GESCHICHTE DER KOMMUNISTISCHEN PARTEI DER SOWJETUNION (BOLSCHEWIKI)

KAPITEL VIII
Die Partei der Bolschewiki in der Periode der ausländischen militärischen Intervention und des Bürgerkrieges
(1918-1920)

3
Die Verstärkung der Intervention
Die Blockade gegen das Sowjetland
Der Feldzug Koltschaks und seine Vernichtung
Der Feldzug Denikins und seine Vernichtung
Die dreimonatige Atempause
Der IX. Parteitag

Nachdem die Ententestaaten Deutschland und Österreich besiegt hatten, beschlossen sie, große militärische Kräfte gegen das Sowjetland zu werfen. Nach der Niederlage Deutschlands und dem Abzug seiner Truppen aus der Ukraine und aus Transkaukasien wurde der Platz der Deutschen von den Engländern und Franzosen eingenommen, die ihre Flotte in das Schwarze Meer entsandten und ihre Truppen in Odessa und in Transkaukasien landeten. Das Wüten der Entente-Interventen in den okkupierten Gebieten erreichte eine solche Bestialität, dass sie nicht davor zurückschreckten, ganze Gruppen von Arbeitern und Bauern durch ihre Soldateska niederzumetzeln. Zuletzt, nach der Okkupation Turkestans, gingen die Interventen in ihrer Vermessenheit so weit, dass sie 26 führende Bakuer Bolschewiki, die Genossen Schaumian, Fioletow, Dshaparidse, Malygin, Asisbekow, Korganow und andere, in das transkaspische Gebiet entführten und sie unter Beihilfe der Sozialrevolutionäre bestialisch erschossen.

Nach einiger Zeit wurde von den Interventen die Blockade über Russland verhängt. Alle Seewege und sonstigen Verbindungen mit der Außenwelt wurden abgeschnitten.

Auf diese Weise war das Sowjetland nahezu von allen Seiten eingekreist.

Die größte Hoffnung setzte die Entente damals auf Admiral Koltschak, die vorgeschobene Figur der Entente in Sibirien, in Omsk. Er wurde zum „Obersten Regenten Russlands“ erklärt. Unter seinem Oberbefehl stand die gesamte Konterrevolution in Russland.

Somit wurde die Ostfront zur Hauptfront.

Im Frühjahr 1919 rückte Koltschak, der eine gewaltige Armee zusammengebracht hatte, beinahe bis an die Wolga vor. Gegen Koltschak wurden die besten Kräfte der Bolschewiki geworfen, wurden Mitglieder des Kommunistischen Jugendverbandes, wurden Arbeiter mobilisiert. Im April 1919 brachte die Rote Armee Koltschak eine ernste Niederlage bei. Bald darauf begann der Rückzug der Koltschakarmee an der ganzen Front.

In dem Augenblick, da sich die Angriffsoperationen der Roten Armee an der Ostfront in vollem Gange befanden, brachte Trotzki einen verdächtigen Plan in Vorschlag: vor dem Ural haltzumachen, die Verfolgung des Koltschakheeres einzustellen und die Truppen von der Ostfront an die Südfront zu werfen. Das Zentralkomitee der Partei, das ausgezeichnet verstand, dass der Ural und Sibirien nicht in Koltschaks Händen gelassen werden durften, weil er sich dort mit Hilfe der Japaner und Engländer erholen und wieder auf die Beine kommen könnte, lehnte diesen Plan ab und erteilte die Direktive, den Vormarsch fortzusetzen. Trotzki, der mit dieser Direktive nicht einverstanden war, erklärte seinen Rücktritt. Das Zentralkomitee lehnte den Rücktritt Trotzkis ab und hielt ihn gleichzeitig dazu an, von der Teilnahme an der Führung der Operationen an der Ostfront unverzüglich Abstand zu nehmen. Die Offensive der Roten Armee gegen Koltschak entfaltete sich mit neuer Kraft. Die Rote Armee brachte Koltschak eine Reihe neuer Niederlagen bei und befreite den Ural und Sibirien von den Weißen, wobei die Rote Armee von einer mächtigen, im Rücken der Weißen entstandenen Partisanenbewegung unterstützt wurde.

Im Sommer 1919 wurde dem General Judenitsch, der an der Spitze der Konterrevolution im Nordwesten (im Ostseegebiet, vor Petrograd) stand, von den Imperialisten die Aufgabe auferlegt, durch einen Angriff auf Petrograd die Aufmerksamkeit der Roten Armee von der Ostfront abzulenken. Die Besatzung von zwei Außenwerken vor Petrograd, die der konterrevolutionären Agitation früherer Offiziere erlegen war, meuterte gegen die Sowjetmacht, zudem kam im Frontstab eine konterrevolutionäre Verschwörung ans Tageslicht. Der Feind bedrohte Petrograd. Aber durch die von der Sowjetmacht getroffenen Maßnahmen wurden die meuternden Außenwerke mit Unterstützung der Arbeiter und Matrosen von den Weißen gesäubert, den Truppen Judenitschs eine Niederlage beigebracht und Judenitsch über die estnische Grenze geworfen.

Die Niederlage Judenitschs vor Petrograd erleichterte den Kampf gegen Koltschak. Ende 1919 war die Armee Koltschaks endgültig zertrümmert. Koltschak selbst wurde verhaftet und in Irkutsk gemäß dem Urteil des Revolutionskomitees erschossen.

Auf diese Weise war mit Koltschak Schluss gemacht worden.

Über Koltschak sang die Bevölkerung Sibiriens das folgende Liedchen:

Englische Montur,
Französisch Posament,
Japanischer Tabak -
Sibirischer Regent.

In Fetzen die Montur,
Im Staub das Posament,
Vom Tabak keine Spur,
Verduftet - der Regent.

Als die Interventen sahen, dass Koltschak die auf ihn gesetzten Hoffnungen nicht rechtfertigte, änderten sie den Plan ihres Überfalls auf die Sowjetrepublik. Die Landungstruppen mussten aus Odessa zurückgezogen werden, da die Soldaten der Interventen durch die Berührung mit den Truppen der Sowjetrepublik vom revolutionären Geist angesteckt wurden und gegen ihre imperialistischen Herren zu meutern begannen. So erhoben sich in Odessa französische Matrosen unter Führung von Andre Marty zum Aufstand. Infolgedessen wandte die Entente jetzt, nach der Zertrümmerung Koltschaks, ihre Aufmerksamkeit vor allem dem General Denikin zu, einem Komplicen Kornilows und Organisator der so genannten „Freiwilligenarmee“. Zu dieser Zeit wütete Denikin im Süden, im Kubangebiet, gegen die Sowjetmacht. Die Entente versorgte seine Armee mit Waffen, Munition und sonstiger Ausrüstung in großen Mengen und ließ sie nach Norden gegen die Sowjetmacht vorrücken.

Somit wurde diesmal die Südfront zur Hauptfront.

Denikin begann seinen Hauptfeldzug gegen die Sowjetmacht im Sommer 1919. Trotzki desorganisierte die Arbeit an der Südfront, und unsere Truppen erlitten eine Niederlage nach der anderen. Bis Mitte Oktober besetzten die Weißen die ganze Ukraine, nahmen Orel ein und rückten bis vor Tula, das unsere Armee mit Patronen, Gewehren und Maschinengewehren versorgte. Die Weißen näherten sich Moskau. Die Lage der Sowjetrepublik wurde mehr als ernst. Die Partei schlug Alarm und rief das Volk zur Abwehr auf. Lenin gab die Losung aus: „Alle zum Kampf gegen Denikin!“ Die von den Bolschewiki mit Kampfbegeisterung erfüllten Arbeiter und Bauern spannten alle Kräfte an, um den Feind zu vernichten.

Zur Organisierung des Vernichtungsfeldzuges gegen Denikin entsandte das Zentralkomitee die Genossen Stalin, Woroschilow, Ordshonikidse und Budjonny an die Südfront. Trotzki wurde von der Leitung der Operationen der Roten Armee im Süden entfernt. Vor dem Eintreffen des Genossen Stalin hatte das Kommando der Südfront gemeinsam mit Trotzki einen Plan ausgearbeitet, wonach der Hauptstoß gegen Denikin von Zarizyn auf Noworossijsk, durch die Donsteppen, geführt werden sollte, wo die Rote Armee völlig wegloses Gelände zu passieren und Gebiete mit kosakischer Bevölkerung zu durchqueren gehabt hätte, von der ein bedeutender Teil damals unter dem Einfluss der Weißgardisten stand. Genosse Stalin unterzog diesen Plan einer scharfen Kritik und schlug dem Zentralkomitee seinen eigenen Plan zur Vernichtung Denikins vor: den Hauptstoß in Richtung Charkow-Donezbecken-Rostow zu führen. Dieser Plan sicherte einen raschen Vormarsch unserer Truppen gegen Denikin angesichts der offenkundigen Sympathien der Bevölkerung in den proletarischen und bäuerlichen Rayons, durch die unsere Armee zu marschieren hatte. Außerdem bot das in diesem Gebiet vorhandene dichte Eisenbahnnetz die Möglichkeit, unsere Truppen regelmäßig mit allem Notwendigen zu versorgen. Schließlich gab dieser Plan die Möglichkeit, das Donezbecken zu befreien und unserem Lande Brennstoff zu sichern.

Das Zentralkomitee der Partei nahm den Plan des Genossen Stalin an. In der zweiten Hälfte Oktober 1919 wurde Denikin nach wütendem Widerstand in entscheidenden Kämpfen vor Orel und bei Woronesh von der Roten Armee geschlagen. Denikin trat eiligst den Rückzug an und flüchtete dann, von unseren Truppen verfolgt, nach dem Süden. Anfang 1920 waren die ganze Ukraine und der Nordkaukasus von den Weißen befreit.

Während der entscheidenden Kämpfe an der Südfront warfen die Imperialisten von neuem das Korps Judenitschs gegen Petrograd, um unsere Kräfte vom Süden abzulenken und die Truppen Denikins zu entlasten. Die Weißen rückten unmittelbar bis vor die Stadt, vor Petrograd. Das heroische Proletariat Petrograds trat mit Leib und Leben für die Verteidigung der ersten Stadt der Revolution ein. Die Kommunisten waren wie immer in den ersten Reihen. Nach erbitterten Kämpfen wurden die Weißen geschlagen und aufs Neue über die Grenzen unseres Landes hinaus, nach Estland geworfen.

Auf diese Weise war mit Denikin ebenfalls Schluss gemacht worden. Nach der Niederlage Koltschaks und Denikins trat eine kurze Atempause ein.

Als die Imperialisten sahen, dass die weißgardistischen Truppen geschlagen waren, dass die Intervention nicht gelang und dass die Sowjetmacht sich im ganzen Lande festigte, in Westeuropa aber die Empörung der Arbeiter über den Krieg der Interventen gegen die Sowjetrepublik wuchs, begannen sie ihr Verhalten zum Sowjetstaat zu ändern. Im Januar 1920 fassten England, Frankreich und Italien den Beschluss, die Blockade gegen Sowjetrußland aufzuheben.

Damit war eine höchst bedeutsame Bresche in die Mauer der Intervention geschlagen worden.

Dies bedeutete natürlich nicht, dass der Sowjetstaat mit der Intervention und dem Bürgerkrieg bereits Schluss gemacht hätte. Noch blieb die Gefahr eines Überfalls von Seiten des imperialistischen Polen. Noch waren die Interventen nicht endgültig aus dem Fernen Osten, aus Transkaukasien und aus der Krim vertrieben. Aber das Sowjetland erhielt eine zeitweilige Atempause und konnte mehr Kräfte für den wirtschaftlichen Aufbau verwenden. Die Partei erhielt die Möglichkeit, sich mit den Wirtschaftsfragen zu befassen.

Während des Bürgerkrieges hatten viele qualifizierte Arbeiter infolge der Stilllegung von Fabriken und Werken ihre Arbeitsplätze verlassen. Die Partei ließ die qualifizierten Arbeiter jetzt zu ihrer Facharbeit in die Produktion zurückkehren. Einige tausend Kommunisten wurden zum Wiederaufbau des Verkehrswesens abkommandiert, das sich in einer schweren Lage befand. Ohne das Verkehrswesen wiederaufzubauen, konnte man nicht ernsthaft an die Wiederherstellung der Hauptzweige der Produktion herangehen. Verstärkt und verbessert wurde die Beschaffung von Lebensmitteln. Die Ausarbeitung des Planes zur Elektrifizierung Russlands wurde in Angriff genommen. Noch standen gegen 5 Millionen Rotarmisten unter Waffen, die man wegen der Kriegsgefahr vorläufig nicht demobilisieren konnte. Daher wurden einige Truppenverbände der Roten Armee in Arbeitsarmeen verwandelt, um auf dem Gebiete des wirtschaftlichen Aufbaus verwendet zu werden. Der Rat der Arbeiter- und Bauernverteidigung wurde umgewandelt in den Rat für Arbeit und Verteidigung (STO). Zu seiner Unterstützung wurde die Staatliche Plankommission (Gosplan) geschaffen.

In dieser Situation wurde Ende März 1920 der IX. Parteitag eröffnet.

Auf dem Parteitag waren 554 Delegierte mit beschließender Stimme anwesend, die 611978 Parteimitglieder vertraten. Delegierte mit beratender Stimme gab es 162.

Der Parteitag bestimmte die nächsten wirtschaftlichen Aufgaben des Landes auf dem Gebiete des Verkehrswesens und der Industrie und wies besonders auf die Notwendigkeit der Teilnahme der Gewerkschaften am wirtschaftlichen Aufbau hin.

Besondere Aufmerksamkeit wurde auf dem Parteitag der Frage des einheitlichen Wirtschaftsplans gewidmet, der in erster Linie die Hebung des Verkehrswesens, der Brennstoffförderung und des Hüttenwesens vorsah. Das Kernstück dieses Plans bildete die Frage der Elektrifizierung der gesamten Volkswirtschaft, die Lenin als „das große Programm für 10 bis 20 Jahre“ hervorhob. Auf dieser Grundlage wurde später der bekannte Staatliche Elektrifizierungsplan (GOELRO) ausgearbeitet, der heute bereits bei weitem übererfüllt ist.

Der Parteitag erteilte der parteifeindlichen Gruppe des „demokratischen Zentralismus“ eine Abfuhr, die gegen die individuelle Leitung und die persönliche Verantwortlichkeit der Direktoren in der Industrie auftrat und eine schrankenlose „Kollegialität“ und Unverantwortlichkeit in der Leitung der Industrie verfocht. Die Hauptrolle in dieser parteifeindlichen Gruppe spielten Sapronow, Ossinski und W. Smirnow. Sie wurden auf dem Parteitag von Rykow und Tomski unterstützt.

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