GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL VII
Die Partei der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung und Durchführung der sozialistischen Oktoberrevolution
(April 1917-1918)

5
Die Verschwörung des Generals Kornilow gegen die Revolution
Die Niederschlagung der Verschwörung
Die Sowjets in Petrograd und Moskau gehen zu den Bolschewiki über

Nachdem die Bourgeoisie die ganze Macht an sich gerissen hatte, begann sie Vorbereitungen zu treffen, um die entkräfteten Sowjets zu zerschlagen und eine unverhüllte konterrevolutionäre Diktatur zu errichten. Der Millionär Rjabuschinski erklärte frech, er sehe den Ausweg aus der Lage darin, dass „die knöcherne Hand des Hungers und des Volkselends die falschen Freunde des Volkes, die demokratischen Sowjets und Komitees, an der Gurgel packe“. An der Front wüteten die Feldgerichte mit Todesurteilen gegen die Soldaten. Am 3. August 1917 verlangte der Oberbefehlshaber General Kornilow die Einführung der Todesstrafe auch im Hinterland.

Am 12. August wurde im Großen Theater in Moskau die von der Provisorischen Regierung zur Mobilisierung der Kräfte der Bourgeoisie und der Gutsbesitzer einberufene Staatsberatung eröffnet. An der Beratung nahmen hauptsächlich Vertreter der Gutsbesitzer, der Bourgeoisie, der Generalität, des Offizierkorps und des Kosakentums teil. Die Sowjets waren in der Beratung durch die Menschewiki und Sozialrevolutionäre vertreten.

Am Tage der Eröffnung der Staatsberatung organisierten die Bolschewiki in Moskau zum Zeichen des Protestes einen Generalstreik, der die Mehrheit der Arbeiterschaft erfasste. Gleichzeitig kam es auch in einer Reihe anderer Städte zu Streiks.

Der Sozialrevolutionär Kerenski drohte in seiner Rede auf der Beratung großmäulig, er werde alle Versuche einer revolutionären Bewegung, darunter auch Versuche der eigenmächtigen Besetzung von Gutsbesitzerländereien durch die Bauern, „mit Blut und Eisen“ niederschlagen.

Der konterrevolutionäre General Kornilow forderte geradeheraus „die Abschaffung der Komitees und Sowjets“.

Nach dem Hauptquartier, dem Stab des Oberbefehlshabers, zum General Kornilow, pilgerten Bankiers, Kaufleute, Fabrikanten, die Geld und Hilfe versprachen.

Beim General Kornilow erschienen auch Vertreter der „Verbündeten“, das heißt Englands und Frankreichs, und forderten, mit dem Schlag gegen die Revolution nicht zu säumen.

Die Dinge trieben zur Verschwörung des Generals Kornilow gegen die Revolution.

Die Verschwörung Kornilows wurde offen vorbereitet. Um die Aufmerksamkeit von ihr abzulenken, setzten die Verschwörer das Gerücht in Umlauf, dass die Bolschewiki in Petrograd für den 27. August, den Tag der Halbjahrfeier der Revolution, einen Aufstand vorbereiten. Die Provisorische Regierung mit Kerenski an der Spitze stürzte sich auf die Bolschewiki, verstärkte den Terror gegen die proletarische Partei. Zugleich zog General Kornilow Truppen zusammen, um sie auf Petrograd marschieren zu lassen, die Sowjets zu liquidieren und eine Regierung der Militärdiktatur zu errichten.

Kornilow hatte seine konterrevolutionäre Aktion vorher mit Kerenski vereinbart. Aber in dem Augenblick, als die Aktion Kornilows einsetzte, nahm Kerenski einen jähen Frontwechsel vor und rückte von seinem Bundesgenossen ab. Kerenski befürchtete, dass die Volksmassen, sobald sie sich gegen Kornilow erheben und ihn niederschlagen, zugleich auch die bürgerliche Regierung Kerenskis hinwegfegen würden, falls sie sich nicht jetzt schon von der Kornilowaktion abgrenzt.

Am 25. August ließ Kornilow das 3. Kavalleriekorps unter dem Kommando des Generals Krymow auf Petrograd marschieren und erklärte, dass er „das Vaterland retten“ wolle. Als Antwort auf den Kornilowaufstand rief das Zentralkomitee der bolschewistischen Partei die Arbeiter und Soldaten zur aktiven bewaffneten Abwehr der Konterrevolution auf. Die Arbeiterschaft begann sich rasch zu bewaffnen und zur Abwehr vorzubereiten. Die Abteilungen der Roten Garde wuchsen in diesen Tagen um ein Vielfaches. Die Gewerkschaften mobilisierten ihre Mitglieder. Die revolutionären Truppenteile Petrograds wurden ebenfalls in Kampfbereitschaft gebracht. Um Petrograd wurden Schützengräben ausgehoben, Drahtverhaue errichtet, die Zufahrtswege aufgerissen. Einige tausende bewaffnete Kronstädter Matrosen eilten zur Verteidigung Petrograds herbei. Zur „Wilden Division“, die auf Petrograd marschierte, wurden Delegierte entsandt, die den Soldaten, die sich aus kaukasischen Bergvölkern rekrutierten, den Sinn der Kornilowaktion erklärten, worauf sich die „Wilde Division“ weigerte, gegen Petrograd vorzugehen. Auch in andere Kornilowsche Truppenteile wurden Agitatoren entsandt. Überall, wo Gefahr drohte, wurden Revolutionskomitees und Stäbe zum Kampfe gegen Kornilow geschaffen.

Die zu Tode erschrockenen sozialrevolutionär-menschewistischen Führer, darunter auch Kerenski, suchten in diesen Tagen bei den Bolschewiki Schutz, denn sie hatten sich überzeugt, dass es in der Hauptstadt nur eine einzige reale Kraft gab, die fähig war, Kornilow zu schlagen: die Bolschewiki.

Die Bolschewiki, die die Massen zur Niederwerfung des Kornilowputsches mobilisierten, stellten aber auch den Kampf gegen die Regierung Kerenskis nicht ein. Die Bolschewiki entlarvten vor den Massen die Regierung Kerenskis, die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die mit ihrer gesamten Politik objektiv der konterrevolutionären Verschwörung Kornilows Hilfe leisteten.

Dank allen diesen Maßnahmen wurde der Kornilowputsch niedergeschlagen. Der General Krymow erschoss sich. Kornilow und seine Helfershelfer, Denikin und Lukomski, wurden verhaftet (übrigens aber von Kerenski bald wieder freigelassen).

Die Niederschlagung des Kornilowputsches enthüllte und beleuchtete mit einem Schlage das Kräfteverhältnis zwischen Revolution und Konterrevolution. Sie zeigte, dass das gesamte konterrevolutionäre Lager, von den Generalen und der Kadettenpartei bis zu den in den Netzen der Bourgeoisie verstrickten Menschewiki und Sozialrevolutionären, dem Untergang geweiht war. Es wurde offenkundig, dass ihr Einfluss auf die Volksmassen durch die Politik der Hinausziehung des unerträglichen Krieges und durch die wirtschaftliche Zerrüttung, die der langwierige Krieg hervorgerufen hatte, endgültig untergraben war.

Die Niederschlagung des Kornilowputsches zeigte ferner, dass die bolschewistische Partei zu der entscheidenden Kraft der Revolution herangewachsen und fähig war, jedwede Machenschaften der Konterrevolution zu durchkreuzen. Unsere Partei war noch keine regierende Partei, sie handelte aber in den Tagen des Kornilowputsches wie eine wirklich regierende Macht, denn ihre Weisungen wurden von den Arbeitern und Soldaten ohne jede Schwankung durchgeführt.

Schließlich zeigte die Niederwerfung des Kornilowputsches, dass die Sowjets, die schon tot schienen, in Wirklichkeit eine gigantische revolutionäre Abwehrkraft in sich bargen. Es unterlag keinem Zweifel, dass es die Sowjets und ihre Revolutionskomitees waren, die den Kornilowtruppen den Weg versperrt und ihre Kräfte gebrochen hatten.

Der Kampf gegen die Kornilowaktion flößte den dahinsiechenden Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten neues Leben ein, befreite sie aus dem Bann der Paktiererpolitik, führte sie auf die breite Straße des revolutionären Kampfes und bewirkte ihre Schwenkung zur bolschewistischen Partei.

Der Einfluss der Bolschewiki in den Sowjets stieg wie nie zuvor. Der Einfluss der Bolschewiki begann auch im Dorfe rasch zu wachsen.

Der Kornilowaufstand machte den breiten Massen der Bauernschaft klar, dass die Gutsbesitzer und Generale nach Niederschlagung der Bolschewiki und der Sowjets über die Bauernschaft herfallen würden. Deswegen scharten sich die breiten Massen der armen Bauernschaft immer enger um die Bolschewiki. Was die Mittelbauern betrifft, deren Schwankungen die Entwicklung der Revolution in der Periode von April bis August 1917 gehemmt hatten, so begannen sie sich nach der Niederschlagung Kornilows entschieden der bolschewistischen Partei zuzuwenden, indem sie sich der Masse der armen Bauernschaft anschlossen. Die breiten Massen der Bauernschaft sahen immer mehr ein, dass nur die Partei der Bolschewiki sie vom Krieg erlösen könne, dass nur sie fähig sei, die Gutsbesitzer zu stürzen, und bereit sei, den Bauern den Boden zu geben. Die Monate September und Oktober 1917 bringen eine gewaltige Zunahme der Fälle, in denen die Bauern von Gutsländereien Besitz ergreifen. Die eigenmächtige Bestellung von Gutsländereien nimmt allgemeinen Charakter an. Nunmehr halten weder Ermahnungen noch Strafexpeditionen die Bauern zurück, die sich zur Revolution erheben.

Der Aufschwung der Revolution nahm zu.

Es setzte eine Phase der Belebung und Erneuerung der Sowjets, die Phase der Bolschewisierung der Sowjets ein. Fabriken, Betriebe, Truppenteile, die eine Neuwahl ihrer Deputierten vornehmen, entsenden statt der Menschewiki und Sozialrevolutionäre Vertreter der bolschewistischen Partei in die Sowjets. Am Tage nach dem Siege über Kornilow, am 31. August, erklärt sich der Petrograder Sowjet für die Politik der Bolschewiki. Das alte menschewistisch-sozialrevolutionäre Präsidium des Petrograder Sowjets mit Tschcheidse an der Spitze tritt zurück und räumt den Bolschewiki den Platz. Am 5. September geht der Moskauer Sowjet der Arbeiterdeputierten zu den Bolschewiki über. Das sozialrevolutionär-menschewistische Präsidium des Moskauer Sowjets tritt ebenfalls zurück und gibt den Bolschewiki den Weg frei.

Das bedeutete, dass die ausschlaggebenden Voraussetzungen, die für einen erfolgreichen Aufstand notwendig sind, bereits herangereift waren.

Wieder stand auf der Tagesordnung die Losung: „Alle Macht den Sowjets!“

Aber das war nicht mehr die alte Losung des Übergangs der Macht an die menschewistisch-sozialrevolutionären Sowjets. Nein, das war die Losung des Aufstands der Sowjets gegen die Provisorische Regierung mit dem Ziele der Übergabe der gesamten Macht im Lande an die von den Bolschewiki geleiteten Sowjets.

Unter den Paktiererparteien griff Zerfahrenheit um sich.

Bei den Sozialrevolutionären bildete sich unter dem Druck der revolutionär gesinnten Bauern ein linker Flügel heraus, die „linken’“ Sozialrevolutionäre, die über die Politik des Paktierens mit der Bourgeoisie Unzufriedenheit zu äußern begannen.

Bei den Menschewiki war ebenfalls eine Gruppe der „Linken“, der so genannten „Internationalisten“ entstanden, die nunmehr zu den Bolschewiki hinneigte.

Was die Anarchisten betrifft, so zerfiel ihre dem Einflusse nach ohnedies belanglose Gruppe jetzt endgültig in kleine Grüppchen, von denen sich die einen mit kriminellen, verbrecherischen und provokatorischen Elementen aus dem Abschaum der Gesellschaft vermengten, während andere zu Expropriateuren „aus Prinzip“ wurden, die die Bauern und die kleinen Leute der Stadt plünderten und den Arbeiterklubs ihre Räume und Ersparnisse raubten, und die dritten offen in das Lager der Konterrevolutionäre abwanderten und sich in den Hinterhöfen der Bourgeoisie ein warmes Plätzchen sicherten. Sie alle waren gegen jedwede staatliche Macht, und ganz besonders gegen die revolutionäre Macht der Arbeiter und Bauern, da sie überzeugt waren, dass die revolutionäre Macht ihnen nicht erlauben werde, das Volk zu berauben und das Volksgut zu plündern.

Nach der Niederwerfung des Kornilowputsches unternahmen die Menschewiki und Sozialrevolutionäre noch einen Versuch, den anwachsenden revolutionären Aufschwung zu schwächen. Zu diesem Zwecke beriefen sie am 12. September 1917 die Allrussische Demokratische Beratung von Vertretern der sozialistischen Parteien, der paktiererischen Sowjets, Gewerkschaften, Semstwos, der Handels- und Industriekreise und Truppenteile ein. Diese Beratung setzte ein Vorparlament (Provisorischer Rat der Republik) ein. Die Paktierer glaubten, mit Hilfe des Vorparlaments die Revolution zum Stillstand bringen und das Land von dem Wege der Sowjetrevolution auf den Weg der bürgerlich-konstitutionellen Entwicklung, auf den Weg des bürgerlichen Parlamentarismus führen zu können. Das war aber ein hoffnungsloser Versuch bankrotter Politiker, das Rad der Revolution zurückzudrehen. Er musste scheitern und scheiterte in der Tat. Die Arbeiter spöttelten über die Parlamentsspielerei der Paktierer. Sie nannten das Vorparlament ironisch die „Vor-Badestube“.

Das Zentralkomitee der Partei der Bolschewiki beschloss, das Vorparlament zu boykottieren. Allerdings wollte die bolschewistische Fraktion des Vorparlaments, in der Leute wie Kamenew und Theodorowitsch saßen, das Vorparlament nicht verlassen. Aber das Zentralkomitee der Partei zwang sie, aus dem Vorparlament auszutreten.

Die Teilnahme am Vorparlament wurde von Kamenew und Sinowjew hartnäckig verteidigt, die bestrebt waren, die Partei dadurch von der Vorbereitung des Aufstands abzulenken. Genosse Stalin trat in der Sitzung der bolschewistischen Fraktion der Allrussischen Demokratischen Beratung entschieden gegen die Teilnahme am Vorparlament auf. Er nannte das Vorparlament „eine Fehlgeburt des Kornilowputsches“.

Lenin und Stalin hielten selbst eine kurzfristige Teilnahme am Vorparlament für einen ernsten Fehler, da diese Teilnahme unter den Massen trügerische Hoffnungen hervorrufen konnte, als ob das Vorparlament tatsächlich irgend etwas für die Werktätigen tun könnte.

Gleichzeitig bereiteten die Bolschewiki beharrlich die Einberufung des II. Sowjetkongresses vor, wobei sie damit rechneten, auf diesem Kongress die Mehrheit zu erlangen. Trotz aller Winkelzüge der Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die im Allrussischen Zentralexekutivkomitee saßen, wurde unter dem Drucke der bolschewistischen Sowjets der II. Allrussische Sowjetkongress für die zweite Hälfte Oktober 1917 angesetzt.

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