GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL VII
Die Partei der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung und Durchführung der sozialistischen Oktoberrevolution
(April 1917-1918)

1
Die Lage im Lande nach der Februarrevolution
Die Partei tritt aus der Illegalität hervor und geht zu offener politischer Arbeit über
Die Ankunft Lenin s in Petrograd
Die Aprilthesen Lenin s
Die Einstellung der Partei auf den Übergang zur sozialistischen Revolution

Die Ereignisse und die Haltung der Provisorischen Regierung bestätigten tagtäglich die Richtigkeit der Linie der Bolschewiki. Sie zeigten immer klarer, dass die Provisorische Regierung nicht für das Volk, sondern gegen das Volk, nicht für den Frieden, sondern für den Krieg war, dass sie weder Frieden noch Boden noch Brot geben wollte und geben konnte. Die Aufklärungstätigkeit der Bolschewiki fand einen günstigen Boden.

Während die Arbeiter und Soldaten die zaristische Regierung niederwarfen und die Grundlagen der Monarchie zerstörten, steuerte die Provisorische Regierung entschieden auf die Erhaltung der Monarchie hin. Sie entsandte am 2. März 1917 insgeheim Gutschkow und Schulgin zum Zaren. Die Bourgeoisie wollte die Macht dem Bruder Nikolai Romanows, Michael, übergeben. Als jedoch Gutschkow in einer Versammlung der Eisenbahner seine Rede mit dem Rufe „Es lebe der Imperator Michael“ schloss, forderten die Arbeiter die sofortige Verhaftung und Durchsuchung Gutschkows und erwiderten entrüstet mit dem Sprichwort: „Der Meerrettich ist nicht weniger bitter als der Rettich.“

Es war klar, dass die Arbeiter die Wiederherstellung der Monarchie nicht dulden würden.

Während die Arbeiter und Bauern, die die Revolution durchführten und ihr Blut vergossen, erwarteten, dass mit dem Krieg Schluss gemacht werde, Brot und Boden verlangten und entschiedene Maßnahmen zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Zerrüttung forderten, blieb die Provisorische Regierung gegenüber diesen lebenswichtigen Forderungen des Volkes taub. Diese Regierung, die sich aus den prominentesten Vertretern der Kapitalisten und Gutsbesitzer zusammensetzte, dachte gar nicht daran, die Forderungen der Bauern, dass man ihnen den Boden übergebe, zu erfüllen. Sie konnte den Werktätigen auch kein Brot geben, denn hierzu hätte man die Interessen der Getreidegroßhändler antasten, den Gutsbesitzern, den Kulaken mit allen möglichen Mitteln das Getreide wegnehmen müssen; dazu entschloss sich aber die Regierung nicht, da sie selbst mit den Interessen dieser Klassen verbunden war. Sie konnte auch nicht den Frieden geben. Die mit den englischen und französischen Imperialisten verbundene Provisorische Regierung dachte keineswegs an die Einstellung des Krieges, sie versuchte im Gegenteil, die Revolution zu einer noch aktiveren Teilnahme Russlands am imperialistischen Kriege auszunutzen, um ihre imperialistischen Pläne der Annexion Konstantinopels und der Meerengen, der Annexion Galiziens zu verwirklichen.

Es war klar, dass die vertrauensselige Einstellung der Volksmassen zur Politik der Provisorischen Regierung bald ein Ende nehmen musste.

Es wurde klar, dass sich die Doppelherrschaft, die sich nach der Februarrevolution herausgebildet hatte, nicht mehr lange halten konnte, denn der Verlauf der Ereignisse erforderte es, dass die Macht an einer einzigen Stelle konzentriert werde: entweder bei der Provisorischen Regierung oder in den Händen der Sowjets.

Allerdings fand die Paktiererpolitik der Menschewiki und Sozialrevolutionäre vorläufig noch Unterstützung bei den Volksmassen. Noch gab es nicht wenige Arbeiter und noch mehr Soldaten und Bauern, die daran glaubten, dass „bald die Konstituierende Versammlung kommen und alles in bester Weise ordnen werde“, die daran glaubten, dass der Krieg nicht um Eroberungen, sondern aus Notwendigkeit, zur Verteidigung des Staates geführt werde. Lenin nannte solche Leute - in gutem Glauben irrende „Vaterlandsverteidiger“. Von allen diesen Leuten wurde die sozialrevolutionäre und menschewistische Politik der Versprechungen und Beschwichtigungen vorläufig noch als eine richtige Politik betrachtet. Es war aber klar, dass es mit Versprechungen und Beschwichtigungen nicht lange weitergehen konnte, denn der Verlauf der Ereignisse und die Haltung der Provisorischen Regierung enthüllten und zeigten Tag für Tag, dass die Paktiererpolitik der Sozialrevolutionäre und Menschewiki eine Politik der Verschleppung und des Betruges an vertrauensseligen Leuten war.

Nicht immer beschränkte sich die Provisorische Regierung auf die Politik des versteckten Kampfes gegen die revolutionäre Massenbewegung, auf die Politik von Machenschaften, die hinter den Kulissen gegen die Revolution angezettelt wurden. Sie machte zuweilen Versuche, zum offenen Angriff gegen die demokratischen Freiheiten überzugehen, „die Disziplin wiederherzustellen“, besonders unter den Soldaten, „Ordnung zu schaffen“, das heißt die Revolution in den Rahmen zu zwängen, den die Bourgeoisie benötigte. Aber wie sehr sie sich auch in dieser Richtung bemühte, es gelang ihr nicht, und ungestüm setzten die Volksmassen die demokratischen Freiheiten, die Rede-, Presse-, Koalitions-, Versammlungs-, Demonstrationsfreiheit, in die Tat um. Die Arbeiter und Soldaten waren bestrebt, die von ihnen zum ersten Mal eroberten demokratischen Rechte voll auszunutzen, um am politischen Leben des Landes aktiv teilzunehmen, um die neue Lage zu begreifen, sich in ihr zurechtzufinden und die Entscheidung zu treffen, was weiter zu tun sei.

Nach der Februarrevolution traten die Organisationen der bolschewistischen Partei, die unter dem Zarismus in überaus schweren Verhältnissen illegal gearbeitet hatten, aus der Illegalität hervor und begannen, eine offene politische und organisatorische Arbeit zu entfalten. Die Mitgliederzahl der Organisationen der Bolschewiki betrug in dieser Zeit nicht mehr als 40000-45000. Das waren aber kampfgestählte Kader. Die Parteikomitees wurden auf der Grundlage des demokratischen Zentralismus reorganisiert. Die Wählbarkeit aller Parteiorgane von unten bis oben wurde festgelegt.

Der Übergang der Partei zur Legalität brachte Meinungsverschiedenheiten in der Partei an den Tag. Kamenew und einige Mitglieder der Moskauer Organisation, zum Beispiel Rykow, Bubnow und Nogin, vertraten den halbmenschewistischen Standpunkt der bedingten Unterstützung der Provisorischen Regierung und der Politik der „Vaterlandsverteidiger“. Stalin, der soeben aus der Verbannung zurückgekehrt war, Molotow und andere verfochten zusammen mit der Mehrheit der Partei die Politik des Misstrauens gegen die Provisorische Regierung, wandten sich gegen die Politik der „Vaterlandsverteidigung“ und riefen zum aktiven Kampf für den Frieden auf, zum Kampf gegen den imperialistischen Krieg. Ein Teil der Parteiarbeiter schwankte, und darin kam ihre politische Zurückgebliebenheit infolge langjähriger Gefängnishaft oder Verbannung zum Ausdruck.

Man fühlte, dass der Führer der Partei, dass Lenin fehlte.

Am 3. (16.) April 1917 kehrte Lenin aus langjährigem Exil nach Russland zurück.

Die Ankunft Lenin s war für die Partei, für die Revolution von ungeheurer Bedeutung.

Noch aus der Schweiz schrieb Lenin , kaum dass er die ersten Nachrichten über die Revolution erhalten hatte, in den „Briefen aus der Ferne“ an die Partei und die Arbeiterklasse Russlands:

„Arbeiter! Ihr habt im Bürgerkrieg gegen den Zarismus Wunder an proletarischem Heldentum, an Volksheldentum vollbracht. Ihr müsst Wunder an Organisation des Proletariats und des gesamten Volkes vollbringen, um euren Sieg in der zweiten Etappe der Revolution vorzubereiten.“ ( Lenin /Stalin, Das Jahr 1917, S. 15.)

Lenin traf am 3. April nachts in Petrograd ein. Auf dem Finnländischen Bahnhof und auf dem Platze vor dem Bahnhof hatten sich Tausende von Arbeitern, Soldaten und Matrosen versammelt, um Lenin zu begrüßen. Unbeschreibliche Begeisterung erfasste die Massen, als Lenin aus dem Waggon trat. Sie hoben Lenin auf ihre Hände, und so trugen sie ihren Führer in den großen Saal des Bahnhofs, wo die Menschewiki Tschcheidse und Skobelew im Namen des Petrograder Sowjets „Begrüßungsreden“ aufzusagen begannen, in denen sie „der Hoffnung Ausdruck gaben“, dass Lenin eine „gemeinsame Sprache“ mit ihnen finden werde. Aber Lenin hörte sie gar nicht an, ging an ihnen vorbei zur Masse der Arbeiter und Soldaten und hielt von einem Panzerauto seine berühmte Rede, in der er die Massen zum Kampf für den Sieg der sozialistischen Revolution aufrief. „Es lebe die sozialistische Revolution!“, so schloss Lenin diese seine erste Rede nach langen Jahren des Exils.

Nach der Ankunft in Russland widmete sich Lenin mit aller Energie der revolutionären Arbeit. Am Tage nach seiner Ankunft hielt Lenin in einer Versammlung der Bolschewiki ein Referat über Krieg und Revolution und wiederholte dann die Thesen seines Referats in einer Versammlung, in der außer Bolschewiki auch Menschewiki anwesend waren.

Das waren die berühmten Aprilthesen Lenin s, die der Partei und dem Proletariat die klare revolutionäre Linie des Übergangs von der bürgerlichen Revolution zur sozialistischen Revolution gaben.

Lenin s Thesen waren für die Revolution, für die weitere Arbeit der Partei von gewaltiger Bedeutung. Die Revolution bedeutete den größten Umschwung im Leben des Landes, und die Partei bedurfte unter den neuen Kampfbedingungen, nach dem Sturze des Zarismus, einer neuen Orientierung, um kühn und sicher den neuen Weg zu gehen. Lenin s Thesen gaben der Partei diese Orientierung.

Lenin s Aprilthesen umrissen den genialen Plan des Kampfes der Partei für den Übergang von der bürgerlich-demokratischen Revolution zur sozialistischen Revolution, für den Übergang von der ersten Etappe der Revolution zur zweiten, zur Etappe der sozialistischen Revolution. Die Partei war durch ihre ganze bisherige Geschichte für diese große Aufgabe vorbereitet. Schon im Jahre 1905 hatte Lenin in seiner Broschüre „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ geschrieben, das Proletariat werde nach dem Sturz des Zarismus zur Durchführung der sozialistischen Revolution übergehen. Das Neue in den Thesen bestand darin, dass sie einen theoretisch begründeten konkreten Plan boten, wie der Übergang zur sozialistischen Revolution in Angriff zu nehmen sei.

Auf wirtschaftlichem Gebiete bestanden die Übergangsmaßnahmen in Folgendem: Nationalisierung des gesamten Bodens im Lande bei Konfiskation der Ländereien der Gutsbesitzer, Verschmelzung aller Banken zu einer Nationalbank, Einführung der Kontrolle über die Nationalbank durch den Sowjet der Arbeiterdeputierten, Einführung der Kontrolle über die gesellschaftliche Produktion und die Verteilung der Produkte.

Auf politischem Gebiete schlug Lenin den Übergang von der parlamentarischen Republik zur Sowjetrepublik vor. Das war ein wichtiger Schritt vorwärts auf dem Gebiete der Theorie und Praxis des Marxismus. Bis dahin hielten die marxistischen Theoretiker die parlamentarische Republik für die beste politische Form des Übergangs zum Sozialismus. Jetzt schlug Lenin vor, die parlamentarische Republik durch die Sowjetrepublik zu ersetzen, als die zweckmäßigste Form der politischen Organisation der Gesellschaft in der Periode des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus.

„Die Eigenart der gegenwärtigen Lage in Russland“, hieß es in den Thesen, „besteht im Übergang von der ersten Etappe der Revolution, die infolge des ungenügend entwickelten Klassenbewusstseins und der ungenügenden Organisiertheit des Proletariats der Bourgeoisie die Macht gab, zur zweiten Etappe der Revolution, die die Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Schichten der Bauernschaft legen muss.“ ( Lenin /Stalin, Das Jahr 1917, S. 21.)

Und ferner:

„Keine parlamentarische Republik - von den Sowjets der Arbeiterdeputierten zu dieser zurückzukehren, wäre ein Schritt rückwärts -, sondern eine Republik der Sowjets der Arbeiter-, Landarbeiter- und Bauerndeputierten im ganzen Lande, von unten bis oben.“ (Ebenda, S. 22.)

Der Krieg, sagte Lenin , bleibt auch unter der neuen, der Provisorischen Regierung ein räuberischer, imperialistischer Krieg. Die Aufgabe der Partei besteht darin, die Massen darüber aufzuklären und ihnen zu zeigen, dass es ohne den Sturz der Bourgeoisie unmöglich ist, den Krieg durch einen wahrhaft demokratischen Frieden und nicht durch einen Gewaltfrieden zu beenden.

Der Provisorischen Regierung gegenüber stellte Lenin die Losung auf: „Keinerlei Unterstützung der Provisorischen Regierung!“

Lenin wies weiter in seinen Thesen darauf hin, dass unsere Partei in den Sowjets vorläufig in der Minderheit war, dass dort der Block der Menschewiki und Sozialrevolutionäre herrschte, die den Einfluss der Bourgeoisie in das Proletariat hineintrugen. Daher bestand die Aufgabe der Partei in der

„Aufklärung der Massen darüber, dass die Sowjets der Arbeiterdeputierten die einzigmögliche Form der revolutionären Regierung sind, und dass daher unsere Aufgabe, solange sich diese Regierung von der Bourgeoisie beeinflussen lässt, nur in geduldiger, systematischer, beharrlicher, besonders den praktischen Bedürfnissen der Massen angepasster Aufklärung über die Fehler ihrer Taktik bestehen kann. Solange wir in der Minderheit sind, leisten wir die Arbeit der Kritik und Klarstellung der Fehler, wobei wir gleichzeitig die Notwendigkeit des Übergangs der gesamten Staatsmacht an die Sowjets der Arbeiterdeputierten propagieren...“ (Ebenda, S. 22.)

Das bedeutete, dass Lenin nicht zum Aufstand gegen die Provisorische Regierung aufrief, die in diesem Momente das Vertrauen der Sowjets genoss, dass er nicht ihren Sturz forderte, sondern danach strebte, durch Aufklärungs- und Werbearbeit die Mehrheit in den Sowjets zu gewinnen, die Politik der Sowjets zu ändern, durch die Sowjets aber die Zusammensetzung und die Politik der Regierung zu ändern.

Das war die Einstellung auf eine friedliche Entwicklung der Revolution.

Lenin forderte ferner, dass die Partei sich der „schmutzigen Wäsche“ entledige - auf den Namen Sozialdemokratische Partei verzichte. Sozialdemokraten nannten sich sowohl die Parteien der II. Internationale als auch die russischen Menschewiki. Dieser Name war von den Opportunisten, den Verrätern am Sozialismus, beschmutzt und geschändet worden. Lenin machte den Vorschlag, die bolschewistische Partei Kommunistische Partei zu nennen, wie Marx und Engels ihre Partei genannt hatten. Dieser Name ist wissenschaftlich richtig, denn das Endziel der bolschewistischen Partei ist die Verwirklichung des Kommunismus. Vom Kapitalismus kann die Menschheit unmittelbar nur zum Sozialismus übergehen, das heißt zum Gemeinbesitz an den Produktionsmitteln und zur Verteilung der Produkte nach dem Maße der Arbeitsleistung jedes einzelnen. Lenin sagte, dass unsere Partei weiter blicke. Der Sozialismus muss unvermeidlich allmählich in den Kommunismus hinüberwachsen, auf dessen Banner geschrieben steht: „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.“

Schließlich forderte Lenin in seinen Thesen die Schaffung einer neuen, von Opportunismus, von Sozialchauvinismus freien Internationale, die Schaffung der III., der Kommunistischen Internationale.

Lenin s Thesen riefen bei der Bourgeoisie, bei den Menschewiki und den Sozialrevolutionären wütendes Geheul hervor.

Die Menschewiki wandten sich an die Arbeiter mit einem Aufruf, der mit der Warnung begann: „Die Revolution ist in Gefahr.“ Die Gefahr bestand nach der Meinung der Menschewiki darin, dass die Bolschewiki die Forderung des Übergangs der Macht an die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten aufgestellt hatten.

Plechanow veröffentlichte in seiner Zeitung „Jedinstwo“ (Einheit) einen Artikel, in dem er Lenin s Rede eine „Fieberphantasie“ nannte.

Plechanow berief sich auf die Worte des Menschewiks Tschcheidse, der erklärt hatte: „Außerhalb der Revolution wird nur Lenin bleiben, wir aber gehen unseren Weg.“

Am 14. April fand die Petrograder Stadtkonferenz der Bolschewiki statt. Sie billigte die Thesen Lenin s und legte sie ihrer Arbeit zugrunde.

Bald darauf billigten auch die Ortsorganisationen der Partei die Thesen Lenin s.

Die gesamte Partei, mit Ausnahme einiger Einzelgänger vom Schlage eines Kamenew, Rykow, Pjatakow, nahm die Thesen Lenin s mit größter Befriedigung auf.

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