicht, dass die Revolution bereits beendet sei und dass die Aufgabe jetzt darin bestehe, sie zu verankern und in die Bahnen eines „normalen“, verfassungsmäßigen Zusammenlebens mit der Bourgeoisie überzugehen. Darum traf die sozialrevolutionär-menschewistische Leitung des Petrograder Sowjets alle ihr zu Gebote stehenden Maßnahmen, um die Frage der Beendigung des Krieges, die Frage des Friedens zu vertuschen und der Bourgeoisie die Macht auszuliefern.

Am 27. Februar (12. März) 1917 bildeten die liberalen Deputierten der Reichsduma, gemäß einer hinter den Kulissen getroffenen Verabredung mit den sozialrevolutionär-menschewistischen Führern, ein Provisorisches Komitee der Reichsduma mit dem Vorsitzenden der IV. Duma, dem Gutsbesitzer und Monarchisten Rodsjanko, an der Spitze. Wenige Tage danach aber verständigten sich das Provisorische Komitee der Reichsduma und die sozialrevolutionär-menschewistischen Führer des Exekutivkomitees des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten hinter dem Rücken der Bolschewiki über die Bildung einer neuen Regierung für Russland, einer bürgerlichen Provisorischen Regierung mit dem Fürsten Lwow an der Spitze, den Zar Nikolaus II. noch vor der Februarumwälzung als Premierminister seiner Regierung ausersehen hatte. Der Provisorischen Regierung gehörten der Führer der Kadetten Miljukow, der Führer der Oktobristen Gutschkow und andere prominente Vertreter der Kapitalistenklasse an, als Vertreter der „Demokratie“ wurde der Sozialrevolutionär Kerenski hineingenommen.

So kam es dazu, dass die sozialrevolutionär-menschewistischen Führer des Exekutivkomitees des Sowjets die Macht an die Bourgeoisie auslieferten; der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten aber billigte, nachdem er hiervon Kenntnis erhalten hatte, durch Mehrheitsbeschluss die Handlungen der sozialrevolutionär-menschewistischen Führer, trotz der Proteste der Bolschewiki.

So wurde eine neue Staatsmacht in Russland gebildet, die, wie Lenin sagte, aus Vertretern der „Bourgeoisie und der verbürgerlichten Gutsbesitzer“ bestand.

Aber neben der bürgerlichen Regierung existierte eine andere Macht - der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Die Soldatendeputierten im Sowjet waren in der Hauptsache Bauern, die für den Krieg mobilisiert worden waren. Der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten war das Organ des Bündnisses der Arbeiter und der Bauern gegen die zaristische Macht und zugleich das Organ ihrer eigenen Macht, das Organ der Diktatur der Arbeiterklasse und der Bauernschaft.

Somit ergab sich eine eigenartige Verflechtung von zwei Gewalten, zwei Diktaturen: der Diktatur der Bourgeoisie in Gestalt der Provisorischen Regierung und der Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft in Gestalt des Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten.

Es ergab sich eine Doppelherrschaft.

Wodurch ist es zu erklären, dass die Mehrheit in den Sowjets anfangs den Menschewiki und Sozialrevolutionären zugefallen war?

Wodurch ist es zu erklären, dass die siegreichen Arbeiter und Bauern freiwillig die Macht an die Vertreter der Bourgeoisie abtraten?

Lenin erklärte dies damit, dass Millionen von Menschen erweckt und in die Politik hineingezogen wurden, die in der Politik nicht er-fahren waren. Sie waren größtenteils Kleinbesitzer, Bauern, Arbeiter, die noch unlängst Bauern gewesen waren, Menschen, die zwischen der Bourgeoisie und dem Proletariat in der Mitte standen. Russland war damals das kleinbürgerlichste Land unter allen großen europäischen Ländern. Und in diesem Lande „hat die riesige kleinbürgerliche Woge alles überflutet, sie hat das klassenbewusste Proletariat nicht nur durch ihre zahlenmäßige Stärke, sondern auch ideologisch überwältigt, das heißt, sie hat sehr breite Arbeiterkreise mit kleinbürgerlichen politischen Ansichten angesteckt, ergriffen“. ( Lenin /Stalin, Das Jahr 1917, S. 49.)

Diese Woge kleinbürgerlicher Elementargewalt war es auch, die die kleinbürgerlichen Parteien der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre an die Oberfläche brachte.

Lenin wies darauf hin, dass eine andere Ursache in der veränderten Zusammensetzung des Proletariats während des Krieges und in der ungenügenden Bewusstheit und Organisiertheit des Proletariats zu Beginn der Revolution lag. Während des Krieges waren bedeutende Veränderungen in der Zusammensetzung des Proletariats selbst vor sich gegangen. Etwa 40 Prozent der Stammarbeiter waren zur Armee eingezogen. In die Betriebe waren in den Kriegsjahren viele Kleineigentümer, Kleingewerbetreibende, Ladenbesitzer hineingeraten, die sich dadurch vor der Einberufung drücken wollten und denen die proletarische Denkart fremd war.

Diese kleinbürgerlichen Arbeiterschichten waren denn auch der Nährboden für die kleinbürgerlichen Politiker, die Menschewiki und die Sozialrevolutionäre.

Das war der Grund, warum die in der Politik unerfahrenen breiten Volksmassen, überflutet von der Woge kleinbürgerlicher Elementargewalt und trunken von den ersten Erfolgen der Revolution, in den ersten Monaten der Revolution in den Bann der Paktiererparteien gerieten und sich dazu verstanden, der Bourgeoisie die Staatsmacht zu überlassen, in der naiven Meinung, dass die bürgerliche Macht die Sowjets an ihrer Arbeit nicht hindern werde.

Die bolschewistische Partei stand vor der Aufgabe, durch geduldige Aufklärungsarbeit in den Massen den imperialistischen Charakter der Provisorischen Regierung aufzudecken, den Verrat der Sozialrevolutionäre und Menschewiki zu entlarven und zu zeigen, dass es ohne Ersetzung der Provisorischen Regierung durch eine Regierung der Sowjets unmöglich sei, Frieden zu erlangen.

Und die Partei der Bolschewiki machte sich mit aller Energie an diese Arbeit.

Sie stellt ihre legalen Presseorgane wieder her. Bereits fünf Tage nach der Februarrevolution beginnt die Zeitung „Prawda“ in Petrograd zu erscheinen, einige Tage danach der „Sozialdemokrat“ in Moskau. Die Partei tritt nun an der Spitze der Massen auf, die sich von ihrem Vertrauen zur liberalen Bourgeoisie, von ihrem Vertrauen zu den Menschewiki und Sozialrevolutionären frei machen. Sie erklärt den Soldaten, den Bauern geduldig die Notwendigkeit gemeinsamer Aktionen mit der Arbeiterklasse. Sie erklärt ihnen, dass die Bauern ohne Weiterentwicklung der Revolution, ohne Ersetzung der bürgerlichen Provisorischen Regierung durch eine Regierung der Sowjets weder Frieden noch Boden erhalten würden.

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