GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL VII
Die Partei der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung und Durchführung der sozialistischen Oktoberrevolution
(April 1917-1918)

6
Der Oktoberaufstand in Petrograd und die Verhaftung der Provisorischen Regierung
Der II. Sowjetkongress und die Bildung der Sowjetregierung
Die Dekrete des II. Sowjetkongresses über den Frieden und über den Grund und Boden
Der Sieg der sozialistischen Revolution
Die Ursachen des Sieges der sozialistischen Revolution

Die Bolschewiki begannen mit aller Kraft zum Aufstand zu rüsten. Lenin wies darauf hin, dass die Bolschewiki, nachdem sie in den beiden hauptstädtischen Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten - im Moskauer und Petrograder Sowjet - die Mehrheit erhalten hatten, die Staatsmacht in ihre Hände nehmen konnten und mussten. Die Ergebnisse des zurückgelegten Weges zusammenfassend, betonte Lenin : „Die Mehrheit des Volkes ist für uns.“ In seinen Aufsätzen und Briefen an das Zentralkomitee und an die bolschewistischen Organisationen stellte Lenin einen konkreten Aufstandsplan auf : wie die Truppenteile, die Flotte und die Rotgardisten eingesetzt werden sollen, welche entscheidenden Punkte in Petrograd besetzt werden müssen, um den Erfolg des Aufstands zu sichern usw.

Am 7. Oktober kam Lenin aus Finnland illegal in Petrograd an. Am 10. Oktober 1917 fand die historische Sitzung des Zentralkomitees der Partei statt, in der beschlossen wurde, in den nächsten Tagen den bewaffneten Aufstand zu beginnen. In der von Lenin verfassten historischen Resolution des Zentralkomitees der Partei hieß es:

„Das Zentralkomitee stellt fest, dass sowohl die internationale Lage der russischen Revolution (der Aufstand in der deutschen Flotte als höchster Ausdruck des Heranreifens der sozialistischen Weltrevolution in ganz Europa, ferner die Drohung des Friedens zwischen den Imperialisten, die Revolution in Russland zu erdrosseln) als auch die militärische Lage (der nicht zu bezweifelnde Entschluss der russischen Bourgeoisie und Kerenskis und Konsorten, Petrograd den Deutschen auszuliefern) und die Eroberung der Mehrheit in den Sowjets durch die proletarische Partei - dass alles dies im Zusammenhang mit dem Bauernaufstand und mit der Tatsache, dass sich das Vertrauen des Volkes unserer Partei zugewandt hat (Wahlen in Moskau), und endlich die offen-kundige Vorbereitung eines zweiten Kornilowputsches (Abtransport von Truppen aus Petrograd, Zusammenziehung von Kosaken bei Petrograd, Umzingelung von Minsk durch Kosaken usw.) - dass all dies den bewaffneten Aufstand auf die Tagesordnung setzt.

Das Zentralkomitee stellt somit fest, dass der bewaffnete Aufstand unumgänglich und völlig herangereift ist, und fordert alle Parteiorganisationen auf, sich hiervon leiten zu lassen und von diesem Gesichtspunkt aus alle praktischen Fragen zu behandeln und zu entscheiden (Sowjetkongress des Nordgebiets, Abtransport von Truppen aus Petrograd, die Aktionen der Moskauer und der Minsker usw.).“ ( Lenin /Stalin, Das Jahr 1917, S. 651/52.)

Gegen diesen historischen Beschluss sprachen und stimmten zwei Mitglieder des Zentralkomitees, Kamenew und Sinowjew. Sie schwärmten ebenso wie die Menschewiki für eine bürgerliche parlamentarische Republik und verleumdeten die Arbeiterklasse durch die Behauptung, sie hätte nicht die Kräfte, die sozialistische Revolution durchzuführen, sie wäre für die Machtübernahme noch nicht reif.

In dieser Sitzung stimmte Trotzki zwar nicht direkt gegen die Resolution, beantragte aber zur Resolution eine solche Abänderung, dass dadurch der Aufstand vereitelt und zum Scheitern gebracht werden musste. Er beantragte, den Aufstand nicht vor der Eröffnung des II. Sowjetkongresses zu beginnen - was bedeutet hätte, die Durchführung des Aufstands hinauszuziehen, den Tag des Aufstands vorher zu verraten, die Provisorische Regierung davon in Kenntnis zu setzen.

Das Zentralkomitee der bolschewistischen Partei entsandte Bevollmächtigte nach dem Donezbecken, nach dem Ural, nach Helsingfors, Kronstadt, an die Südwestfront usw. zur Organisierung des Aufstands an Ort und Stelle. Die Genossen Woroschilow, Molotow, Dzierzynski, Ordshonikidse, Kirow, Kaganowitsch, Kuibyschew, Frunse, Jaroslawski und andere erhielten besondere Parteiaufträge zur Leitung des Aufstands in den einzelnen Orten. In Schadrinsk, im Ural, arbeitete Genosse Shdanow unter den Truppen. Die Bevollmächtigten des Zentralkomitees machten die Leiter der bolschewistischen Ortsorganisationen mit dem Aufstandsplan bekannt und brachten die Organisationen in Alarmbereitschaft, um den Aufstand in Petrograd zu unterstützen.

Auf Weisung des Zentralkomitees der Partei wurde beim Petrograder Sowjet das Revolutionäre Militärkomitee gebildet, das zum legalen Stab des Aufstands wurde.

Indessen sammelte auch die Konterrevolution in aller Eile ihre Kräfte. Das Offizierskorps organisierte sich in einem konterrevolutionären „Offiziersbund“. überall bildeten die Konterrevolutionäre Stäbe zur Formierung von Stoßbataillonen. Ende Oktober verfügte die Konterrevolution über 43 Stoßbataillone. Spezielle Bataillone wurden aus Inhabern des Georgsordens formiert.

Die Regierung Kerenski warf die Frage der Übersiedlung der Regierung aus Petrograd nach Moskau auf. Daraus war ersichtlich, dass sie die Übergabe Petrograds an die Deutschen vorbereitete, um dem Aufstand in Petrograd vorzubeugen. Der Protest der Petrograder Arbeiter und Soldaten zwang die Provisorische Regierung, in Petrograd zu bleiben.

Am 16. Oktober fand eine erweiterte Sitzung des Zentralkomitees der Partei statt. In dieser Sitzung wurde ein Parteizentrum zur Leitung des Aufstands mit Genossen Stalin an der Spitze gewählt. Dieses Parteizentrum war der leitende Kern des Revolutionären Militärkomitees beim Petrograder Sowjet und leitete praktisch den ganzen Aufstand.

In der Sitzung des Zentralkomitees traten die Kapitulanten Sinowjew und Kamenew neuerlich gegen den Aufstand auf. Nachdem sie zurückgewiesen worden waren, gingen sie so weit, in der Presse offen gegen den Aufstand, gegen die Partei Stellung zu nehmen. Am 18. Oktober erschien in der menschewistischen Zeitung „Nowaja Shisn“ (Das neue Leben) eine Erklärung Kamenews und Sinowjews, dass die Bolschewiki einen Aufstand vorbereiten, sie hingegen den Aufstand für ein Abenteuer halten. Damit enthüllten Kamenew und Sinowjew dem Feind den Beschluss des Zentralkomitees über den Aufstand, über die unmittelbar bevorstehende Organisierung des Aufstandes. Das war Verrat. Lenin schrieb im Zusammenhang damit: „Kamenew und Sinowjew haben den Beschluss des Zentralkomitees ihrer Partei über den bewaffneten Aufstand an Rodsjanko und Kerenski verraten.“ Lenin warf vor dem Zentralkomitee die Frage auf, Sinowjew und Kamenew aus der Partei auszuschließen.

Durch die Verräter gewarnt, ergriffen die Feinde der Revolution sofort Maßnahmen, um dem Aufstand vorzubeugen und den leitenden Stab der Revolution, die Partei der Bolschewiki, zu zerschlagen. Die Provisorische Regierung veranstaltete eine geheime Sitzung, in der die Frage der Maßnahmen zum Kampf gegen die Bolschewiki entschieden wurde. Am 19. Oktober berief die Provisorische Regierung eilig Truppen von der Front nach Petrograd. Durch die Straßen zogen verstärkte Patrouillen. Besonders starke Kräfte vermochte die Konterrevolution in Moskau zu sammeln. Die Provisorische Regierung hatte folgenden Plan ausgearbeitet: einen Tag vor Eröffnung des II. Sowjetkongresses das Gebäude des Smolny-Instituts, wo das Zentralkomitee der Bolschewiki seinen Sitz hatte, anzugreifen und zu besetzen, und das leitende Zentrum der Bolschewiki zu zerschlagen. Zu diesem Zwecke wurden in Petrograd Truppen zusammengezogen, auf deren Verlässlichkeit die Regierung rechnete.

Doch die Tage und Stunden der Provisorischen Regierung waren schon gezählt. Keinerlei Kräfte waren mehr imstande, dem siegreichen Vormarsch der sozialistischen Revolution Einhalt zu gebieten.

Am 21. Oktober entsandten die Bolschewiki in alle revolutionären Truppenteile Kommissare des Revolutionären Militärkomitees. All die Tage vor dem Aufstand wurde in den Truppenteilen, in den Fabriken und Werken der Kampf energisch vorbereitet. Bestimmte Aufträge erhielten auch die Kriegsschiffe - der Panzerkreuzer „Aurora“ und „Sarja Swobody“ (Morgenröte der Freiheit).

In der Sitzung des Petrograder Sowjets posaunte Trotzki vor dem Feinde großmäulig den Termin des Aufstands aus, den Tag, für den die Bolschewiki den Beginn des Aufstands angesetzt hatten. Um der Regierung Kerenski nicht die Möglichkeit zu bieten, den bewaffneten Aufstand zu vereiteln, beschloss das Zentralkomitee der Partei, den Aufstand vor dem festgesetzten Termin, und zwar einen Tag vor der Eröffnung des II. Sowjetkongresses, zu beginnen und durchzuführen.

Kerenski begann seine Aktion am frühen Morgen des 24. Oktober (6. November) damit, dass er durch einen Erlass das Verbot des Zentralorgans der Partei der Bolschewiki „Rabotschi Putj“ (Weg des Arbeiters) anordnete und Panzerautos zum Gebäude der Redaktion des „Rabotschi Putj“ und der Druckerei der Bolschewiki entsandte. Aber um 10 Uhr morgens zwangen Rotgardisten und revolutionäre Soldaten, auf Anweisung des Genossen Stalin, die Panzerautos zum Rückzug und stellten vor der Druckerei und der Redaktion des „Rabotschi Putj“ eine verstärkte Wache auf. Um 11 Uhr früh erschien „Rabotschi Putj“ mit der Aufforderung zum Sturz der Provisorischen Regierung. Gleichzeitig wurden auf Anweisung des Parteizentrums des Aufstands schleunigst Abteilungen revolutionärer Soldaten und Rotgardisten zum Smolny herangezogen.

Der Aufstand begann.

Am 24. Oktober nachts kam Lenin im Smolny an und nahm die Leitung des Aufstandes unmittelbar in seine Hand. Die ganze Nacht trafen beim Smolny revolutionäre Truppenteile und Abteilungen der Roten Garde ein. Sie wurden von den Bolschewiki in das Stadtzentrum geschickt, um den Winterpalast zu umzingeln, wo sich die Provisorische Regierung verschanzt hatte.

Am 25. Oktober (7. November) besetzten die Rote Garde und die revolutionären Truppen die Bahnhöfe, das Postamt, das Telegraphenamt, die Ministerien, die Staatsbank.

Das Vorparlament wurde aufgelöst.

Der Smolny, in dem sich der Petrograder Sowjet und das Zentralkomitee der Bolschewiki befanden, wurde zum Kampfstab der Revolution, von dem die Kampfbefehle ausgingen.

Die Petrograder Arbeiter zeigten in diesen Tagen, dass sie unter der Führung der bolschewistischen Partei eine gute Schule durchgemacht hatten. Die revolutionären Truppenteile, durch die Arbeit der Bolschewiki zum Aufstand vorbereitet, führten die Kampfbefehle genau aus und kämpften Schulter an Schulter mit der Roten Garde. Die Kriegsflotte blieb nicht hinter der Armee zurück. Kronstadt war ein Bollwerk der bolschewistischen Partei, wo schon lange die Macht der Provisorischen Regierung nicht anerkannt wurde. Der Kreuzer „Aurora“ kündete am 25. Oktober durch den Donner seiner auf den Winterpalast gerichteten Geschütze den Beginn einer neuen Ara an, der Ära der Großen Sozialistischen Revolution.

Am 25. Oktober (7. November) wurde der Aufruf der Bolschewiki „An die Bürger Russlands“ veröffentlicht. In diesem Aufruf hieß es, dass die bürgerliche Provisorische Regierung gestürzt und die Staatsmacht in die Hände der Sowjets übergegangen sei.

Die Provisorische Regierung versteckte sich im Winterpalast, beschützt von Offiziersschülern und Stoßbataillonen. In der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober nahmen die revolutionären Arbeiter, Soldaten und Matrosen im Sturm den Winterpalast ein und verhafteten die Provisorische Regierung.

Der bewaffnete Aufstand hatte in Petrograd gesiegt.

Der II. Allrussische Sowjetkongress wurde im Smolny am 25. Oktober (7. November) 1917 um 10 Uhr 45 Minuten abends eröffnet, als der siegreiche Aufstand in Petrograd bereits in vollem Gange war und die Macht in der Hauptstadt sich faktisch in den Händen des Petrograder Sowjets befand.

Die Bolschewiki erhielten auf dem Kongress die überwältigende Mehrheit. Die Menschewiki, Bundisten und rechten Sozialrevolutionäre sahen, dass ihr Spiel zu Ende war, und verließen den Kongress mit der Erklärung, dass sie auf die Teilnahme an seiner Arbeit verzichteten. Sie nannten die Oktoberrevolution in einer auf dem Sowjetkongress verlesenen Erklärung eine „Militärverschwörung“. Der Kongress brandmarkte die Menschewiki und Sozialrevolutionäre und betonte, dass er ihren Abgang nicht nur nicht bedauere, sondern vielmehr begrüße, da der Kongress dank dem Abgang der Verräter zu einem wirklich revolutionären Kongress der Arbeiter- und Soldatendeputierten geworden war.

Im Namen des Kongresses wurde der Übergang der gesamten Macht in die Hände der Sowjets verkündet.

Im Aufruf des II. Sowjetkongresses hieß es:

„Gestützt auf den Willen der gewaltigen Mehrheit der Arbeiter, Soldaten und Bauern, gestützt auf den in Petrograd vollzogenen siegreichen Aufstand der Arbeiter und der Garnison, nimmt der Kongress die Macht in seine Hände.“

Am 26. Oktober (8. November) 1917, nachts, nahm der II. Sowjetkongress das Dekret über den Frieden an. Der Kongress richtete an die Krieg führenden Länder die Aufforderung, sofort einen Waffenstillstand für mindestens drei Monate zur Führung von Friedensverhandlungen abzuschließen. Der Kongress wandte sich zugleich mit der Aufforderung an die Regierungen und Völker aller Krieg führenden Länder auch an die „klassenbewussten Arbeiter der drei fortgeschrittensten Nationen der Menschheit und der größten am gegenwärtigen Kriege beteiligten Staaten: Englands, Frankreichs und Deutschlands“. Er forderte diese Arbeiter auf, mitzuhelfen, „die Sache des Friedens und zugleich damit die Sache der Befreiung der werktätigen und ausgebeuteten Volksmassen von jeder Sklaverei und jeder Ausbeutung erfolgreich zu Ende zu führen“.

In derselben Nacht nahm der II. Sowjetkongress das Dekret über den Grund und Boden an, wonach „das Eigentum der Gutsbesitzer an Grund und Boden unverzüglich ohne jede Entschädigung aufgehoben wird“. Diesem Bodengesetz wurde der gesamtbäuerliche Wählerauftrag zugrunde gelegt, der auf Grund von 242 örtlichen bäuerlichen Wähleraufträgen zusammengestellt war. Diesem Wählerauftrag zufolge wurde das Privateigentum an Grund und Boden für immer aufgehoben und durch das Eigentum des gesamten Volkes, des Staates, an Grund und Boden ersetzt. Die Gutsbesitzer-, Kron- und Klosterländereien wurden allen Werktätigen zu unentgeltlicher Nutzung übergeben.

Insgesamt erhielt die Bauernschaft auf Grund dieses Dekretes von der Sozialistischen Oktoberrevolution mehr als 150 Millionen Deßjatinen neuen Bodens, der sich früher im Besitze der Gutsherren, der Bourgeoisie, der Zarenfamilie, der Klöster und Kirchen befunden hatte.

Die Bauern wurden von den alljährlichen Pachtzahlungen an die Gutsbesitzer in Höhe von ungefähr 500 Millionen Goldrubel befreit.

Alle Bodenschätze (Erdöl, Kohle, Erze usw.), die Waldungen, die Gewässer gingen in das Eigentum des Volkes über.

Schließlich wurde auf dem II. Allrussischen Sowjetkongress die erste Sowjetregierung, der Rat der Volkskommissare, gebildet. Der Rat der Volkskommissare war ausschließlich aus Bolschewiki zusammengesetzt. Zum Vorsitzenden des ersten Rates der Volkskommissare wurde Lenin gewählt.

So endete der historische II. Sowjetkongress.

Die Kongressdelegierten kehrten in ihre Ortschaften zurück, um die Botschaft vom Siege der Sowjets in Petrograd zu verkünden und die Ausbreitung der Sowjetmacht auf das ganze Land zu sichern.

Die Macht ging nicht an allen Orten sofort an die Sowjets über.

Während in Petrograd die Sowjetmacht bereits bestand, fanden in Moskau noch einige Tage hindurch hartnäckige und heftige Straßenkämpfe statt. Um den Übergang der Macht an den Moskauer Sowjet zu verhindern, hatten die konterrevolutionären Parteien der Menschewiki und Sozialrevolutionäre zusammen mit den Weißgardisten und Offiziersschülern den bewaffneten Kampf gegen die Arbeiter und Soldaten aufgenommen. Die Meuterer wurden erst nach einigen Tagen niedergeschlagen, und in Moskau wurde die Macht der Sowjets errichtet.

In Petrograd selbst und in einigen anliegenden Bezirken unternahmen die Konterrevolutionäre schon in den ersten Tagen nach dem Siege der Revolution Versuche, die Sowjetmacht zu stürzen. Am 10. November 1917 [Von hier ab alle Kalenderdaten nach neuem Stil. Die Red.] sammelte Kerenski, der während des Aufstands aus Petrograd in das Gebiet der Nordfront geflüchtet war, einige Kosakenabteilungen und ließ sie mit dem General Krasnow an der Spitze auf Petrograd marschieren. Am 11. November 1917 wurde in Petrograd von der konterrevolutionären Organisation „Komitee zur Rettung des Vaterlandes und der Revolution“, an dessen Spitze Sozialrevolutionäre standen, eine Meuterei der Offiziersschüler organisiert. Die Meuterer wurden jedoch ohne besondere Mühe niedergeworfen. Im Laufe eines Tages, bis zum Abend des 11. November, wurde von den Matrosen und Rotgardisten die Meuterei der Offiziersschüler liquidiert, und am 13. November wurde bei den Pulkowo-Höhen der General Krasnow vernichtend geschlagen. Wie in den Tagen des Oktoberaufstands leitete Lenin persönlich die Niederwerfung der antisowjetischen Meuterei. Seine unbeugsame Entschlossenheit und ruhige Siegeszuversicht beseelten die Massen und schweißten sie zusammen. Der Feind war geschlagen. Krasnow wurde gefangen genommen und gab sein „Ehrenwort“, dass er den Kampf gegen die Sowjetmacht einstellen werde. Er wurde auf dieses „Ehrenwort“ hin freigelassen, wie sich aber später herausstellte, hat Krasnow sein Generalswort gebrochen. Was Kerenski betrifft, so gelang es ihm, in Frauenkleidern „in unbekannter Richtung“ zu entkommen.

In Mohilew, im Hauptquartier des Oberbefehlshabers der Truppen, versuchte auch General Duchonin eine Meuterei anzuzetteln. Als die Sowjetregierung Duchonin die Weisung gab, sofort Waffenstillstandsverhandlungen mit der deutschen Heeresleitung aufzunehmen, weigerte er sich, die Weisung der Regierung zu befolgen. Daraufhin wurde Duchonin durch einen Befehl der Sowjetmacht abgesetzt. Das konterrevolutionäre Hauptquartier wurde zerschlagen, wobei Duchonin von Soldaten, die sich gegen ihn erhoben, getötet wurde.

Einen Vorstoß gegen die Sowjetmacht versuchten auch die bekannten Opportunisten innerhalb der Partei: Kamenew, Sinowjew, Rykow, Schljapnikow und andere. Sie verlangten die Bildung einer „einheitlich-sozialistischen Regierung“ unter Beteiligung der Menschewiki und Sozialrevolutionäre, die soeben von der Oktoberrevolution gestürzt worden waren. Am 15. November 1917 nahm das Zentralkomitee der Partei der Bolschewiki eine Resolution an, in der eine Verständigung mit diesen konterrevolutionären Parteien abgelehnt wurde und Kamenew und Sinowjew als Streikbrecher der Revolution gekennzeichnet wurden. Am 17. November erklärten Kamenew, Sinowjew, Rykow und Miljutin, die mit der Politik der Partei nicht einverstanden waren, ihren Austritt aus dem Zentralkomitee. An demselben Tage, am 17. November, gab Nogin in seinem Namen und im Namen Rykows, W. Miljutins, Theodorowitschs, A. Schljapnikows, D. Rjasanows, Jurenews und Larins, die dem Rat der Volkskommissare angehörten, eine Erklärung ab, dass sie mit der Politik des Zentralkomitees der Partei nicht einverstanden seien und dass die genannten Personen aus dem Rat der Volkskommissare austreten. Die Flucht einer Handvoll Feiglinge löste bei den Feinden der Oktoberrevolution Jubel aus. Die gesamte Bourgeoisie und ihre Helfershelfer erhoben ein schadenfrohes Geschrei, sprachen von einem Zerfall des Bolschewismus und prophezeiten den Untergang der bolschewistischen Partei. Aber die Handvoll Deserteure konnte die Partei auch nicht für einen Augenblick ins Wanken bringen. Das Zentralkomitee der Partei stellte sie voller Verachtung an den Pranger, als Deserteure der Revolution und Helfershelfer der Bourgeoisie, und ging zur Tagesordnung über.

Die „linken“ Sozialrevolutionäre, die ihren Einfluss unter den unzweifelhaft mit den Bolschewiki sympathisierenden Bauernmassen behaupten wollten, beschlossen, sich mit den Bolschewiki nicht zu überwerfen und vorläufig an der Einheitsfront mit ihnen festzuhalten. Der Kongress der Bauernsowjets, der im November 1917 stattfand, erkannte alle Errungenschaften der Sozialistischen Oktoberrevolution und die Dekrete der Sowjetmacht an. mit den „linken“ Sozialrevolutionären wurde ein Abkommen geschlossen, und einige „linke“ Sozialrevolutionäre wurden in den Rat der Volkskommissare aufgenommen (Kolegajew, Spiridonowa, Proschian und Steinberg). Dieses Abkommen bestand jedoch nur bis zur Unterzeichnung des Brester Friedens und der Bildung der Komitees der Dorfarmut, zu welcher Zeit in der Bauernschaft eine tiefgehende Differenzierung erfolgte und die „linken“ Sozialrevolutionäre, die immer mehr die Interessen des Kulakentums vertraten, eine Meuterei gegen die Bolschewiki anzettelten und von der Sowjetmacht niedergeworfen wurden.

In der kurzen Zeitspanne von Oktober 1917 bis Januar-Februar 1918 breitete sich die Sowjetrevolution über das ganze Land aus. Die Ausbreitung der Sowjetmacht über das Territorium des riesigen Landes ging in einem so schnellen Tempo vor sich, dass Lenin sie den „Triumphzug“ der Sowjetmacht nannte.

Die Große Sozialistische Oktoberrevolution hatte gesiegt.

Aus der Reihe der Ursachen, die diesen verhältnismäßig leichten Sieg der sozialistischen Revolution in Russland bewirkten, sind folgende Hauptursachen hervorzuheben:

1. Der Oktoberrevolution stand ein verhältnismäßig schwacher, so schlecht organisierter, politisch wenig erfahrener Feind gegenüber, wie es die russische Bourgeoisie war. Die russische Bourgeoisie, die wirtschaftlich noch nicht erstarkt und völlig von Regierungsaufträgen abhängig war, hatte weder die politische Selbständigkeit noch die genügende Initiative, die notwendig gewesen wären, um einen Ausweg aus der Lage zu finden. Sie hatte weder die Erfahrung in politischen Kombinationen und in der politischen Prellerei großen Stils, über die zum Beispiel die französische Bourgeoisie verfügt, noch hatte sie die Schule gaunerischer Kompromisse in Großformat hinter sich, wie sie zum Beispiel die englische Bourgeoisie besitzt. Sie, die gestern noch eine Verständigung mit dem von der Februarrevolution gestürzten Zaren gesucht hatte, vermochte später, nach ihrem Machtantritt, nichts Besseres auszuhecken, als die Politik des verhassten Zaren in allem Wesentlichen fortzuführen. Sie war, ebenso wie der Zar, für den „Krieg bis zum siegreichen Ende“, obwohl der Krieg für das Land untragbar wurde und das Volk, die Armee bis zum äußersten erschöpft hatte. Sie war ebenso wie der Zar dafür, dass das Eigentum der Gutsbesitzer an Grund und Boden im Wesentlichen erhalten bleibe, obwohl die Bauernschaft an der Landnot und unter dem Joche der Gutsbesitzer zugrunde ging. Was die Politik gegenüber der Arbeiterklasse betrifft, so ging die russische Bourgeoisie in ihrem Hasse gegen die Arbeiterklasse noch weiter als der Zar, denn sie war bestrebt, das Joch der Fabrikanten und Schlotbarone nicht nur aufrechtzuerhalten und zu festigen, sondern auch durch Massenaussperrungen unerträglich zu machen.

Kein Wunder, dass das Volk zwischen der Politik des Zaren und der Politik der Bourgeoisie keinen wesentlichen Unterschied sah und seinen Hass gegen den Zaren auf die Provisorische Regierung der Bourgeoisie übertrug.

Solange die Paktiererparteien, die Sozialrevolutionäre und die Menschewiki, einen bestimmten Einfluss im Volke hatten, konnte die Bourgeoisie hinter ihnen Deckung finden und die Macht behalten. Nachdem sich aber Menschewiki und Sozialrevolutionäre als Agenten der imperialistischen Bourgeoisie entlarvt und dadurch ihren Einfluss im Volke verloren hatten, hing die Bourgeoisie mit ihrer Provisorischen Regierung in der Luft.

2. An der Spitze der Oktoberrevolution stand eine so revolutionäre Klasse wie die Arbeiterklasse Russlands, eine kampfgestählte Klasse, die in kurzer Zeit zwei Revolutionen durchgemacht und sich bis zum Beginn der dritten Revolution im Kampfe um Frieden und Boden, für Freiheit und Sozialismus die Autorität eines Führers des Volkes erobert hatte. Hätte es nicht einen Führer der Revolution gegeben, der sich das Vertrauen des Volkes verdient hatte, solch einen Führer wie die Arbeiterklasse Russlands, so hätte es auch kein Bündnis der Arbeiter und Bauern gegeben, und ohne dieses Bündnis hätte die Oktoberrevolution nicht siegen können.

3. Die Arbeiterklasse Russlands hatte in der Revolution einen so ernst zu nehmenden Bundesgenossen wie die arme Bauernschaft, die die gewaltige Mehrheit der bäuerlichen Bevölkerung umfasste. Die Erfahrung der acht Monate Revolution, die getrost der Erfahrung von einigen Jahrzehnten „normaler“ Entwicklung gleichgestellt werden kann, war an den werktätigen Massen der Bauernschaft nicht spurlos vorübergegangen. Während dieser Zeit hatten sie die Möglichkeit, alle Parteien in Russland in der Praxis zu erproben und sich davon zu überzeugen, dass weder die Kadetten noch die Sozialrevolutionäre und Menschewiki gewillt waren, sich mit den Gutsbesitzern ernsthaft zu überwerfen und für die Bauern ihr Blut zu vergießen, dass es in Russland nur eine einzige Partei gab, die nicht mit den Gutsbesitzern verbunden, sondern bereit war, die Gutsbesitzer zu Boden zu schlagen, um die Bedürfnisse der Bauern zu befriedigen - die Partei der Bolschewiki. Dieser Umstand bildete die reale Grundlage des Bündnisses des Proletariats mit der armen Bauernschaft. Das Bestehen des Bündnisses der Arbeiterklasse mit der armen Bauernschaft bestimmte auch die Haltung der Mittelbauern, die lange schwankten und sich erst vor dem Oktoberaufstand durch ihren Anschluss an die arme Bauernschaft entschieden der Revolution zuwandten.

Es bedarf wohl keines Beweises, dass die Oktoberrevolution ohne dieses Bündnis nicht hätte siegen können.

4. An der Spitze der Arbeiterklasse stand eine in politischen Kämpfen so erprobte Partei wie die Partei der Bolschewiki. Nur eine Partei wie die Partei der Bolschewiki, genügend kühn, um das Volk zum entscheidenden Sturmangriff zu führen, und genügend umsichtig, um alle und jegliche Klippen auf dem Wege zum Ziele zu umgehen - nur solch eine Partei war imstande, mit derartigem Können so verschiedenartige revolutionäre Bewegungen zu einem einheitlichen revolutionären Strom zu vereinigen, wie die allgemein-demokratische Bewegung für den Frieden, die bäuerlich-demokratische Bewegung für die Besitzergreifung der Gutsbesitzerländereien, die nationale Befreiungsbewegung der unterdrückten Völker für nationale Gleichberechtigung und die sozialistische Bewegung des Proletariats für den Sturz der Bourgeoisie, für die Errichtung der Diktatur des Proletariats.

Es kann kein Zweifel bestehen, dass die Vereinigung dieser verschiedenartigen revolutionären Ströme zu einem einheitlichen mächtigen revolutionären Strom die Geschicke des Kapitalismus in Russland entschied.

5. Die Oktoberrevolution begann in einem Moment, als der imperialistische Krieg noch in vollem Gange war, als die ausschlaggebenden bürgerlichen Staaten in zwei feindliche Lager gespalten waren, als sie, vom Kriege gegeneinander in Anspruch genommen und einander schwächend, nicht die Möglichkeit hatten, sich ernsthaft in die „russischen Angelegenheiten“ einzumischen und gegen die Oktoberrevolution aktiv vorzugehen.

Es kann kein Zweifel bestehen, dass dieser Umstand den Sieg der Sozialistischen Oktoberrevolution wesentlich erleichtert hat.

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