GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL VIII
Die Partei der Bolschewiki in der Periode der ausländischen militärischen Intervention und des Bürgerkrieges
(1918-1920)

1
Der Beginn der ausländischen militärischen Intervention
Die erste Periode des Bürgerkrieges

Der Abschluss des Brester Friedens und die Festigung der Sowjetmacht infolge einer Reihe von ihr durchgeführter revolutionär-ökonomischer Maßnahmen zu einer Zeit, als der Krieg im Westen noch in vollem Gange war, riefen unter den Imperialisten des Westens, ganz besonders unter den Imperialisten der Entente, die größte Beunruhigung hervor.

Die Imperialisten der Entente befürchteten, dass der Friedensschluss zwischen Deutschland und Russland die militärische Lage Deutschlands erleichtern und die Lage der Ententetruppen an der Front entsprechend erschweren könnte. Sie befürchteten weiter, dass die Herstellung des Friedens zwischen Russland und Deutschland den Friedensdrang in allen Ländern, an allen Fronten verstärken und dadurch die Ziele des Krieges, die Ziele der Imperialisten durchkreuzen könnte. Sie befürchteten schließlich, dass das Bestehen der Sowjetmacht auf dem Territorium eines riesigen Landes und ihre nach dem Sturz der Macht der Bourgeoisie in diesem Lande errungenen Erfolge für die Arbeiter und Soldaten des Westens ein ansteckendes Beispiel sein könnten, und dass diese, von tiefer Unzufriedenheit über den sich hinziehenden Krieg erfasst, nach dem Beispiel der Russen die Bajonette gegen ihre Herren und Unterdrücker kehren könnten. Infolgedessen beschlossen die Regierungen der Entente, die militärische Intervention (Einmischung) in Russland einzuleiten, um die Sowjetmacht zu stürzen und eine bürgerliche Macht aufzurichten, die im Lande bürgerliche Zustände wiederherstellen, den Friedensvertrag mit den Deutschen annullieren und aufs neue eine Kriegsfront gegen Deutschland und Österreich schaffen würde.

Die Imperialisten der Entente machten sich umso lieber an dieses verbrecherische Werk, als sie von der Unhaltbarkeit der Sowjetmacht überzeugt waren und nicht daran zweifelten, dass deren rascher Sturz bei einiger Anstrengung ihrer Feinde unausbleiblich sei.

Noch größere Unruhe bewirkten die Erfolge der Sowjetmacht und ihre Festigung in den Reihen der gestürzten Klassen - der Gutsbesitzer und Kapitalisten, in den Reihen der zerschlagenen Parteien - der Kadetten, der Menschewiki, der Sozialrevolutionäre, der Anarchisten, der bürgerlichen Nationalisten aller Art, in den Reihen der weißgardistischen Generale; des Kosakenoffizierkorps u. ä.

Alle diese feindlichen Elemente schrieen es seit den ersten Tagen des Sieges der Oktoberrevolution von allen Dächern, dass in Russland für die Sowjetmacht kein Boden sei, dass sie dem Untergange geweiht sei, dass sie in ein oder zwei Wochen, in einem Monat oder spätestens in zwei, drei Monaten unbedingt zugrunde gehen werde. Da aber die Sowjetmacht trotz aller Verwünschungen ihrer Feinde weiter existierte und sich weiter festigte, waren die Feinde der Sowjetmacht innerhalb Russlands zu dem Eingeständnis gezwungen, dass die Sowjetmacht viel stärker sei, als sie früher gedacht hatten, dass zum Sturz der Sowjetmacht ernste Anstrengungen und ein rücksichtsloser Kampf aller Kräfte der Konterrevolution notwendig seien. Daher beschlossen sie, eine umfassende konterrevolutionär-aufrührerische Tätigkeit zu entfalten, um die Kräfte der Konterrevolution zu sammeln, militärische Kader zusammenzuziehen und Aufstände vor allem in den kosakischen und kulakischen Gebieten zu organisieren.

Somit formierten sich bereits im ersten Halbjahr 1918 zwei deutlich bestimmte Kräfte, bereit, auf den Sturz der Sowjetmacht hinzuarbeiten: die ausländischen Imperialisten der Entente und die Konterrevolution innerhalb Russlands.

Keine von diesen beiden Kräften verfügte über genügende Voraussetzungen, um selbständig den Versuch zu unternehmen, die Sowjetmacht zu stürzen. Die Konterrevolution in Russland besaß gewisse militärische Kader, wie auch eine gewisse Menge Menschenmaterial - hauptsächlich die kosakischen Oberschichten und das Kulakentum -, die notwendig waren, um einen Aufstand gegen die Sowjetmacht anzuzetteln. Sie hatte aber kein Geld und keine Waffen. Die ausländischen Imperialisten hingegen hatten Geld und Waffen, aber sie konnten nicht die genügende Anzahl militärischer Kräfte für die Intervention „liefern“, nicht nur weil sie diese für den Krieg gegen Deutschland und Osterreich brauchten, sondern auch weil es möglich war, dass diese Kräfte sich für den Kampf gegen die Sowjetmacht als nicht völlig zuverlässig erweisen würden.

Die Bedingungen des Kampfes gegen die Sowjetmacht erforderten die Vereinigung beider antisowjetischen Kräfte, der ausländischen und der inneren. Und diese Vereinigung erfolgte im ersten Halbjahr 1918.

So kam die ausländische militärische Intervention, unterstützt von konterrevolutionären Aufständen der Feinde der Sowjetmacht innerhalb Russlands, gegen die Sowjetmacht zustande.

So endete die Atempause, und der Bürgerkrieg in Russland begann, das heißt der Krieg der Arbeiter und Bauern der Völker Russlands gegen die äußeren und inneren Feinde der Sowjetmacht.

Die Imperialisten Englands, Frankreichs, Japans, Amerikas begannen die militärische Intervention ohne Kriegserklärung, obwohl die Intervention ein Krieg gegen Russland war, und zwar ein Krieg schlimmster Art. In aller Heimlichkeit, meuchlings, schlichen diese „zivilisierten“ Räuber heran und landeten ihre Truppen auf dem Territorium Russlands.

Die Engländer und Franzosen landeten Truppen in Nordrussland, besetzten Archangelsk und Murmansk, unterstützten dort den weißgardistischen Aufruhr, stürzten die Macht der Sowjets und schufen die weißgardistische „Regierung Nordrusslands“.

Die Japaner landeten Truppen in Wladiwostok, annektierten das Küstengebiet, jagten die Sowjets auseinander und unterstützten die weißgardistischen Aufrührer, die sodann die bürgerlichen Zustände wiederherstellten.

Im Nordkaukasus organisierten die Generale Kornilow, Alexejew, Denikin mit Unterstützung der Engländer und Franzosen eine weißgardistische „Freiwilligenarmee“, zettelten einen Aufruhr der kosakischen Oberschichten an und eröffneten einen Feldzug gegen die Sowjets.

Am Don zettelten die Generale Krasnow und Mamontow mit geheimer Unterstützung der deutschen Imperialisten (zu ihrer offenen Unterstützung konnten sich die Deutschen angesichts des Friedensvertrags mit Russland nicht entschließen) einen Aufruhr der Donkosaken an, besetzten das Dongebiet und eröffneten einen Feldzug gegen die Sowjets.

An der mittleren Wolga und in Sibirien wurde infolge der Ränke der Engländer und Franzosen ein Aufruhr des tschechoslowakischen Korps organisiert. Dieses aus Kriegsgefangenen bestehende Korps hatte von der Sowjetregierung die Erlaubnis erhalten, durch Sibirien und den Fernen Osten nach seiner Heimat abzureisen. Auf der Reise wurde es jedoch von den Sozialrevolutionären und den Engländern und Franzosen zu einem Aufruhr gegen die Sowjetmacht ausgenutzt. Der Aufruhr des Korps diente als Signal für den Aufruhr des Kulakentums an der Wolga und in Sibirien und unter dem Einfluss der Sozialrevolutionäre stehender Arbeiter aus den Betrieben von Wotkinsk und Ishewsk. An der Wolga wurde die weißgardistisch-sozialrevolutionäre Regierung von Samara, in Omsk die sibirische weißgardistische Regierung geschaffen.

Deutschland nahm an dieser Intervention des Blocks der Engländer, Franzosen, Japaner, Amerikaner nicht teil und konnte das schon deswegen nicht, weil es sich mit diesem Block in Kriegszustand befand. Aber trotz dieses Umstandes und des zwischen Russland und Deutschland geschlossenen Friedensvertrages zweifelte keiner der Bolschewiki daran, dass die deutsche Regierung Kaiser Wilhelms genau so ein geschworener Feind des Sowjetlandes war wie die englisch-französisch-japanisch-amerikanischen Interventen. Und wirklich taten die deutschen Imperialisten alles Mögliche und Unmögliche, um das Sowjetland zu isolieren, zu schwächen und zugrunde zu richten. Sie rissen die Ukraine von Sowjetrußland los, allerdings gemäß einem „Vertrag“ mit der Ukrainischen Rada [Ukrainische Rada - Regierung der nationalistischen, konterrevolutionären ukrainischen Bourgeoisie, die die Truppen der österreichischen und deutschen Imperialisten zur Erdrosselung der Revolution in die Ukraine berief. Die Red.], ließen auf Ersuchen der weißgardistisehen Ukrainischen Rada ihre Truppen in die Ukraine einmarschieren und begannen das ukrainische Volk unmenschlich auszuplündern und zu unterjochen, wobei sie ihm untersagten, Verbindungen irgendwelcher Art mit Sowjetrußland zu unterhalten. Sie rissen Transkaukasien von Sowjetrußland los, ließen auf Ersuchen der georgischen und aserbaidshanischen Nationalisten deutsche und türkische Truppen dorthin einmarschieren und begannen in Tiflis und Baku zu schalten und zu walten. Auf jede Weise unterstützten sie, allerdings auf Schleichwegen, mit Waffen und Proviant den aufrührerischen Don-General Krasnow gegen die Sowjetmacht.

Somit sah sich Sowjetrußland von seinen wichtigsten Lebensmittel-, Rohstoff- und Brennstoffgebieten abgeschnitten.

Schwer war es in dieser Periode in Sowjetrußland. Es mangelte an Brot. Es mangelte an Fleisch. Hunger quälte die Arbeiter. Die Arbeiter Moskaus und Petrograds erhielten ein Achtelpfund Brot für zwei Tage. Es gab Tage, wo überhaupt kein Brot zur Verteilung kam. Die Betriebe lagen still oder nahezu still; es fehlte an Rohstoffen und Brennstoffen. Aber die Arbeiterklasse verzagte nicht. Die Partei der Bolschewiki verzagte nicht. Die unglaublichen Schwierigkeiten dieser Periode und der verzweifelte Kampf gegen sie zeigten, welche unerschöpfliche Energie die Arbeiterklasse in sich birgt und wie groß, wie unermesslich die Kraft der Autorität der bolschewistischen Partei ist.

Die Partei erklärte das Land zum Kriegslager und stellte sein wirtschaftliches sowie sein kulturelles und politisches Leben auf den Krieg um. Die Sowjetregierung erklärte: „Das sozialistische Vaterland ist in Gefahr!“, und rief das Volk zur Abwehr auf. Lenin stellte die Losung auf: „Alles für die Front!“, und hunderttausende Arbeiter und Bauern rückten als Freiwillige zur Roten Armee ein und gingen an die Front. Ungefähr die Hälfte der gesamten Mitgliedschaft der Partei und des Kommunistischen Jugendverbandes eilte an die Front. Die Partei mobilisierte das Volk zum vaterländischen Krieg gegen die Invasion der Truppen der ausländischen Intervention, gegen die Aufstände der von der Revolution gestürzten Ausbeuterklassen. Der von Lenin organisierte Rat der Arbeiter- und Bauernverteidigung leitete die Versorgung der Front mit Menschen, mit Lebensmitteln, mit Bekleidung, mit Waffen. Der Übergang vom Prinzip der Freiwilligkeit zur allgemeinen Wehrpflicht führte der Roten Armee hunderttausende Mann neue Verstärkungen zu, und die Rote Armee wurde in kurzer Zeit zu einer Millionenarmee.

Trotz der schweren Lage des Landes und obwohl die Rote Armee eine junge Armee war, die sich noch nicht hatte festigen können, waren infolge der getroffenen Verteidigungsmaßnahmen bereits die ersten Erfolge zu verzeichnen. General Krasnow wurde von Zarizyn verdrängt, dessen Einnahme er für gesichert gehalten hatte, und hinter den Don zurückgeworfen. Die Operationen General Denikins wurden auf ein kleines Gebiet des Nordkaukasus lokalisiert. General Kornilow wurde im Kampf gegen die Rote Armee getötet. Die Tschechoslowaken und die sozialrevolutionär-weißgardistischen Banden wurden aus Kasan, Simbirsk, Samara vertrieben und bis zum Ural zurückgedrängt. Der Aufruhr des Weißgardisten Sawinkow, in Jaroslawl, organisiert von dem Leiter der englischen Mission in Moskau, Lockhart, wurde niedergeschlagen und Lockhart verhaftet. Die Sozialrevolutionäre, die die Genossen Uritzki und Wolodarski ermordet und einen frevelhaften Anschlag auf das Leben Lenin s verübt hatten, wurden für ihren weißen Terror gegen die Bolschewiki vom Schwert des roten Terrors getroffen und in allen irgendwie bedeutenden Punkten Zentralrusslands vernichtet.

In den Kämpfen gegen die Feinde gewann die junge Rote Armee stählerne Härte und männliche Kraft.

Die kommunistischen Kommissare, die damals in der Roten Armee tätig waren, spielten eine entscheidende Rolle bei der Festigung der Armee, bei ihrer politischen Aufklärung, bei der Steigerung ihrer Kampffähigkeit, ihrer Disziplin.

Die bolschewistische Partei verstand, dass diese Erfolge der Roten Armee noch nicht entscheidend waren, sondern nur ihre ersten Erfolge darstellten. Sie verstand, dass neue, noch viel ernstere Kämpfe bevorstanden, dass das Land seine verlorenen Lebensmittel-, Rohstoff- und Brennstoffgebiete nur durch langwierige und harte Kämpfe gegen die Feinde wiedererlangen konnte. Daher begannen sich die Bolschewiki intensiv auf einen längeren Krieg vorzubereiten und beschlossen, das ganze Hinterland in den Dienst der Front zu stellen. Die Sowjetregierung führte den Kriegskommunismus ein. Die Sowjetmacht stellte außer der Großindustrie auch die mittlere und kleine Industrie unter ihre Kontrolle, um Waren des Massenbedarfs anzusammeln und die Armee sowie das Dorf mit ihnen zu versorgen. Sie führte das Getreidehandelsmonopol ein, verbot den Privathandel mit Getreide und setzte die Ablieferungspflicht fest, um alle Lebensmittelüberschüsse bei den Bauern zu registrieren, Getreidevorräte anzusammeln und die Armee und die Arbeiter mit Lebensmitteln zu versorgen. Schließlich führte sie die allgemeine Arbeitsdienstpflicht für alle Klassen ein. Dadurch, dass die Partei die Bourgeoisie zu obligatorischer körperlicher Arbeit heranzog, setzte sie Arbeiter für andere, für die Front wichtigere Aufgaben frei und verwirklichte das Prinzip: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“

Dies gesamte System von Maßnahmen, die durch die ungemein schwierigen Bedingungen der Landesverteidigung hervorgerufen waren und zeitweiligen Charakter trugen, wurde Kriegskommunismus genannt.

Das Land traf seine Vorbereitungen für einen langwierigen und harten Bürgerkrieg gegen die äußeren und inneren Feinde der Sowjetmacht. Es musste die Stärke der Armee bis Ende 1918 verdreifachen. Es musste die Mittel zur Versorgung dieser Armee ansammeln.

In diesen Tagen erklärte Lenin :

„Wir hatten beschlossen, im Frühjahr eine Armee von 1000000 Mann zu haben, jetzt brauchen wir eine Armee von drei Millionen Mann. Wir können sie haben. Und wir werden sie haben.“

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