GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL VII
Die Partei der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung und Durchführung der sozialistischen Oktoberrevolution
(April 1917-1918)

3
Die Erfolge der bolschewistischen Partei in der Hauptstadt
Die missglückte Offensive der Truppen der Provisorischen Regierung an der Front
Die Niederschlagung der Julidemonstration der Arbeiter und Soldaten

Die Partei entfaltete auf der Grundlage der Beschlüsse der Aprilkonferenz eine gewaltige Arbeit zur Eroberung der Massen, zu ihrer Kampfschulung und Organisierung. Die Linie der Partei bestand in dieser Periode darin, durch geduldige Aufklärung über die bolschewistische Politik und durch Entlarvung des Paktierertums der Menschewiki und Sozialrevolutionäre diese Parteien von den Massen zu isolieren und die Mehrheit in den Sowjets zu erobern.

Außer der Arbeit in den Sowjets entfalteten die Bolschewiki eine gewaltige Tätigkeit in den Gewerkschaften und Betriebsräten.

Insbesondere leisteten die Bolschewiki eine große Arbeit in der Armee. Überall ging man an die Schaffung von Militärorganisationen. An der Front und im Hinterland arbeiteten die Bolschewiki unermüdlich an der Organisierung der Soldaten und Matrosen. Eine besonders große Rolle spielte bei der Revolutionierung der Soldaten die bolschewistische Frontzeitung „Okopnaja Prawda“ (Schützengraben-Prawda).

Dank dieser Propaganda- und Agitationsarbeit der Bolschewiki nahmen die Arbeiter bereits in den ersten Monaten der Revolution in vielen Städten Neuwahlen der Sowjets vor, insbesondere der Bezirkssowjets, warfen die Menschewiki und Sozialrevolutionäre aus den Sowjets hinaus und wählten an ihrer Stelle Anhänger der bolschewistischen Partei.

Die Arbeit der Bolschewiki zeitigte ausgezeichnete Resultate, besonders in Petrograd.

Vom 30. Mai bis 3. Juni 1917 tagte die Petrograder Konferenz der Betriebsräte. Auf dieser Konferenz standen bereits drei Viertel der Delegierten hinter den Bolschewiki. Das Petrograder Proletariat folgte fast restlos der bolschewistischen Losung „Alle Macht den Sowjets!“

Am 3. (16.) Juni 1917 trat der I. Allrussische Sowjetkongress zusammen. Die Bolschewiki waren in den Sowjets noch in der Minderheit, sie hatten auf dem Kongress etwas mehr als 100 Delegierte gegenüber 700-800 Menschewiki, Sozialrevolutionären und anderen.

Die Bolschewiki enthüllten auf dem I. Sowjetkongress beharrlich die Verderblichkeit des Paktierens mit der Bourgeoisie und deckten den imperialistischen Charakter des Krieges auf. Lenin hielt auf dem Kongress eine Rede, in der er die Richtigkeit der Linie der Bolschewiki nachwies und erklärte, dass nur die Macht der Sowjets den Werktätigen Brot und den Bauern Boden geben kann, dass nur sie den Frieden erringen und das Land aus der wirtschaftlichen Zerrüttung herausführen kann.

In dieser Zeit war in den Arbeiterbezirken Petrograds eine Massenkampagne für die Organisierung einer Demonstration und für die Unterbreitung von Forderungen an den Sowjetkongress im Gange. Von dem Wunsche geleitet, einer von der Arbeiterschaft auf eigene Faust durchgeführten Demonstration zuvorzukommen, und in der Hoffnung, die revolutionäre Stimmung der Massen für seine Zwecke ausnutzen zu können, beschloss das Exekutivkomitee des Petrograder Sowjets, für den 18. Juni (1. Juli) eine Demonstration in Petrograd anzusetzen. Die Menschewiki und Sozialrevolutionäre rechneten darauf, dass die Demonstration unter antibolschewistischen Losungen verlaufen werde. Die bolschewistische Partei traf energische Vorbereitungen zu dieser Demonstration. Genosse Stalin schrieb damals in der „Prawda“: „...Unsere Aufgabe ist es, durchzusetzen, dass die Demonstration in Petrograd am 18. Juni unter unseren revolutionären Losungen verlaufe.“

Die Demonstration vom 18. Juni 1917, die an den Gräbern der Opfer der Revolution stattfand, wurde zu einer wahren Heerschau der Kräfte der bolschewistischen Partei. Sie zeigte den zunehmenden revolutionären Geist der Massen und ihr steigendes Vertrauen zur bolschewistischen Partei. Die Losungen der Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die dazu aufforderten, der Provisorischen Regierung Vertrauen zu schenken und den Krieg fortzusetzen, gingen in der gewaltigen Masse bolschewistischer Losungen unter. 400000 Demonstranten marschierten unter Bannern, die die Losungen trugen: „Nieder mit dem Krieg!“, „Nieder mit den zehn kapitalistischen Ministern!“, „Alle Macht den Sowjets!“

Das war ein völliges Fiasko der Menschewiki und Sozialrevolutionäre, ein Fiasko der Provisorischen Regierung in der Hauptstadt.

Die Provisorische Regierung jedoch, die die Unterstützung des I. Sowjetkongresses gefunden hatte, beschloss, die imperialistische Politik fortzusetzen. Gerade am 18. Juni jagte die Provisorische Regierung, den Willen der englischen und französischen Imperialisten erfüllend, die Soldaten an der Front in die Offensive. In dieser Offensive sah die Bourgeoisie die einzige Möglichkeit, mit der Revolution Schluss zu machen. Im Falle des Gelingens der Offensive hoffte die Bourgeoisie, die ganze Macht in ihre Hände nehmen, die Sowjets beiseite drängen und die Bolschewiki niederschlagen zu können. Bei einem Misserfolg konnte man die ganze Schuld denselben Bolschewiki in die Schuhe schieben und sie bezichtigen, die Armee zersetzt zu haben.

Es war mit Sicherheit anzunehmen, dass die Offensive scheitern werde. Und sie scheiterte in der Tat. Die Soldaten waren ermüdet, sie verstanden die Ziele der Offensive nicht, sie hegten Misstrauen gegen das ihnen fremd gegenüberstehende Offizierkorps, es mangelte an Munition und Artillerie - all dies entschied den Zusammenbruch der Offensive an der Front.

Die Nachricht von der Offensive an der Front und sodann vom Zusammenbruch der Offensive brachte die Hauptstadt in Erregung. Die Empörung der Arbeiter und Soldaten kannte keine Grenzen. Es zeigte sich, dass die Provisorische Regierung das Volk betrogen hatte, als sie die Friedenspolitik verkündete. Es zeigte sich, dass die Provisorische Regierung den imperialistischen Krieg fortführen wollte. Es zeigte sich, dass das Allrussische Zentralexekutivkomitee der Sowjets und der Petrograder Sowjet sich den verbrecherischen Handlungen der Provisorischen Regierung nicht widersetzen wollten oder nicht widersetzen konnten und dass sie selbst hinter ihr einher trotteten.

Die revolutionäre Empörung der Petrograder Arbeiter und Soldaten schäumte über. Am 3. (16.) Juli kam es in Petrograd, im Wiborger Stadtteil, zu spontanen Demonstrationen. Sie dauerten den ganzen Tag an. Die einzelnen Demonstrationen schwollen zu einer allgemein grandiosen bewaffneten Demonstration an unter der Losung des Übergangs der Macht an die Sowjets. Die bolschewistische Partei war gegen eine bewaffnete Aktion in diesem Moment, da sie der Auffassung war, dass die revolutionäre Krise noch nicht herangereift sei, dass die Armee und die Provinz noch nicht zur Unterstützung des Aufstandes in der Hauptstadt bereit seien, dass ein isolierter und vorzeitiger Aufstand in der Hauptstadt es der Konterrevolution nur erleichtern könne, die Vorhut der Revolution zu zerschlagen. Als aber klar wurde, dass es unmöglich war, die Massen von der Demonstration abzuhalten, beschloss die Partei, an der Demonstration teilzunehmen, um ihr einen friedlichen und organisierten Charakter zu verleihen. Dies gelang der Partei der Bolschewiki, und Hunderttausende von Demonstranten marschierten zum Petrograder Sowjet und zum Allrussischen Zentralexekutivkomitee der Sowjets und forderten von den Sowjets, sie sollten die Macht übernehmen, mit der imperialistischen Bourgeoisie brechen und eine aktive Friedenspolitik durchführen.

Trotz des friedlichen Charakters der Demonstration wurden gegen die Demonstranten reaktionäre Truppenteile, Abteilungen von Offizieren und Offiziersschülern, aufgeboten. In den Straßen von Petragrad floss das Blut der Arbeiter und Soldaten in Strömen. Zur Niedermetzelung der Arbeiter wurden von der Front die rückständigsten, konterrevolutionärsten Truppenteile herbeigeholt.

Nachdem die Menschewiki und Sozialrevolutionäre im Bunde mit der Bourgeoisie und den weißgardistischen Generalen die Arbeiter- und Soldatendemonstration niedergeschlagen hatten, stürzten sie sich auf die bolschewistische Partei. Die Redaktionsräume der „Prawda“ wurden demoliert. Die „Prawda“, die „Soldatskaja Prawda“ und eine Reihe anderer bolschewistischer Zeitungen wurden verboten. Auf der Straße wurde der Arbeiter Wojinow von Offiziersschülern ermordet, nur weil er die Zeitung „Listok Prawdy“ verkauft hatte. Man begann die Rotgardisten zu entwaffnen. Die revolutionären Truppenteile der Petrograder Garnison wurden aus der Hauptstadt entfernt und an die Front abtransportiert. Im Hinterland und an den Fronten erfolgten Verhaftungen. Am 7. Juli wurde ein Haftbefehl gegen Lenin erlassen. Eine Reihe bedeutender Funktionäre der bolschewistischen Partei wurde verhaftet. Die Druckerei „Trud’’, die bolschewistische Schriften druckte, wurde demoliert. In der Mitteilung des Staatsanwalts der Petrograder Gerichtskammer hieß es, dass Lenin und eine Reihe anderer Bolschewiki wegen „Hochverrats“ und Organisierung eines bewaffneten Aufstandes vor Gericht gestellt würden. Die Anklageschrift gegen Lenin wurde im Stabe des Generals Denikin auf Grund der Aussagen von Spionen und Provokateuren fabriziert.

Somit war die Provisorische Koalitionsregierung, der so prominente Vertreter der Menschewiki und Sozialrevolutionäre angehörten wie Zereteli und Skobelew, Kerenski und Tschernow, in dem Sumpf des unverhüllten Imperialismus und der Konterrevolution versunken. Statt der Friedenspolitik betrieb sie eine Politik der Fortführung des Krieges. Statt die demokratischen Rechte des Volkes zu schützen, betrieb sie eine Politik der Abschaffung dieser Rechte und der bewaffneten Abrechnung mit den Arbeitern und Soldaten.

Was die Vertreter der Bourgeoisie - Gutschkow und Miljukow - nicht gewagt hatten, dazu entschlossen sich die „Sozialisten“ - Kerenski und Zereteli, Tschernow und Skobelew.

Die Doppelherrschaft war zu Ende.

Sie endete zugunsten der Bourgeoisie, denn die ganze Macht ging an die Provisorische Regierung über, und die Sowjets mit ihrer sozialrevolutionär-menschewistischen Führung verwandelten sich in ein Anhängsel der Provisorischen Regierung.

Die friedliche Periode der Revolution war zu Ende, denn auf die Tagesordnung wurden die Bajonette gesetzt.

Angesichts der veränderten Situation beschloss die bolschewistische Partei, ihre Taktik zu ändern. Sie ging zur Illegalität über, verbarg ihren Führer Lenin in tiefster Illegalität und begann zum Aufstand zu rüsten, um die Macht der Bourgeoisie mit Waffengewalt zu stürzen und die Sowjetmacht zu errichten.

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