GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL VII
Die Partei der Bolschewiki in der Periode der Vorbereitung und Durchführung der sozialistischen Oktoberrevolution
(April 1917-1918)

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Der Lenin sche Plan der Inangriffnahme des sozialistischen Aufbaus
Die Komitees der Dorfarmut und die Bändigung des Kulakentums
Die Meuterei der „linken“ Sozialrevolutionäre und ihre Niederschlagung
Der V. Sowjetkongress und die Annahme der Verfassung der Russischen
Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik

Nachdem die Sowjetmacht Frieden geschlossen und eine Atempause erhalten hatte, nahm sie die Entfaltung des sozialistischen Aufbaus in Angriff. Lenin nannte die Periode vom November 1917 bis zum Februar 1918 die Periode der „rotgardistischen Attacke gegen das Kapital“. Der Sowjetmacht gelang es im Laufe der ersten Hälfte des Jahres 1918, die wirtschaftliche Macht der Bourgeoisie zu brechen, die Kommandohöhen der Volkswirtschaft (Fabriken, Werke, Banken, Eisenbahnen, Außenhandel, Handelsflotte usf.) in ihren Händen zu konzentrieren, den bürgerlichen Apparat der Staatsmacht zu zerbrechen und die ersten Versuche der Konterrevolution, die Sowjetmacht zu stürzen, siegreich zunichte zu machen.

Aber all dies war noch bei weitem nicht genügend. Um vorwärts zu schreiten, musste man von der Zerstörung des Alten zum Aufbau des Neuen übergehen. Deshalb begann im Frühjahr 1918 der Übergang zur neuen Etappe des sozialistischen Aufbaus - ,,von der Expropriation der Expropriateure“ zur organisatorischen Verankerung der erzielten Siege, zum Aufbau der Sowjetvolkswirtschaft. Lenin hielt es für notwendig, die Atempause maximal auszunutzen, um an die Errichtung des Fundaments der sozialistischen Ökonomie heranzugehen. Die Bolschewiki mussten lernen, die Produktion auf neue Art zu organisieren und zu verwalten. Lenin schrieb, dass die Partei der Bolschewiki Russland überzeugt habe; die Partei der Bolschewiki hat Russland den Reichen entrungen und dem Volk gegeben, jetzt, sagte Lenin , muss die Partei der Bolschewiki lernen, Russland zu verwalten.

Als Hauptaufgaben in dieser Etappe betrachtete Lenin die Registrierung der Produkte der Volkswirtschaft sowie die Kontrolle über den Verbrauch des erzeugten Gesamtprodukts. In der Wirtschaft des Landes überwogen kleinbürgerliche Elemente. Millionen Kleinbesitzer in Stadt und Land bildeten den Nährboden für das Wachstum des Kapitalismus. Diese Kleinbesitzer erkannten weder die Arbeitsdisziplin noch die allgemeinstaatliche Disziplin an, sie ordneten sich weder einer Registrierung noch einer Kontrolle unter. In diesem schwierigen Moment waren der kleinbürgerliche elementare Drang nach Spekulation und Schacher, die Versuche der Kleinbesitzer und Händler, aus der Volksnot Profit zu ziehen, eine besondere Gefahr.

Die Partei entfaltete einen energischen Kampf gegen den Schlendrian in der Produktion, gegen den Mangel an Arbeitsdisziplin in der Industrie. Die Massen gewöhnten sich nur langsam an die neuen Arbeitsanforderungen. Infolgedessen wurde der Kampf für die Arbeitsdisziplin in dieser Periode zur zentralen Aufgabe.

Lenin wies auf die Notwendigkeit hin, in der Industrie den sozialistischen Wettbewerb zu entfalten, den Stücklohn einzuführen, gegen die Gleichmacherei zu kämpfen, neben erzieherischen Maßnahmen des Überzeugens auch Methoden des Zwangs gegenüber denjenigen anzuwenden, die vom Staate soviel als möglich erraffen wollen, die faulenzen und sich mit Spekulation beschäftigen. Er war der Auffassung, dass die neue Disziplin - die Arbeitsdisziplin, die kameradschaftliche Disziplin, die Sowjetdisziplin - von den Millionen Werktätigen in der alltäglichen praktischen Arbeit herausgebildet wird. Er wies darauf hin, dass „diese Sache eine ganze historische Epoche in Anspruch nehmen wird“. ( Lenin , Ausgew. Werke, Bd. 7, S. 403/04.)

Alle diese Fragen des sozialistischen Aufbaus, die Frage der Schaffung neuer, sozialistischer Produktionsverhältnisse, wurden von Lenin in seiner berühmten Schrift „Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht“ beleuchtet.

Die „linken Kommunisten“, die zusammen mit den Sozialrevolutionären und Menschewiki vorgingen, führten auch in diesen Fragen einen Kampf gegen Lenin . Bucharin, Ossinski und andere wandten sich gegen die Einführung der Arbeitsdisziplin, gegen die individuelle Leitung in den Betrieben, gegen die Verwendung von Spezialisten in der Industrie, gegen die Durchführung des Rentabilitätsprinzips. Sie verleumdeten Lenin durch die Behauptung, dass eine solche Politik die Rückkehr zu bürgerlichen Zuständen bedeute. Gleichzeitig propagierten die „linken Kommunisten“ die trotzkistischen Auffassungen, dass der sozialistische Aufbau und der Sieg des Sozialismus in Russland unmöglich seien.

Hinter den „linken“ Phrasen der „linken Kommunisten“ verbarg sich die Verteidigung der Kulaken, der Tagediebe, der Spekulanten, die gegen die Disziplin waren und sich zur staatlichen Regulierung des Wirtschaftslebens, zur Registrierung und Kontrolle feindselig verhielten.

Nachdem die Partei die Fragen der Organisierung der neuen Industrie, der Sowjetindustrie, gelöst hatte, ging sie zu den Fragen des Dorfes über. Im Dorf ging in jener Zeit ein heißer Kampf der Dorfarmut gegen das Kulakentum vor sich. Die Kulaken gewannen an Kraft und rissen den Gutsbesitzern abgenommene Ländereien an sich. Die Dorfarmut benötigte Hilfe. Die Kulaken weigerten sich in ihrem Kampfe gegen die proletarische Staatsmacht, Getreide zu festen Preisen an den Staat zu verkaufen. Sie wollten den Sowjetstaat durch Hunger zwingen, auf die Durchführung sozialistischer Maßnahmen zu verzichten. Die Partei stellte sich die Aufgabe, das konterrevolutionäre Kulakentum zu zerschlagen. Zur Organisierung der Dorfarmut und zum erfolgreichen Kampfe gegen das Kulakentum, das über Getreideüberschüsse verfügte, wurde eine Kampagne zur Entsendung von Arbeitern in das Dorf organisiert.

„Genossen Arbeiter!“, schrieb Lenin . „Seid dessen eingedenk, dass die Lage der Revolution kritisch ist. Seid dessen eingedenk, dass nur ihr, und sonst niemand die Revolution retten könnt. Zehntausende auserlesene, fortgeschrittene, dem Sozialismus ergebene Arbeiter, die gegen Bestechungen und Unterschlagungen gefeit sind, die fähig sind, eine eiserne Macht gegen die Kulaken, Spekulanten, Marodeure, gegen die bestechlichen und desorganisierenden Elemente aufzurichten, - das ist es, was uns Not tut.“ ( Lenin , Sämtl. Werke, Bd. XXIII, S. 32.)

„Der Kampf um das Brot, das ist der Kampf um den Sozialismus“, sagte Lenin , und unter dieser Losung ging die Entsendung von Arbeitern in das Dorf vor sich. Eine Reihe von Dekreten wurde erlassen, durch welche eine Diktatur im Ernährungswesen errichtet und den Organen des Volkskommissariats für Ernährung außerordentliche Vollmachten. für den Einkauf von Getreide zu festen Preisen eingeräumt wurden.

Durch das Dekret vom 11. Juni 1918 wurden die Komitees der Dorfarmut geschaffen. Die Komitees der Dorfarmut spielten eine große Rolle im Kampfe gegen das Kulakentum, bei der Neuverteilung der beschlagnahmten Ländereien und der Verteilung des Wirtschaftsinventars, bei der Beschaffung der Lebensmittelüberschüsse von den Kulaken, bei der Versorgung der Arbeiterzentren- und der Roten Armee mit Lebensmitteln. 50 Millionen Hektar Kulakenland gingen an die Dorfarmut und die Mittelbauern über. Ein bedeutender Teil der Produktionsmittel des Kulakentums wurde zugunsten der Dorfarmut konfisziert.

Die Organisierung von Komitees der Dorfarmut war eine weitere Etappe in der Entfaltung der sozialistischen Revolution im Dorfe. Die Komitees der Dorfarmut waren Stützpunkte der Diktatur des Proletariats im Dorfe. Durch die Komitees der Dorfarmut erfolgte auch in bedeutendem Maße die Formierung von Kadern der Roten Armee aus der bäuerlichen Bevölkerung.

Die Entsendung von Proletariern in das Dorf und die Organisierung von Komitees der Dorfarmut festigten die Sowjetmacht im Dorfe und waren von ungeheurer politischer Bedeutung für die Gewinnung des Mittelbauern für die Sowjetmacht.

Ende 1918, als die Komitees der Dorfarmut ihre Aufgaben erfüllt hatten, verschmolzen sie sich mit den Dorfsowjets und hörten somit auf zu existieren.

Am 4. Juli 1918 wurde der V. Sowjetkongress eröffnet. Auf dem Kongress entfalteten die „linken“ Sozialrevolutionäre zur Verteidigung der Kulaken einen wütenden Kampf gegen Lenin . Sie forderten die Einstellung des Kampfes gegen das Kulakentum und den Verzicht auf die Entsendung von Arbeiterabteilungen für Lebensmittelbeschaffung ins Dorf. Als sich die „linken“ Sozialrevolutionäre überzeugt hatten, dass ihre Linie bei der Kongressmehrheit auf harten Widerstand stieß, organisierten sie in Moskau einen Putsch, besetzten die Trjochswjatitelski-Gasse und eröffneten von dort aus Artilleriefeuer auf den Kreml. Dieses Abenteuer der „linken’“ Sozialrevolutionäre wurde jedoch von den Bolschewiki im Laufe weniger Stunden niedergeschlagen. An einigen Stellen des Landes unternahmen die örtlichen Organisationen der „linken“ Sozialrevolutionäre ebenfalls Putschversuche, doch wurde diesem Abenteuer überall rasch ein Ende bereitet.

Wie nunmehr im Prozess gegen den antisowjetischen „Block der Rechten und Trotzkisten“ festgestellt worden ist, war die Meuterei der „linken“ Sozialrevolutionäre mit Wissen und Einverständnis von Bucharin und Trotzki angezettelt worden und bildete einen Teil des Gesamtplanes einer konterrevolutionären Verschwörung der Bucharinleute, Trotzkisten und „linken“ Sozialrevolutionäre gegen die Sowjetmacht.

In derselben Zeit drang der „linke“ Sozialrevolutionär Blumkin - in der Folge ein Agent Trotzkis - in die deutsche Botschaft ein und ermordete den deutschen Botschafter in Moskau, Mirbach, um einen Krieg mit Deutschland zu provozieren. Der Sowjetregierung gelang es jedoch, den Krieg abzuwenden und die Provokation der Konterrevolutionäre zu durchkreuzen.

Auf dem V. Sowjetkongress wurde die Verfassung der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik, die erste Sowjetverfassung, angenommen.

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