GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL VII
Die Partei der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung und Durchführung der sozialistischen Oktoberrevolution
(April 1917-1918)

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Der Kurs der Partei der Bolschewiki auf die Vorbereitung des bewaffneten Aufstands
Der VI. Parteitag

Inmitten einer unglaublichen Hetze, die die bürgerliche und kleinbürgerliche Presse entfachte, trat in Petrograd der VI. Parteitag der Bolschewiki zusammen. Er trat zehn Jahre nach dem V. Londoner Parteitag und fünf Jahre nach der Prager Konferenz der Bolschewiki zusammen. Der Parteitag dauerte vom 26. Juli bis zum 3. August 1917 und tagte illegal. In der Presse wurde nur die Einberufung des Parteitags mitgeteilt, nicht aber der Tagungsort. Die ersten Sitzungen gingen im Wiborger Stadtteil vor sich. Die letzten Sitzungen wurden in einem Schulgebäude am Narwa-Tor abgehalten, wo jetzt der Kulturpalast errichtet ist. Die bürgerliche Presse forderte die Verhaftung der Parteitagsteilnehmer. Die Geheimagenten liefen sich die Füße wund, um den Tagungsort des Parteitags ausfindig zu machen, fanden ihn aber nicht.

Somit waren die Bolschewiki fünf Monate nach dem Sturze des Zarismus gezwungen, sich im geheimen zu versammeln, und der Führer der proletarischen Partei, Lenin, war gezwungen, sich in dieser Zeit in einer Feldhütte in der Nähe der Bahnstation Rasliw verborgen zu halten.

Von den Spürhunden der Provisorischen Regierung verfolgt, konnte Lenin nicht am Parteitag teilnehmen, er leitete ihn aber aus der Illegalität durch seine Kampfgenossen und Schüler in Petrograd: Stalin, Swerdlow, Molotow, Ordshonikidse.

Auf dem Parteitag waren 157 Delegierte mit beschließender und 128 Delegierte mit beratender Stimme anwesend. Die Partei zählte um diese Zeit gegen 240000 Mitglieder. Bis zum 3. Juli, das heißt vor der Niederschlagung der Arbeiterdemonstration, als die Bolschewiki noch legal arbeiteten, hatte die Partei 41 Presseorgane, darunter 29 in russischer Sprache und 12 in anderen Sprachen.

Die Hetzjagd auf die Bolschewiki und auf die Arbeiterklasse in den Julitagen hatte den Einfluss unserer Partei nicht nur nicht verringert, sondern im Gegenteil noch mehr erhöht. Die Delegierten der Ortsorganisationen führten zahlreiche Tatsachen an, wie die Arbeiter und Soldaten in Massen den Menschewiki und Sozialrevolutionären den Rücken kehrten und sie verächtlich „Sozial-Kerkermeister“ nannten. Arbeiter und Soldaten, die Mitglieder der Parteien der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre waren, zerrissen ihre Mitgliedsbücher, verließen mit Verwünschungen diese Parteien und ersuchten die Bolschewiki um Aufnahme in ihre Partei.

Die Hauptfragen des Parteitags waren der politische Bericht des Zentralkomitees und die Frage über die politische Lage. In den Referaten zu diesen Fragen zeigte Genosse Stalin mit aller Deutlichkeit, dass die Revolution trotz aller Anstrengungen der Bourgeoisie, sie niederzuschlagen, wuchs und sich entwickelte. Er zeigte, dass die Revolution die Frage der Verwirklichung der Arbeiterkontrolle über Produktion und Verteilung der Produkte, der Übergabe des Bodens an die Bauern, der Übergabe der Macht aus den Händen der Bourgeoisie in die Hände der Arbeiterklasse und der armen Bauernschaft auf die Tagesordnung setzte. Er sagte, dass die Revolution ihrem Charakter nach zu einer sozialistischen Revolution werde.

Die politische Lage im Lande hatte sich nach den Julitagen einschneidend verändert. Die Doppelherrschaft war vorbei. Die Sowjets mit ihrer sozialrevolutionär-menschewistischen Leitung hatten es abgelehnt, die gesamte Macht zu übernehmen. Daher waren die Sowjets machtlos geworden. Die Macht war in den Händen der bürgerlichen Provisorischen Regierung konzentriert, die fortfuhr, die Revolution zu entwaffnen und gegen deren Organisationen, gegen die Partei der Bolschewiki, Schläge zu führen. Die Möglichkeiten einer friedlichen Entwicklung der Revolution waren geschwunden. Es bleibt, sagte Genosse Stalin, nur eines - die Macht mit Gewalt, durch den Sturz der Provisorischen Regierung zu ergreifen. Aber die Macht mit Gewalt ergreifen kann nur das Proletariat im Bunde mit der Dorfarmut.

Die Sowjets, die immer noch unter der Leitung der Menschewiki und Sozialrevolutionäre standen, waren ins Lager der Bourgeoisie hinabgeglitten und konnten in der gegebenen Lage nur die Rolle von Helfershelfern der Provisorischen Regierung spielen. Die Losung „Alle Macht den Sowjets“, sagte Genosse Stalin, muss nach den Julitagen zurückgezogen werden. Aber die zeitweilige Zurückziehung dieser Losung bedeutet durchaus nicht den Verzicht auf den Kampf um die Macht der Sowjets. Es handelt sich nicht um die Sowjets im Allgemeinen, als Organe des revolutionären Kampfes, sondern nur um die gegebenen, von den Menschewiki und den Sozialrevolutionären geleiteten Sowjets.

„Die friedliche Periode der Revolution“, sagte Genosse Stalin, „ist zu Ende. Angebrochen ist die Periode der Schlachten und Explosionen.“ (Stalin, Werke, Bd. 3, Dietz Verlag, Berlin 1951, S. 164.)

Die Partei ging dem bewaffneten Aufstand entgegen.

Auf dem Parteitag fanden sich Leute, die, den Einfluss der Bourgeoisie widerspiegelnd, gegen den Kurs auf die sozialistische Revolution auftraten.

Der Trotzkist Preobrashenski stellte den Antrag, in der Revolution über die Eroberung der Macht zu sagen, man könnte nur im Falle der proletarischen Revolution im Westen das Land auf den sozialistischen Weg lenken.

Gegen diesen trotzkistischen Antrag trat Genosse Stalin auf.

„Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen“, sagte Genosse Stalin, „dass gerade Russland das Land sein wird, das den Weg zum Sozialismus bahnt... Man muss die überlebte Vorstellung fallen lassen, dass nur Europa uns den Weg weisen könne. Es gibt einen dogmatischen Marxismus und einen schöpferischen Marxismus. Ich stehe auf dem Boden des letzteren.“ (Ebenda, S. 172 und 173.)

Bucharin, der auf dem Boden des Trotzkismus stand, behauptete, dass die Bauern zugunsten der „Vaterlandsverteidiger“ gestimmt seien, dass sie sich in einem Block mit der Bourgeoisie befänden und der Arbeiterklasse nicht folgen würden.

Genosse Stalin trat Bucharin entgegen und legte dar, dass es verschiedene Bauern gibt: wohlhabende Bauern, die die imperialistische Bourgeoisie unterstützen, und eine arme Bauernschaft, die nach dem Bündnis mit der Arbeiterklasse strebt und sie im Kampfe um den Sieg der Revolution unterstützen wird.

Der Parteitag verwarf die Abänderungsanträge Preobrashenskis und Bucharins und nahm den Resolutionsentwurf des Genossen Stalin an.

Der Parteitag erörterte und bestätigte die ökonomische Plattform der Bolschewiki. Ihre Hauptpunkte waren: Konfiskation des Bodens der Gutsbesitzer und Nationalisierung des gesamten Bodens im Lande, Nationalisierung der Banken, Nationalisierung der Großindustrie, Arbeiterkontrolle über Produktion und Verteilung.

Der Parteitag unterstrich die Bedeutung des Kampfes für die Arbeiterkontrolle über die Produktion, die beim Übergang zur Nationalisierung der Großindustrie eine große Rolle spielte.

Der VI. Parteitag betonte in allen seinen Beschlüssen mit besonderem Nachdruck den Lenin schen Leitsatz vom Bündnis des Proletariats mit der armen Bauernschaft als Vorbedingung des Sieges der sozialistischen Revolution.

Der Parteitag verurteilte die menschewistische Theorie von der Neutralität der Gewerkschaften. Der Parteitag wies darauf hin, dass die wichtigen Aufgaben, vor denen die Arbeiterklasse Russlands steht, nur dann erfüllt werden können, wenn die Gewerkschaften kämpferische Klassenorganisationen bleiben, die die politische Führung der Partei der Bolschewiki anerkennen.

Der Parteitag nahm die Resolution „Über die Jugendverbände“ an, die in jener Zeit nicht selten spontan entstanden. Der Partei gelang es durch die nachfolgende Arbeit, sich diese jungen Organisationen als Reserve der Partei zu sichern.

Auf dem Parteitag wurde die Frage behandelt, ob sich Lenin dem Gerichte stellen solle. Kamenew, Rykow, Trotzki und andere vertraten schon vor dem Parteitag die Auffassung, dass sich Lenin dem Gericht der Konterrevolutionäre stellen solle. Genosse Stalin sprach sich entschieden gegen das Erscheinen Lenin s vor Gericht aus. Der VI. Parteitag sprach sich ebenfalls dagegen aus, da er der Auffassung war, dass man dort nicht Gericht halten, sondern Henkerwerk verrichten werde. Der Parteitag zweifelte nicht daran, dass die Bourgeoisie nur das eine anstrebte - mit Lenin , als ihrem gefährlichsten Feind, physisch abzurechnen. Der Parteitag erhob Protest gegen die Hetze, die die Bourgeoisie und die Polizei gegen die Führer des revolutionären Proletariats betrieb, und sandte eine Begrüßung an Lenin .

Der VI. Parteitag nahm ein neues Parteistatut an. Im Parteistatut wurde darauf hingewiesen, dass alle Parteiorganisationen auf der Grundlage des demokratischen Zentralismus aufgebaut sein müssen.

Das bedeutete:

  1. Wählbarkeit aller leitenden Organe der Partei von oben bis unten;
  2. periodische Rechenschaftsablegung der Parteiorgane vor ihren Parteiorganisationen;
  3. strenge Parteidisziplin und Unterordnung der Minderheit unter die Mehrheit;
  4. unbedingte Verbindlichkeit der Beschlüsse der höheren Organe für die unteren und für alle Parteimitglieder.

Im Parteistatut hieß es, dass die Aufnahme in die Partei durch die Ortsorganisationen erfolgt, auf Empfehlung zweier Parteimitglieder und nach Bestätigung durch die allgemeine Mitgliederversammlung der Parteiorganisation.

Der VI. Parteitag nahm die Mitglieder der „Zwischengruppe“ („Meshrajonzi“) samt ihrem Führer Trotzki in die Partei auf. Das war eine kleine Gruppe, die seit 1913 in Petrograd existierte und aus trotzkistischen Menschewiki und einem Teil ehemaliger Bolschewiki bestand, die sich von der Partei abgespalten hatten. Die „Zwischengruppe“ war während des Krieges eine zentristische Organisation. Sie kämpfte gegen die Bolschewiki, war aber auch mit den Menschewiki in vielem nicht einverstanden und nahm somit eine zentristische, schwankende Zwischenstellung ein. Während des VI. Parteitags erklärte die „Zwischengruppe“, dass sie mit den Bolschewiki in allem einverstanden sei, und bat um Aufnahme in die Partei. Der Parteitag kam ihrer Bitte nach, da er darauf rechnete, dass ihre Mitglieder mit der Zeit zu wirklichen Bolschewiki werden könnten. Manche Mitglieder dieser „Zwischengruppe“, zum Beispiel Wolodarski, Uritzki und andere, wurden in der Tat nachher Bolschewiki. Was Trotzki und das Häuflein seiner engeren Freunde betrifft, so traten diese, wie sich später zeigte, in die Partei ein, nicht um für die Partei zu arbeiten, sondern um sie zu erschüttern und von innen zu sprengen.

Alle Beschlüsse des VI. Parteitags waren darauf gerichtet, das Proletariat und die arme Bauernschaft zum bewaffneten Aufstand vorzubereiten. Der VI. Parteitag stellte die Partei auf den bewaffneten Aufstand, auf die sozialistische Revolution ein.

Das vom Parteitag herausgegebene Manifest der Partei rief die Arbeiter, Soldaten und Bauern auf, alle Kräfte für die entscheidenden Kämpfe mit der Bourgeoisie bereitzustellen. Es schloss mit folgenden Worten:

„Rüstet euch zu neuen Schlachten, Kampfgenossen! Sammelt Kräfte, standhaft, mutig und ruhig, ohne euch provozieren zu lassen, schließt euch zu Kampfkolonnen zusammen! Unter das Banner der Partei, Proletarier und Soldaten! Unter unser Banner, Unterdrückte des Dorfes!“

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