GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL VII
Die Partei der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung und Durchführung der sozialistischen Oktoberrevolution
(April 1917-1918)

2
Der Beginn der Krise der Provisorischen Regierung
Die Aprilkonferenz der bolschewistischen Partei

Während sich die Bolschewiki auf die weitere Entfaltung der Revolution vorbereiteten, setzte die Provisorische Regierung ihr volksfeindliches Werk fort. Am 18. April erklärte der Außenminister der Provisorischen Regierung, Miljukow, den Verbündeten, „das ganze Volk sei bestrebt, den Weltkrieg bis zum entscheidenden Sieg weiterzuführen, und die Provisorische Regierung beabsichtige, die unseren Verbündeten gegenüber übernommenen Verpflichtungen in vollem Umfange einzuhalten“.

Somit gelobte die Provisorische Regierung den zaristischen Verträgen Treue und versprach, noch so viel Blut des Volkes zu vergießen, als die Imperialisten zur Erreichung des „Endsieges“ benötigen.

Am 19. April wurde diese Erklärung („Note Miljukows“) den Arbeitern und Soldaten bekannt. Am 20. April rief das Zentralkomitee der Partei der Bolschewiki die Massen zum Protest gegen die imperialistische Politik der Provisorischen Regierung auf. Am 20. und 21. April (3. und 4. Mai) 1917 marschierten die Arbeiter- und Soldatenmassen, von Empörung über die „Note Miljukows“ ergriffen, in einer Anzahl von mindestens 100000 Personen zu einer Demonstration auf. Auf den Fahnen leuchteten die Losungen: „Die Geheimverträge veröffentlichen!“, „Nieder mit dem Krieg!“, „Alle Macht den Sowjets!“ Die Arbeiter und Soldaten marschierten aus den Vororten zum Stadtzentrum, zum Sitz der Provisorischen Regierung. Auf dem Newski-Prospekt und an anderen Stellen kam es zu Zusammenstößen mit einzelnen Gruppen der Bourgeoisie.

Die unverblümtesten Konterrevolutionäre, wie General Kornilow, riefen zur Niedermetzelung der Demonstranten auf und erteilten sogar dementsprechende Befehle. Aber die Truppenteile, die diese Befehle erhielten, weigerten sich, sie auszuführen.

Eine kleine Gruppe von Mitgliedern des Petrograder Parteikomitees (Bagdatjew und andere) stellte während der Demonstration die Losung des sofortigen Sturzes der Provisorischen Regierung auf. Das Zentralkomitee der Partei der Bolschewiki verurteilte aufs schärfste die Haltung dieser „linken“ Abenteurer, da es diese Losung für eine unzeitgemäße und unrichtige Losung hielt, die die Partei hinderte, die Mehrheit der Sowjets für sich zu gewinnen, und die der Einstellung der Partei auf eine friedliche Entwicklung der Revolution widersprach.

Die Ereignisse vom 20. und 21. April bedeuteten den Beginn der Krise der Provisorischen Regierung.

Das war der erste bedeutende Riss in der Paktiererpolitik der Menschewiki und Sozialrevolutionäre.

Am 2. Mai 1917 mussten Miljukow und Gutschkow unter dem Druck der Massen aus der Provisorischen Regierung ausscheiden.

Es wurde die erste Provisorische Koalitionsregierung gebildet, in die neben Vertretern der Bourgeoisie auch Menschewiki (Skobelew, Zereteli) und Sozialrevolutionäre (Tschernow, Kerenski u. a.) eintraten.

Somit hielten die Menschewiki, die im Jahre 1905 die Zulässigkeit der Teilnahme von Vertretern der Sozialdemokratie an einer revolutionären Provisorischen Regierung verneint hatten, jetzt die Teilnahme ihrer Vertreter an einer konterrevolutionären Provisorischen Regierung für zulässig.

Das war der Übergang der Menschewiki und Sozialrevolutionäre in das Lager der konterrevolutionären Bourgeoisie.

Am 24. April 1917 wurde die VII. Konferenz (die Aprilkonferenz) der Bolschewiki eröffnet. Zum ersten Mal seit Bestehen der Partei trat eine Konferenz der Bolschewiki offen zusammen, eine Konferenz, die ihrer Bedeutung nach in der Geschichte der Partei keinen geringeren Platz einnimmt als ein Parteitag.

Die Allrussische Aprilkonferenz zeigte das stürmische Wachstum der Partei. Auf der Konferenz waren 133 Delegierte mit beschließender und 18 Delegierte mit beratender Stimme anwesend. Sie vertraten 80000 organisierte Parteimitglieder.

Die Konferenz erörterte und arbeitete die Linie der Partei aus für alle grundlegenden Fragen des Krieges und der Revolution: für die Fragen der gegenwärtigen Lage, des Krieges, der Provisorischen Regierung, der Sowjets, für die Agrarfrage, die nationale Frage usw.

Lenin entwickelte in seinem Referat die Leitsätze, die er bereits früher in den Aprilthesen ausgesprochen hatte. Die Aufgabe der Partei bestand in der Durchführung des Übergangs von der ersten Etappe der Revolution, „die der Bourgeoisie die Macht gab ... zur zweiten Etappe der Revolution, die die Macht in die Hände des Proletariats und der ärmsten Schichten der Bauernschaft legen muss“ ( Lenin ). Die Partei muss den Kurs auf die Vorbereitung der sozialistischen Revolution einschlagen. Die nächste Aufgabe der Partei fasste Lenin in der Losung zusammen: „Alle Macht den Sowjets!“

Die Losung „Alle Macht den Sowjets!“ bedeutete, dass es notwendig war, mit der Doppelherrschaft, das heißt mit der Teilung der Macht zwischen der Provisorischen Regierung und den Sowjets, Schluss zu machen, dass die gesamte Macht den Sowjets übergeben werden musste und dass die Vertreter der Gutsbesitzer und Kapitalisten aus den Machtorganen vertrieben werden mussten.

Die Konferenz stellte fest, eine der wichtigsten Aufgaben der Partei bestehe in der unermüdlichen Aufklärung der Massen über die Wahrheit, dass „die Provisorische Regierung ihrem Charakter nach ein Organ der Herrschaft der Gutsbesitzer und der Bourgeoisie darstellt“, sowie in der Entlarvung der Verderblichkeit der Paktiererpolitik der Sozialrevolutionäre und Menschewiki, die das Volk mit lügnerischen Versprechungen betrogen und es den Schlägen des imperialistischen Krieges und der Konterrevolution aussetzten.

Auf der Konferenz traten Kamenew und Rykow gegen Lenin auf. Sie plapperten den Menschewiki nach, dass Russland für die sozialistische Revolution nicht reif sei, dass in Russland nur eine bürgerliche Republik möglich sei. Sie schlugen der Partei und der Arbeiterklasse vor, sich darauf zu beschränken, die Provisorische Regierung zu „kontrollieren“. Im Grunde genommen standen sie, ebenso wie die Menschewiki, auf der Position der Erhaltung des Kapitalismus, der Erhaltung der Macht der Bourgeoisie.

Auch Sinowjew trat auf der Konferenz gegen Lenin auf, und zwar in der Frage, ob die bolschewistische Partei in der Zimmerwalder Vereinigung bleiben oder mit dieser Vereinigung brechen und eine neue Internationale schaffen solle. Wie die Kriegsjahre zeigten, hatte diese Vereinigung, die eine Propaganda für den Frieden betrieb, dennoch mit den bürgerlichen Vaterlandsverteidigern faktisch nicht gebrochen. Daher bestand Lenin auf dem sofortigen Austritt aus dieser Vereinigung und auf der Organisierung einer neuen, der Kommunistischen Internationale. Sinowjew stellte den Antrag, mit den Zimmerwaldern zusammen zu bleiben. Lenin verurteilte entschieden dieses Auftreten Sinowjews und nannte seine Taktik „erzopportunistisch und schädlich“.

Die Aprilkonferenz behandelte auch die Agrarfrage und die nationale Frage.

Zum Referat Lenin s über die Agrarfrage fasste die Konferenz den Beschluss über die Konfiskation des Gutsbesitzerlandes und seine Übergabe in die Verfügungsgewalt der Bauernkomitees, sowie über die Nationalisierung des gesamten Bodens im Lande. Die Bolschewiki riefen die Bauernschaft zum Kampf um den Boden auf und lieferten den Bauernmassen den Beweis, dass die Partei der Bolschewiki die einzige revolutionäre Partei ist, die den Bauern durch die Tat hilft, die Gutsbesitzer zu stürzen.

Von großer Bedeutung war das Referat des Genossen Stalin über die nationale Frage. Lenin und Stalin hatten schon vor der Revolution, am Vorabend des imperialistischen Krieges, die Grundlagen der Politik der bolschewistischen Partei in der nationalen Frage ausgearbeitet. Lenin und Stalin legten dar, dass die proletarische Partei die gegen den Imperialismus gerichtete nationale Befreiungsbewegung der unterdrückten Völker unterstützen muss. In Verbindung damit verfocht die bolschewistische Partei das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung bis zur Lostrennung und Bildung selbständiger Staaten. Diesen Standpunkt vertrat auf der Konferenz der Referent des Zentralkomitees, Genosse Stalin.

Gegen Lenin und Stalin trat Pjatakow auf, der schon in den Kriegsjahren gemeinsam mit Bucharin in der nationalen Frage eine national-chauvinistische Stellung bezogen hatte. Pjatakow und Bucharin waren gegen das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung.

Die entschlossene und konsequente Position der Partei in der nationalen Frage, der Kampf der Partei für die völlige Gleichberechtigung der Nationen und für die Aufhebung aller Formen der nationalen Unterdrückung und nationalen Nichtgleichberechtigung sicherten der Partei die Sympathien und die Unterstützung der unterdrückten Nationalitäten.

Hier der Wortlaut der Resolution zur nationalen Frage, die von der Aprilkonferenz angenommen wurde:

„Die Politik der nationalen Unterdrückung, ein Erbstück der Selbstherrschaft und der Monarchie, wird von den Gutsbesitzern, den Kapitalisten und dem Kleinbürgertum aufrechterhalten, um ihre Klassenprivilegien zu wahren und die Arbeiter der verschiedenen Völkerschaften zu entzweien. Der moderne Imperialismus, der die Bestrebungen zur Unterwerfung schwacher Völker verstärkt, ist ein neuer Faktor der Verschärfung der nationalen Unterdrückung.

Soweit die Beseitigung der nationalen Unterdrückung in der kapitalistischen Gesellschaft erreichbar ist, ist sie nur möglich bei einer konsequent-demokratischen republikanischen Staatsordnung und Staatsverwaltung, die die völlige Gleichberechtigung aller Nationen und Sprachen sichert.

Allen Nationen, die zu Russland gehören, muss das Recht auf freie Lostrennung und Bildung eines selbständigen Staates zuerkannt werden. Die Verneinung dieses Rechtes und die Unterlassung von Maßnahmen, die seine praktische Durchführbarkeit verbürgen, ist gleichbedeutend mit der Unterstützung der Eroberungs- oder Annexionspolitik. Nur die Anerkennung des Rechtes der Nationen auf Lostrennung seitens des Proletariats sichert die volle Solidarität der Arbeiter der verschiedenen Nationen und fördert die wirklich demokratische Annäherung der Nationen...

Die Frage des Rechtes der Nationen auf freie Lostrennung darf nicht verwechselt werden mit der Frage der Zweckmäßigkeit der Lostrennung dieser oder jener Nation in diesem oder jenem Augenblick. Diese letztere Frage muss von der Partei des Proletariats in jedem einzelnen Falle vollkommen selbständig gelöst werden, und zwar vom Standpunkt der Interessen der ganzen gesellschaftlichen Entwicklung und des Klassenkampfes des Proletariats für den Sozialismus.

Die Partei fordert eine weitgehende Gebietsautonomie, die Beseitigung der Überwachung von oben, die Abschaffung der obligatorischen Staatssprache und die Festlegung der Grenzen der Selbstverwaltungsgebiete und der autonomen Gebiete auf Grund der von der örtlichen Bevölkerung selbst festzustellenden Wirtschafts- und Lebensverhältnisse, der nationalen Zusammensetzung der Bevölkerung usw.

Die Partei des Proletariats lehnt die so genannte ‚national-kulturelle Autonomie’ entschieden ab, bei der das Schulwesen usw. der Zuständigkeit des Staates entzogen und in die Hände einer Art nationaler Landtage gelegt wird. Die Arbeiter, die an ein und demselben Ort wohnen und sogar in ein und denselben Betrieben arbeiten, werden durch die national-kulturelle Autonomie nach ihrer Zugehörigkeit zu dieser oder jener ‚nationalen Kultur’ künstlich abgesondert, das heißt die Verbindung der Arbeiter mit der bürgerlichen Kultur der einzelnen Nationen wird gestärkt, während doch die Aufgabe der Sozialdemokratie darin besteht, die internationale Kultur des Weltproletariats zu stärken.

Die Partei fordert die Aufnahme eines grundlegenden Gesetzes in die Verfassung, wonach alle wie immer gearteten Privilegien einer oder der anderen Nation, alle wie immer gearteten Verstöße gegen die Rechte der nationalen Minderheiten für ungültig erklärt werden.

Die Interessen der Arbeiterklasse erfordern den Zusammenschluss der Arbeiter aller Nationalitäten Russlands in einheitlichen proletarischen Organisationen, politischen, gewerkschaftlichen, genossenschaftlichen Bildungsorganisationen usw. Nur ein solcher Zusammenschluss der Arbeiter der verschiedenen Nationalitäten in einheitlichen Organisationen gibt dem Proletariat die Möglichkeit, einen siegreichen Kampf gegen das internationale Kapital und gegen den bürgerlichen Nationalismus zu führen.“ ( Lenin /Stalin, Das Jahr 1917, S.137/38.)

Auf diese Weise wurde auf der Aprilkonferenz die opportunistische, anti Lenin istische Linie Kamenews, Sinowjews, Pjatakows, Bucharins, Rykows und ihrer wenigen Gesinnungsgenossen entlarvt.

Die Konferenz stellte sich einmütig hinter Lenin , bezog in allen wichtigen Fragen eine klare Stellung und nahm Kurs auf den Sieg der sozialistischen Revolution.

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